Am 4. April gab die PKK ihre Neugründung bekannt

Warum erneut PKK?

Interview mit Murat Karayilan, Sprecher des PKK-Parteirats

Vor kurzem haben Sie erneut die Arbeiterpartei Kurdistans PKK ausgerufen. Worin besteht der Unterschied zwischen der neu gegründeten und der alten PKK ? Worauf gründet das Ganze ?
Die alte PKK ist in den 1970er Jahren gegründet worden. Sie wurde nach den Bedingungen dieser Zeit gestaltet. Zur Zeit der Gründung der PKK war die Welt in Ost und West geteilt. Sie entstand als nationale Befreiungsbewegung und war dabei vom Realsozialismus beeinflusst. Sie pflegte eine unabhängige wissenschaftliche Herangehensweise, doch wäre es nicht falsch zu behaupten, dass sie weitgehend unter realsozialistischem Einfluss Gestalt annahm. Bei der ersten PKK handelte es sich um eine Organisation, die darauf abzielte, Staat zu werden, an die Macht zu gelangen. Sie versuchte dies mit Gewalt umzusetzen, wies in ihrem Kampf der Gewalt neben ihrer politischen und organisatorischen Arbeit einen bedeutenden Platz zu. Sie strebte einen unabhängigen Staat, einen Nationalstaat an.
Die neue PKK ist anders. Der Apoismus bildet die Seele, den Geist. Auch wenn diese Seele gleich geblieben ist, die neue PKK wird wissenschaftlicher und entwickelter als die vorige. Sie sieht keinen Nationalstaat, sondern eine demokratische Nation vor.

Die Apocu-Bewegung [Apocu: AnhängerInnen der Ideen A. Öcalans] hat in dreißig Jahren Kampfpraxis die Entwicklungen in der Türkei und in Kurdis-tan maßgeblich mitbestimmt. Heute jedoch versucht sie, sich entsprechend der wissenschaftlich-technischen Entwicklung komplett zu erneuern und ein neues Paradigma – basierend auf der demokratischen und ökologischen Revolution sowie einer Revolution in der Ausdrucksweise – zu begründen. Sie beschreitet nicht den Weg der realsozialistischen Philosophie, ihr Verständnis geht über den Realsozialismus hinaus. In diesem Sinne verfügt sie über eine komplett neue Sichtweise. Das kommt durch ihr Programm zum Ausdruck, so können wir den Unterschied zwischen der alten und der neuen PKK erfassen. Hierbei handelt es sich um eine Entwicklung, eine große Transformation und Veränderung. Es entspricht nicht der Realität, dass wir zu Vergangenem zurückkehrten oder dass eine radikale Phase eingeleitet würde. Ganz im Gegenteil formiert sich die neue PKK als Ergebnis einer Entwicklung. Ihre Gründung und ihre theoretische, ideologische sowie philosophische Formierung sind eigentlich das Resultat von Diskussionen und Verteidigungsschriften unseres Vorsitzenden aus sechs Jahren [vgl. a. Auszüge aus seinen AnwältInnengesprächen, S. 10 f.] sowie von Diskussionen unserer Bewegung in diesem Sinne.

Warum erneut der Name PKK und kein anderer ?
Heute sehen wir uns mit einer PKK konfrontiert, die sich auf ein komplett neues Paradigma beruft. Warum PKK? Hätte es auch ein anderer Name sein können? Die PKK ist eine Bewegung, die der kurdischen Gesellschaft geradezu auf der Schwelle zum Tod zur Rettung geeilt ist. Sie gab dem kurdischen Volk erneut Leben und verwirklichte eine revolutionäre Wiederbelebung. Sie wurde zur Legende, zu Geschichte. Sie ist Stolz und Ehre der zeitgenössischen KurdInnen. Deshalb beinhaltet für sie der Name PKK eine besondere Bedeutung. Sie ist die Tradition des Widerstands, die Art und Weise, für sich selbst einzustehen. Sie steht für das Menschsein, die Hinwendung zum freien Leben. Deshalb wurde für richtig befunden, den Namen PKK, der so viele Bedeutungen trägt, erneut zu verwenden.

Die PKK hat es überwunden, eine Klassenpartei zu sein. Den Begriff ‘Karker’ [kurdisch: ArbeiterIn] im Namen der PKK gebrauchen wir in dem Sinne, dass er den unterprivilegierten Teil der Bevölkerung benennt. Vorrangig für die Entscheidung, die erneute Parteiwerdung mit dem gleichen Namen anzugehen, war jedoch dessen immense Bedeutung für unser Volk, unsere Gesellschaft.

