Kurdistan
im Blickpunkt britisch-amerikanischer Think tanks
Sticks and Carrots – Zuckerbrot und Peitsche
Dr. Elmar Millich
Der
Einfluss von so genannten „think tanks“ auf die offizielle Außenpolitik
ist vor allem in den USA immer schon, besonders aber im Vorfeld des
Irak-Kriegs, Gegenstand von Spekulationen gewesen. Mit der Entstehung
einer unabhängigen kurdischen Nationalregierung im Nordirak ist nun
auch die kurdische Frage im Mittleren Osten vermehrt in den Blickpunkt
dieser speziellen NGOs geraten.
Das renommierte britische „Chatham House“, früher unter dem Namen „Royal
Institute of International Affairs“ bekannt, führte im Dezember 2007
eine Konferenz zum Thema „Die Rolle der Kurden in den internationalen
Beziehungen“ durch und gab auch eine entsprechende Veröffentlichung
heraus. In diesem Papier wird die Situation und Perspektive der KurdInnen
in allen vier Teilen Kurdistans untersucht. Die Kernthese des Autors
ist hier, dass die Existenz einer autonomen kurdischen Regionalregierung
im Nordirak einen Quantensprung in der Entwicklung des kurdischen Selbstbewusstseins
darstellt und großen politischen Einfluss auf die Situation der KurdInnen
in der Türkei, in Syrien und dem Iran ausübt. Im Gegensatz zum Anfang
des letzten Jahrhunderts nach der Neuaufteilung des Osmanischen Reiches
gibt es in der heutigen Zeit eine Interessensübereinstimmung zwischen
den Zielen der KurdInnen und den Hegemonialmächten, allen voran den
USA. Der Report nennt die Entwicklung der kurdischen Frage als entscheidenden
Faktor für die Umgestaltung des Mittleren Ostens und fordert die internationale
Politik auf, die Rolle der KurdInnen in der Region neu zu bewerten.
Die Analyse der aktuellen Eskalation des Konflikts in der Türkei erfolgt
sachlich. Die offizielle türkische Begründung von Guerillaangriffen
der PKK im Herbst letzten Jahres wird als vorgeschobener Grund für die
Einmarschdrohungen in den Nordirak gesehen, da sich zumindest so viele
PKK-Guerillas in der Türkei selbst wie im Nordirak aufhalten. Als eigentliche
Gründe werden innertürkische Konflikte zwischen der AKP-Regierung und
dem Militär gesehen, sowie die erfolgreiche Entwicklung der kurdischen
Regionalregierung im Nordirak.
Schon im Oktober letzten Jahres gab das „National Committee on American
Foreign Policy“ (NCAFP) eine Studie heraus, die sich speziell mit der
Lösung des kurdischen Konflikts in der Türkei beschäftigt. Unter dam
Titel „Entwaffnung, Demobilisierung und Wiedereingliederung der PKK“
wird ein Stufenplan vorgelegt, der vom Autor selbst als „Zuckerbrot
und Peitsche“ beschrieben wird. Als Ziel dieses Vorgehens wird benannt,
durch international abgestimmtes Vorgehen die Türkei von einem Einmarsch
in den Nordirak abzubringen, um eine Destabilisierung der Region zu
vermeiden.
Es wird ein rigides, aber nicht primär militärisches Vorgehen gegen
die PKK gefordert. Von der türkischen Regierung wird verlangt, die Souveränität
des Irak anzuerkennen und mit der kurdischen Nationalregierung zusammenzuarbeiten.
Der kurdischen Nationalregierung wird die Rolle zugeschrieben, die Logistik
und Mobilität der PKK-Guerilla durch Checkpoints an den Zugängen zu
den Kandilbergen einzuschränken und die Arbeit PKK-naher politischer
Gruppierungen im Nordirak zu verbieten. Auch wird eine Schließung des
Flüchtlingslagers Maxmur gefordert, sofern die Türkei den Bewohnern
eine Rückkehr ohne Repressionen garantiert.
Europa wird als Quelle der finanziellen Zuwendungen und ideologischer
Mobilisierung für die PKK gesehen. PKK-nahe Organisationen in Europa
sollen verschärft beobachtet und gegebenenfalls geschlossen werden.
Zudem sollen den in Europa und aus Europa heraus tätigen kurdischen
Medien die Arbeitsmöglichkeiten genommen werden.
Ein abgestuftes Amnestie-Angebot für einfache PKK-Mitglieder und eine
Exillösung für die Kommandeure würden die PKK schließlich zur Aufgabe
bewegen.
Als Zuckerbrot für die KurdInnen werden die auch in Europa üblichen
Forderungen erhoben:
Eine Demokratisierung der Türkei, mehr kulturelle Rechte für die KurdInnen
und eine gezielte wirtschaftliche Entwicklung der Region.
DTP
soll vermitteln
Hinzu kommen aber auch Forderungen, wie sie von kurdischer Seite selbst
erhoben und bislang von der EU und den USA ignoriert wurden. So soll,
wie immer wieder von der PKK gefordert, eine „Wahrheits- und Versöhnungskommission“
ihre Arbeit aufnehmen, um die in dem seit 30 Jahren andauernden Krieg
entstandenen Verletzungen in der türkischen und kurdischen Bevölkerung
zu überwinden und Vertrauen zwischen den Volksgruppen zu schaffen. Der
Türkei wird nahegelegt, sich hier an internationalen Beispielen zu orientieren.
