Man kann vor jedem Gesicht und jedem Herzen einen Vorhang der Angst erkennen

Kerkûk, die Stadt, die aufgehört hat zu träumen

Serbest Rêzan

Kerkûk ist eine der Städte, über die zurzeit, auf politischer Ebene, am meisten diskutiert wird.
Wegen ihrer historischen Bedeutung und ihres Ölreichtums war sie schon immer umstritten und ein Brennpunkt kämpferischer Auseinandersetzungen. Das hat sich bis heute nicht geändert. Die Intervention der USA, der Krieg im Irak, der im Grunde genommen bis heute andauert, stehen in einer langen Abfolge kolonialer Auseinandersetzungen und Verteilungskämpfe in der gesamten rohstoffreichen Region. Wahrscheinlich werden die Diskussionen und Auseinandersetzungen um Kerkûk selbst nach Beendigung dieser Intervention nicht aufhören. Wie bekannt ist, wurde der Irak nach der Zerschlagung des Baath-Regimes ein föderaler Staat. Die KurdInnen erhielten in der Föderation entsprechend ihres Siedlungsgebietes die Kontrolle über die nördlichen Provinzen des Landes. Bei der Verteilung der Kontrollkompetenzen war die Stadt Kerkûk allerdings von vornherein ein Streitpunkt. KurdInnen, AraberInnen und TürkInnen erklären sie als kurdisches, arabisches oder turkmenisches Erbe und beanspruchen jeweils die Kontrollbefugnis. Je näher das Referendum über die Zuordnung der Stadt rückt, desto intensiver werden die Auseinandersetzungen. In diesem Zusammenhang nehmen auch Anschläge terroristischer Gruppen zu. Um verstehen zu können, warum so viele Bevölkerungsgruppen und Staaten ihre Politik mit Kerkûk verknüpfen und Anspruch auf die Kontrolle der Stadt erheben, ist es nützlich, ihre Geschichte, ihre geographische Lage und die geostrategische Situation näher zu beschreiben.
Die antiken Zivilisationen, die sich in der Region um Kerkûk entwickelten, waren in Mesopotamien über Hunderte von Jahren von zentraler Bedeutung. Die Periode der Zivilisation von Uruk, die die älteste bekannte dieser Zivilisationen ist, wird zwischen 3500–3100 v. u. Z. verortet, gefolgt von der Herrschaft der Sumerer und Akkader, die bis zur Zivilisation der Guti, die um 2310 v. u. Z. Kerkûk zu ihrer Hauptstadt machte, andauerte. 1365–1350 fiel die gesamte Region unter die Herrschaft der Assyrer unter König „Ombalat“. Dem folgte bis 550 v. u. Z. die Herrschaft der Meder, um von der der Archämeniden abgelöst zu werden, dann der von Seleukos, einem der Befehlshaber von Alexander dem Großen. Der Feldherr machte Kerkûk ebenfalls zu seiner Hauptstadt und nannte sie „Kerxslok“ (nach Seleukos, im Mittleren Osten „Sloki“). Zwischen 139 v. u. Z. und 226 u. Z. waren Kerkûk und Umgebung von den Parthern besetzt und in der Folge von 226–637 von den Sassaniden. Im 11. Jahr der Hidschra [Auswanderung Mohammeds von Mekka nach Medina im Jahre 622, Beginn des Mondkalenders der islamischen Zeitrechnung] fiel die gesamte Region in die Hände islamischer Eroberer.
Mit der Verbreitung des Islam begann eine entsprechende Unterwerfung der Region des heutigen Irak. Zunächst wurde zwischen 661 und 750 der Staat der Umayyaden aufgebaut. Danach der Abbasidenstaat, dessen Existenz von 750 bis 1258 andauerte. Die Buharier herrschten zwischen 946 und 1075 und anschließend die Seldschuken von 1075 bis 1180. Die Besatzung der Atabeyan dauerte von 1126 bis 1261. Im Jahr 1258 geriet Kerkûk unter die Herrschaft von Moxolan. Ab 1410 wurde unter Şêx Hesen Cebranî, der von seiner Herkunft her Moxoliye war, der Celabrî-Staat aufgebaut. Danach entstanden turkmenische Staaten mit den Namen Akkoyun und Karakoyun. Letzterer wurde schließlich vom Safawidenreich zerschlagen. Die Osmanen besetzten die Region zwischen 1639 und 1917. Das Osmanische Reich teilte den heutigen Irak in drei Provinzen auf, Mossul, Bagdad und Basra, und realisierte auf diese Weise die Kontrolle über das Gebiet. Die Provinz Mossul war kurdische Region, die Provinzen Bagdad und Basra waren arabische. Die Engländer kontrollierten Kerkûk zwischen 1917 und 1921 bis zur „Gründung“ des heutigen Staates Irak. In der Folge wurde der irakische Staat einem Königreich ähnlich strukturiert. Von diesem Zeitpunkt an, bis 2003, blieb Kerkûk Teil des Irak.

