| DTP wurde zum Angriffsziel der nationalistischen und chauvinistischen Welle Unsere Partei ist starken Repressionen ausgesetzt Interview mit der DTP-Abgeordneten Sebahat Tuncel Ihre Partei ist einem großen Druck ausgesetzt. Viele Ihrer Funktionäre wurden festgenommen oder inzwischen auch verhaftet, der Co-Vorsitzende Nurettin Demirtaş am Flughafen unmittelbar nach seiner Rückkehr aus Europa festgenommen, und gegen Ihre Partei läuft ein Verbotsverfahren. Können Sie uns eine Bilanz der Repressionen geben?
Ja, es stimmt, dass unsere Partei starken Repressionen ausgesetzt ist.
Vor allem in den letzten fünf Monaten nach der Parlamentswahl sind unsere
Funktionäre, Mitglieder und unsere Abgeordneten mit unterschiedlichen
Repressionsformen und Angriffen konfrontiert, zum einen aufgrund der
zunehmend ansteigenden nationalistischen Welle, aber auch wegen der
Beschlüsse der Justiz. Ebenso wenig blieben unsere Parteibüros von diesen
Angriffen verschont. Die Bilanz ist daher sehr umfangreich. Zahlreiche
unserer Büros wie die in Istanbul, Bursa, Antalya und Izmir sowie unsere
Parteizentrale in Ankara wurden von bewaffneten Personen und mit Brandanschlägen
angegriffen. Besorgniserregend ist nicht nur die nationalistische Hysterie,
in die die Menschen getrieben werden, genauso bedenklich ist, dass die
Täter kurze Zeit nach ihrer Festnahme durch die Sicherheitskräfte wieder
auf freien Fuß gesetzt werden. Zur Parlamentswahl im Juli letzten Jahres trat Ihre Partei mit unabhängigen Kandidaten an und sandte 22 Abgeordnete ins Parlament, somit auch die notwendige Anzahl für eine Fraktion. Aber schon vom ersten Tag an wird gegen die DTP-Abgeordneten eine unübersehbare Isolationspolitik ausgeübt. Welches Ziel steckt dahinter?
Mit der Wahl vom 22. Juli hat in der Türkei eine neue Phase begonnen.
Auch wenn wir bei der Wahl nicht das erwartete Ergebnis erzielen konnten,
war es dennoch ein Erfolg, eine Fraktion bilden zu können. Somit konnte
zum ersten Mal das türkische Parlament eine breite gesellschaftliche
Vertretung darstellen. Auch war es wichtig, um einige eingefahrene Gewohnheiten
aufzubrechen. Wir haben als DTP-Abgeordnete von Anfang an immer wieder
erklärt, dass unsere Hauptmission im Parlament darin bestehe, für eine
demokratische und friedliche Lösung der kurdischen Frage sowie für die
Demokratisierung der Türkei zu arbeiten. Dass wir uns folglich als die
Vertreter der Unterdrückten, Werktätigen, Kurden, Frauen sehen, also
aller Schichten, die sich in der Türkei benachteiligt fühlen. Diese
Äußerungen lösten Unbehagen bei den Kräften des Status quo aus und das
Verbotsverfahren wurde gegen unsere Partei eröffnet. Unser Co-Vorsitzender
wurde festgenommen. Angriffe gegen unsere Funktionäre und Mitglieder
nahmen zu. Unsere Partei wurde zum größten Angriffsziel der erzeugten
nationalistischen und chauvinistischen Welle. In diesem Zusammenhang ist auch die Haltung der EU von Bedeutung. Als es der DTP gelungen war, im Parlament eine Fraktion zu bilden, wurde dies international begrüßt, allen voran von der EU, und als eine Chance für die Lösung der kurdischen Frage bewertet. Aber jetzt hüllen sich dieselben Kräfte angesichts der Repressionen gegen Ihre Partei in Schweigen. Wie ist das zu verstehen?
Staatliche Interessen können in solchen Fällen in den Vordergrund treten.
Aber die Vertretung des kurdischen Volkes durch eine Fraktion im Parlament
wurde von zahlreichen politischen Kreisen, vor allem EU, USA und Großbritannien
positiv gesehen. Das ist natürlich auch eine Notwendigkeit der Demokratie.
Bei der Definition der kurdischen Frage gibt es in der Türkei Probleme.
Wie die vorherigen Regierungsparteien definiert sie auch die AKP als
„Terrorproblem“ und sucht die Lösung in der „Terrorismusbekämpfung“.
