Ökonomie und Gewalt – die größten Frauenprobleme in Çukurova

Frauenverein Kırçiçeği – Wiesenblume

Wir führten ein Interview mit Şükran Sincar, Vorsitzende des Frauenvereins Kırçiçeği („Wiesenblume“) in Küçükdikili, über die Vereinsarbeit. Die Ortschaft Küçükdikili in Seyhan bei Adana hat offiziell 8 000 EinwohnerInnen, aber inzwischen dürften es, vor allem aufgrund der Zuwanderung, rund 17 000 Menschen sein. Sie leben von Landwirtschaft und Viehzucht.
Die Bürgermeisterin von Kücükdikili ist Leyla Güven, eine der 56 DTP-Bürgermeisterinnen und Bürgermeister.

Können Sie sich uns kurz vorstellen?

Ich habe sechs Jahre lang, anfangs in der HADEP bis dann zur Bewegung für eine Demokratische Gesellschaft DTH, aktiv an der Frauenarbeit teilgenommen. Seit zwei Jahren arbeite ich im Frauenverein Kırçiçeği.

Warum, von wem und wann wurde der Kırçiçeği-Frauenverein in Küçükdikili gegründet?

Auf der Konferenz der Bewegung der Demokratischen Freien Frauen 2004 wurde nach den Diskussionen beschlossen, dass überall, wo wir Bürgermeisterinnen haben, die Frauenarbeit verstärkt werden soll. Die Bedürfnisse der Frauen sollten untersucht und dementsprechend Frauenvereine gegründet werden. Nach diesem Beschluss wurde unser Verein durch die Bestrebungen der Mitglieder der Bewegung Demokratische Freie Frauen und mit der Unterstützung der Kommune von Küçükdikili im Jahre 2005 gegründet.

Also können wir sagen, dass Ihr Verein nach den Bedürfnissen der Frauen in Ihrer Ortschaft gegründet wurde. Was sind die Hauptprobleme der Frauen dort?

nsere Ortschaft Küçükdikili wurde durch die starke Zuwanderung seit Anfang der 90er Jahre geprägt. Deswegen stellen die ökonomischen Schwierigkeiten eines der Hauptprobleme dar. Außerdem sind die Frauen wegen ihrer geringen Alphabetisierungsrate in ihren Arbeitsmöglichkeiten eingeschränkt. Es sind in erster Linie Frauen und Kinder, die von ökonomischen Schwierigkeiten betroffen sind. Weil die Region Çukurova Ackerbaugebiet ist, arbeiten 60 % aller Frauen aus unserer Ortschaft täglich über 12 Stunden unter schwierigen Bedingungen für geringen Lohn in der Landwirtschaft.
Auch Gewalt stellt in allen Gesellschaftsschichten ein Problem für uns dar. Aber wir haben nicht genügend Informationen über den Umfang und die Formen dieser erlebten Gewalt. Bei uns schämt sich nicht derjenige, der Gewalt anwendet, sondern diejenige, die Gewalt erfährt. Der Täter wird gedeckt und die Frau, die Gewalt erfährt, bemüht sich sehr, es zu vertuschen. Auch in unserer Ortschaft sind es leider die Frauen und Kinder, die Gewalt erfahren. Mit den Auswirkungen innerfamiliärer Gewalt werden wir in der Schule und in anderen Lebensbereichen konfrontiert.

Wie arbeitet Ihr Verein gegen diese Probleme an?

Unser Verein hat Themen wie Gewalt, Bewältigung von Gewalt, Gesundheit, Hygiene und Recht mit Seminaren, Diskussionsveranstaltungen und Unterhaltungsprogrammen zur Diskussion gestellt, um bei den Frauen die Wahrnehmung zu schärfen und das Bewusstsein weiterzuentwi­ckeln. Um zum Haushaltseinkommen der Frauen beizutragen, haben wir mit der Unterstützung des Bildungsminis­teriums annähernd 200 Frauen Kurse in Schmuckherstellung, Nähen, Maschinenstricken und das Erlernen des Friseurberufes ermöglicht. Danach erhielten die Frauen Zertifikate. Für Frauen und Mädchen, die aus unterschiedlichen Gründen keine Schule besuchen konnten, haben wir Alphabetisierungskurse in zwei Stufen angeboten, und auch diese am Schluss mit Zertifikaten. Junge Frauen, die aus Flucht- oder anderen Gründen nicht zur Schule gehen konnten, versuchen wir zur Teilnahme am Kurs der 2. Stufe zu bewegen, um sie in ihrer Schulbildung zu fördern und darin zu unterstützen. Wir bieten 35 Mädchen Kurse in Mathematik, Geschichte und Englisch an, um sie für die Universitätsprüfungen vorzubereiten, ferner Mathematik- und Englischkurse für 87 Mädchen in der Grundschule.