Die PKK wird eher als ideologische und philosophische Organisation dargestellt und entsprechend diskutiert. Was für eine Mission wird sie im praktisch-politischen Bereich übernehmen ? Wie wird sie sich in den einzelnen Teilen Kurdistans organisieren ?
Zunächst einmal muss unterstrichen werden, dass wir bei der PKK nicht von einer klassischen Partei reden. Vielmehr handelt es sich um eine Bewegung, die ähnlich wie in der Geschichte religiöse Bewegungen kämpft und eine Überzeugung, eine Philosophie besitzt. In erster Linie geht es um ideologische, philosophische Vorreiterschaft, um die Gestaltung der ideologischen Formierung, der kulturellen Entwicklung, der Sichtweise dem Leben gegenüber sowie des Kampfverständnisses für das kurdische Volk. Die PKK besitzt eine ideologische und philosophische Perspektive, sie projektiert die Schaffung und Entwicklung der freien KurdInnen, einer willensstarken Gesellschaft, Gleichberechtigung sowie Einheit zwischen den Geschlechtern, ein gleiches und ein gleichgewichtiges Niveau zwischen den Menschen und der Natur. Es handelt sich um eine ideologische Bewegung. Sie hat nicht das Ziel, unbedingt an die Macht zu gelangen.

Wie wird die Beziehung zwischen der PKK und dem Kongra-Gel aussehen ?
In Kurdistan existieren verschiedene Institutionen und Organisationen, die in der Zeit des 32 Jahre währenden Kampfes in Kurdistan entstanden sind; sei es im Land selbst oder auch im Ausland. Die PKK wurde mit dem Ziel gegründet, das kurdische Volk voranzubringen. Mit verschiedenen Organisationen, unter der Teilnahme der breitesten gesellschaftlichen Kreise, aller Schichten, wurde der Kampf entwickelt, um eine neue Gesellschaft zu schaffen. Hierfür steht das Projekt “Koma Komalên Kurdistan” [von A. Öcalan am 20. März 2005 deklariert; s. S. 6 f].

Es gibt viele Organisationen, die für alle vier Teile Kurdistans den demokratischen Konföderalismus anstreben. Die PKK lehnt diese nicht ab. Sie sieht sie als legitim und berechtigt an und respektiert alle ihre Beschlüsse und Statuten. Doch wird sie mit all ihrer Kraft darauf hinarbeiten, dass dafür das Projekt des demokratischen Konföderalismus weiterentwickelt, die neue Gesellschaft geschaffen, deren ideologischer Horizont erweitert wird und Perspektiven eröffnen zu können. Die PKK beabsichtigt, ihre politische Linie in Kurdis-tan nicht unter eigenem Namen, sondern über den Kongra-Gel in die Tat umzusetzen.

Die PKK befürwortet die Linie der legitimen Verteidigung. Diese sieht vor, im Rahmen internationaler Vereinbarungen und ihres Rechts auf legitime Selbstverteidigung in notwendigen Fällen Gewalt auszuüben. Die PKK betrachtet die Volksverteidigungskräfte HPG in diesem Sinne als legitime Einheiten. Bei den HPG handelt es sich um eine autonome Kraft. Natürlich wird die PKK auch versuchen, Einfluss in den HPG zu gewinnen, sich auch innerhalb ihrer Reihen zu organisieren. Sie wird verschiedene Komitees bilden und diese auszubauen versuchen.

Die PKK wird sich auch innerhalb des Kongra-Gel um Einfluss bemühen, darum, Orientierung zu geben. Sie wird die jetzige Institutionalisierung des Kongra-Gel, sein System, seine Führung in keiner Weise belasten. Im Gegenteil wird die PKK als ideologische und philosophische Unterstützung dienen, eine vertiefende und anregende Funktion übernehmen, damit der Kongra-Gel seine Ziele auch wirkungsvoll realisieren kann. Die PKK wird mit all ihrer Kraft für die Umsetzung der Strategie und des organisatorischen Projekts des Kongra-Gel arbeiten. Sie wird alles tun, was ihr hierbei zukommt. In keiner Weise wird sie sich dem Kongra-Gel in den Weg stellen.

In diesem Sinne möchte ich vor allem für die Kräfte in der Türkei und in den anderen Regionen erklären: Die PKK wurde erneut gegründet, nicht um primitiven Nationalismus, sondern um die demokratische Nation in Kurdistan zu entwickeln. Ihr Projekt sieht die Geschwisterlichkeit und Einheit der Völker vor. Ihr Selbstverständnis gründet auf der eigenständigen Kraft der Völker der Region und arbeitet in diesem Sinne auf den demokratischen Konföderalismus hin. Deshalb ist sie die Kraft der Geschwisterlichkeit der Völker der Region, nicht die der Feindschaft.

