Karayılan:
Marschiert die Türkei in den Süden ein, kommt sie nicht mehr heraus
Diese Phase zu unseren Gunsten entscheiden
ANF News Agency, Behdinan 28.01.2008
Die
politische Tagesordnung der Türkei ist immer sehr bewegt. Derzeit ist
sie zum einen von den militärischen Operationen der türkischen Armee
– auch über die Staatsgrenzen hinweg – geprägt, zum anderen gibt es
Aktivitäten gegen Banden und Al-Qaida, die Kopftuchdebatte ist erneut
entfacht und vieles mehr. Diese und andere Fragen werden im folgenden
Interview mit Murat Karayılan, Vorsitzender des Exekutivrates der KCK,
behandelt.
Erwarten Sie zum Frühjahr Bodenoperationen des türkischen Militärs
in Südkurdistan?
Das ist sehr wahrscheinlich. Der türkische Staat und die türkischen
Medien geben die gegenwärtigen Luftangriffe sehr übertrieben wieder.
Sie erklären uns für demoralisiert und aufgelöst. Sie verbreiten Unwahrheiten
und zielen mit dieser psychologischen Kriegsführung darauf, die Überzeugung
des kurdischen Volkes zu schwächen. Wer sich mit Kriegkunst befasst,
wird wissen, dass keine Kraft nur mit Luftangriffen und Geschützfeuer
zu vernichten ist. Im Krieg muss man sich gegenüberstehen, um erfolgreich
zu sein. Das wissen auch die türkischen Generäle.
Der türkische Staat versucht momentan, zum einen unsere Guerillaeinheiten
im Norden Kurdistans durch Aufklärungsflüge aufzuspüren und zu vernichten
und zum anderen unsere Einheiten im Süden Kurdistans mit Luftangriffen
und Aufklärungsflügen von der Ausbildung abzuhalten, die Moral zu schwächen
und sie damit unvorbereitet dem Frühling zu überlassen. Dann soll höchstwahrscheinlich
mit einer breit angelegten Bodenoperation in den Süden Boden gutgemacht
werden. Schon jetzt werden [von der Türkei aus] entsprechende politische,
diplomatische und militärische Vorbereitungen getroffen. Wir denken,
dass die Türkei auf diese Weise nichts gewinnen wird, vielmehr wird
sich der Krieg verschärfen.
Die Ergebnisse werden sowohl für uns als auch für die Türkei von Bedeutung
sein. Natürlich bin ich nicht in der Lage, schon jetzt vorauszusagen,
was genau passieren wird, aber wir sind davon überzeugt, dass in diesem
Fall wir als Gewinner hervorgehen werden.
Eine solche Operation wird sich natürlich auch auf das regionale Kräfteverhältnis
politisch auswirken. Wenn die türkische Armee einmal in den Süden einrückt,
wird sie sich nicht wieder zurückziehen. So war es auch 1997. Die damals
eingedrungenen Kräfte sind bis heute präsent. So sind heute noch in
Bamerne, Amediye, Şeladize, Batufa, Begova und Kanimasi Einheiten stationiert.
Marschiert die türkische Armee erneut in den Süden ein, wird sie ihre
Kräfte höchstwahrscheinlich noch stärken. Aus diesem Grunde wird sie
Schwierigkeiten mit dem Einverständnis der USA und der südkurdischen
Kräfte haben. Aber es kann alles passieren, deshalb bereiten wir uns
auf alle Eventualitäten vor. Hier ist der Mittlere Osten, alles ist
möglich, vor allem in der Phase, wenn die Verhandlungen beginnen. Deshalb
vertrauen wir auf unsere eigene Kraft, wir stützen uns auf unsere Erfahrungen
und werden unterschiedliche Vorbereitungen treffen, um diese Phase zu
unseren Gunsten zu entscheiden.
Warum wird Ihre Bewegung beharrlich mit Drogenhandel in Verbindung
zu bringen versucht?