Ursprung und Bedeutung des Namens Kerkûk

Die Stadt befindet sich, mit unterschiedlichen Namen, auf vielen alten Karten, zuerst unter Erbaxa und Arafa. Unter den Aramäern hieß sie „Kerx Slox“, danach „Siloqiyîn“, der auf den Namen eines der Befehlshaber Alexanders des Großen, Slokis [Seulekos], während des Persienfeldzugs in den Jahren 334–331 v. u. Z. zurückgeht. Zur Zeit der assyrischen Herrschaft wurde der Name in „Beyitil Germahî“ geändert, unter den Sassaniden wiederum in „Kerha Tibêtil Slox“. Der griechische Geograph Gladyos Putori Mayos, 90–168 u. Z., nannte die Stadt in seinem geographischen Werk „Korxora“, der Autor eines Wörterbuches von Ländernamen, Yakut El Hamudî, „Kerxînî“. In dem Buch „Texirname“ des Autors Elî El Ziyadî wird Kerkûk wegen seines Ölvorkommens als „Stadt des schwarzen Goldes“ bezeichnet (kurdisch: Zêrêreş). Ab 1972, zur Zeit des Aufbaus von Erdölraffinerien im Irak, wurde Kerkûk in Eltemim umbenannt und zum Zentrum der gleichnamigen Provinz erklärt. Zuletzt erhielt es von den KurdInnen, die ihren Ursprung als Alteingesessene in dieser Stadt haben, den Namen Kerkûk. Dieser hat seinen Ursprung in „Kerxînî“, was in der indoeuropäischen Sprache „Burg“ bedeutet. Die KurdInnen haben die Stadt immer als eine uneinnehmbare und nie verlassene Burg beschrieben.

In Kerkûk lagern 4 % der weltweiten Erdölvorkommen

Ein gewichtiger Grund, warum die Diskussionen und Auseinandersetzungen um Kerkûk nicht aufhören, sind zweifellos die dortigen Erdölvorkommen. Hier lagern vier Prozent der gesamten weltweiten Ressourcen, von den bekannten 112 Mrd. Barrel des Irak 50 Mrd. allein in Kerkûk. Momentan werden 50 % des irakischen Öls in Kerkûk gefördert. Von den weltweiten Ölvorkommen liegen 70 % im Mittleren Osten, davon 25 % im Irak, 60 % des irakischen Öls wiederum in Kurdistan. Demnach lagern 4 % der weltweiten Ölvorkommen in Kerkûk. Es ist somit nach Saudi-Arabien die zweitgrößte Erdölregion der Welt. Berechnungen von 2001 und 2002 zufolge werden in Kerkûk 14 200 Tonnen Erdöl am Tag gefördert, das sind mindestens 20 000 Barrel. Es gilt als das weltweit reinste Erdöl. Deshalb wird das Dreieck Mossul-Kerkûk-Xaneqîn auch heute das „Kurdistan des Schwarzen Goldes“ (Kurdistana Zêrê Reş) genannt.