Die AKP scheint hierbei die EU-Länder auch überzeugt zu haben, die folglich
von der Bedeutsamkeit der Reformen während der EU-Anpassungsphase ausgehen,
dass die AKP für eine Lösung der kurdischen Frage sei, aber die Armee
dies verhindere. Diese Haltung hindert sie an einer objektiven Bewertung
und führt dazu, dass sie gegenüber den antidemokratischen Maßnahmen
gegen unsere Partei schweigen. Die AKP hat ernsthafte Defizite bei der
kurdischen Frage und der Demokratisierung des Landes. Unterhält Ihre Partei auf internationaler Ebene konstruktive Beziehungen zu demokratischen Parteien und Institutionen? Wenn ja, wie könnten sie Ihrer Meinung nach noch weiter ausgebaut und vertieft werden? Seit einiger Zeit führen wir Gespräche mit der demokratischen Öffentlichkeit und demokratischen Kreisen in Europa. An einigen dieser Gespräche nehme ich als außenpolitische Sprecherin, stellvertretende Co-Vorsitzende und Abgeordnete teil und an anderen sind andere Kolleginnen und Kollegen beteiligt. Wir messen diesen Kontakten große Bedeutung bei. Ausschlaggebend ist bei der Schaffung einer Öffentlichkeit, die sich mit den demokratischen Forderungen des kurdischen Volkes solidarisiert, dass wir in diesen Gesprächen uns und unsere Forderungen direkt und ohne Umwege darstellen können. Einer der in diesem Zusammenhang zu behandelnden Punkte ist der, dass die EU-Länder der AKP-Regierung den notwendigen politischen Willen zur demokratischen Lösung des Problems zugestehen. In diesem Kontext haben wir dann die Menschenrechtsverletzungen zur Sprache gebracht, denen nicht nur unsere Partei und die Kurden ausgesetzt sind, sondern auch Menschenrechtsaktivisten und einfache Bürger, und erklärt, dass die AKP-Regierung die kurdische Frage nicht wird lösen können, wenn sie militärische Methoden in den Vordergrund stellt. Selbstverständlich müssen diese Kontakte auf unterschiedlicher Ebene noch weiter gefestigt werden. Deshalb sind wir bemüht, sie weiter zu pflegen. Wir beabsichtigen natürlich, mit den Kreisen, in denen ähnliche Empfindlichkeiten bestehen, unsere Erfahrungen auszutauschen und die Kontakte weiter zu vertiefen. Trotz des immensen Drucks hält Ihre Partei an ihren Bemühungen für die Demokratisierung der Türkei und für die friedliche Lösung der kurdischen Frage fest. Neben dem auf Ihrem Parteikongress verabschiedeten Projekt „Demokratische Autonomie“ schlagen Sie die Durchführung eines Kongresses zur „Demokratischen Republik“ sowie die Gründung eines „Rats der Weisen“ vor. Können Sie uns den Kern dieser Vorschläge skizzieren?
Die kurdische Frage in der Türkei steht als ein Problem da, das auf
eine Lösung drängt. Aber weil die Verleugnungs- und Vernichtungspolitik
unverändert anhält und anstelle der Gründe des Problems das Problem
in seinen Auswirkungen behandelt wird, hat sich die Ausweglosigkeit
immer mehr vertieft. Unsere Partei bringt bei jeder Gelegenheit zur
Sprache, dass die kurdische Frage eine Frage der Demokratie und der
Freiheiten ist, dass das kurdische Volk seine Rechte auf Identität und
Kultur frei ausleben können muss und diese verfassungsrechtlich zu garantieren
sind. Wir haben des Öfteren erklärt, dass eine demokratisch-friedliche
Lösung der kurdischen Frage möglich ist, die Waffen nicht mehr als Lösungsmittel
eingesetzt werden dürfen, die Methode des 21. Jahrhunderts aus Dialog
und Verhandlung besteht. Folglich ist es nicht von der Hand zu weisen,
dass die Auseinandersetzung und Diskussion um das Projekt der Demokratischen
Autonomie und dessen Umsetzung bei der Lösung der kurdischen Frage nicht
nur für die Kurden, sondern für alle in der Türkei lebenden Völker ein
demokratisches und freiheitliches Vorhaben darstellt. Es ist als Lösungsprojekt
der Kurden nach unterschiedlichen tief greifenden gemeinsamen Diskussionen
entwickelt worden. Für 2009 sind Kommunalwahlen angesetzt. Wie sehen Ihre Vorbereitungen als Partei aus? Mit welcher Politik und mit welchen Projekten gedenken Sie anzutreten? Die Kommunalverwaltung ist für uns ein sehr wichtiger Bereich, dem wir uns mit dem demokratisch-ökologischen Ansatz, dem der Geschlechterfreiheit annähern, es ist zugleich ein alternativer Verwaltungsansatz. Unsere bisherige Praxis in den Kommunalverwaltungen zeigt, dass wir eine wichtige Etappe erreicht haben, auch wenn es noch besser aussehen könnte. Die Gemeindewahlen 2009 sind für die Türkei von großer Bedeutung. Einzige Konkurrentin für die AKP in der Region ist unsere Partei. Wir haben dort bei den Gemeindeverwaltungen die stärkste Kraft. Die AKP wird versuchen, ihren Wahlsieg vom 22. Juli 2007 auch bei den Kommunalwahlen vor allem in den kurdischen Provinzen zu wiederholen. Hierfür setzt sie alle staatlichen Möglichkeiten ein. Mit unserer Konferenz „Kommunalverwaltungen“ werden wir die Wahlkampfphase offiziell einleiten. |