Aufgrund unserer ideologischen und politischen Prinzipien, unserer Ethik
und Lebensphilosophie und dem neuen Gesellschaftsmodell gemäß kämpft
unsere Bewegung gegen jede Art von Substanz an, die die Menschen benebelt,
betäubt und sogar abhängig macht. Wir benutzen nicht einmal alkoholische
Getränke. Wir animieren sogar dazu, das Rauchen aufzugeben. Aus unserer
ökologischen Sichtweise sind wir gegen alles, was den Menschen schadet.
Daher haben wir keinerlei Bezug zum Drogenhandel. Wir haben schon früher
erklärt und werden es noch einmal wiederholen: Sie sollen einen Beweis
für ihre Behauptung vorlegen. Es heißt, die PKK nehme Zoll. Gegenwärtig
nicht, früher aber schon. Aber auch da waren es Zolleinnahmen für Gas,
Gebrauchsgegenstände und ähnliches, also normale Handelswaren. Drogenschmuggler
nutzen meist andere und geheimere Wege und wenden andere Methoden an,
weil im Drogenhandel meist Staaten mitmischen. Früher verlangten wir
Zoll, erwischten wir Drogenschmuggler, dann auch von ihnen. Aber es
wird so dargestellt, als würden wir den Drogenhandel kontrollieren,
das ist falsch.
Es ist allgemein bekannt, dass es sich um organisierte Mafiakreise handelt.
Diese haben keine Kontakte zu uns, sondern mit staatlichen Kräften.
Wenn es um eine Kontrolle des Drogenhandels geht, so ist es der türkische
Staat, der ihn kontrolliert. Wir unterhalten keinerlei Beziehung zu
diesen Kreisen und niemand hat das Recht, uns mit Drogenschmuggel, den
wir aus ideologischen und ethischen Gründen strikt ablehnen, in Verbindung
zu bringen. Der türkische Staat kann keine Beweise für diese Diffamierung
vorlegen. Es ist nichts als eine Lüge im Spezialkrieg, Teil der psychologischen
Kriegsführung. Es ist eine Erfindung mit der Zielsetzung, unsere Bewegung
zu diffamieren und ihrem Ansehen zu schaden.
Diesen Anschuldigungen ist unsere Bewegung seit den 90er Jahren ausgesetzt.
Doch wurde in einigen Gerichtsverfahren in Deutschland die Beteiligung
der Türkei aufgedeckt, in einem ging es auch um die damalige türkische
Ministerpräsidentin Tansu Çiller. Stünde der türkische Staat nicht in
Beziehung zu den Mafiaorganisationen, so würde für den Drogenhandel
aus Afghanistan nach Europa nicht die Strecke über die Türkei bevorzugt
werden.
Was ist Ihre Ansicht zur Kopftuchfrage? Warum hat die AKP Ihrer
Meinung nach das Thema erneut aufgebracht?
Als Bewegung sind wir gegen jegliche Einschränkung der Freiheiten. Wir
sind der Meinung, dass die Menschen frei entscheiden sollten, wie sie
sich ihrem Glauben gemäß kleiden möchten. Aber es ist eine wirklich
traurige Tatsache und eine Blamage zugleich, dass im 21. Jahrhundert
die Tagesordnung der Türkei seit Tagen von Kleiderordnungsdebatten bestimmt
wird. Was diskutiert die Welt und was die Türkei im Vergleich dazu!?
Es ist die Darstellung eines rückständigen Zustands. Das Thema darf
nicht die Tagesordnung in einem solchen Maße bestimmen und dermaßen
übertrieben werden. Die Tatsache, dass die Frage des Kopftuches zu einem
politischen Symbol geworden ist, spielt dabei eine große Rolle. Es hat
auch etwas mit uns zu tun, dass diese Diskussion jetzt erneut entfacht
wurde.
