Man
kann vor jedem Gesicht und jedem Herzen einen Vorhang der Angst erkennen
Kerkûk, die Stadt, die aufgehört hat zu träumen
Serbest Rêzan
Kerkûk
ist eine der Städte, über die zurzeit, auf politischer Ebene, am meisten
diskutiert wird.
Wegen ihrer historischen Bedeutung und ihres Ölreichtums war sie schon
immer umstritten und ein Brennpunkt kämpferischer Auseinandersetzungen.
Das hat sich bis heute nicht geändert. Die Intervention der USA, der
Krieg im Irak, der im Grunde genommen bis heute andauert, stehen in
einer langen Abfolge kolonialer Auseinandersetzungen und Verteilungskämpfe
in der gesamten rohstoffreichen Region. Wahrscheinlich werden die Diskussionen
und Auseinandersetzungen um Kerkûk selbst nach Beendigung dieser Intervention
nicht aufhören. Wie bekannt ist, wurde der Irak nach der Zerschlagung
des Baath-Regimes ein föderaler Staat. Die KurdInnen erhielten in der
Föderation entsprechend ihres Siedlungsgebietes die Kontrolle über die
nördlichen Provinzen des Landes. Bei der Verteilung der Kontrollkompetenzen
war die Stadt Kerkûk allerdings von vornherein ein Streitpunkt. KurdInnen,
AraberInnen und TürkInnen erklären sie als kurdisches, arabisches oder
turkmenisches Erbe und beanspruchen jeweils die Kontrollbefugnis. Je
näher das Referendum über die Zuordnung der Stadt rückt, desto intensiver
werden die Auseinandersetzungen. In diesem Zusammenhang nehmen auch
Anschläge terroristischer Gruppen zu. Um verstehen zu können, warum
so viele Bevölkerungsgruppen und Staaten ihre Politik mit Kerkûk verknüpfen
und Anspruch auf die Kontrolle der Stadt erheben, ist es nützlich, ihre
Geschichte, ihre geographische Lage und die geostrategische Situation
näher zu beschreiben.
Die antiken Zivilisationen, die sich in der Region um Kerkûk entwickelten,
waren in Mesopotamien über Hunderte von Jahren von zentraler Bedeutung.
Die Periode der Zivilisation von Uruk, die die älteste bekannte dieser
Zivilisationen ist, wird zwischen 3500–3100 v. u. Z. verortet, gefolgt
von der Herrschaft der Sumerer und Akkader, die bis zur Zivilisation
der Guti, die um 2310 v. u. Z. Kerkûk zu ihrer Hauptstadt machte, andauerte.
1365–1350 fiel die gesamte Region unter die Herrschaft der Assyrer unter
König „Ombalat“. Dem folgte bis 550 v. u. Z. die Herrschaft der Meder,
um von der der Archämeniden abgelöst zu werden, dann der von Seleukos,
einem der Befehlshaber von Alexander dem Großen. Der Feldherr machte
Kerkûk ebenfalls zu seiner Hauptstadt und nannte sie „Kerxslok“ (nach
Seleukos, im Mittleren Osten „Sloki“). Zwischen 139 v. u. Z. und 226
u. Z. waren Kerkûk und Umgebung von den Parthern besetzt und in der
Folge von 226–637 von den Sassaniden. Im 11. Jahr der Hidschra [Auswanderung
Mohammeds von Mekka nach Medina im Jahre 622, Beginn des Mondkalenders
der islamischen Zeitrechnung] fiel die gesamte Region in die Hände islamischer
Eroberer.
Mit der Verbreitung des Islam begann eine entsprechende Unterwerfung
der Region des heutigen Irak. Zunächst wurde zwischen 661 und 750 der
Staat der Umayyaden aufgebaut. Danach der Abbasidenstaat, dessen Existenz
von 750 bis 1258 andauerte. Die Buharier herrschten zwischen 946 und
1075 und anschließend die Seldschuken von 1075 bis 1180. Die Besatzung
der Atabeyan dauerte von 1126 bis 1261. Im Jahr 1258 geriet Kerkûk unter
die Herrschaft von Moxolan. Ab 1410 wurde unter Şêx Hesen Cebranî, der
von seiner Herkunft her Moxoliye war, der Celabrî-Staat aufgebaut. Danach
entstanden turkmenische Staaten mit den Namen Akkoyun und Karakoyun.
