Auswirkungen
des internationalen Komplotts nach 10 Jahren
Im Kern blieb man der kapitalistischen Kurdenpolitik treu
Asrın Hukuk Bürosu – Rechtsanwaltsbüro Abdullah Öcalans
Am 9. Oktober 1998 war der
kurdische Volksvertreter Abdullah Öcalan als Folge des in erster Linie
von der Türkei, den USA und Israel ausgeübten militärischen, politischen
und diplomatischen Drucks gezwungen, Syrien zu verlassen. Öcalan erklärte
sein Ziel Europa damit: „Meine Absicht war es, die kurdische Frage auf
eine demokratische Plattform zu transportieren. Wenn dieses Vorhaben
unterstützt worden wäre, wäre es nicht schwierig gewesen, die Türkei
ebenfalls zu dieser Haltung zu bringen.“ Aber Europa gewährte diese
Unterstützung nicht, Griechenland, Italien, Deutschland, Frankreich,
Österreich, die Niederlande und andere europäische Staaten verweigerten
Herrn Öcalan das Recht auf Asyl und schlossen ihren Luftraum für ihn.
Er wurde schließlich aus Griechenland, dem Land, in dem er sich zuletzt
aufhielt, im Rahmen einer Vereinbarung mit den USA nach Kenia gelockt
und von hier in einer von Türkei, CIA, Mossad und kenianischen Vertretern
gemeinschaftlich durchgeführten Operation am 15. Februar 1999 in die
Türkei verschleppt.
Herr Öcalan bewertete und kritisierte das internationale Komplott schon
bei der ersten Gesprächsgelegenheit mit seinen Anwälten: „Es scheint,
dass Europa nicht an einer demokratischen Lösung der kurdischen Frage
interessiert ist, eher an einem türkisch-kurdischen Krieg. Daher wollen
sie, dass die Türkei sich mit diesem Problem herumschlägt. Dies war
auch der Haltung Griechenlands zu entnehmen. Politik in Europa hätte
das Ende des Krieges bedeuten können, was aber nicht der Strategie der
USA und des Westens entsprach. Deutschland wollte schnellstmöglich den
Weg in die Berge eröffnen.
Unruhe wegen der Kurden passte ihnen besser in den Kram. Ihre Demokratie
und ihr Rechtsverständnis beabsichtigten nicht, dem kurdischen Freiheitswillen
seine Rechte zuzugestehen. Europa hat keine humane Kurdenpolitik, benutzt
sie lediglich als Argument gegen die Türkei, als Gegenzug für ihre Forderungen.
Die Politik der letzten 200 Jahre wird fortgeführt. Für sie sind die
Kurden ein geeignetes Instrument, um die staatlichen Vertreter Irans,
Iraks und der Türkei zu nötigen. Darum haben sie sich nicht im Sinne
einer dringenden Lösung verhalten. Sie benötigen ein kurdisches Faktum,
das langfristig Schwierigkeiten produziert, eine Lösung hingegen würde
den Trumpf schwächen. Das Komplott gegen mich lässt sich auf der Konfliktlinie
Ost-West festmachen. Sie bewerten mich als Faktor zur Schwächung Anatoliens,
der Türkei. Das verzogene Kind des Westens, die griechische Politik,
wollte mich immer prinzipienlos sehen, als einen, der nur Schaden zufügt.
Sie agiert allerdings nicht selbst als Planerin und Umsetzerin, sondern
als Sub-Akteurin.