Die AKP-Regierung ist von Beginn an eine Verfechterin des Kopftuches
und kommt aus einer Bewegung, die das Kopftuch symbolisiert. Das hat
sie aber bislang aus Vorsicht nicht zum Ausdruck gebracht. Bei der Wahl
vom 22. Juli hat sie ihre Stimmenzahl erhöht und sie hat – in erster
Linie mit den Militärs und mit den konservativen Kreisen des Systems
– ein Bündnis gegen die kurdische Freiheitsbewegung geschlossen. Dieses
Bündnis hat die Vernichtung der kurdischen Freiheitsbewegung zur Grundlage
und so wurde die AKP erneut berufen, als Spezialkriegsregierung. Daher
hat Erdoğan in Spanien nicht zufällig die Kopftuchfrage zur Sprache
gebracht. Er will damit sagen: „Wenn ich schon gegen die Kurden Krieg
führe und die Risiken trage, so kann ich meine Vorstellungen und Forderungen
auch umsetzen und das Kopftuchverbot abschaffen.“ Hier haben wir es
erneut mit Kriegsprofit zu tun. Es ist ein nicht zu unterschätzender
Schritt, mit dem die AKP als Gegenleistung für den Krieg gegen das kurdische
Volk einen größeren Anteil des Staates beansprucht. Für sie ist das
ein sehr wichtiger Schritt. Auch die MHP beteiligt sich an dieser Kopftuchfrage,
weil sie ebenfalls in den religiösen Kreisen fischen will.
Diese Diskussionen betreffen zudem die Frauen. Eine Auffassung, die
dermaßen politisiert, wie Frauen ihr Kopftuch anzulegen haben, gibt
auch Anhaltspunkte über die Annäherungsweise an die Frauenfrage. Diesmal
werden mit Angriff und Verunglimpfung Pläne gegen die Frauen geschmiedet.
Aus den genannten Gründen finden wir diese Debatte nicht richtig. Zudem
manipuliert sie die eigentliche Tagesordnung. Wir sind für Freiheiten.
Deshalb ist es unserer Meinung nach falsch, die Kleiderfrage auf diese
Weise zu diskutieren. Alle sollen sich kleiden und sprechen können wie
sie wünschen. Es heißt jetzt, das Kopftuchverbot soll nach den Hochschulen
auch in der Oberstufe aufgehoben werden; wovor haben sie Angst? Seid,
wie Ihr seid. Ist eine Gesellschaft, die nach eigenen Wünschen lebt,
handelt und sich kleidet, nicht besser und natürlicher als eine, der
bestimmte Formen und Schablonen aufgezwungen werden? Dies mit Gesetzen
zu reglementieren, schafft keine ausgesöhnte Gesellschaft und wahre
Demokratie. Wir sind der Meinung, dass sich der kulturelle Islam uneingeschränkt
entfalten sollte, aber Religion als Instrument der Politik zu benutzen,
die religiösen Gefühle mit Interessen zu verstricken, das ist die größte
Respektlosigkeit gegenüber einer Religion. Die Tatsache, dass heute
der politische Islam die Religion instrumentalisiert, hat nichts mit
Aufrichtigkeit und wahrhafter Frömmigkeit zu tun.
Erst kürzlich wurde eine Operation gegen die Ergenekon-Bande durchgeführt,
mit Dutzenden von Festnahmen. Es wurde aufgedeckt, dass viele ihrer
Angriffe Ihrer Bewegung zugeschoben worden waren. Können diese Festnahmen
als ein Schlag gegen den „tiefen Staat“ und dessen Banden gesehen werden?
Vorab: Auch wenn nicht gegen die gesamte Ergenekon-Bande vorgegangen
wurde, so ist eine Operation gegen die Führungsriege trotzdem als positiver
Schritt zu werten. Zumindest konnten auf diese Weise zahlreiche potentielle
Morde verhindert werden.
