Patenschaften für Schulkinder in Diyarbakir

Wir versorgen 30 Flüchtlingskinder ...

Interview mit Dieter Balle, Journalist

Der Verein Flüchtlingskinder Diyarbakir e. V. besteht seit dem Sommer 2004 und ist ein Zusammenschluss von nicht parteigebundenen Menschen. Als humanitärer Verein arbeitet er ohne Profit und rein ehrenamtlich, ebenso wie die Partnerorganisationen in der Türkei.
Das Projekt wird vor Ort koordiniert und mitgetragen von Göc-Der, dem Selbsthilfeverein der Flüchtlinge, sowie der dortigen Lehrergewerkschaft Egitim-Sen, eine Schwesterorganisation der GEW. Dadurch kommen alle Spendengelder ohne bürokratische Umwege direkt den Kindern zugute.

Woher kam die Idee zur Gründung eines Vereins für Flüchtlingskinder in Diyarbakir?

Ich reise seit 20 Jahren in die Türkei und nach Kurdistan. 10 Jahre lang habe ich Berichte über Kurdistan und über die Kurden für die Frankfurter Rundschau und verschiedene deutsche Zeitungen geschrieben. In den Jahren habe ich viele Kurden und Flüchtlinge, die ihre Dörfer verlassen mussten und vertrieben worden sind, kennen gelernt.

Von GÖC-DER (Selbsthilfeverein der Flüchtlinge) erfuhr ich von den vielen kurdischen Menschen, die aus ihren Dörfern in die türkischen Metropolen und Großstädte vertrieben worden sind. In dessen Folge gibt es finanzielle Probleme und Arbeitslosigkeit. Die Mehrheit der Flüchtlingsfamilien sind nach Diyarbakir gewandert und leben nun in Armut und handfester materieller Not.
Ich erfuhr auch, dass viele Kinder dieser Familien nicht in die Schulen gehen können, da sie finanziell nicht in der Lage sind, Schuluniform und Schulmaterialien zu kaufen. Eine große Anzahl der Flüchtlingskinder – laut einer Statistik von GÖC-DER 46 % – können nicht lesen und schreiben. Um dieses Problem zu besprechen, kamen Menschen aus Karlsruhe und Umgebung zusammen und wir überlegten uns, wie wir diesen Kindern helfen könnten. Als Allererstes mussten wir einen Verein gründen, damit es auch offiziell ist.

Welche Vorbereitungen gab es für die Vereinsgründung?

Wir suchten zunächst EGITIM-SEN und GÖC-DER auf und stellten unser Projekt vor. Sie waren sofort für eine Zusammenarbeit bereit, da sie es für nötig erachteten. Die konkrete Zusammenarbeit erfolgt mehr mit EGITIM-SEN, da sie mehr Kontakt mit den Flüchtlingskindern in den Schulen haben.
In Diyarbakir werden nun Kinder, die gerne in die Schule gehen, jeden Monat mit Schulsachen, Schuluniformen, Heften und Kleidern unterstützt. Die Verteilung übernehmen drei Lehrer, die dafür Geld von uns überwiesen bekommen.
Jeden Monat wird uns darüber Bericht erstattet, was die Lehrer verteilt und welche Beträge die Kinder erhalten haben.

Wie kontrollieren Sie die ordnungsgemäße Verteilung der Spenden, die Sie diesen Kindern zugute kommen lassen?

Wir fahren jedes Jahr nach Diyarbakir und führen selbstverständlich Gespräche mit den Flüchtlingsfamilien und auch mit GÖC-DER und EGITIM-SEN. Ich besuche auch die Kinder in den Schulen und erkundige mich, ob sie damit zufrieden sind. Bis jetzt hat sich keine Familie, die in diesem Projekt ist, beschwert. Leider sind es an den Schulen von Seyrantepe und Aziziye 90 bis 100 Schüler, die Flüchtlinge sind. Der Betrag unserer Spenden liegt bei 500 bis 700 Euro im Monat, die wir direkt überweisen.

Wie viele Mitglieder fördern dieses Projekt?

Zur Zeit sind es 20 Mitglieder, die ihren Betrag regelmäßig überweisen. Wir versorgen 30 Flüchtlingskinder in diesem Projekt, die zu den ärmsten Flüchtlingskindern in Diyarbakir gehören. Wir haben das Ziel, diesen Kindern eine gute Zukunft zu garantieren. Wir wollen das Analphabetentum bekämpfen, indem wir diesen Kindern helfen und durch unsere Spenden ihre Hefte, Schulsachen etc. kaufen.

Haben Sie von anderen Organisationen und deutschen Vereinen eine Unterstützung bekommen?

Bis jetzt wurden wir leider nicht unterstützt. Demnächst werden wir unser Projekt der Europäischen Union vorstellen. Ein Freund von der Linkspartei.PDS, Tobias Pflüger, wird versuchen diese Vorstellung zu ermöglichen.

Werden Sie dieses Projekt auch in anderen deutschen Städten vorstellen?

Unser Freundeskreis aus Hamburg fand dieses Projekt sehr nützlich und möchte das gleiche Projekt in Sirnak durchführen. Dadurch werden die Flüchtlingskinder in Sirnak die Schule besuchen können. In Hamburg soll jetzt für die Flüchtlingskinder in Sirnak ein Verein gegründet werden. (s. u.)

Stehen Sie in Kontakt mit der Stadtverwaltung in Diyarbakir?