Letzterer wurde schließlich vom Safawidenreich zerschlagen. Die Osmanen
besetzten die Region zwischen 1639 und 1917. Das Osmanische Reich teilte
den heutigen Irak in drei Provinzen auf, Mossul, Bagdad und Basra, und
realisierte auf diese Weise die Kontrolle über das Gebiet. Die Provinz
Mossul war kurdische Region, die Provinzen Bagdad und Basra waren arabische.
Die Engländer kontrollierten Kerkûk zwischen 1917 und 1921 bis zur „Gründung“
des heutigen Staates Irak. In der Folge wurde der irakische Staat einem
Königreich ähnlich strukturiert. Von diesem Zeitpunkt an, bis 2003,
blieb Kerkûk Teil des Irak.
Ursprung und Bedeutung des Namens Kerkûk
Die Stadt befindet sich, mit unterschiedlichen Namen, auf vielen alten
Karten, zuerst unter Erbaxa und Arafa. Unter den Aramäern hieß sie „Kerx
Slox“, danach „Siloqiyîn“, der auf den Namen eines der Befehlshaber
Alexanders des Großen, Slokis [Seulekos], während des Persienfeldzugs
in den Jahren 334–331 v. u. Z. zurückgeht. Zur Zeit der assyrischen
Herrschaft wurde der Name in „Beyitil Germahî“ geändert, unter den Sassaniden
wiederum in „Kerha Tibêtil Slox“. Der griechische Geograph Gladyos Putori
Mayos, 90–168 u. Z., nannte die Stadt in seinem geographischen Werk
„Korxora“, der Autor eines Wörterbuches von Ländernamen, Yakut El Hamudî,
„Kerxînî“. In dem Buch „Texirname“ des Autors Elî El Ziyadî wird Kerkûk
wegen seines Ölvorkommens als „Stadt des schwarzen Goldes“ bezeichnet
(kurdisch: Zêrêreş). Ab 1972, zur Zeit des Aufbaus von Erdölraffinerien
im Irak, wurde Kerkûk in Eltemim umbenannt und zum Zentrum der gleichnamigen
Provinz erklärt. Zuletzt erhielt es von den KurdInnen, die ihren Ursprung
als Alteingesessene in dieser Stadt haben, den Namen Kerkûk. Dieser
hat seinen Ursprung in „Kerxînî“, was in der indoeuropäischen Sprache
„Burg“ bedeutet. Die KurdInnen haben die Stadt immer als eine uneinnehmbare
und nie verlassene Burg beschrieben.
In Kerkûk lagern 4 % der weltweiten Erdölvorkommen
Ein gewichtiger Grund, warum die Diskussionen und Auseinandersetzungen
um Kerkûk nicht aufhören, sind zweifellos die dortigen Erdölvorkommen.
Hier lagern vier Prozent der gesamten weltweiten Ressourcen, von den
bekannten 112 Mrd. Barrel des Irak 50 Mrd. allein in Kerkûk. Momentan
werden 50 % des irakischen Öls in Kerkûk gefördert. Von den weltweiten
Ölvorkommen liegen 70 % im Mittleren Osten, davon 25 % im Irak, 60 %
des irakischen Öls wiederum in Kurdistan. Demnach lagern 4 % der weltweiten
Ölvorkommen in Kerkûk. Es ist somit nach Saudi-Arabien die zweitgrößte
Erdölregion der Welt. Berechnungen von 2001 und 2002 zufolge werden
in Kerkûk 14 200 Tonnen Erdöl am Tag gefördert, das sind mindestens
20 000 Barrel. Es gilt als das weltweit reinste Erdöl. Deshalb wird
das Dreieck Mossul-Kerkûk-Xaneqîn auch heute das „Kurdistan des Schwarzen
Goldes“ (Kurdistana Zêrê Reş) genannt.
