Zur
Gründung des Europäischen Friedensrats Türkei
„Um die Sprache des Friedens zu sprechen …“
Murat Cakir
In
Zeiten der Eskalation und der Zunahme gewaltorientierter Entwicklungen
gibt es immer wieder einige mutige Menschen, die sich dem Zeitgeist
entgegenstellen und Frieden fordern. So war es auch vor etwa einem Jahr,
am 14. Januar 2007 in Ankara, als sich rund 400 Menschen auf einer Konferenz
trafen. Unter dem Titel „Die Türkei sucht ihren Frieden“ sprachen sich
prominente Persönlichkeiten, SchriftstellerInnen, Intellektuelle, MenschenrechtlerInnen,
PolitikerInnen unterschiedlicher Strömungen und KünstlerInnen demonstrativ
für Frieden und für die demokratische Lösung der Kurdenfrage aus.
Die zweitägige Konferenz wurde mit einer Abschlusserklärung und einem
Programmentwurf beendet. Aus diesem Programmentwurf entstand eine „Road
map für Frieden“, die zugleich die Grundlage für die Gründung des „Friedensrats
Türkei“ bildete.
Viele waren sich darin einig, dass diese Konferenz ein Meilenstein in
den Aktivitäten der Friedenskräfte der Türkei war. Denn in breiter Form
wurde darüber diskutiert, was alles für die Verwirklichung des Friedens
getan werden kann, und es wurden erste Schritte unternommen. Im Einleitungstext
der „Road map für Frieden“ heißt es u. a.: „Wir wissen um die Bedeutung
und Schwierigkeit der Aufgabe, die wir übernommen haben. Aber wir wissen
auch, dass das historische Potential der Türkei so verwurzelt ist, dass
es eine starke Grundlage für unsere Anstrengungen bietet. Und wir sind
sicher, dass Türken, Kurden und andere Völker sich aufrichtig nach einem
gemeinsamen Leben sehnen.“
Die Konferenz und Grundzüge eines Friedensprogramms unter Berücksichtigung
der juristischen, politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Dimensionen
waren Anlass dafür, dass in der demokratischen Öffentlichkeit der Türkei
Hoffnungen geweckt wurden. Der Wille, das Friedensprogramm der Gesellschaft
nahe zu bringen und auf die politische Tagesordnung zu setzen, wurde
von den Kräften der Zivilgesellschaft anerkennend zur Kenntnis genommen.
Nicht jedoch von den politischen und militärischen Eliten des Landes.
Anstatt einen Weg des gesellschaftlichen Dialogs für den Frieden und
den überfälligen Demokratisierungsprozesses einzuschlagen, wurde auf
die Eskalation der militärischen Gewalt gesetzt. Das Verständnis, die
Kurdenfrage sowie die berechtigten Forderungen nach gleichberechtigter
Teilnahme, Demokratisierung, sozialer Gerechtigkeit, Einhaltung der
Menschenrechte und Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen breiter
Bevölkerungsteile als ein Problem der „Sicherheit“ zu sehen, bringt
das Land in die Gefahrenzone eines blutigen Bürgerkrieges.
Besonders das Jahr 2007 war von der tiefen Spaltung der Gesellschaft
und immer höher steigenden Gewaltspirale geprägt. Der Vorratsbeschluss
des türkischen Parlaments für einen Einmarsch in den Nordirak, mehrfache
Bombardierungen vermeintlicher Guerillastellungen in den nordirakischen
Bergen, die Repressionen gegenüber den DTP-VertreterInnen und das gezielte
Schüren einer nationalistisch-chauvinistischen Hetzatmosphäre haben
dazu geführt, dass die gesellschaftliche Spaltung tiefer wurde und sich
die Konflikte verschärft haben.
Kurdenproblem ist ein europäisches Problem
Wer dachte, dass all dies weit entfernt von Europa stattfindet, wurde
spätestens mit den gewalttätigen nationalistischen Demonstrationen in
verschiedenen europäischen Städten eines Besseren belehrt. Es war zu
offensichtlich, dass die Entscheidungsträger der Türkei die Konflikte
nach Europa tragen wollen.
Friedensbewegte kurdische und türkeistämmige Persönlichkeiten sahen
diese besorgniserregende Entwicklung und wandten sich an die demokratische
Öffentlichkeit. Innerhalb der Debatten wurde die Notwendigkeit eines
von unterschiedlichen Kräften getragenen Gremiums, welches mit besonnenen
Rufen und der Forderung nach friedlichen Auseinandersetzungen in die
Debatte intervenieren sollte, deutlich.
Ausgehend von dieser Notwendigkeit gründeten sieben Personen die Initiative
„Europäischer Friedensrat Türkei“: Turgut Öker, Vorsitzender der Alewitischen
Gemeinden in Europa; Hüseyin Avgan, DIDF-Bundesvorsitzender; Günay Aslan,
Schriftsteller; Ömer Polat, Schriftsteller; Kemal Uzun, pensionierter
Lehrer und Murat Cakir. Innerhalb kurzer Zeit meldeten sich aus zahlreichen
europäischen Staaten – einige sogar aus Kanada und Australien – türkeistämmige
und kurdische Persönlichkeiten zu Wort und erklärten ihre Bereitschaft,
diese Initiative zu unterstützen.
Am 2. Februar 2008 schließlich fand in Köln die erste Vorbereitungstagung
statt. Obwohl ein enger Kreis zur Beratung eingeladen war, kamen über
hundert Personen zusammen. Aus Belgien, Deutschland, Frankreich, Großbritannien
und den Niederlanden waren türkeistämmige und kurdische WissenschaftlerInnen,
KünstlerInnen, SchriftstellerInnen, JournalistInnen, GewerkschafterInnen
und VertreterInnen unterschiedlicher Organisationen angereist. Sie einigten
sich, auf der Grundlage der Gründungsdeklaration des „Friedensrates
der Türkei“ am 5. April 2008 mit einem in Berlin stattfindenden Friedenskongress
den „Europäischen Friedensrat Türkei“ zu gründen.
Der „Europäische Friedensrat Türkei“ soll zum einen mit den Friedenskräften
der Türkei in einem engen Schulterschluss zusammenarbeiten, die demokratische
Öffentlichkeit in Europa auf die Konflikte der Türkei sowie auf deren
friedliche und demokratische Lösungsmöglichkeiten aufmerksam machen
und als eine Lobby des Friedens agieren. Zum anderen aber soll der „Europäische
Friedensrat Türkei“ sich als originärer Bestandteil europäischer Friedensbewegungen
verstehen und als solche handeln.
Angestrebt wird, friedensbewegte Persönlichkeiten armenischer, assyrischer,
kurdischer, türkischer Herkunft und aus europäischen Ländern unter einem
Dach zu vereinen. Gleichzeitig sollen in größeren europäischen Städten,
auf lokaler und Landesebene „Friedensratsinitiativen“ gegründet werden.
Derzeit wird eine mehrsprachige Website vorbereitet, die als Informationsportal
dienen soll. Der „Europäische Friedensrat Türkei“ ist für alle, die
aktiv als BotschafterInnen des Friedens tätig werden wollen, offen.
Der Gründungsaufruf wird nach dem 20. Februar 2008 mit den Namen der
ErstunterzeichnerInnen veröffentlicht. Weitere Informationen werden
danach folgen.