Aber dem wird keine weitere Etappe folgen, in der die Bandenstrukturen
innerhalb des Staates abgeschafft werden. Es ist auch keine Maßnahme
– wie von türkischer Presse behauptet – gegen den „tiefen Staat“, sondern
gegen einige außer Kontrolle geratene Einheiten. Weder die AKP-Regierung
noch der Ministerpräsident hätten die Kraft und die Befugnis zu einer
solchen Unternehmung. Die Anordnung wurde wahrscheinlich vom „tiefen
Staat“ selbst erteilt. Vermutlich mussten aus dem Ruder Gelaufene wie
Veli Küçük [s. S. 28] deaktiviert werden, sie waren wie ein Buckel auf
dem Rücken des „tiefen Staates“. Tausende von Morden in Kurdistan gehen
auf sein Konto. Werden sie alle aufgeklärt werden? Nein, denn Veli Kücük
ist doch auch nur Befehlsempfänger. Um diese Morde unbekannter Täter
aufzuklären, müsste viel weiter oben angesetzt werden. Hierfür bedarf
die Türkei einer noch gründlicheren Konfrontation mit sich selbst. Mit
der durchgeführten Operation wird ihre Wirkungskraft etwas geschwächt
und sie vielleicht wieder auf Linie gebracht werden, aber die Ergenekon-Bande
besteht nicht nur aus dreizehn Personen. Sie hat Hunderte von Mitgliedern
mit Kampfausbildung.
Schon unter den Osmanen gab es die Spezialeinheit „Teşkilat-ı Mahsusa“
[war u. a. mit Deportation und Massakern an armenischer Bevölkerung
befasst]. Seitdem existieren geheime Organisationen innerhalb des Staates,
bei der NATO hießen sie Contraguerilla, Gladio. Die gab es ebenso im
NATO-Mitgliedsstaat Türkei, die Ergenekon-Bande ist eine davon.
Allgemein, solange die kurdische Frage nicht gelöst ist, werden diese
Banden weiter existieren. Denn schon von Beginn an hat der türkische
Staat im Kampf gegen die Kurden auch nicht legale Kriegsmethoden für
legitim erachtet und angewandt. Wenn es tatsächlich zu einem Abbau der
Banden kommen sollte, so würde die Türkei einen wichtigen Schritt zu
mehr Transparenz machen. Das dem nicht so ist, liegt auf der Hand. Denn
erst vor kurzem hat der Staat andere Mitglieder dieser Banden in Şemdinli,
die unsere Bevölkerung festgenommen und dem Staat übergeben hatte [nach
dem Bombenanschlag auf einen Buchladen Ende 2005], freigelassen. Es
ist offensichtlich, dass diese Banden von Regierung und Generalstab
begünstigt werden.
Es wurde auch gegen eine angebliche Al-Qaida-Gruppe vorgegangen.
Wie ist diese Operation nach dem Treffen von Bush mit Erdoğan zu bewerten?
In den Medien wird über gewisse Operationen gegen die Al-Qaida berichtet.
Aber wir wissen nicht, ob es wirklich gegen diese Gruppe geht. Wir denken,
dass die Türkei diese Maßnahmen bewusst übertrieben darstellt. Es ist
eine Botschaft, als Gegenleistung für das gemeinsame Konzept mit den
USA gegen uns. Aber gleichzeitig wird deutlich, dass die Türkei diese
Art von Gruppierungen duldet. Der gegenwärtige Ministerpräsident und
der Staatspräsident der Türkei sind ideell verwandt mit Al-Qaida, es
gibt auch Bekanntschaften von früher. Folglich gab es bislang eine etwas
gemäßigtere Haltung zu dieser Gruppe. Das ist nur natürlich bei einer
Regierung, die mit Hamas und Hisbollah offizielle Kontakte pflegt. Daher
wundert mich das nicht. Aber es ist ein gewisses Kalkül zu beobachten.
Um die USA noch weiter gegen uns zu mobilisieren, wird gegen Al-Qaida-Einheiten
vorgegangen. Die Wirksamkeit ist eine andere Frage. Ich glaube nicht,
dass die gegenwärtige AKP-Regierung strategisch die Vernichtung der
Al-Qaida im Sinn hat. Vielmehr werden Botschaften transportiert, zum
einen an die USA: „Wir sind bei Euch“, zum anderen an die Al-Qaida,
sich bei der Nutzung türkischen Territoriums etwas zurückzuhalten. Wie
gesagt, diese Operationen gehen auf politische Berechnungen zurück.
Die KCK haben Israel ermahnt, weil es der Türkei technische Unterstützung
bei den Militäroperationen gewährt. Können Sie uns erläutern, wie diese
Unterstützung aussieht, wie ist Ihre mögliche Reaktion darauf?