Im Kern blieb man der kapitalistischen Kurdenpolitik treu. Sie basiert
darauf, Türken, Perser und Araber an sich zu binden und die Kurden als
Drohung zu benutzen. Ich habe die kurdische Frage mit Krieg oder Frieden
zur endgültigen Lösung forciert, sie aber wollen dieses Problem immer
als Trumpf in der Hand behalten.“
Weil Abdullah Öcalan gegen die im Mittleren Osten herrschende Kollaboration
opponierte, die gemäß den imperialen Interessen, allen voran der USA,
und auf der Grundlage der Verleugnung des kurdischen Volkes sowie gegen
die demokratische, freie und gleichberechtigte Einheit der türkischen,
persischen und arabischen Völker errichtet worden war, und weil er diesen
Status quo zu Gunsten der Völker zu verändern versuchte, auf der Demokratie
beharrte, sich auf die eigene Kraft stützte und eine unabhängige und
freie Haltung zeigte, wurde er diesem Komplott ausgesetzt. Hierzu Öcalan:
„Ich bin überzeugt von der freien und gleichberechtigten Utopie der
Völker, ich verwirkliche deren tausendjährige Utopie. Unsere Haltung
ist unabhängig und freiheitlich. Aus diesem Grunde wurden wir abgeschrieben.“
Die USA versuchen, den Mittleren Osten gemäß ihrem „Great Middle East
Project“ zu gestalten unter Beseitigung der als hinderlich gesehenen
Kräfte. Herr Öcalan galt wegen seiner ideologisch und politisch unabhängigen
Haltung zu Gunsten der demokratischen und freien Einheit der Völker
des Mittleren Ostens als vordergründiges Hindernis. Öcalan dazu: „Das
‚Great Middle East Project’ der USA steht in unmittelbarer Beziehung
zu meiner Entführung in die Türkei. Wer mich dazu gebracht hat, Syrien
zu verlassen, sind dieselben, die heute Syrien international isolieren
und unter Druck setzen. Auch damals habe ich schon erklärt, dass der
einzige Ausweg die Demokratisierung ist. Syrien hat die demokratische
Lösung nicht umgesetzt. Die Situation im Irak ist bekannt. Wenn es so
weitergeht, werden auch Iran, Syrien und die Türkei denselben Punkt
erreichen.“ So wurde nach dem Angriff auf den Irak auch eine Intervention
gegen den Iran und Syrien aufs Tapet gebracht.
Theodoros Pangalos, 1999 griechischer Außenminister, erklärte 2003 in
seiner Aussage im Athener Prozess gegen Abdullah Öcalan: „Jetzt begreife
ich, dass Öcalan als erster Schritt des Irak-Angriffs der USA aus dem
Mittleren Osten herausgedrängt wurde.“
So ist der Zusammenhang zwischen dem rechtswidrigen Komplott gegen Öcalan
und der US-Intervention im Mittleren Osten heute einfacher zu erkennen.
Um die südkurdischen Kräfte, Alliierte der USA, zu stärken und die kurdische
Ressource zurückzuhalten, musste Öcalan, wegen seines großen Einflusses
auf die Kurden und seiner Weigerung, sich der US-Kontrolle zu unterwerfen,
beseitigt werden.
Aus diesem Grunde versucht Öcalan, trotz der schweren Isolationshaftbedingungen
auf der Gefängnisinsel Imralı, dieses internationale Komplott in die
Leere laufen zu lassen. Als erstes öffnete er einen Weg für eine friedliche
Phase in der Türkei. Später erarbeitete er für eine Lösung der mit der
US-Intervention in die Region zugespitzten ethnischen und religiösen
Auseinandersetzungen das Modell „Demokratischer Konföderalismus“.
Das Festhalten der Türkei am Krieg, ihre Bombardierungen und geplanten
Bodenoperationen in Südkurdistan können auch als Erfolg der imperialen
Kräfte gewertet werden, die Türkei gegen eine seit Jahren angestrebte
friedliche Lösung ebenfalls in die Komplikationen des Mittleren Ostens
hineingezogen zu haben. Die Türkei trägt heute das Risiko eines ernsthaften
internen Zusammenstoßes, was 1999 von Öcalan verhindert worden war.
Der Geist des internationalen Komplotts, einen türkisch-kurdischen Konflikt
zu provozieren, zeigt sich heute noch deutlicher und er wird noch schwerer
wiegende politische Konsequenzen nach sich ziehen als 1999.
Noch heute befasst sich Herr Öcalan sehr intensiv damit, einen solchen
türkisch-kurdischen Konflikt zu verhindern. Er zerbricht sich den Kopf,
wie die Türkei daran gehindert werden kann, in die Gewaltspirale des
Mittleren Ostens gezogen zu werden, und wie eine effektive Gegenposition
gegen den ethnischen und religiösen Nationalismus im gesamten Mittleren
Osten aussehen könnte. Diese Themen sind zugleich Kernpunkte der Entwicklung
einer demokratischen Haltung der Völker, gegen die Intervention in der
Region.
