„Sozdar,
She Who Lives Her Promise“
Filmbesprechung und Interview von Anja Flach
Die zentrale Person des Dokumentarfilms
ist Nuriye Kesbir, die sich seit der Mitgliedschaft in der ArbeiterInnenpartei
Kurdistans Sozdar nennt. Auf Deutsch bedeutet Sozdar: eine, „die ihr
Versprechen lebt“.
2001 kam sie aus den kurdischen Bergen in die Niederlande, um in Europa
die Diskussion um die Emanzipation der kurdischen Frauen, die Geschlechterfrage
und die neue Strategie der PKK mit den KurdInnen in Europa zu führen.
Am Flughafen Schiphol wurde sie aufgrund eines Auslieferungsverfahrens
der Türkei, die behauptete, Frau Kesbir sei an Anschlägen gegen türkische
Soldaten beteiligt gewesen, festgenommen und inhaftiert.
Die Filmemacherin Annegriet Wietsma wurde auf Nuriye Kesbir aufmerksam
und begleitete sie viereinhalb Jahre durch diverse Gerichtsverfahren
und Gefängnisaufenthalte, bis sie Anfang 2006 nach Kurdistan zurückkehrte.
Einige Monate später reiste Annegriet Wietsma ihr nach, um sie dort
zu filmen.
In dem Film stellt Annegriet Wietsma eine Verbindung her zwischen Nuriye
Kesbir und Hannie Schaft, Kämpferin des holländischen kommunistischen
Widerstands während des Zweiten Weltkrieges. Hier ist sie bekannt als
„das Mädchen mit dem roten Haar“. 1945 war sie von den deutschen Faschisten
hingerichtet worden. Beide Frauen haben die Freiheit gewählt.
Als Nuriye Kesbir mit 12 Jahren zwangsverheiratet werden soll, weigert
sie sich. Später wird ihr Dorf zerstört. Nuriye Kesbir lebt dann in
Deutschland.
1988, als Tausende kurdische BewohnerInnen der irakisch besetzten kurdischen
Kleinstadt Halabja durch einen Giftgasangriff ermordet werden, entschließt
sie sich zu kämpfen: „Was tu ich hier in Deutschland? Ich habe mich
selbst gerettet, aber reicht das? Dann habe ich mich entschieden.“
Annegriet Wietsma besucht Nuriye Kesbirs Eltern, die von der Zerstörung
des Dorfes berichten, von dem Stolz auf den Kampf ihrer Tochter. Annegriet
spricht mit PKK-UnterstützerInnen in den Niederlanden, mit Verwandten
in Deutschland. Kämpferinnen in den Bergen berichten über ihren Weg
zur PKK.
In den Niederlanden ist Nuriye Kesbir auch nach ihrer Freilassung nicht
frei, sie hat keine Papiere, muss sich alle zwei Wochen bei den Behörden
melden, sie kann nicht politisch arbeiten, ist unglücklich, zur Untätigkeit
gezwungen zu sein. Heimlich verlässt sie das Land und kehrt in die kurdischen
Berge zurück – in die Reihen der Frauenguerillakräfte. In Schengen-Europa
wird sie bis 2016 zur Persona non grata erklärt.
Der einzige Schwachpunkt des Films ist vielleicht die Sprache, hier
gehen Kurdisch, Türkisch, Deutsch und Niederländisch durcheinander.
Nuriye Kesbir, die ja einen Teil ihrer Kindheit in Deutschland verlebt
hat, hat ihr Deutsch in 15 Jahren in den kurdischen Bergen verlernt.
So erscheint es, dass einiges, was sie sagen möchte, an der Oberfläche
bleibt. Aber Deutsch ist die einzige gemeinsame Sprache zwischen den
beiden. Für Annegriet Wietsma war es wichtig, direkt mit ihr zu sprechen,
eine Kommunikation ohne Dolmetscherin.
Dennoch, Annegriet Wietsmas Film zeigt ein dichtes Portrait von Nuriye
Kesbir. Sie zeigt auf, was eine Frau dazu bringen kann zu sagen: „Ich
werde niemals heiraten, ich werde niemals Kinder bekommen, ich werde
mein privates Leben aufgeben und für die Menschlichkeit und mein Volk
leben.“
Interview
mit A. Wietsma
Wie bist Du dazu gekommen, einen Film über Nuriye Kesbir zu machen,
hattest Du schon zuvor Kontakt mit der kurdischen Bewegung?
