Es ist offensichtlich, dass Ehrenmorde nicht nur ein kurdisches Problem sind

Ehrenmorde und Nationalismus

Dr. Handan Çaðlayan

Seit geraumer Zeit stehen in der Türkei Ehrenmorde auf der Tagesordnung. Dieses Interesse ist wichtig, um auf die Frauenmorde mit „Ehren“-Motiv aufmerksam zu machen und somit eventuell Präventionsmaßnahmen entwickeln zu können.

Aber wir sehen, dass das Interesse an „Ehrenmorden“ mit dem am Nationalismus ineinandergreift. Das wiederum führt dazu, dass das Problem verdreht wird und als Instrument des Nationalismus dient. Auf diese Weise über Ehrenmorde zu debattieren kann, statt zur Lösung beizutragen, das Problem verkomplizieren. Ein Teil dieser Komplikation besteht in der Begrifflichkeit „Ehre“ oder „Sitte“. Die zur Untersuchung des Problems einberufene parlamentarische Untersuchungskommission hat lange darüber diskutiert, ob es „Ehrenmorde“ oder „Sittenmorde“ seien. Diese Untersuchung ergab kein konkretes Ergebnis. Die Kommission kam lediglich zu dem Schluss, Ehrenmorde ließen sich nicht auf eine bestimmte Region der Türkei begrenzen. In allen Provinzen des Landes, allen voran in der Schwarzmeerregion, stößt man auf sie.
Trotzdem war die Zahl derjenigen, die Ehrenmorde mit kurdischen Sitten zu erklären versuchten, nicht gering. So schrieb der Chefredakteur der Tageszeitung Hürriyet, Ertuðrul Özkök, in seiner Kolumne, die Ehrenmorde seien kein Problem der Türkei, sondern ausschließlich ein kurdisches. Özkök zufolge würden sie von Kurden begangen und die Europäer sollten endlich erkennen, dass dies die eigentliche kurdische Frage darstelle. Diese Sichtweise Özköks war sowohl rassistisch als auch separatistisch. Denn er identifizierte die Ehrenmorde, die ihre kulturelle Verbreitung vor allem im Mittleren Osten und in der Türkei finden, nur mit den Kurden. Außerdem separierte er den Osten und Südosten der Türkei, in denen die Kurden leben, vom Rest des Landes. Özkök hatte diese Kolumne nicht geschrieben, um sich mit den Gründen für die Ehrenmorde auseinanderzusetzen, diese Morde zu hinterfragen und Lösungen zu erarbeiten, sondern so, als wolle er die Kurden zu den „anderen“ erklären. Diese Art der Annäherung ähnelt sehr der lange Zeit im Westen herrschenden. Auch dort wurde behauptet, dass die Ehrenmorde aus östlichen Kulturen und/oder der islamischen Kultur resultierten. Somit hat man zum einen den Osten zur Fremde erklärt und zum anderen die Gewalt gegen Frauen in den eigenen Gesellschaften völlig ausgeblendet.
Realität ist doch aber, dass Frauen überall auf der Welt Gewalt erfahren und ermordet werden durch diejenigen, die in Frauen ihr Eigentum sehen. Das sind manchmal „Liebes“morde, „Ehren“morde oder Morde aus Eifersucht. Auch hinter Ehrenmorden steckt die Sichtweise, die Frauen seien Symbol für die Ehre oder Würde des Mannes, der Familie und der Gesellschaft. Die Ethnologin Germaine Tillion legte in ihrer auf langjährigen Recherchen im Mittelmeerraum beruhenden Studie „Le Harem et les Cousins“ (1966) offen, dass Ehrenmorde auch bei Christen und Juden vorkommen und es folglich ein Fehler sei, diese nur mit dem Islam in Verbindung zu bringen. Es ist falsch, die Ehrenmorde auf eine bestimmte Ethnizität oder Kultur zu reduzieren. Dies räumt keineswegs aus, dass dieses Faktum unter manchen Voraussetzungen die Ehrenmorde vereinfacht oder fördert.
