Geheimbericht
des türkischen Staates zu Kurden:
Die Bevölkerungsstruktur der Region verändern ...
Baki Gül
Das
staatliche Planungsamt (DPT) der Türkei entwickelte vor einigen Jahrzehnten
„Sonderentwicklungspläne für den Osten und Südosten des Landes“. Daran
wurden folgende Erwartungen geknüpft: „Einkommenserhöhung in der Region
sowie eine bessere Einkommensverteilung; Veränderung der demographischen
Struktur, indem Menschen aus anderen Regionen zur Umsiedlung in diese
Region angelockt werden oder ein Teil der Bevölkerung dieser Region
(gemeint ist die kurdische Region) mit wirtschaftlichen Anreizen zur
Umsiedlung in anderen Regionen bewegt werden soll; die Bevölkerungsstruktur
der Region, gestützt auf soziologische und anthropologische Untersuchungen,
so zu verändern, dass sie repräsentativ ist …“
Diese Zitate stammen nicht aus einem Dokument der Deportationspolitik
der osmanischen Partei für Einheit und Fortschritt aus den Jahren 1913–1918,
mit dem der Genozid an den Armeniern begonnen wurde. Es sind Zitate
aus dem Jahre 1961. Sie stammen aus einem jetzt bekannt gewordenen Geheimbericht
des türkischen Staats für die systematische Verleugnung und Vernichtung
der Kurden. Dieser „Geheimbericht zu Kurden“ beweist erneut, dass die
Kurdenpolitik der türkischen Republik nichts anderes als „Assimilation
und Deportation“ bedeutet.
Am 22. Januar 2008 wurde von den Journalisten Can Dündar und Ridvan
Akar dieser, aus dem „Sonderarchiv“ des früheren Ministerpräsidenten
Bülent Ecevit stammende, Geheimbericht in der Tageszeitung Milliyet
veröffentlicht.
Darin wird aufgeführt, wie die Kurden in der Türkei mit Sonderplanungen
und -politik assimiliert und systematisch umgesiedelt werden sollten.
Der Bericht wurde schon 1961 von staatlichen Institutionen angefertigt
und auch dem damaligen Arbeitsminister Bülent Ecevit vorgelegt. Er beinhaltet
eine systematische Politik, die bis an einen Genozid grenzt. Bei näherer
Analyse dieses Dokuments erinnert es an die Deportationen und Massaker
an den Armeniern im Jahre 1914.
Es wurde von der Arbeitsgruppe Ost des staatlichen Planungsamtes des
türkischen Staates gemeinsam mit dem türkischen Geheimdienst (MIT) vorbereitet.
Am 8. und 10. Februar sowie am 24. März 1961 kamen verschiedene in der
Region tätige Vertreter aus Verwaltung und Politik zusammen und fertigten
diese Ausarbeitung an. Nach der Fertigstellung wurde sie der damaligen
Regierung vorgelegt.
Die Arbeit enthält unterschiedliche Kapitel, wie z. B. „Abwehr des kurdischen
Nationalbewusstseins“, „Umsiedlung derjenigen, die glauben, Kurden zu
sein, in andere Regionen Anatoliens“, „Unterbindung der Beziehung derjenigen
in der Türkei, die von sich glauben, Kurden zu sein, zu Kurden in anderen
Teilen“, „Eröffnung von Internaten in der Region, mit der Zielsetzung,
das türkische Bildungssystem systematisch anzuwenden“.