Die regionalen Mächte sprechen statt von der gesamtnationalen Existenz des kurdischen Volkes von Geschwisterlichkeit, obwohl sie die kurdische Sprache und Kultur verbieten. Die PKK nennt dies anders. Sie will eine gleichberechtigte und freie Einheit, die Beseitigung jeglicher Hindernisse. Die kurdische Kultur verfügt über das älteste kulturelle Erbe in der Region. Ihre Wurzeln reichen bis zur Frühgeschichte zurück. Wir sprechen dabei von 15 000 Jahren. Verbote werden hier keinerlei Menschheitsprinzipien und der Zivilisation gerecht. Die PKK steht für die Freiheit jeder Kultur von Verboten, dass alle Völker in Geschwisterlichkeit miteinander leben können. Sie wird deshalb eine konsequente und prinzipientreue ideologische und politische Haltung einnehmen. Wenn sie trotzdem unterdrückt, zerstört werden soll, dann wird sie natürlich berechtigterweise von ihrem Recht auf legitime Selbstverteidigung Gebrauch machen als unverzichtbarem Bestandteil ihrer demokratischen Prinzipien. Allerdings beinhaltet ihr Kampfverständnis vor allem eine Perspektive und eine Philosophie, die den Frieden zwischen den Völkern, ihre Geschwisterlichkeit und die Forcierung der Demokratie und nicht des Nationalismus umfassen.

Können Sie uns das System der gleichberechtigten Vorsitzenden erläutern ?
Wie Sie wissen, wurden die Satzung und das Programm der PKK vor ca. zwei bis drei Monaten allen unseren Mitgliedern und der Öffentlichkeit vorgestellt. Ein Großteil der daraufhin eingegangenen Vorschläge war sehr hilfreich. Deshalb möchten wir uns noch einmal bei allen FreundInnen und unserem Volk bedanken, die ihre Vorschläge und Gedanken eingebracht haben. So entwickelte sich eine kollektive Partei. Die Satzung wurde zur Diskussion gestellt und natürlich auch während des Gründungskongresses [März 2005] erörtert. Das System der gleichberechtigten Vorsitzenden wurde etabliert, wobei jeweils eine Frau und ein Mann diesen Vorsitz bilden. Außerdem wurde ein Parteirat bestehend aus 27 Personen gegründet, daneben ein exekutives Organ mit 12 Mitgliedern. Dieses System wird zurzeit durch SprecherInnen repräsentiert.

Es handelt sich hierbei um eine Transformation. Das Organisationsmodell der PKK stellt innerhalb der Bewegung wie auch im Mittleren Osten einen neuartigen Entwurf dar. Es geht darum, ein demokratisches Organisationsverständnis voranzubringen. Es soll keine zentralistische Partei sein, bei der alle Beschlüsse und Anweisungen von oben kommen. Wir sprechen von einer pyramidenartigen Organisierung. Die Basis soll stärker werden und in Entscheidungsprozessen ein größeres Mitspracherecht erhalten. Dies wird Stufe um Stufe umgesetzt werden. Hierbei handelt es sich um etwas komplett Neues im Mittleren Osten wie auch innerhalb der kurdischen Gesellschaft. Klar, es kann vielleicht nicht von einem Tag auf den anderen realisiert werden. Doch wird sich dieses System Schritt für Schritt verwirklichen, so haben wir es geplant. Dies halten wir für realistischer. Innerhalb der Organisationsstrukturen des Rates der PKK gibt es keine engstirnigen Meinungen oder Tendenzen, es handelt sich bei ihr nicht um eine Koalition. Der Kongress hat neun Tage gedauert, in dieser Zeit wurde alles umfassend diskutiert.

Die neue PKK verfügt über eine Perspektive, ein Verständnis, das die Gleichberechtigung zwischen Frau und Mann in ihrer wahren Bedeutung anstrebt. Dies wird sie natürlich auch innerhalb ihrer gesamten Struktur praktizieren. Es wurde frei gewählt, dabei kamen 14 Frauen in den 27-köpfigen Parteirat. Das ist eine neue Sache für den Mittleren Osten. Frauen machen im Rat mehr als die Hälfte aus, das ist das Ergebnis demokratischer Wahlen.

Bei der PKK geht es um eine neuartige Philosophie, ein neues Modell. Ein komplett neues Paradigma umzusetzen bedarf theoretischer Vorarbeiten. Dies ist Schritt für Schritt und im Kampf möglich. Wir haben dabei keine Probleme im Bereich der Kader. Allerdings ist von enormer Bedeutung, dass entsprechend dieses Paradigmas ein System auf der Grundlage einer Veränderung in den Denkweisen geschaffen wird. In diese Richtung wurde im vergangenen Jahr viel diskutiert, eine Struktur wurde geschaffen und reifte heran. In diesem Sinne wurde die PKK gegründet und nimmt Gestalt an.

(Übersetzung eines Interviews von Hasan Günes, MHA News Agency vom 8. April 2005)