Die Regierung der Provinz Kurdistan und Kerkûk

Kerkûk ist seinen Erdölvorkommen zufolge eine sehr reiche Stadt. Das Mosaik der dort lebenden Bevölkerungsgruppen birgt ebenfalls einen bedeutenden Reichtum. Die Stadt ist die älteste der kurdischen Städte. Die Haltung der KurdInnen zur Stadt Kerkûk wird Tag für Tag klarer. Vor allem die Lösung der Frage um die Kontrolle der Stadt kann für die Einheit der KurdInnen eine wichtige Rolle spielen. Um diese Einheit zu erreichen, sollte eine nationale Konferenz stattfinden. Es wäre notwendig, dass die Regierung der Region Kurdistan sich besonders dafür einsetzt. In der Realität jedoch unternimmt diese Regierung zurzeit nur wirtschafts- und kulturpolitische Initiativen und kümmert sich wenig um eine Klärung der Auseinandersetzungen um Kerkûk. In erster Linie geht es ihr um eine klientelorientierte Parteipolitik. Nicht nur die KurdInnen, sondern auch der Irak, Syrien, die USA und Großbritannien messen Kerkûk eine hohe Bedeutung zu. Mit dem Nahen des Referendums gerät das Thema der Kontrolle der Region zunehmend auf die „globale“ Tagesordnung. Jeden Tag finden in den Straßen von Kerkûk Anschläge statt, nehmen die Angriffe sunnitischer Araber zu. Da momentan der Frieden der BewohnerInnen dieser Stadt täglich zusehends zerstört wird, wäre eigentlich eine andere Politik der Verantwortlichen der Region Kurdistan notwendig.

Die TurkmenInnen und Kerkûk

Nicht alle TurkmenInnen unterstützen die Politik des türkischen Staates im Irak. Zu Beginn des Monats April 2007 sprachen sich sechs turkmenische Parteien dafür aus, Kerkûk nach ihrem Dafürhalten der Föderalen Region Kurdistan anzuschließen: Turkmenische Refah-Partei, Turkmenische Şirûqa [Sonnenaufgang]-Partei, Turkmenische Partei der Geschwisterlichkeit, Turkmenische Einheitspartei, Turkmenische Demokratie-Partei und Partei des Turkmenischen Volkes im Irak. Der türkische Staat ignoriert das jedoch und führt weiter Gespräche mit der Turkmenischen Front. Diese unterstützt die Bemühungen des türkischen Staates und organisiert momentan eine Konferenz mit sunnitischer und schiitischer Beteiligung gegen die KurdInnen.

Die Haltung der Regionalstaaten zu Kerkûk

Die USA und Großbritannien unterstützen Artikel 58 der nach der Entmachtung Saddams etablierten neuen irakischen Verfassung, der sich mit der Lösung der Kerkûkfrage befasst. Der damalige US-Botschafter Negroponte schrieb im Namen der USA in diesem Sinne einen Brief an den Präsidenten des Irak, Celal Talabanî, und den Präsidenten der Region Kurdistan, Mesud Bar­zanî. Zu derselben Zeit akzeptierte der Botschafter Großbritanniens, A. Chap­lin, ebenfalls in einem Brief den Paragraphen 140 des Artikels 58, der die Umsetzung des Kerkûk-Referendums betrifft. Auch Richard Lee Armitage, Vertreter der US-amerikanischen Regierung, erklärte seine Haltung der Unterstützung der Umsetzung des Referendums mit allen Mitteln und betonte, sie werde als eine Verpflichtung gesehen. Alle an der Ausarbeitung der Verfassung Beteiligten unterstützen den Paragraphen 140. Betrachtet man jedoch die Bemühungen von Zalmay Khalilzad, des ehemaligen US-Botschafters im Irak und späteren UN-Botschafters der USA, der die Frage aufwirft, ob „der Paragraph 140 und das Referendum an die Vereinten Nationen übertragen werden sollen“, wäre das in keiner Weise zum Vorteil der Bevölkerung von Kerkûk. Diese Haltung kann auch als die derzeitige offizielle Haltung der US-Führung angesehen werden.
Ohne Zweifel ist Kerkûk für die Vereinten Nationen ein bedeutender Ort. Im Rahmen des Kampfes gegen das Baath-Regime im Irak wollte die US-Regierung Kerkûk zunächst an Kurdistan binden. Als aber die Verantwortlichen nach dem Sturz Saddams sahen, dass ihr „Plan für den Gesamtraum Mittlerer Osten“ nicht ohne massive Schwierigkeiten umsetzbar ist, sahen sie keinen anderen Ausweg mehr, als ihre Haltung zu Kerkûk zu überdenken und die Entscheidung über die Zukunft der Stadt an sich zu binden. Folglich unterstützen die USA einerseits die Regierung der Region Kurdistan, andererseits ist jedoch nicht gewollt, dass Kerkûk dieser zugerechnet wird, um keinen der anderen regionalen Bündnispartner vor den Kopf zu stoßen.

