UN-Untersuchungskommission zur Aufklärung des Mordes an H. Dink nötig

Familie Dink wird bedroht

RA Erdal Doğan im Gespräch mit Ali Güler / Berlin

Es ist jetzt über ein Jahr her, dass Hrant Dink, armenischer Journalist und Herausgeber der Zeitung Agos, auf offener Straße ermordet wurde. Aber das Gerichtsverfahren hat nichts von seiner Kompliziertheit verloren. Obwohl im Zusammenhang mit der Ermordung Dinks auch Namen von Staatsbediensteten auftauchen, wurden keinerlei juristische Schritte gegen diese Personen eingeleitet. Nicht einmal ihre Aussagen wurden aufgenommen. Nach Ansicht von Erdal Doğan, einem der Rechtsanwälte von Hrant Dink, versucht das Gericht, das Verfahren nur auf die Kreisstadt Pelitli zu reduzieren.
RA Erdal Doğan erklärt, dass sowohl im Mord-Verfahren von Hrant Dink als auch im Verfahren zum Mord in Malatya eine Beweisvereitelung vorliege. Damit diese Morde aufgeklärt werden können, schlägt der Anwalt eine Untersuchungskommission im Rahmen der UNO vor.
Das Interview entstand während einer Veranstaltungsreise in Deutschland.

Wie ist der Stand des Gerichtsverfahrens zu Hrant Dinks Ermordung?

Das Gericht hält diejenigen verantwortlichen Bediensteten im öffentlichen Bereich sowie im Bereich der Sicherheit, Gendarmerie und Polizei aus dem Verfahren heraus, die ebenfalls Verantwortung tragen, und beschränkt sich nur auf eine Gruppe aus dem Internetcafé im Stadtteil Pelitli. Diejenigen, die ihr Amt missbraucht und ihn bedroht haben, werden trotz unserer Anträge und Widersprüche aus dem Verfahren herausgehalten.

Welche Namen fallen denn in diesem Zusammenhang?

Zu nennen wären Ali Öz, Befehlshaber der Gendarmerie der Provinz Trabzon, der Nachrichtendienst der Gendarmerie in Pelitli und ein Teil der Polizei innerhalb der Anti-Terror-Abteilung in Trabzon.
Des Weiteren ist da Mühitin Zenit, verantwortlich für die Auswertung von Informationen und Nachrichten. Er ist auch derjenige, der den Angeklagten Erhan Tuncel in Dienst gestellt hat. Auch der Nachrichtendienstchef Ramazan Akyürek wäre in diesem Zusammenhang zu erwähnen. Es gibt Gespräche zwischen Mühitin Zenit und Erhan Tuncel. Sie wussten im Vorfeld von dem Mordplan. Sowohl der Nachrichtendienstchef als auch der Polizeichef von Istanbul tragen Verantwortung, denn obwohl sie über Informationen zum geplanten Mord verfügten, haben sie nichts dagegen unternommen. Auch der Gouverneur von Istanbul trägt Verantwortung, denn Hrant Dink wurde drei Jahre vor seiner Ermordung neben dem stellvertretenden Gouverneur Erol Güngör im Gouverneursamt offen bedroht.

In dem Verfahren fällt sehr oft der Name Veli Küçük. Welche Rolle spielt er?

Eigentlich wurde Hrant Dink sehr verunsichert. Ein Jahr vor seiner Ermordung wurde er in einem von Ahmet Demir unterzeichneten Brief bedroht. Ahmet Demir ist ein Name, den Mahmut Yıldırım benutzt, in der Öffentlichkeit auch mit dem Codenamen „Yeşil“ bekannt. Er steht in direkter Beziehung zu Veli Küçük und ist ein Mitarbeiter von JITEM. Veli Küçük nahm an den Gerichtsverhandlungen gegen Hrant Dink teil. Diese Gruppe bedrohte Hrant mit Worten wie „Wir werden dich wie Kleingeld verbrauchen“. In einem anderen Drohbrief im Jahre 2006 hieß es: „Wenn du nicht aufpasst, kannst du den Leichnam deines Sohnes im Gendarmeriekommando finden.“ Mahmut Yıldırım hat in der Türkei gemeinsam mit Veli Küçük die JITEM gegründet. Auf das Konto von JITEM gehen seit Jahren viele Morde unbekannter Täter.

Wird das Verfahren unabhängig ohne Einfluss bestimmter Institutionen geführt?

Ich denke nicht, dass die türkische Justiz unabhängig und neutral ist. Die Tatsache, dass die bisherigen Gerichtsbeschlüsse abgelehnt wurden, ist ein Beweis hierfür.

Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang die türkische Presse?

Nachdem die Agos-Zeitung eine Nachricht veröffentlicht hatte, dass Sabiha Gökçen eigentlich Armenierin sei, griff der Generalstab in einer Erklärung Hrant Dink an. Nach dieser Erklärung wurde Hrant Dink von der Tageszeitung Hürriyet zur Zielscheibe erklärt und es begann eine Lynchkampagne. Andere Presseorgane übernahmen ebenfalls diese Art von Angriffen. Daher spielt die Presse eine sehr große Rolle.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Priestermord in Trabzon, dem Mord an Hrant Dink und dem Mord in Malatya?

Der Priestermord(1), der Angriff auf den Obersten Verwaltungsgerichtshof(2), der Mord an Hrant Dink, der Mord in Malatya(3), das Messerattentat auf einen Priester in Izmir, die Ermordung des Priesters in Samsun und viele andere Angriffe haben denselben Ursprung und wurden von ein und derselben Zentrale koordiniert.