Ich wollte schon lange, seit ca. 20 Jahren, einen Film über die kurdische
Sache machen. Das Problem der Diaspora der Kurden hat mich immer sehr
interessiert. Aber für mich war die kurdische Welt doch auch eine sehr
männliche Welt, und ich fühlte in mir Widerstand gegen den Machismo
und den Feudalismus der kurdischen Gesellschaft. So hatte ich das Thema
lange beiseite gelegt. Dann habe ich etwas über Nuriye Kesbir gelesen,
dass sie einen Hungerstreik von 40 Tagen in einem holländischem Knast
beendet hatte. Ich dachte: Sie muss eine sehr starke Persönlichkeit
haben.
Einen Hungerstreik im Knast, und so lange! Wenn ein Mensch in Holland
einen Hungerstreik so lange durchführt, muss das das letzte Druckmittel
sein, das er noch hat. Und dann in dieser Situation noch immer weiterzukämpfen
– von einem Moment auf den anderen wusste ich: Über sie kann ich einen
Film machen. Sie muss ein wertvoller Mensch sein. Und sie ist eine Frau,
ich kann ihre Lebenswelt und Einsichten besser verstehen, als wenn sie
ein Mann wäre. Sie kann mir Antworten geben auf die Fragen, die ich
schon so lange habe: Welche Momente im Leben machen einen Menschen zu
einer Kämpferin?
Deswegen habe ich den Kontakt mit ihr hergestellt, als sie noch im Knast
war und auf ihre Auslieferung in die Türkei wartete.
Wie
sah es mit Förderung für Dein Projekt aus?
Ich habe drei Jahre an diesem Film gearbeitet. Am Anfang war es sehr
schwierig, Geld für den Film zu bekommen. Das ist eigentlich immer so
geblieben. Wir haben den Film mit wenig Geld produziert. Das war nicht
einfach, denn ich bin Berufsfilmerin und muss von dieser Arbeit auch
leben. Aber für mich war es wichtiger, den Film fertigzumachen. Manche
Leute haben fast umsonst gearbeitet.
Mit Nuriye Kesbir habe ich immer einen sehr guten Kontakt unterhalten.
Wegen des Films waren wir oft zusammen. Alle, denen ich begegnet bin,
haben mir sehr viel geholfen und mir vertraut. Nur deshalb habe ich
diesen Film machen können, und ich danke allen dafür.
Die Niederlande galten lange als offenes und liberales Land. Es
erscheint zunächst unglaublich, dass dort eine derartige Menschenrechtsverletzung
– die geplante Auslieferung in die Türkei – stattfinden kann, ganz abgesehen
von der langen Haft, der Nuriye Kesbir ausgesetzt war? Wie erklärt sich
dieser Widerspruch?
Nuriye Kesbir ist in Holland auf dem internationalen Flughafen, zwei
Wochen nach dem Anschlag auf das World Trade Center in New York verhaftet
worden.
Sie hätte keinen schlechteren Moment wählen können um zu reisen, denn
in der Zeit wurden alle Flughäfen der Welt streng kontrolliert. Sie
hatte falsche Papiere und ist deswegen verhaftet worden. Dann haben
sie herausgefunden, wer sie wirklich war.
Danach haben drei Jahre lang Prozesse stattgefunden gegen die Auslieferung
an die Türkei.
In dem letzten Jahr hatte Holland den Vorsitz über den EU-Rat. In diesem
halben Jahr musste entschieden werden, ob die Türkei EU-Mitglied werden
soll oder nicht.
Holland konnte natürlich nicht verlangen, dass die Türkei sich Europa
anschließen soll, und gleichzeitig behaupten, dass in der Türkei noch
gefoltert wird und die (politischen) Gefangenen keinen ehrlichen Prozess
bekommen. Deshalb hat der holländische Justizminister sich einspannen
lassen sie auszuliefern, denke ich.
Gab es so etwas wie eine niederländische Unterstützung für Nuriye
Kesbir?
So weit ich weiß, hat Nuriye Kesbir kaum niederländische Unterstützung
bekommen. Die hat sie auch nicht unbedingt gesucht. Sie hatte viel Unterstützung
von nicht-holländischen Freunden und Sympathisanten.