Die Türkei und Kerkûk

In den Dokumenten des Osmanischen Imperiums von 1794, in den USA und Beirut als kleines Buch veröffentlicht, heißt es: „Kerkûk liegt im Herzen Kurdistans. Aus den osmanischen Karten geht auch hervor, dass das Land Kurdistan vor dem der Osmanen aufgebaut wurde. Das ist eine allgemein bekannte Realität.“ Die Türkei stellt sich immer gegen das Kerkûk-Referendum. Der stellvertretende Vorsitzende des Parlaments der Föderalen Region Kurdistan, Dr. Kemal Kerkûkî, erklärte, dass Paragraph 140 die Türkei nichts angehe: „Die Türkei ist ein Nachbarstaat, wir haben gute Beziehungen und wir legen Wert auf die Nachbarschaft. Aber wir wollen nicht, dass die Türkei oder irgendein anderer Staat sich in die Kerkûkfrage einmischt. Der syrische Staat hat sich bisher in der Frage des Kerkûk-Referendums ruhig verhalten, auch der Iran hält sich bisher zurück. Allein die Türkei erhebt ihre Stimme.“
Zurzeit finden in Kerkûk sehr viele Anschläge statt, hinter denen sowohl inländische als auch vom Ausland gesteuerte Kräfte stehen. Dabei handelt es sich um Schiiten, Sunniten und mit der Türkei verbundene Turkmenen. Um die Region instabil zu halten, wollen sie verhindern, dass die dortigen Probleme bewältigt werden. Die drei Staaten Türkei, Iran und Syrien wollen im Grunde den Status quo in der Region erhalten. Deshalb betreiben sie in Kerkûk nach wie vor eine Politik der dunklen und schmutzigen Machenschaften. Die KurdInnen sollen weiterhin infrastrukturell und strukturell schwach gehalten werden. Kerkûki brachte zur Sprache, dass die am vehementesten gegen die Lösung der Kerkûk-Frage auftretende Kraft die Türkei sei, die auf keinen Fall Kerkûk in die Hände der KurdInnen geraten lassen wolle. Er erklärte, dass die Türkei seit dem Zerfall des Osmanischen Reiches bis heute Besitzansprüche auf Mossul und Kerkûk erhebe und daher vor nichts zurückschrecke. Die Türkei agiere sowohl auf politischem als auch auf diplomatischem Wege, und infolge ihres rücksichtslosen Vorgehens dabei dauere der schmutzige Krieg um Kerkûk u. a. durch den Aufbau spezieller Geheimdienstkräfte an. Außerdem nähere sich der syrische Staat den rückständigen Kräften der Baath-Partei an. Somit würde eine Politik der Fortsetzung des Saddam-Regimes gegen Kerkûk betrieben. Auf jeden Fall arbeite Syrien in diesem Rahmen mit der Türkei zusammen, und beide nach ihrem Abkommen daran, den KurdInnen auch Mossul zu entreißen.
Der Iran dagegen versucht, einen Einfluss auf Kerkûk aufzubauen, indem er die schiitischen AraberInnen unterstützt. Er bemüht sich genauso wie die Türkei und Syrien, den Frieden im Irak und in Kerkûk zu stören. Dazu wendet er jedoch eine sensiblere Taktik an. Iranische oder iranisch beeinflusste Kräfte sind nicht an der zunehmenden Zahl der Anschläge im Irak beteiligt. Die iranische Regierung nimmt im Falle Kerkûk jedoch eine intrigante Haltung ein. AraberInnen und TurkmenInnen sollen danach ebenfalls Rechte zur Kontrolle von Kerkûk erhalten. Iran sieht Kerkûk zweifellos als eine arabische Stadt an, will aber auch, dass die Provinz bestehen bleibt. Daher unterstützt er die schiitischen AraberInnen – damit das Referendum nicht umgesetzt werden kann, aber auch die Türkei und Syrien. Der Bombenhagel, der auf die Region Kurdistan niedergeht, zeigt im Grunde, dass die iranische Regierung die Umsetzung des Paragraphen 140, des Kerkûk-Referendums, fürchtet.