Folglich werden Frauen nicht Opfer, weil sie Türkinnen, Kurdinnen, Araberinnen oder Italienerinnen sind, sondern sie werden Opfer in dem Maße, in dem sie patriarchalischer Belagerung ausgesetzt sind. Wenn in letzter Zeit Ehrenmorde überwiegend aus kurdischen Gebieten an die Öffentlichkeit gelangen, darf die Annäherung nicht die sein, in rassistischer Manier Kurden zu kriminalisieren, sondern vielmehr zu versuchen, die materiellen Ursachen dafür zu erfassen. Es ist überhaupt nicht schwer, Gründe in der Wahl des politischen Systems der Türkei, im in der Region stattfindenden Krieg und in der Militarisierung zu finden.
Die Kultur der weitläufigen Familien und Sippen als Hauptbestandteile des klassischen Patriarchats bewahrte sich weitgehend in der kurdischen Gesellschaft. Es ist auffällig, dass sie sich dort noch weiter hält, während in der Türkei die kapitalistische Entwicklung und die Modernisierung allgemein vorkapitalistische Strukturen abgebaut haben. Politische Faktoren waren hierbei bestimmend. Die Integration der Region in das Mehrparteiensystem wurde über die Sippen vollzogen (D. McDowall (1997), A Modern History of the Kurds, I. B. Tauris, London, NY). Diese Art der Politik, die dazu dient, die Kurden mittels Familien- und Sippentradition unter Kontrolle zu halten, hat auch dazu beigetragen, dass die patriarchalische Kultur, in der die Frauen als Symbol der Familienehre gesehen werden, bis heute fortdauern konnte. Das jüngste Beispiel für die Kooperation des Regimes mit regionalen konventionellen Strukturen, die auf ihre Art das Patriarchat reproduziert, ist das „Dorfschützersystem“. Ferner sollte noch berücksichtigt werden, dass die zwanzigjährige Gewaltphase und vor allem die Zwangsvertreibung und –flucht dazu beigetragen haben, dass die genannten Eigenschaften der patriarchalischen Kultur sich verfestigen konnten. Das alles zeigt, dass die Gewalt, der die kurdischen Frauen ausgesetzt sind, nicht ethnisch verwurzelt, sondern durch die sozioökonomischen, kulturellen und politischen Faktoren, die sie belasten, zu erklären ist.
Entgegen dieser objektiven Situation das Problem der kurdischen Kultur anzulasten, wie es der Journalist Özkök getan hat, ist ein klarer Beleg für Nationalismus. Aber der nationalistische Einfluss auf die Ehrenmorde ist nicht nur auf den türkischen Nationalismus, welchen Özkök vertritt, begrenzt. Es ist unmöglich, auch den Einfluss kurdischer nationalistischer Annäherungsweisen zu übersehen. Ein weiteres Manko, auf das hingewiesen werden sollte, ist die Ignoranz kurdischer Kreise, von denen eigentlich Aufmerksamkeit gegenüber den Frauenmorden zu erwarten wäre. Sie legen eine ähnliche Haltung an den Tag wie die Menschen aus dem Osten, die sich durch Hinwegsehen zu den „anderen“, nicht Betroffenen, erklären. So haben die politischen Kreise in überwiegend von Kurden bewohnten Städten wie Batman und Diyarbakýr die Ehrenmorde lange Zeit ignoriert. Es wurde nicht für notwendig erachtet, über die Erklärungen von Frauenorganisationen hinaus dazu öffentlich Stellung zu beziehen. Als dann diese Situation überwunden wurde und entsprechende Äußerungen folgten, fehlte es an Verantwortungsbewusstsein. Sie sind noch immer weit von einer radikalen und klaren Haltung gegen die gezielte Gewaltanwendung gegen Frauen entfernt. Die wenigen Artikel einiger kurdischer Intellektueller und Politiker zu diesem Thema fielen in diesem Sinne aus. So war z. B. der Internetseite von Köxüz zu entnehmen, dass es notwendig sei, einen effektiven Kampf gegen Ehrenmorde zu führen, weil diese dem Ansehen der Kurden international schadeten. Hier scheint die eigentliche Sorge weniger den getöteten Frauen zu gelten, sondern vielmehr dem geschädigten kurdischen Prestige. Ein anderer Artikel in der Tageszeitung Gündem hingegen brachte zur Sprache, dass die Gewaltrate gegen Frauen in Ankara und Istanbul höher sei als in Diyarbakýr, aber die Fernsehprogramme in der Türkei absolut im Unklaren ließen, wer denn eigentlich mit welcher Absicht Täter sei. Auf diese Weise wurde angedeutet, die Kurden seien doch ehrenvoller.