Haben Sie konkrete Beweise?

Der Jugendliche, der in Trabzon den Priester ermordet hat, sagt, er habe es getan, weil sein Glaube und das Türkentum beleidigt worden seien. Wie kommt ein 15-Jähriger an eine Waffe, die ausschließlich von Nachrichtendienstlern und geheimen Organisationen in der Türkei benutzt wird? Das bleibt unberücksichtigt. Aber diese Waffe trägt ein 15-Jähriger mit sich und begeht einen Mord. Diese Tatsache wurde nicht untersucht und der Vorfall einfach abgeschlossen.
Auch nach der Ermordung von Hrant Dink wurden anfänglich ähnliche Aussagen gemacht. Aber später hat der Jugendliche erklärt, er sei benutzt worden. Zudem wurde bekannt, dass einige Staatsbedienstete in dieser Sache involviert sind. Es wurden Bilder veröffentlicht, die den Täter des Angriffes auf den obersten Verwaltungsgerichtshof mit Veli Küçük und Oktay Yıldırım auf gemeinsamen Kundgebungen zeigen. Auch gibt es Zusammenhänge zwischen dem Bombenangriff auf die Zeitung Cumhuriyet und den Bomben, die in Istanbul-Ümraniye gefunden wurden, mit dem Mord an Hrant Dink. Es wurde bekannt, dass die Bomben dem Unteroffizier im Ruhestand Oktay Yıldırım gehörten. Er wollte mit Veli Küçük in Verfahren gegen Hrant Dink als Nebenkläger auftreten. In Malatya ist es ähnlich. Kinder bringen Christen um, die sie nicht kennen.
Aber das wird nicht untersucht. Es gibt ein Konzept und es wurden nacheinander Morde begangen.

Welchen Verlauf wird Ihrer Meinung nach das Mordverfahren von Dink nehmen?

Es gibt eine starke Bestrebung, das Verfahren nur auf das Internetcafé in Pelitli zu reduzieren. Sowohl im Verfahren von Hrant Dink als auch im Verfahren von Malatya wird eine Beweisvereitelung vorgenommen. Verdächtige Personen, die verurteilt werden müssten, werden erst gar nicht untersucht. In beiden Fällen wird versucht, das Verfahren mit den vorhandenen Angeklagten abzuschließen.

Auf welche Weise kommt es zur Beweisvereitelung?

In beiden Fällen wurden Tonbänder und Filmaufnahmen vernichtet. Auch die Protokolle wurden mit der Begründung, sie seien „geheim“, vernichtet.

Wenn die rechtlichen Schritte in der Türkei ausgeschöpft sind, gedenken Sie, den Fall vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) zu bringen?

Der Weg dorthin ist jederzeit offen. Aber ein viel wirksameres Instrument müsste sich einschalten.

Was heißt das genau?

Ich finde, die Menschenrechtsuntersuchungskommission der UN sollte sich als Mitklägerin einschalten und eine unabhängige Untersuchung vornehmen.

Ist der EGMR nicht wirksam genug?

Der EGMR hat begonnen, wie ein Oberstes Revisionsgericht zu arbeiten. Er verfügt über keinen Mechanismus, um zum einen das Verfahren zu beschleunigen und zum anderen das Verfahren zu vertiefen. Die UNO hat z. B. bezüglich des Attentats an Hariri eine Untersuchung angestellt und ein internationales unabhängiges Gericht einberufen. Für diese beiden Fälle sollte, wenn auch kein internationales unabhängiges Gericht, so doch eine UN-Untersuchungskommission gebildet werden, die sie unter die Lupe nimmt.

Haben Sie schon entsprechende Schritte eingeleitet?

Nein, es ist noch in der Diskussionsphase.

Halten die Drohungen gegen die Familie Dink nach dem Mord an?

wir können schon sagen, dass die Familie Dink bedroht wird. Und auch die Anwälte bleiben davon nicht verschont.

Gedenkt die Familie, die Türkei zu verlassen?

Nein, gegenwärtig ist das kein Thema.
Sie verteidigen auch die Zeitung Agos. Halten die Repressionen gegen diese Zeitung noch an?

Die E-mail-Box der Zeitung ist voll mit Drohungen. Alle Mitarbeiter der Zeitung werden bedroht. Aber die Zeitung arbeitet weiter, ohne von ihren Prinzipien abzuweichen und Zugeständnisse zu machen.

Fußnoten:
(1) Mit zwei Schüssen in den Rücken wurde am 5. Februar 2006 der katholische Priester Andrea Santoro in seiner Kirche im türkischen Trabzon niedergestreckt.
(2) Am 17. Mai 2006 verübte der Anwalt Arslan ein Attentat auf den Obersten Verwaltungsgerichtshof der Türkei, indem er im Gerichtssaal die gesamte Kammer, also fünf oberste Bundesrichter, niederschoss. Während vier Richter das Attentat verletzt überlebten, starb der stellvertretende Vorsitzende Richter. Als Begründung gab der Täter die Urteile der Kammer im Zusammenhang mit dem so genannten „Kopftuchstreit“ an, mit denen er nicht einverstanden gewesen sei.
(3) In Malatya wurde am 18. April 2007 der Verlag Zirve gestürmt und drei Personen, darunter ein Deutscher und zwei Türken, die zum Christentum konvertiert waren, ermordet.