Die Regierung der Provinz Kurdistan und Kerkûk
Kerkûk ist seinen Erdölvorkommen zufolge eine sehr reiche Stadt. Das
Mosaik der dort lebenden Bevölkerungsgruppen birgt ebenfalls einen bedeutenden
Reichtum. Die Stadt ist die älteste der kurdischen Städte. Die Haltung
der KurdInnen zur Stadt Kerkûk wird Tag für Tag klarer. Vor allem die
Lösung der Frage um die Kontrolle der Stadt kann für die Einheit der
KurdInnen eine wichtige Rolle spielen. Um diese Einheit zu erreichen,
sollte eine nationale Konferenz stattfinden. Es wäre notwendig, dass
die Regierung der Region Kurdistan sich besonders dafür einsetzt. In
der Realität jedoch unternimmt diese Regierung zurzeit nur wirtschafts-
und kulturpolitische Initiativen und kümmert sich wenig um eine Klärung
der Auseinandersetzungen um Kerkûk. In erster Linie geht es ihr um eine
klientelorientierte Parteipolitik. Nicht nur die KurdInnen, sondern
auch der Irak, Syrien, die USA und Großbritannien messen Kerkûk eine
hohe Bedeutung zu. Mit dem Nahen des Referendums gerät das Thema der
Kontrolle der Region zunehmend auf die „globale“ Tagesordnung. Jeden
Tag finden in den Straßen von Kerkûk Anschläge statt, nehmen die Angriffe
sunnitischer Araber zu. Da momentan der Frieden der BewohnerInnen dieser
Stadt täglich zusehends zerstört wird, wäre eigentlich eine andere Politik
der Verantwortlichen der Region Kurdistan notwendig.
Die TurkmenInnen und Kerkûk
Nicht alle TurkmenInnen unterstützen die Politik des türkischen Staates
im Irak. Zu Beginn des Monats April 2007 sprachen sich sechs turkmenische
Parteien dafür aus, Kerkûk nach ihrem Dafürhalten der Föderalen Region
Kurdistan anzuschließen: Turkmenische Refah-Partei, Turkmenische Şirûqa
[Sonnenaufgang]-Partei, Turkmenische Partei der Geschwisterlichkeit,
Turkmenische Einheitspartei, Turkmenische Demokratie-Partei und Partei
des Turkmenischen Volkes im Irak. Der türkische Staat ignoriert das
jedoch und führt weiter Gespräche mit der Turkmenischen Front. Diese
unterstützt die Bemühungen des türkischen Staates und organisiert momentan
eine Konferenz mit sunnitischer und schiitischer Beteiligung gegen die
KurdInnen.
Die
Haltung der Regionalstaaten zu Kerkûk
Die USA und Großbritannien unterstützen Artikel 58 der nach der Entmachtung
Saddams etablierten neuen irakischen Verfassung, der sich mit der Lösung
der Kerkûkfrage befasst. Der damalige US-Botschafter Negroponte schrieb
im Namen der USA in diesem Sinne einen Brief an den Präsidenten des
Irak, Celal Talabanî, und den Präsidenten der Region Kurdistan, Mesud
Barzanî. Zu derselben Zeit akzeptierte der Botschafter Großbritanniens,
A. Chaplin, ebenfalls in einem Brief den Paragraphen 140 des Artikels
58, der die Umsetzung des Kerkûk-Referendums betrifft. Auch Richard
Lee Armitage, Vertreter der US-amerikanischen Regierung, erklärte seine
Haltung der Unterstützung der Umsetzung des Referendums mit allen Mitteln
und betonte, sie werde als eine Verpflichtung gesehen. Alle an der Ausarbeitung
der Verfassung Beteiligten unterstützen den Paragraphen 140. Betrachtet
man jedoch die Bemühungen von Zalmay Khalilzad, des ehemaligen US-Botschafters
im Irak und späteren UN-Botschafters der USA, der die Frage aufwirft,
ob „der Paragraph 140 und das Referendum an die Vereinten Nationen übertragen
werden sollen“, wäre das in keiner Weise zum Vorteil der Bevölkerung
von Kerkûk. Diese Haltung kann auch als die derzeitige offizielle Haltung
der US-Führung angesehen werden.
Ohne Zweifel ist Kerkûk für die Vereinten Nationen ein bedeutender Ort.
Im Rahmen des Kampfes gegen das Baath-Regime im Irak wollte die US-Regierung
Kerkûk zunächst an Kurdistan binden. Als aber die Verantwortlichen nach
dem Sturz Saddams sahen, dass ihr „Plan für den Gesamtraum Mittlerer
Osten“ nicht ohne massive Schwierigkeiten umsetzbar ist, sahen sie keinen
anderen Ausweg mehr, als ihre Haltung zu Kerkûk zu überdenken und die
Entscheidung über die Zukunft der Stadt an sich zu binden. Folglich
unterstützen die USA einerseits die Regierung der Region Kurdistan,
andererseits ist jedoch nicht gewollt, dass Kerkûk dieser zugerechnet
wird, um keinen der anderen regionalen Bündnispartner vor den Kopf zu
stoßen.