Der Alltag und die Parteien Kurdistans

In Kerkûk herrscht derzeit eine sehr beunruhigte Stimmung. Auf der einen Seite gibt es Hoffnungen auf die Umsetzung des Referendums. Auf der anderen Seite beunruhigen die Bevölkerung die beschriebenen Pläne und politischen Spielchen der unterschiedlichen Kräfte. Diese Kräfteverhältnisse stürzen die BewohnerInnen der Stadt in Verzweiflung. Zuversicht und eine positive Perspektive zu entwickeln fällt dementsprechend schwer. So groß auch der Wille der Verantwortlichen der KurdInnen ist, das Referendum umzusetzen, verfolgen doch alle herrschenden Parteien in Kurdistan und insbesondere in Kerkûk ihre eigenen Ziele und keine am Wohl der gesamten Bevölkerung orientierte Politik.
Was die Patriotische Union Kurdistans PUK betrifft, kann sie wegen ihrer Verantwortung in der gesamtirakischen Politik nicht offen die Rechte der KurdInnen verteidigen und die „Rückkehr“ Kerkûks zur Region Kurdistan einfordern. Ihre Erklärungen erreichen daher nie einen offiziellen schriftlichen Rahmen. Diese Haltung der PUK ist es, die die anderen Bevölkerungsgruppen wie die TurkmenInnen und AraberInnen dazu bringt, ihr gegenüber weniger offensiv aufzutreten. Das gilt auch für die Politik der PUK. Auch nach den letzten Anschlägen in der Stadt, bei denen zehn kurdische MitbürgerInnen ums Leben kamen, und nach einem Anschlag im Oktober 2006, bei dem 70 Personen starben, änderte die PUK ihr Vorgehen nicht. In diesem Zusammenhang sind die türkischen Angriffe seit Ende letzten Jahres Momente des Erwachens für die kurdischen Parteien und insbesondere für die PUK.
Die Demokratische Partei Kurdistans, die KDP, nimmt zur Frage Kerkûks eine andere Haltung als die PUK ein. Die letzten Erklärungen des Präsidenten der Föderalen Region Kurdistan und der KDP sind Beispiele dafür. Er sagte: „Wird das Kerkûk-Referendum nicht umgesetzt, wird ein Bürgerkrieg unter den Bevölkerungsgruppen ausbrechen.“ Die Grundpolitik der KDP bezüglich Kerkûks ist jedoch strategisch geprägt. So sehr sich dabei auch der Weg der KDP von dem der PUK unterscheidet, nähert sie sich dem Thema noch weniger offensiv an als die PUK. Beobachte­rInnen in der Region beschreiben, dass die KDP lediglich eine Politik der Klientel- und Eigeninteressen, jedoch keine für die gesamte Bevölkerung betreibe. Die Äußerung Mesûd Barzanîs, wenn Kerkûk angegriffen werde, würde die KDP in Diyarbakır intervenieren, ist nicht ehrlich gemeint. Auch die im Namen der KDP in der Stadtmitte Kerkûks aufgehängten Transparente – „Kerkûk ist Qamişlo, Mahabad und Diyarbakır. Oder Helepçe ist Qamişlo, Diyarbakır und Mahabad.“ – bedeuten keine reale politische Arbeit für die Bevölkerung von Kerkûk. Sie sind vielmehr dazu geeignet, die nationalistischen Gefühle zu kitzeln, denn sie basieren auf einem rein nationalistisch-ethnischen Fundament.
Die kleinen kurdischen Parteien verfolgen Kerkûk und die Region Kurdistan betreffend keine eigenständige Politik. Sie verhalten sich diesbezüglich sehr ruhig, insbesondere die Parteien, die selbst im kurdischen Parlament vertreten sind, um sich selbst und ihre politische Macht nicht zu gefährden. Statt einer alternativen Politik betreiben sie eine Politik initiativlosen Stillschweigens zur Sicherung ihrer Pfründe und ihrer Parlamentssitze. Aber wie sehr auch PUK und KDP auf politischer Ebene der Kerkûkfrage geschadet haben, leider trugen weitere Parteien zur Verschiebung des Referendums bei.