Der kurdischen Partei DTP kommt nach Auffassung des NCAFP die Rolle
einer Vermittlerin zwischen dem türkischen Staat und der PKK zu. Im
Gegensatz zu immer wieder in der Türkei und aus Europa gestellten Forderungen
hält es der Report für kontraproduktiv, wenn sich die DTP offiziell
von der PKK distanziert, weil dies ihren Einfluss in der kurdischen
Gesellschaft schmälert. US-amerikanische Politiker werden aufgefordert,
die DTP durch hochrangige Kontaktaufnahmen zu stärken. Die Innenministerien
von Deutschland und Frankreich sollen es der DTP erleichtern, Kontakt
zu den PKK-nahen KurdInnen in Europa aufzunehmen, um diese mit einzubinden.
Die beiden oben genannten Beispiele zeigen, dass die kurdische Frage
im Mittleren Osten ins Zentrum der Politik der relevanten internationalen
Kräfte rückt. Die „think tanks“ haben dabei die Aufgabe, zukünftige
Vorgehensweisen in der Außenpolitik als Versuchsballon in der Öffentlichkeit
zu platzieren, da im Gegensatz zu Äußerungen von politischen Handlungsträgern
keine Taten folgen müssen und sich diplomatische Verstimmungen begrenzt
halten.
Interessant ist ein Vergleich der im Oktober letzten Jahres lancierten
Vorschläge des NCAFP mit der daraufhin faktisch erfolgten Außenpolitik
der USA. Tatsächlich sind diese, um eine Destabilisierung des Nordirak
durch einen türkischen Einmarsch zu verhindern, sogar über die Forderungen
des NCAFP-Reports hinaus gegangen, indem sie der Türkei Luftangriffe
auf Guerillastellungen im Nordirak erlaubt haben und sie auch mit Geheimdienstinformationen
unterstützen. Das Verbot PKK-naher Gruppierungen im Irak und eine Blockade
der Kandilberge durch Peshmergas der kurdischen Regionalregierung ist
fast buchstabengetreu aus dem NCAFP-Report umgesetzt. Es bleibt abzuwarten,
ob weitere Elemente aus der Rubrik „Peitsche“ folgen, wie etwa ein weiter
verschärftes Vorgehen gegen kurdische Organisationen und Medien in Europa.
Wo bleibt das Zuckerbrot?
Ministerpräsident Erdoğan hatte bereits im letzten Jahr verkündet, mit
Angeboten auf die KurdInnen zuzugehen, die die Welt in Erstaunen versetzen
würden, aber geschehen ist bislang nichts. Im Gegensatz zur NCAFP-Forderung,
der DTP eine Vermittlerrolle zukommen zu lassen, hat der türkische Generalstaatsanwalt
ein Verbotsverfahren eingeleitet, wie bisher gegen alle kurdischen Parteien.
Hier steht eine Umsetzung ganz klar gegen die Interessen der AKP-Regierung.
Erdoğan scheint für die KurdInnen eine ganz andere Art von Zuckerbrot
vorzusehen. Anstatt sich mit dem politischen und sozialen Elend auf
Erden herumzuschlagen, sollen sie lieber hinauf zu Allah schauen und
seine islamische AKP wählen. Die kürzlich erfolgte Gesetzesänderung,
die Studentinnen das Tragen von Kopftüchern in der Universität erlaubt,
zielt auch auf die Akzeptanz der feudalistischen Teile der kurdischen
Gesellschaft. Erdoğan möchte die DTP nicht als Vermittlerin, sondern
will sie beerben. Sein nächstes erklärtes Ziel ist es, bei den anstehenden
Kommunalwahlen in der Türkei die Bürgermeisterämter in Kurdistan von
der DTP zurückzuerobern.
Es gehört zu den Aufgabengebieten der „think tanks“, bisher tabuisierte
Themen der Politik „denkbar“ zu machen und damit in die Diskussion zu
bringen. Insofern lässt sich der NCAFP- Report als Ausdruck davon verstehen,
dass zumindest in Teilen der US-Regierung darüber nachgedacht wird,
stärkeren Druck auf die Türkei auszuüben, in einen direkten Dialog mit
der kurdischen Bevölkerung zu treten. Ob diese Politik überhaupt relevant
wird, hängt im Wesentlichen davon ab, ob es der DTP gelingt, ihren Vertretungsanspruch
für die KurdInnen in der Türkei bei den nächsten Wahlen zu behaupten.
NCAFP: Das „National Committee on American Foreign
Policy (NCAFP)” beschreibt sich selbst als überparteiliche, nicht gewinnorientierte
Denkfabrik. Ansässig in New York wurde es 1974 von dem einflussreichen
US-Politologen Hans J. Morgenthau gegründet.
Maßgebliches Ziel der Organisation ist laut Satzung die Bewahrung und
Stärkung der US-amerikanischen Sicherheit. Durch Veranstaltung von Konferenzen,
Herausgabe von Publikationen und nicht zuletzt intensiver Kontaktpflege
zu den politischen Entscheidungsträgern versucht das NCAFP, Einfluss
auf die Richtung der USA-Außenpolitik zu nehmen.