Mir erscheint es so, dass die europäischen Staaten insbesondere
die politischen Aktivitäten von Frauen wie Nuriye Kesbir fürchten da,
die PKK ja hier in Europa gern als nationalistische Partei des Steinzeitsozialismus
dargestellt wird. So wurde ja auch Zübeyde Ersöz zunächst festgesetzt.
Was denkst Du darüber?
Die Holländer, und auch die anderen europäischen Staaten, wollen vielleicht
nicht als Sympathisanten von Volksgruppen, die Gewalt anwenden, dastehen.
Die Gewalt ist ein Privileg der offiziellen Nationen und Staaten. Sie
haben Angst vor allen, die das nicht anerkennen. Solange die PKK bewaffnet
ist, werden sie sie nicht unterstützen. In den Zeiten, in denen wir
jetzt leben, ist Terrorismus ein Zauberwort: Jeder, der nicht Teil des
Staatsgewaltmonopols ist und Gewalt nicht ablehnt, ist heutzutage ein
Terrorist – man darf ihn vernichten. Es gibt keine politischen Nuancen
und Unterschiede mehr. Ob es um Männer geht oder um Frauen, macht dabei
keinen Unterschied.
Die Türkei ist heutzutage eine Freundin den man zufrieden sehen will.
Die Kurden werden dafür geopfert.
Dein Film lief ja auch auf verschiedenen Festivals und auch im niederländischen
Fernsehen, wie waren die Reaktionen?
Der Film hatte seine Premiere auf einem der wichtigsten Dokumentarfilmfestivals
der Welt, der idfa in Amsterdam, gehabt. Von den 170 Filmen ist „Sozdar,
She Who Lives Her Promise“ unter die Top 10 der Publikumfavoriten gekommen.
Er wird noch auf vielen Filmfestivals weltweit gezeigt werden, Vancouver
(Kanada) ist schon sicher. Im holländischen Fernsehen wird der Film
erst am 13. März 2008 (in der Woche des 20. Jahrestages von Halabja)
gezeigt werden.
Im Rahmen Deiner Arbeit für den Film bist Du auch in die kurdischen
Berge gefahren, um Nuriye Kesbir, die zurückging nach Kurdistan, zu
besuchen. Wie lange bist Du dort geblieben, war es nicht gefährlich,
dort hinzufahren, wie waren Deine Eindrücke?
Ich bin eine Woche in den Bergen geblieben und bin dort die ganze Zeit
mit Nuriye Kesbir herumgefahren, um sie bei ihrer Arbeit zu filmen.
Ich habe versucht, so viele Risiken wie möglich bei meiner Reise und
meinem Aufenthalt dort auszuschließen, aber ein Risiko bleibt natürlich
immer. Ich habe aber keinen Moment Angst gehabt, bin ganz gut versorgt
worden von den Leuten, Männern wie Frauen, was das Essen, die Atmosphäre
oder die Bequemlichkeit betrifft. Das Plaudern zusammen vor dem Schlafengehen,
die Gespräche, die ich gehabt habe, die Freundlichkeit und Solidarität,
die Leichtigkeit und gleichzeitig Schwierigkeit des Lebens in den Bergen
haben mich sehr beeindruckt.
Die Atmosphäre war ein bisschen vergleichbar mit dem, was ich selber
aus der Hausbesetzerbewegung kenne, in der ich jahrelang politisch sehr
aktiv gewesen bin. Aber für mich war das natürlich damals nicht lebensbedrohend,
wie für die Leute in den Bergen.
Wie hat Nuriye Kesbir dort auf Dich gewirkt?
Nuriye Kesbir war offensichtlich sehr glücklich dort, viele Male glücklicher
als ich sie in Holland erlebt habe. Hier war sie das letzte Jahr frei,
das heißt nicht in Haft oder in einem Knast, aber sie lebte noch immer
in einer Art Gefängnis. Jedem, der den Film sieht, wird das auffallen.
Welche Eindrücke hat die kurdische Guerilla des Jahres 2007 auf
Dich gemacht?
Die
Frauen und Männer sind motiviert. Was mir sehr auffiel: Fast jeder Mensch,
dem ich dort begegnet bin, hatte freundliche Augen. Wenn die Augen wirklich
der Spiegel der Seele sind, so wie das in Holland gesagt wird, gibt
es dort viele gute Seelen.