Es ist offensichtlich, dass Ehrenmorde nicht nur ein kurdisches Problem sind. Aber das ändert nichts an der Tatsache, dass sie in Batman, Diyarbakýr, Urfa, Mardin geschehen, und enthebt nicht der Notwendigkeit, den Kampf dagegen aufzunehmen. Wann zeigen die politischen Parteien, demokratischen Plattformen, unterschiedlichsten Institutionen, die seit Jahren gegen die Menschenrechtsverletzungen in der Region geduldig Widerstand leisten, den Kampf um Gleichheit, Freiheit und Demokratie führen, die von ihnen erwartete Aufmerksamkeit gegenüber den Ehrenmorden?
Können die Tatsachen, dass Armut die Gewalt gegen Frauen steigert, Flucht die Familienverhältnisse auf den Kopf stellt, dass der Kampf gegen die Armut beim Kampf gegen die Gewalt gegen Frauen unumgänglich ist und der Staat wirksame Maßnahmen zur Behebung dieser Situation unternehmen muss, eine Rechtfertigung für die Ignoranz gegenüber den Frauenmorden in den kurdischen Provinzen darstellen? Warum beweisen die kurdischen Politiker, Intellektuellen, Menschenrechtsverteidiger ihre Entschlossenheit nicht auch gegenüber den Ehrenmorden?
Ein Grund hierfür könnte in dem Anfang der 20er Jahre von nationalistischen kurdischen Intellektuellen oft verwendeten Mythos liegen, kurdische Frauen seien im Vergleich zu den Nachbargesellschaften freier und könnten sogar Führungspositionen einnehmen. Die Quellen für Thesen wie „Die Kurden würdigen ihre Frauen, die Frauen sind frei“ gehen auf Beobachtungen von Missionaren und Reisenden ab dem 17. Jahrhundert zurück. Diese sind begrenzt auf einen bestimmten historischen Zeitraum und auf die nomadische Sippenkultur, in der die Frauen wirklich freier waren, und Frauen in Führungspositionen stammten aus der herrschenden Klasse. Dieser enge Rahmen wurde im 19. Jahrhundert von nationalistischen kurdischen Intellektuellen zu einem Teil der kurdischen Identität verallgemeinert und oft verwandt, was somit für die Entstehung der Behauptung von den „freien und führenden kurdischen Frauen“ sorgte.
Dieser Mythos blieb unangefochten bis zum Postulat der in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts entstandenen neuen kurdischen Bewegung, die kurdische Frau sei „die Sklavin des Sklaven“. Wir finden noch immer den Einfluss dieses Mythos, wenn die kurdischen politischen „Männer“ mit ihrer intellektuellen Nahrung aus der Zeit vor den 80er Jahren oft erzählen: „Die kurdischen Frauen werden sehr gewürdigt.“ Während sie so abstrakt reden, fallen kurdische Frauen, so wie Frauen anderer Regionen, Ehrenmorden zum Opfer.
Auch wenn nach den 80er Jahren ein neues Paradigma entwickelt wurde, lässt sich kaum behaupten, es würde auch im Alltag seine Umsetzung finden. Die Diskrepanz zwischen der ideologischen Ebene und dem gesellschaftlichen Leben wurde nicht durch gezielte Politik aufgehoben, die Diskriminierung und die Gewalt, der die Frauen ausgesetzt sind, fanden nicht auf die politische Tagesordnung. Das zeigt die fehlende Sensibilität pro-kurdischer Institutionen zum Thema. Dieses Schweigen gegenüber den Frauenmorden, das die Freiheit und das Recht auf Leben von Frauen raubt, überschattet den aktuellen Kampf in der Region für Gleichheit, Freiheit und Menschenrechte.

Dr. Handan Çaðlayan ist Kolumnistin der Tageszeitung Özgür Gündem und Mitarbeiterin der Frauenkooperative gegen Gewalt (Kirkoruk)