Wie wirkt sich Ihre Vereinsarbeit auf das alltägliche Leben der Frauen aus? Haben Sie damit Veränderungen in Ihrer Ortschaft erreicht?

Das wichtigste Resultat, das wir bei den Frauen, die an unseren Seminaren und Kursen teilnehmen, erzielt haben, ist ihre veränderte Sichtweise auf die Gewalt, und dass sie die Gewalt nicht mehr nur begrenzt mit der physischen Gewalt verbinden. Frauen, die an unseren Berufsorientierungskursen teilnehmen, erzählen uns, dass sie zum Haushaltseinkommen beitragen und somit ökonomisch, wenn auch nur ein wenig, aufatmen können. Leider wird in unserem Ort nicht viel Wert darauf gelegt, dass Mädchen zur Schule gehen. Mit den Nachhilfekursen hat sich die Leis­tung der Schülerinnen gesteigert und wir führen mit den Familien Gespräche, damit sie auch weiterhin zur Schule gehen können.

Wie viele Frauen arbeiten im Verein?

Wir sind fünf Frauen, von denen nur zwei Vollzeit arbeiten, die anderen drei Teilzeit.

Wie finanziert sich der Verein, nutzen Sie EU-Fonds?

Leider haben wir bislang EU-Fonds nicht nutzen können, weil unsere Region in diesem Punkt kein Glück hat. Meist sind es andere Regionen, die welche erhalten. Wir versuchen, uns über die Spenden unserer Mitglieder zu finanzieren. Während wir Frauenarbeit leisten, sind wir auch gezwungen, mit dem Hauptproblem der Frauen, mit den wirtschaftlichen Schwierigkeiten, zu kämpfen.

Arbeiten Sie mit ähnlichen Fraueneinrichtungen zusammen? Wenn ja, wie sieht solch eine Zusammenarbeit aus?

Mit Fraueneinrichtungen in Adana gibt es eine Zusammenarbeit sowohl bei periodischen als auch bei punktuellen Problemen.

Welche Schwierigkeiten haben Sie als Verein?

Unsere Schwierigkeit besteht darin, dass wir nicht ausreichend Projekte entwickeln können, um die Arbeitsmöglichkeiten der Frauen zu fördern.

Was ist Ihr Projekt für das Jahr 2008?

Wir möchten ein neues Projekt gegen Gewalt an Frauen und zur Bekämpfung von Gewalt entwickeln, unsere Seminare und Veranstaltungen noch systematischer gestalten und möglichst alle Frauen in unserer Ortschaft erreichen. Außerdem wollen wir unsere Angebote im Bereich Kunst und Kultur noch stärker ausweiten. Wir zielen darauf ab, die Anzahl der Mädchen, die zur Schule gehen, zu erhöhen, so dass es kein einziges Mädchen mehr gibt, das nicht zur Schule geht. Noch stärkere Projekte zur Förderung und Entwicklung der Fähigkeiten der Frauen (bezogen auf Arbeitsmöglichkeiten) zu entwickeln, ist ebenfalls ein Ziel von uns. Wir werden auch bewusstseinsbildende Seminare über den Frauenkampf anbieten.
Wie können europäische Fraueneinrichtungen oder Organisationen Sie unterstützen, wenn sie es wollten?
Eines unserer größten Probleme besteht darin, Projekte zu entwickeln oder Kontakte zu anderen Fraueneinrichtungen herzustellen, mit denen wir gemeinsam arbeiten können. Meist stehen wir mit Einrichtungen aus der Region in Kontakt, was auch richtig ist. Aber es gibt Frauen in unterschiedlichen Regionen der Türkei, die aufgrund der Flucht Probleme haben. Sie können uns bei Projekten zu den Themen „Flucht und Fluchtwirkung“, „Kampf gegen die Gewalt“ oder „berufsorientierte Schulungen“ behilflich sein. Ich möchte an dieser Stelle einen Appell an alle Frauenorganisationen und -einrichtungen richten. Wir sind bereit, bei allen Projekten zur Frauenarbeit mitzuarbeiten.