Ohne Zweifel, die Partei der Demokratischen Lösung in Kurdistan (PÇDK) ist eine der Parteien Kurdistans und setzt sich politisch für eine Lösung im Sinne der Bevölkerung von Kerkûk ein. So sehr sich ihr Vorgehen auch von dem der anderen Parteien unterscheidet, bleibt sie diesbezüglich jedoch bisher zu wirkungslos. Unter der Führung der PÇDK wurde Ende 2006 ein Rat der Organisationen, Parteien und Persönlichkeiten der Stadt gegründet, die eine Kommission zur Umsetzung des Paragraphen 140 und des Referendums bildeten. Die wurde aber aufgrund einer fehlenden klaren PÇDK-Politik wieder aufgelöst. An den ersten beiden Versammlungen der Kommission nahm der Gouverneur von Kerkûk, Abdulrahman Mustafa, selbst teil und wurde von ihr als Ehrenmitglied gewählt.
Von all diesem politischen Gezerre der Parteien ist die Bevölkerung von Kerkûk mittlerweile erschöpft. Aber weil die Sicherheitslage in der Stadt nicht geordnet ist, verhält sie sich nach wie vor ruhig. Die Menschen stimmen allem zu und nehmen von niemand Rat an. Allerdings bleiben auch die politisch aktiven TurkmenInnen und AraberInnen wirkungslos. Ohne die Unterstützung der verantwortlichen Regionalregierung wird die Bevölkerung weiterhin kraft- und perspektivlos weiterleben. So kommt es zu Meinungsäußerungen wie: „Wir wollen nicht in die Region Kurdistan zurückkehren“, „Was hat die Region Kurdistan in vier Jahren für mich getan, damit wir in die Region zurückkehren wollen? Was wurde in Städten wie Suleimaniya, Hewlêr und Duhok bis jetzt getan, um uns zu überzeugen, dass auch wir Teil einer unabhängigen Region Kurdistan bleiben wollen?“, oder: „Jeder Ort ist gefüllt worden mit Peşmergas und kurdischer Polizei, aber trotzdem gibt es keine Sicherheit in der Stadt.“
Betrachtet man das Alltagsleben in Kerkûk, erkennt man zwei verschiedene Lebensweisen. Die eine beginnt um neun Uhr morgens und geht bis sieben Uhr abends. In diesen Stunden verläuft das Leben für jede/n BewohnerIn Kerkûks auf eine ganz normale Weise. Es erscheint wie ein bunter Teppich. Es vergeht auf verschiedene Weise und ohne gravierendere Probleme. Auch die kurdischen BürgerInnnen können ihr Leben zu dieser Zeit ohne existenzielle Bedrohung gestalten. AraberInnen, TurkmenInnen, AssyerInnen und ChaldäerInnen leben ihren Alltag gemeinsam, mit ihren Unterschieden in Herkunft und Konfession. Daneben gibt es aber auch eine andere Seite. Dann herrscht völlige Verunsicherung in der Stadt. Man kann vor jedem Gesicht und jedem Herzen einen Vorhang der Angst erkennen. Die zweite Farbe der Stadt ist die Farbe der Angst und der Alpträume. Diese Zeit beginnt in den Abendstunden und dauert bis in die Morgenstunden. Der Ausnahmezustand wird um 10 Uhr abends ausgerufen. Das gesamte Leben in der Stadt kommt dann zum Stillstand. Vor allem fürchterliche Ereignisse wie Explosionen, Flucht und Hausdurchsuchungen finden meist während dieser Stunden statt. Diese Situation in ständiger Angst, ohne Sicherheit und ein normales Leben, ist für die Bevölkerung von Kerkûk eine große Last. Das Fehlen helfender Hände von kurdischer, arabischer, turkmenischer Seite und von außerhalb führt dazu, dass nicht Hoffnung, sondern Hoffungslosigkeit bezüglich der Umsetzung des Referendums besteht. Das führt letztendlich dazu, dass viele Menschen aus Angst und Perspektivlosigkeit fliehen.