Die Beziehungen zwischen Israel und der Türkei sind nicht neu. Zum ersten
Mal wurde 1996 ein gemeinsames Militärabkommen unter Ministerpräsident
Erbakan unterzeichnet. Es beinhaltete die Ausbildung türkischer Piloten,
das Training an Cobra-Helikoptern sowie die Modernisierung türkischer
Flugzeuge. Außerdem war Israel beteiligt an der Entführung und Verhaftung
unseres Vorsitzenden. Drei Kurden wurden 1999 in Berlin vor dem israelischen
Konsulat während einer Protestkundgebung getötet. Schon damals hatten
wir scharfe Erklärungen abgegeben, aber weil unser Vorsitzender eine
neue Phase eingeleitet hat, hegt unsere Bewegung keinerlei Feindschaft
gegenüber den USA und Israel, also den Kräften, die ausschlaggebend
für die Festnahme unseres Vorsitzenden waren, oder verantwortete Aktivitäten,
die ihnen Schaden zugefügt hätten.
Israel ist ein Staat, der im Mittleren Osten nicht anerkannt wird. Das
hier in der Region herrschende System macht es Israel schwer und ist
gleichzeitig ein System, das die Kurden nicht anerkennt. Aus diesem
Grund müsste Israel an den Kurden interessiert sein. Bekanntermaßen
steht es mit Südkurdistan in Beziehung, hat aber seine militärischen
Verbindungen mit der Türkei in diesem Jahr trotzdem erneuert. Wir haben
nichts gegen die Entwicklung der israelischen Beziehungen zur Türkei.
Aber dass mit seiner Hilfe die Waffen der Türkei noch tödlicher werden,
dass es daran beteiligt ist, das Blut junger Kurden zu vergießen, ist
nicht ohne Bedeutung. Es unternimmt Aufklärungsflüge, viele unserer
Freunde sind in Gabar und Bestler aus diesem Grunde gefallen. Eine in
Batman stationierte Experteneinheit benutzt Heron-Aufklärungsflugzeuge.
Diese sollen von Israel angemietet worden sein. Die Türkei hat eine
Bestellung aufgegeben und zehn solche Systeme sollen demnächst an die
Türkei verkauft werden. Es sind israelische Piloten, die sowohl im Norden
als auch im Süden Kurdistans Aufklärungsflüge durchführen und zudem
türkische Piloten ausbilden. Auch taktische und technische Unterstützung
an die Türkei kommt aus Israel.
D. h. Israel entwickelt die Kriegstechnologie der Türkei und betreibt
Aufklärung mit der Zielsetzung, die kurdische Guerilla zu vernichten.
Im kommenden Monat wird der israelische Verteidigungsminister Barak
in die Türkei kommen. Es ist von noch weiter gehenden militärischen
Abkommen mit der Türkei auszugehen. Wenn Israel mit der Türkei derartige
Bündnisse gegen das kurdische Volk entwickelt, so werden die Kurden
sich überlegen müssen, was sie dagegen tun können. So wie Juden überall
auf der Welt leben, so gibt es auch weltweit Kurden. Wir sind gezwungen,
darüber zu debattieren, was wir gegen das Verständnis eines Landes wie
Israel unternehmen können, das sich speziell bemüht, bei der Tötung
der Kurden mitzuwirken, und die Türkei entsprechend technisch ausrüstet.
Meine Worte sollten nicht als leere Drohung verstanden werden. Nein,
wir meinen es ernst.
Wir sind für das Existenzrecht Israels in der Region. Die Existenz des
jüdischen Volkes in der Region ist eine Realität. Aber wir sind zugleich
der Überzeugung, dass die Kurden als Volk ebenfalls Anspruch auf ihre
nationalen Rechte haben. Auch Israel muss das akzeptieren und respektieren.