Die Türkei und Kerkûk
In den Dokumenten des Osmanischen Imperiums von 1794, in den USA und
Beirut als kleines Buch veröffentlicht, heißt es: „Kerkûk liegt im Herzen
Kurdistans. Aus den osmanischen Karten geht auch hervor, dass das Land
Kurdistan vor dem der Osmanen aufgebaut wurde. Das ist eine allgemein
bekannte Realität.“ Die Türkei stellt sich immer gegen das Kerkûk-Referendum.
Der stellvertretende Vorsitzende des Parlaments der Föderalen Region
Kurdistan, Dr. Kemal Kerkûkî, erklärte, dass Paragraph 140 die Türkei
nichts angehe: „Die Türkei ist ein Nachbarstaat, wir haben gute Beziehungen
und wir legen Wert auf die Nachbarschaft. Aber wir wollen nicht, dass
die Türkei oder irgendein anderer Staat sich in die Kerkûkfrage einmischt.
Der syrische Staat hat sich bisher in der Frage des Kerkûk-Referendums
ruhig verhalten, auch der Iran hält sich bisher zurück. Allein die Türkei
erhebt ihre Stimme.“
Zurzeit finden in Kerkûk sehr viele Anschläge statt, hinter denen sowohl
inländische als auch vom Ausland gesteuerte Kräfte stehen. Dabei handelt
es sich um Schiiten, Sunniten und mit der Türkei verbundene Turkmenen.
Um die Region instabil zu halten, wollen sie verhindern, dass die dortigen
Probleme bewältigt werden. Die drei Staaten Türkei, Iran und Syrien
wollen im Grunde den Status quo in der Region erhalten. Deshalb betreiben
sie in Kerkûk nach wie vor eine Politik der dunklen und schmutzigen
Machenschaften. Die KurdInnen sollen weiterhin infrastrukturell und
strukturell schwach gehalten werden. Kerkûki brachte zur Sprache, dass
die am vehementesten gegen die Lösung der Kerkûk-Frage auftretende Kraft
die Türkei sei, die auf keinen Fall Kerkûk in die Hände der KurdInnen
geraten lassen wolle. Er erklärte, dass die Türkei seit dem Zerfall
des Osmanischen Reiches bis heute Besitzansprüche auf Mossul und Kerkûk
erhebe und daher vor nichts zurückschrecke. Die Türkei agiere sowohl
auf politischem als auch auf diplomatischem Wege, und infolge ihres
rücksichtslosen Vorgehens dabei dauere der schmutzige Krieg um Kerkûk
u. a. durch den Aufbau spezieller Geheimdienstkräfte an. Außerdem nähere
sich der syrische Staat den rückständigen Kräften der Baath-Partei an.
Somit würde eine Politik der Fortsetzung des Saddam-Regimes gegen Kerkûk
betrieben. Auf jeden Fall arbeite Syrien in diesem Rahmen mit der Türkei
zusammen, und beide nach ihrem Abkommen daran, den KurdInnen auch Mossul
zu entreißen.
Der Iran dagegen versucht, einen Einfluss auf Kerkûk aufzubauen, indem
er die schiitischen AraberInnen unterstützt. Er bemüht sich genauso
wie die Türkei und Syrien, den Frieden im Irak und in Kerkûk zu stören.
Dazu wendet er jedoch eine sensiblere Taktik an. Iranische oder iranisch
beeinflusste Kräfte sind nicht an der zunehmenden Zahl der Anschläge
im Irak beteiligt. Die iranische Regierung nimmt im Falle Kerkûk jedoch
eine intrigante Haltung ein. AraberInnen und TurkmenInnen sollen danach
ebenfalls Rechte zur Kontrolle von Kerkûk erhalten. Iran sieht Kerkûk
zweifellos als eine arabische Stadt an, will aber auch, dass die Provinz
bestehen bleibt. Daher unterstützt er die schiitischen AraberInnen –
damit das Referendum nicht umgesetzt werden kann, aber auch die Türkei
und Syrien. Der Bombenhagel, der auf die Region Kurdistan niedergeht,
zeigt im Grunde, dass die iranische Regierung die Umsetzung des Paragraphen
140, des Kerkûk-Referendums, fürchtet.