Einige Auszüge aus diesem Bericht:
„Assimilation: Das bestehende Umsiedlungsgesetz und die Anwendung mit
der Zielsetzung, den festgestellten politischen Bedürfnissen zu entsprechen
und die Assimilation zu garantieren, erneut zu untersuchen und entsprechend
zu ändern. (…)“
„Umsiedlung: Die Bevölkerungsstruktur in der Region, die zu Gunsten
derjenigen ausfällt, die glauben, Kurden zu sein, zu Gunsten der Türken
zu ändern. Indem diejenigen, die aufgrund schlechter wirtschaftlicher
Bedingungen gezwungen sind umzuziehen, sowie die Überbevölkerung an
der Küste zum Schwarzen Meer und die Türken, die aus dem Ausland kommen,
in dieser Region anzusiedeln und in der Region diejenigen, die glauben,
Kurden zu sein, außerhalb der Region, in denen türkische Kinder dieses
Landes leben, umzusiedeln und dieses zu finanzieren.“
„Trennung von den Kurden im Irak: Um die Beziehung derjenigen in der
Türkei, die glauben, Kurden zu sein, zu den Kurden aus dem Iran und
Irak zu unterbrechen, die Region in systematische Umsiedlungsgebiete
aufzuteilen, um diejenigen, die glauben, Kurden zu sein, zerstreuen
zu können.“
„Arbeiter-Kontingente: Mit dem Ziel, den Bevölkerungsfluss aus der Region
nach Westen und vom Westen in die Region zu gewährleisten, sollten bestimmte
Kontingente in einem angemessenen Verhältnis der Arbeiter aus anderen
Regionen im Osten und im Westen in Betriebe des Gewerbes, der Landwirtschaft
und des Handels sowohl im amtlichen als auch im privaten Sektor detachiert
werden.“
„Ausbildung von Missionaren: Die geplanten Regionalschulen, Dorfschulen
und Berufsschulen sollten ihre Tätigkeiten aufnehmen. (…) Für die Missionarsausbildung
für Mädchen und Jungen entsprechende Einrichtungen schaffen. (…) Gewährleistung
von Möglichkeiten für Begabte und von klein an assimilierte Jugendliche
aus der Bevölkerung der Region, Hochschulausbildung zu genießen. (…)“
„Beamte, die glauben, Kurden zu sein: Gouverneure, Landräte, Richter,
Gendarmerieoffiziere, Armeeoffiziere, Unteroffiziere, Lehrer und Beamte
in den Osten senden, die von sich glauben, Kurden zu sein. (…)“
„Propaganda im Radio: Über das Radio regionale Melodien mit türkischen
Texten auszustrahlen und in lokalen Radios für die Region Programme
auszustrahlen, die von Propagandaexperten und zusammengesetzten Gruppen
vorbereitet werden.“
„Überzeugungsarbeit: Die Entwicklung einer Überzeugungsarbeit, die suggeriert,
dass die türkische politische Ordnung aus der Sicht ihrer Interessen
und aus Sicht der Rasse am besten geeignet ist und die meisten Möglichkeiten
bietet.“
„Kurdische Angelegenheit gibt es nicht: Dem intellektuellen Milieu auf
der Welt erklären, dass es in der Türkei keine kurdische Angelegenheit
gibt.“
„Der Beweis, dass sie Türken sind: Angebunden an eine Universität, an
der augenblicklich ein Turkologie-Institut zu gründen ist, öffentlich
den Beweis zu führen, dass die Herkunft derjenigen, die glauben, Kurden
zu sein, türkisch ist. Die türkische Geschichte des Ostens zu verfassen
und somit Klarheit zu schaffen. (…)“
„Bergtürken: Die Übernahme der voreingenommenen Abschrift des russischen
Wissenschaftlers und Politikers Minovski, in der er behauptet, dass
die Herkunft derjenigen, die von sich glauben, Kurden zu sein, iranisch
ist. In der Islam-Enzyklopädie steht im Widerspruch zu der Annahme,
dass diejenigen, die von sich glauben, Kurden zu sein, eigentlich Bergtürken
sind und ihr Ursprung auf die turanischen Volksstämme zurückzuführen
ist. Es wurde erreicht, dass diese Annahme von den Delegierten in Lausanne
übernommen wurde. Dieser Fehler, der zu Streitigkeiten zwischen den
östlichen Intellektuellen führt und den Separatisten Vorwand liefert,
ist sofort zu beheben. (…)“
„Ihre Herkunft ist turanisch: Unterschiedliche Untersuchungen sind aufzustellen,
in denen die Herkunft derjenigen, die glauben, Kurden zu sein, auf turanische
Volksstämme zurückzuführen ist und diese Ergebnisse über unterschiedliche
Veröffentlichungen zu verbreiten.“
Die damalige Regierung wurde von Cemal Gürsel gestellt. Das Kabinett
von Gürsel hatte diesen Bericht am 18. April 1961 behandelt und angenommen.