Wir möchten noch einmal die Haltung und Annäherungsweise von Abdullah
Öcalan gegen die unmittelbar nach seiner rechtswidrigen Verschleppung
entwickelten imperialen Angriffe darlegen. Er schlägt den Völkern des
Mittleren Ostens vor, gegen die aus der Intervention erwachsenen Krisen,
Kriege und Unruhen ihren demokratischen Willen zu entfalten, sich um
die Linie des Demokratischen Konföderalismus zu versammeln und aus eigener
Kraft Lösungen zu entwickeln: „Die gegenwärtige Situation des Mittleren
Ostens wird weder oben die USA noch unten das Volk akzeptieren. Die
Regierungen klemmen dazwischen. Entweder werden sie sich auf demokratischer
Grundlage erneuern oder vom Druck der USA zermahlen werden. Auch Großbritannien
und Amerika haben begriffen, dass es mit despotischen Staaten nicht
weitergehen kann, und ihre Unterstützung zurückgezogen. Sie können auch
an deren Stelle keine neuen Strukturen bilden, sehen sich in auswegloser
Situation. Der demokratische Ausweg ist daher wichtig. Wenn dies allein
den USA überlassen wird, entstehen Krise und Chaos. Der Demokratische
Konföderalismus der Völker des Mittleren Ostens ist der einzige Ausweg,
auch für den Irak und die Türkei. Ebenso für die Kurden heißt dieser
Ausweg Demokratischer Konföderalismus Kurdistan. Ich schlage keinen
Nationalstaat vor. Das Modell, das ich vorschlage, ist kein Staat, aber
auch keines, das dem Staat ausgeliefert ist.“, so Öcalan.
Er drückt es so aus: „Für eine Lösung im Mittleren Osten bedarf es des
Demokratischen Konföderalismus. Das Beharren des kapitalistischen Systems,
der imperialen Kräfte, kann keine Demokratie erzeugen. Wenn überhaupt,
werden sie die Demokratie nur missbrauchen. Es ist wichtig, die demokratische
Alternative von der Basis her zu entwickeln. Es ist ein System, das
auf gesellschaftlicher Grundlage ethnische, religiöse und klassenbezogene
Unterschiede berücksichtigt. Für Kurdistan sollte das Selbstbestimmungsrecht
nicht als die Gründung eines Staates auf nationalistischer Grundlage
gehandhabt werden, sondern die Bewegung sollte ihre eigene Demokratie
aufbauen, ohne die politischen Grenzen zu problematisieren. Der Nationalstaat
wurde zum Ende des 20. Jahrhunderts zum großen Hindernis für gesellschaftliche
Entwicklungen, Demokratie und Freiheit. Das Selbstbestimmungsrecht wurde
als das Recht einer eigenen Staatsgründung verstanden. Die sich auf
Nationalstaaten stützende UNO ist gescheitert. Die Irak-Frage legt es
offen. Die Ausweglosigkeit des letzten Viertels des letzten Jahrhunderts,
die Situation am Golf, im Irak und in Afghanistan liegen auf der Hand.
Die UNO ist hilflos. Die USA haben es in gewisser Weise begriffen, aber
der Imperialismus hat nicht die Chance, ein Lösungsmodell zu entwickeln.
Er ist in Staaten wie der Türkei, Ägypten und Afghanistan hinter künstlichen
Entwürfen her, die die wahre Demokratie verschleiern. Der Ausweg liegt
im Demokratischen Konföderalismus. Bei diesem Modell kommen das Wort,
die Diskussion und der Beschluss der Gesellschaft zu. Aus der Basis
kommende Delegierte bilden übergreifend eine Koordination. Diese Delegierten
arbeiten wie Beamte des Volkes. Die eigentliche Entscheidungsbefugnis
liegt bei den Dorf-, Stadtteil- und Stadträten und den Delegierten,
also bei der Basis.“
Die Zukunft des Mittleren Ostens wird daher bestimmt werden vom Kampf
zwischen dem Projekt des Demokratischen Konföderalismus Abdullah Öcalans
und dem Projekt des Großen Mittleren Ostens der USA. Wenn sich in der
Region die These Herrn Öcalans des vom US-Projekt produzierten Chaos
behaupten kann, werden die imperialistische Intervention und das Komplott
ins Leere laufen und die Völker der Region werden ihre lang ersehnte
Demokratie, Freiheit und Frieden erlangen.