Der Alltag und die Parteien Kurdistans
In Kerkûk herrscht derzeit eine sehr beunruhigte Stimmung. Auf der einen
Seite gibt es Hoffnungen auf die Umsetzung des Referendums. Auf der
anderen Seite beunruhigen die Bevölkerung die beschriebenen Pläne und
politischen Spielchen der unterschiedlichen Kräfte. Diese Kräfteverhältnisse
stürzen die BewohnerInnen der Stadt in Verzweiflung. Zuversicht und
eine positive Perspektive zu entwickeln fällt dementsprechend schwer.
So groß auch der Wille der Verantwortlichen der KurdInnen ist, das Referendum
umzusetzen, verfolgen doch alle herrschenden Parteien in Kurdistan und
insbesondere in Kerkûk ihre eigenen Ziele und keine am Wohl der gesamten
Bevölkerung orientierte Politik.
Was die Patriotische Union Kurdistans PUK betrifft, kann sie wegen ihrer
Verantwortung in der gesamtirakischen Politik nicht offen die Rechte
der KurdInnen verteidigen und die „Rückkehr“ Kerkûks zur Region Kurdistan
einfordern. Ihre Erklärungen erreichen daher nie einen offiziellen schriftlichen
Rahmen. Diese Haltung der PUK ist es, die die anderen Bevölkerungsgruppen
wie die TurkmenInnen und AraberInnen dazu bringt, ihr gegenüber weniger
offensiv aufzutreten. Das gilt auch für die Politik der PUK. Auch nach
den letzten Anschlägen in der Stadt, bei denen zehn kurdische MitbürgerInnen
ums Leben kamen, und nach einem Anschlag im Oktober 2006, bei dem 70
Personen starben, änderte die PUK ihr Vorgehen nicht. In diesem Zusammenhang
sind die türkischen Angriffe seit Ende letzten Jahres Momente des Erwachens
für die kurdischen Parteien und insbesondere für die PUK.
Die Demokratische Partei Kurdistans, die KDP, nimmt zur Frage Kerkûks
eine andere Haltung als die PUK ein. Die letzten Erklärungen des Präsidenten
der Föderalen Region Kurdistan und der KDP sind Beispiele dafür. Er
sagte: „Wird das Kerkûk-Referendum nicht umgesetzt, wird ein Bürgerkrieg
unter den Bevölkerungsgruppen ausbrechen.“ Die Grundpolitik der KDP
bezüglich Kerkûks ist jedoch strategisch geprägt. So sehr sich dabei
auch der Weg der KDP von dem der PUK unterscheidet, nähert sie sich
dem Thema noch weniger offensiv an als die PUK. BeobachterInnen in
der Region beschreiben, dass die KDP lediglich eine Politik der Klientel-
und Eigeninteressen, jedoch keine für die gesamte Bevölkerung betreibe.
Die Äußerung Mesûd Barzanîs, wenn Kerkûk angegriffen werde, würde die
KDP in Diyarbakır intervenieren, ist nicht ehrlich gemeint. Auch die
im Namen der KDP in der Stadtmitte Kerkûks aufgehängten Transparente
– „Kerkûk ist Qamişlo, Mahabad und Diyarbakır. Oder Helepçe ist Qamişlo,
Diyarbakır und Mahabad.“ – bedeuten keine reale politische Arbeit für
die Bevölkerung von Kerkûk. Sie sind vielmehr dazu geeignet, die nationalistischen
Gefühle zu kitzeln, denn sie basieren auf einem rein nationalistisch-ethnischen
Fundament.
Die kleinen kurdischen Parteien verfolgen Kerkûk und die Region Kurdistan
betreffend keine eigenständige Politik. Sie verhalten sich diesbezüglich
sehr ruhig, insbesondere die Parteien, die selbst im kurdischen Parlament
vertreten sind, um sich selbst und ihre politische Macht nicht zu gefährden.
Statt einer alternativen Politik betreiben sie eine Politik initiativlosen
Stillschweigens zur Sicherung ihrer Pfründe und ihrer Parlamentssitze.
