Schein
und Sein der Politik der Wahrheits- und Gerechtigkeitspartei
Der AKP die Unterstützung entziehen
Selahattin Demirtaş, stellvertretender Fraktionsvorsitzender der DTP,
Abgeordneter von Diyarbakır
Die AKP übernahm bei der
Wahl am 3. November 2002, zu einem historisch sehr günstigen Zeitpunkt,
die Regierungsmacht. Ein Aspekt, der diese Zeit politisch prägte, war
der 1999 verkündete und danach immer wieder verlängerte einseitige Waffenstillstand
der PKK. Die PKK hatte seit 1984 bewaffnet für das Selbstbestimmungsrecht
der kurdischen Bevölkerung und gegen die türkische Republik gekämpft.
1999 zog sie ihre bewaffneten Kräfte in den Norden des Irak zurück.
Dieser Schritt ermöglichte ernsthafte Entspannungsprozesse in der Türkei.
Im gleichen Zeitraum vertieften die EU und die Türkei ihre Annäherung.
Hauptsächlich aufgrund der Beitrittskriterien der EU (dem menschenrechtlichen
Teil der Kopenhagener Kriterien) begann in der Türkei eine Phase von
Reformen. Gleichzeitig beschleunigte sich, aufgrund des Wachstums der
Weltwirtschaft und weitere Faktoren, der Geldfluss in die Türkei, so
dass sich die inländische Wirtschaft aus einer langjährigen Krise erholen
konnte.
Aufgrund der erlangten parlamentarischen Mehrheit war die AKP sogar
in der Lage, eigenständig Verfassungsänderungen vorzunehmen. Deshalb
setzte die Öffentlichkeit, berechtigterweise, große Erwartungen in die
Politik der Partei. Nachdem die begonnenen Reformen nicht in die Praxis
umgesetzt worden, d. h. bei der Umsetzung gravierende Probleme aufgetreten
waren, unternahm die AKP keinen ernsthaften Versuch, die Politik der
Entspannung zu erwidern und fortzusetzen. Die Schuld an dem Fehlschlagen
der Reformen projizierten die Verantwortlichen der Partei in jeglicher
Hinsicht auf die Armee und den bürokratischen Apparat. Die AKP präsentierte
sich als Befürworterin der Reformen und die Armee als Reformgegnerin.
Hierdurch wurde in der Öffentlichkeit der Eindruck vermittelt, der Ursprung
der Schwierigkeiten bei der Umsetzung der Reformen läge in diesem Konflikt.
Seitens der Öffentlichkeit in der Türkei, der Kurden und sogar der EU
wurde der AKP deshalb großes Verständnis entgegengebracht. Ziel der
genannten Akteure war, die AKP in ihren Reformbemühungen zu unterstützen
und den Demokratisierungsprozess erfolgreich weiterzuführen. Ministerpräsident
Erdoğan, der erklärte, dass er sich einer friedlichen und demokratischen
Lösung der kurdischen Frage annehmen wolle, genoss in dieser Hinsicht
weitgehend ihr Vertrauen.
Mittlerweile hat die AKP-Regierung alle parlamentarisch verabschiedeten
positiven Reformen ihrer viereinhalbjährigen Regierungszeit beiseite
gewischt. Sie betreibt demgegenüber seit 2005 eine rückwärtsgewandte
Politik, die kaum historische Einsicht erkennen lässt. Beispiele dafür
sind u. a. Gesetzesänderungen wie der die Meinungsfreiheit einschränkende
Artikel 301, das Anti-Terror-Gesetz, das Gesetz zur Ausweitung der Befugnisse
der Polizei und andere Gesetze, durch die Menschenrechte für nichtig
erklärt wurden. Zudem hat die Regierungspartei, statt den Versuch, die
Lösung der kurdischen Frage auf friedlichem und dialogischem Weg voranzutreiben,
Militäroperationen zur Vernichtung der PKK geduldet, obwohl diese erneut
einen einseitigen Waffenstillstand erklärt hatte. Somit hat die AKP
auf vielfältige Weise zu einer Eskalation der Situation beigetragen.
Trotz großer Kritik an dieser Politik hielt die Unterstützung durch
eine breite Öffentlichkeit u. a. aufgrund der politischen Auseinandersetzungen
zwischen AKP und Armee an. Aus vielen gesellschaftlichen Kreisen kam
es zu massiver Kritik an dem vom Generalstab gegen die Kandidatur von
Abdullah Gül zum Staatspräsidenten veröffentlichten Memorandum. Die
KritikerInnen positionierten sich auf der Seite der AKP, um ihre Unterstützung
für eine zivile Politik zum Ausdruck zu bringen und einen befürchteten
Militärputsch zu verhindern.
Bei der Parlamentswahl am 22. Juli 2007, die in der beschriebenen angespannten
Atmosphäre stattfand, hat es die AKP sogar geschafft, ihr Wahlergebnis
zu verbessern. Trotzdem hat die Partei im Vergleich zur vorherigen Legislaturperiode
Parlamentssitze verloren, weil die Partei der Nationalistischen Bewegung
(MHP) und die Partei der Demokratischen Gesellschaft (DTP), neben der
schon vorher vertretenen Republikanischen Volkspartei (CHP), ebenfalls
den Einzug ins Parlament schafften. Die AKP stellt jedoch noch immer
mit 330 Parlamentssitzen eine regierungsfähige Mehrheit.