Ja, wir haben das Projekt schon zu Beginn dort vorgestellt und sie fanden es auch sehr gut.

Wie werden Sie von den Flüchtlingsfamilien aufgenommen, wenn Sie in Diyarbakir sind?

Wir werden sehr herzlich und freundlich aufgenommen. Sie bitten dann oft um eine größere Unterstützung durch uns, da sie finanziell sehr schlecht gestellt sind. Leider können wir nicht größere Beträge schicken, da wir begrenzte Mitgliederbeiträge haben.
Wir werden gemeinsam das Neujahrsfest Newroz in Diyarbakir feiern, da wir zu dieser Zeit auch dort sind.

Sie arbeiteten 10 Jahre als Journalist. Für welche Zeitungen?

10 Jahre war ich als Journalist für die Frankfurter Rundschau tätig. Als die SPD die Zeitung gekauft hat, haben sie mich entlassen, weil sie die Realität der schlimmen Lage in Kurdistan nicht direkt in der Zeitung veröffentlichen wollten. An meine Stelle wurde Gerd Höhler gesetzt. Dieser sendet nun Berichte über Kurdistan und die kurdische Lage an die Frankfurter Rundschau. Aber wie kann ein Journalist, der in Griechenland wohnhaft ist, über die Situation in Kurdistan Bescheid wissen und darüber berichten? Dies verstehe ich überhaupt nicht. Seit meiner Entlassung arbeite ich für das Neue Deutschland. Die Frankfurter Rundschau ist wie die türkischen Zeitungen und Medien, sie wollen die Realität der kurdischen Situation nicht sehen und davon nichts wissen.

Sie besuchen seit 20 Jahren Kurdistan. Was hat bei Ihnen am meisten Eindruck hinterlassen?

In Kurdistan habe ich sehr viel erlebt, ich wüsste gar nicht, was ich da erwähnen sollte. Oh doch, bei einem Vorfall im August 1992 war ich sehr beeindruckt von einer Situation. Ich bin von Deutschland nach Istanbul geflogen und mit der Bahn weiter nach Diyarbakir gereist. Als ich dort angekommen bin, habe ich den Radiosender Deutsche Welle empfangen und es wurde berichtet, dass die Angriffe der PKK in Sirnak noch andauern würden. In diesem Augenblick habe ich einen Taxifahrer nach diesen Auseinandersetzungen gefragt. Er sagte nur: „Nein, das stimmt nicht, Sirnak wird von der türkischen Armee bombardiert.“ Ich war sehr verwundert und bin gleich dorthin gereist. Sirnak war von den Soldaten umstellt. Keiner durfte die Stadt betreten. Auch ich als Journalist bin nicht reingekommen. Ich habe mit den Kurden dort gesprochen und diese sagten, dass die Stadt vom Staat mit Panzern, Raketen und anderen Waffen bombardiert wird.

Wurde Ihnen als Journalist nicht erlaubt Sirnak zu betreten?

Keiner durfte rein. Mit einer Menschenrechtsdelegation konnte ich später in die Stadt. Was ich dann gesehen habe, hat mich geschockt. Die Hälfte der Bevölkerung war weg, davongelaufen. Überall waren Soldaten. Die von Deutschland gelieferten Leopard-Panzer und Waffen hatten alle Häuser beschädigt.
Ich habe die deutschen Panzer damals fotografiert. All dies habe ich recherchiert und mein Artikel darüber ist in der Frankfurter Rundschau erschienen.
Danach bin ich nach Diyarbakir weitergereist. Die Krankenhäuser waren voll mit Verletzten und Toten. In Gesprächen mit den Menschen, viele davon waren Kinder und Frauen, ist mir bewusst geworden, dass nicht die PKK dort war, sondern dass die Regierung die Bevölkerung der Stadt Sirnak auf einen Schlag loswerden wollte. Die deutschen Medien haben dann wie die türkischen Medien berichtet, dass die PKK die Stadt bombardiert hat.
100 Menschen sind damals ums Leben gekommen und 25 000 mussten Sirnak verlassen. Ich als Deutscher habe den Schmerz des kurdischen Volkes gespürt und ich lebe immer noch damit.

Was sind die zukünftigen Ziele Ihrer Arbeit?

Wie ich schon erwähnte, sind wir nur ein kleines Projekt. Wir möchten in Zukunft in vielen Städten Kurdistans den Kindern aus Flüchtlingsfamilien helfen. Unsere Arbeit läuft in diese Richtung. Unsere weiteren Ziele sind es, die Mitgliederzahl unseres Vereins zu erhöhen und eine Förderung durch die EU zu erreichen, woran wir auch schon arbeiten.

Patenschaften für Schulkinder in Diyarbakir

Kontaktadresse:

Flüchtlingskinder Diyarbakir e. V.
Grenzstr. 35
76448 Durmersheim
Tel. / Fax 07245/81 38 3
E-mail: Dieter.Balle@t-online.de

Spendenkonto:
Postbank Stuttgart
Konto-Nr. 30705-703
BLZ 600 100 70
Flüchtlingskinder Diyarbakir e. V. ist als gemeinnützig anerkannter Verein berechtigt, Spendenbescheinigungen auszustellen.

In Hamburg wird im Mai 2006 der Verein Flüchtlingskinder Sirnak e.V. gegründet.
Kontakt unter:
E-mail: Arndt-Pastor@t-online.de