Aber wie sehr auch PUK und KDP auf politischer Ebene der Kerkûkfrage
geschadet haben, leider trugen weitere Parteien zur Verschiebung des
Referendums bei.
Ohne Zweifel, die Partei der Demokratischen Lösung in Kurdistan (PÇDK)
ist eine der Parteien Kurdistans und setzt sich politisch für eine Lösung
im Sinne der Bevölkerung von Kerkûk ein. So sehr sich ihr Vorgehen auch
von dem der anderen Parteien unterscheidet, bleibt sie diesbezüglich
jedoch bisher zu wirkungslos. Unter der Führung der PÇDK wurde Ende
2006 ein Rat der Organisationen, Parteien und Persönlichkeiten der Stadt
gegründet, die eine Kommission zur Umsetzung des Paragraphen 140 und
des Referendums bildeten. Die wurde aber aufgrund einer fehlenden klaren
PÇDK-Politik wieder aufgelöst. An den ersten beiden Versammlungen der
Kommission nahm der Gouverneur von Kerkûk, Abdulrahman Mustafa, selbst
teil und wurde von ihr als Ehrenmitglied gewählt.
Von all diesem politischen Gezerre der Parteien ist die Bevölkerung
von Kerkûk mittlerweile erschöpft. Aber weil die Sicherheitslage in
der Stadt nicht geordnet ist, verhält sie sich nach wie vor ruhig. Die
Menschen stimmen allem zu und nehmen von niemand Rat an. Allerdings
bleiben auch die politisch aktiven TurkmenInnen und AraberInnen wirkungslos.
Ohne die Unterstützung der verantwortlichen Regionalregierung wird die
Bevölkerung weiterhin kraft- und perspektivlos weiterleben. So kommt
es zu Meinungsäußerungen wie: „Wir wollen nicht in die Region Kurdistan
zurückkehren“, „Was hat die Region Kurdistan in vier Jahren für mich
getan, damit wir in die Region zurückkehren wollen? Was wurde in Städten
wie Suleimaniya, Hewlêr und Duhok bis jetzt getan, um uns zu überzeugen,
dass auch wir Teil einer unabhängigen Region Kurdistan bleiben wollen?“,
oder: „Jeder Ort ist gefüllt worden mit Peşmergas und kurdischer Polizei,
aber trotzdem gibt es keine Sicherheit in der Stadt.“
Betrachtet man das Alltagsleben in Kerkûk, erkennt man zwei verschiedene
Lebensweisen. Die eine beginnt um neun Uhr morgens und geht bis sieben
Uhr abends. In diesen Stunden verläuft das Leben für jede/n BewohnerIn
Kerkûks auf eine ganz normale Weise. Es erscheint wie ein bunter Teppich.
Es vergeht auf verschiedene Weise und ohne gravierendere Probleme. Auch
die kurdischen BürgerInnnen können ihr Leben zu dieser Zeit ohne existenzielle
Bedrohung gestalten. AraberInnen, TurkmenInnen, AssyerInnen und ChaldäerInnen
leben ihren Alltag gemeinsam, mit ihren Unterschieden in Herkunft und
Konfession. Daneben gibt es aber auch eine andere Seite. Dann herrscht
völlige Verunsicherung in der Stadt. Man kann vor jedem Gesicht und
jedem Herzen einen Vorhang der Angst erkennen. Die zweite Farbe der
Stadt ist die Farbe der Angst und der Alpträume. Diese Zeit beginnt
in den Abendstunden und dauert bis in die Morgenstunden. Der Ausnahmezustand
wird um 10 Uhr abends ausgerufen. Das gesamte Leben in der Stadt kommt
dann zum Stillstand. Vor allem fürchterliche Ereignisse wie Explosionen,
Flucht und Hausdurchsuchungen finden meist während dieser Stunden statt.
Diese Situation in ständiger Angst, ohne Sicherheit und ein normales
Leben, ist für die Bevölkerung von Kerkûk eine große Last. Das Fehlen
helfender Hände von kurdischer, arabischer, turkmenischer Seite und
von außerhalb führt dazu, dass nicht Hoffnung, sondern Hoffungslosigkeit
bezüglich der Umsetzung des Referendums besteht. Das führt letztendlich
dazu, dass viele Menschen aus Angst und Perspektivlosigkeit fliehen.