Einige Fakten, die nach der Wahl von 2007 bekannt wurden, stimmen allerdings
sehr nachdenklich. Unmittelbar vor der Wahl hielten Ministerpräsident
Tayyip Erdoğan und Generalstabschef Yaşar Büyükanıt ein geheimes Treffen
ab und verständigten sich dabei bezüglich einiger Punkte der zukünftigen
Politik. Demzufolge sollte die AKP die Reformpolitik, vor allem die
in der kurdischen Frage, nicht mehr ernsthaft weiterverfolgen. Darüber
hinaus sollte die Regierung der Armee im Kampf gegen die PKK uneingeschränkte
u. a. auch finanzielle und moralische Unterstützung zukommen lassen.
Als Gegenleistung dafür sollte die Armee dulden, dass Abdullah Gül zum
Staatspräsidenten gewählt und einige Veränderungen in der Frage des
Tragens von Kopftüchern vorgenommen werden.
Mittlerweile beginnt sich in der Türkei alles entsprechend dieser Absprache
zu entwickeln. Zuerst hat die AKP erklärt, dass sie die DTP nicht als
Gesprächspartnerin akzeptieren werde, da diese die Kurden nicht vertrete.
Die Regierungspartei versuchte zusätzlich, die DTP dazu zu zwingen,
die PKK als eine terroristische Organisation zu deklarieren. Obwohl
die DTP erklärte, dass sie jegliche Gewalt ablehne, ohne die PKK als
eine Terrororganisation zu bezeichnen, wurden erhebliche Repressionen
gegen sie eingeleitet. In diesem Rahmen wurde gegen die DTP, wie schon
gegen jede vorherige Partei, die mehrheitlich von der kurdischen Bevölkerung
gewählt wurde, ein Verbotsverfahren eingeleitet. Im Parlament beantragte
die AKP zusätzlich die Aufhebung der Immunität der DTP-Abgeordneten.
Darüber hinaus wurden mehrere DTP-Funktionärinnen und -Funktionäre festgenommen
und verhaftet. Zu guter Letzt wurde der Co-Vorsitzende der Partei, Nurettin
Demirtaş, nach einer Europareise aufgrund einer Zivilklage in Haft genommen.
Als Folge der öffentlichen Kriminalisierungsbestrebungen kam es zu militanten
Angriffen auf DTP-Büros. Während die AKP erklärt, dass die kurdische
Frage gelöst sei, da die wöchentlich zweistündigen Fernsehprogramme
sowie die Erlaubnis für private Kurdischkurse dafür ausreichend seien
und die Kurden keinen Anspruch auf weitere Rechte hätten, hetzt sie
die Öffentlichkeit gegen die DTP auf und gibt Anlass zur Vertiefung
des türkisch-kurdischen Konflikts sowie des Kriegs mit der PKK, indem
sie das Militär zu grenzüberschreitenden Operationen ermächtigt.
In der Zwischenzeit haben die Verantwortlichen der Regierungspartei
mit einem Verfassungsänderungsantrag im türkischen Parlament am 6. Februar
2008 die Aufhebung des Kopftuchverbotes an den Universitäten gesichert,
während sie gleichzeitig erklären, dass es nicht notwendig sei, für
die Umsetzung weiterer Grund- und Freiheitsrechte entsprechende Schritte
einzuleiten. Schließlich hat die AKP als Resultat des Handels mit der
Armee die Reformen bezüglich der kurdischen Frage auf Eis gelegt und
entgegen jeglicher geschichtlicher Einsicht, dass eine militärische
Lösung des Konflikts nicht möglich ist, deren „Lösung“ der Armee übertragen.
Als Gegenzug kann sie schrittweise ihre Politik des gemäßigten Islam
umsetzen.
In der Türkei wurde diese Art der Politik der AKP mittlerweile durchschaut.
Folglich haben demokratische Kreise begonnen, der AKP ihre Unterstützung
zu entziehen. Merkwürdig ist allerdings, dass die EU die AKP noch immer
kritiklos unterstützt und an der These festhält, dass die AKP eigentlich
Reformen anstrebe, die jedoch am Widerstand der Armee scheitern würden.
Dabei ist inzwischen völlig klar geworden, dass die AKP bezüglich der
Grund- und Menschenrechte sowie in der kurdischen Frage mit der Armee
keine Differenzen hat und im Rahmen einer koordinierten Zusammenarbeit
handelt. Hoffnungen in die AKP zu setzen wird uns nur unnötig Zeit kosten.
Der Bürgermeister von Diyarbakır/Sur sowie der gesamte Gemeinderat wurden
von der Regierungspartei ihres Amtes enthoben, weil sie den Beschluss
gefasst hatten, Dienstleistungen für ihre Bürger außer in Türkisch auch
in Kurdisch anzubieten. Allein dieses letzte Beispiel reicht aus, um
das wahre Gesicht der AKP-Regierung in Bezug auf Demokratie und Menschenrechte
aufzuzeigen und die Doppelzüngigkeit der Politik der Wahrheits- und
Gerechtigkeitspartei zu erkennen.