Folglich sind wir für die Änderung dieses Systems des Status quo. Es
ist interessant: Auf der einen Seite tötet die türkische Armee gemeinsam
mit der iranischen Armee unsere Freunde, der Iran richtet sie hin, auf
der anderen Seite tragen israelische Experteneinheiten neben der türkischen
Armee ebenfalls zur Tötung unserer Freunde bei. Das ist eine ernsthafte
Paradoxie. Pragmatismus und Kalkulationen bringen alle Realitäten durcheinander.
Wer gegen wen und wer für wen ist, entwickelt sich ausschließlich nach
Interessen. Aus diesem Grunde wollen wir, dass Israel Abstand nimmt
von dieser Art Politik. Wir wollen nicht, dass es Feindschaft gegen
das kurdische Volk hegt. Wenn es darauf beharrt, so wird auch das kurdische
Volk Möglichkeiten dagegen finden. Wir werden den politischen und diplomatischen
Weg suchen. Das alles sollte der israelische Staat bedenken.
Warum kämpft Israel, nach dessen Vernichtung die Türkei, Iran und Syrien
trachten, gemeinsam mit der Türkei gegen die kurdische Guerilla? Das
wird es seiner Bevölkerung und uns gegenüber nicht erklären können,
weil es unlogisch ist. Es muss gesehen werden, dass das Problem an einem
entscheidenden Punkt angelangt ist. Sie müssen wissen, dass das kurdische
Volk diese Annäherungsweise nicht akzeptiert. Es gehört mit zu den ältesten
Völkern dieser Region. Wo ist der Ausgangspunkt des Propheten Abraham,
ist es nicht Kurdistan? Ich persönlich stamme aus Urfa, ebenso wie der
Prophet Abraham. Sprache und Kultur eines der ältesten Völker der Region
sollen vernichtet werden. Israel ist aktiv daran beteiligt. Wir rufen
es dazu auf, damit aufzuhören. Es liegt nicht in seinem Interesse. Sie
müssen wissen, wenn sie trotz allem an dieser Politik festhalten, wird
es auch ihnen schaden.
Die Parlamentarische Versammlung des Europarates hat die EU-Liste
terroristischer Organisationen als illegal bezeichnet, sie beruhe auf
politischen Erwägungen. Wie bewerten Sie diesen Beschluss?
Ohne den gesamten Umfang des Beschlusses zu kennen, halte ich die Definition
dennoch für angebracht und richtig. Denn unsere Aufnahme in diese Liste
ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Skandal. Unsere Bewegung entwickelte
von 1984 bis 1999 den bewaffneten Kampf im Sinne der Selbstverteidigung.
Am 2. August 1999 erklärten wir der Weltöffentlichkeit, dass wir die
Waffen niederlegen. Von da an bis zum Jahre 2004 wurde unsererseits
keine einzige Kugel abgeschossen. Zu der Zeit, als wir den bewaffneten
Kampf eingestellt hatten und Bemühungen zeigten, die Waffen für immer
schweigen zu lassen, setzte die EU 2002 die PKK und 2004 den Kongra-Gel
auf die Liste terroristischer Organisationen. Dieser Beschluss war ausschließlich
aus politischen und ökonomischen Interessen auf Druck der USA gefasst
worden.
Die USA bereiteten damals die Irak-Intervention vor. Mit der Annahme,
die Türkei würde sich daran beteiligen, übten sie auf türkischen Wunsch
starken Druck auf Europa aus, uns in diese Liste aufzunehmen, dem die
EU entsprach. Wir unternahmen damals unterschiedliche politische Aktivitäten,
um es zu verhindern, einige Länder erklärten damals sogar, sie seien
dazu gezwungen gewesen. Die Türkei, von diesem EU-Beschluss ermutigt,
nahm dann von einigen für die Lösung der kurdischen Frage anvisierten
Schritten Abstand. Wenn heute die kurdische Frage noch immer nicht gelöst
und der Konflikt erneut auf der Ebene bewaffneter Auseinandersetzungen
angelangt ist, so hat die EU mit ihrem damaligen Beschluss großen Anteil
daran. Denn der türkische Staat verhielt sich bis dahin gewogen. Ein
Lösungsprojekt hätte wahrscheinlich entwickelt werden können, aber die
Vorfälle vom 11. September 2001, die US-Erklärung „Krieg dem Terror“
und die EU-Auflistung unserer Bewegung verführten die Türkei zu der
Annahme, EU und USA würden die PKK vernichten, und sie sah folglich
keinen Grund mehr, das Problem zu lösen. Sie hat daraufhin unsere Bewegung
noch mehr terrorisiert.