Mit einem von der Regierung veröffentlichten Dekret wurde die Umsetzung
dieses Berichtes von den Ministerien gefordert. Auch wenn die Regierung
von Gürsel bei der Wahl im Oktober 1961 die Macht verloren hatte, so
hielt diese Kurdenpolitik weiter an, weil sie nicht an die jeweiligen
Regierungen gebunden war, sondern die Staatspolitik darstellte.
Die Kurdistanpolitik des türkischen Staates, vor allem nach den 1960er
Jahren, bestätigt dies. Der Soziologe Ismail Beşikçi hat die offizielle
Staatspolitik bezüglich der Kurden und Kurdistans aus soziologischer
Sicht analysiert und in seinen Werken die Assimilations- und Deportationspolitik
des türkischen Staates dokumentiert. Als Beşikçi den Bericht bewertete,
sagte er: „Dieser an die Öffentlichkeit gebrachte Bericht ist eine Bestätigung
meiner Feststellungen, die ich aufgrund einer wissenschaftlichen Analyse
der historischen Realität und Anwendungen getroffen habe.“ Bezogen auf
die Unterüberschriften wie „Glauben Kurden zu sein“, „Bergkurden“, „Auswanderung“,
„Assimilation“, „Unterbrechung der Beziehung zu Kurden im Irak“, erklärte
Beşikçi, dass man sich die praktische Funktion dieser begrifflichen
Analyse der Punkte anschauen sollte. Die Militärputsche vom 27. Mai
1960, 12. März 1972 und 12. September 1980 wurden bisher aus Sicht der
Kurden nicht unter die Lupe genommen. Die im Dokument beinhaltenten
Vorschläge wurden nacheinander umgesetzt. Wir brauchen nur die Politik
seit 1961 mit den „Ratschlägen“ dieses Berichtes zu vergleichen. Es
reicht aus, sich die Aktivitäten sowie die eingenommene Position des
Staates in den kurdischen Gebieten anzuschauen. In diesem Zusammenhang
stehen die entvölkerten 4 000 Dörfer, in die türkischen Metropolen vertriebenen
Millionen von Kurden, die Einstellung der ökonomischen Produktion, die
Verbote der kurdischen Sprache sowie die Funktion der regionalen Internate.
Weiterhin erklärte Beşikçi, „dass der Bericht von Bülent Ecevit nicht
auf die lange Bank geschoben wurde und alle Regierungen dieselbe Politik
fortgesetzt haben“.
Es wird immer gesagt, dass die türkische Republik zwei Verfassungen
hat. Die eine ist die, die nach dem Militärputsch vom 12. September
1980 vom Militär vorbereitet wurde und seitdem gültig ist, die andere
ist eine Verfassung, die man offiziell nicht sieht, aber die illegal
angewandt wird und als „Rotes Buch“ definiert wird. Während die offizielle
Verfassung den „rechtlichen Mantel“ für die alltägliche Staatspolitik
bietet, so hat die andere die Funktion, die Tradition der „türkischen
Staatspolitik“ fortzuführen. Die letztere ist eine Verfassung, die sich
vor allem bei Themen wie Kurden, Armenier, Ägäisches Meer, Zypern, Islam
und Kommunismus einschaltet.
Der „Geheimbericht über die Kurden“ ist nur eine der Stützen der Verfassung
des tiefen Staates, der in einer anderen Gestalt bis heute weiterhin
angewandt wird.