Während sich unsere Kräfte 2003 noch im Waffenstillstand befanden, begann
die türkische Armee mit ihren Angriffen und verstärkte sie. 2004 waren
wir zur Selbstverteidigungsentscheidung gezwungen. Dieser EU-Beschluss
hat verhindert, unser Problem mit der Türkei schon 2002 oder 2003 zu
lösen. Folglich trägt die EU nicht nur aufgrund des Abkommens von Lausanne
[1923], sondern auch mit ihrer aktuellen politischen Haltung Mitverantwortung
für die Lösungslosigkeit der kurdischen Frage. Die Rolle der EU beim
gegenwärtigen Blutvergießen ist groß. Wenn ihr Gewissen sie nicht quält,
liegt es an ihrer Gefühllosigkeit.
Unsere Bewegung insistiert nicht auf dem bewaffneten Kampf, sondern
wir haben die Strategie des politisch-demokratischen Kampfes beschlossen.
Wir sind davon überzeugt, dass die Waffen nur in zwingenden Situationen
im Sinne der Selbstverteidigung eingesetzt werden dürfen, die gesellschaftlichen
Probleme aber mit Gewalt nicht zu lösen sind. Von der Waffe – außer
in Selbstverteidigungssituationen – Gebrauch zu machen, sehen wir als
terroristischen Akt an und verurteilen es. Was soll das, eine Bewegung,
die Millionen von Menschen hinter sich weiß, die den bewaffneten Kampf
wie oben beschrieben verlassen hat, die einen politisch-demokratischen
Kampf zu führen gewillt ist und sich um den Frieden bemüht, in die Liste
terroristischer Organisationen aufzunehmen? Haben diese Kräfte kein
Gewissen? Gibt es kein Recht? Wird alles von ökonomischen Interessen
bestimmt? Wird sich die EU niemals nach rechtlichen und ethischen Kategorien
verhalten? Wir sagen, es gibt die kurdische Frage und wir wollen sie
auf friedlichen Wegen lösen. Die EU aber stigmatisiert uns stattdessen
und verleitet den türkischen Staat dazu, uns mit Gewalt zu vernichten.
Aus diesem Grunde wollen wir auf das Urteil des Europäischen Gerichtshofs
in dieser Sache hoffen. Die Türkei sprach vom 29. Aufstand. Die PKK
ist als ein zeitgemäßer kurdischer Volksaufstand entstanden und ist
heute eine gesellschaftliche Bewegung. Wäre heute ein EU-Land besetzt,
würden die Gesellschaft und die Menschen dieses Landes sich nicht erheben?
Würden sie sich nicht für ihre Sprache, für ihre Kultur, für ihre natürlichen
nationalen und Menschenrechte auflehnen? Existiert in den UN-Bestimmungen
nicht das Recht auf Selbstverteidigung? Ginge es tatsächlich nach dem
Recht, so würde aufgedeckt werden, dass weder PKK noch Kongra-Gel etwas
mit Terrorismus zu tun haben und dass dieser EU-Beschluss politischer
Natur ist. PKK und Kongra-Gel als terroristisch zu definieren, ist nichts
anderes, als das Problem in die Ausweglosigkeit zu verdammen. Wenn Europa
die Lösung der kurdischen Frage will, so muss es entsprechende Schritte
einleiten. Werden diese eingeleitet, wird die Gewaltdosierung reduziert
werden. Aber die Aufnahme einer Bewegung, die die Waffen niedergelegt
hat, in die Liste terroristischer Organisationen ist wahrhaftig ein
Skandal, eine Ungerechtigkeit und rechtswidrig zugleich. Wir erwarten
vom Gerichtshof die Korrektur dieser Rechtswidrigkeit.