| Am 4. April gab die PKK ihre Neugründung bekannt Warum erneut PKK? Interview mit Murat Karayilan, Sprecher des PKK-Parteirats Vor
kurzem haben Sie erneut die Arbeiterpartei Kurdistans PKK ausgerufen.
Worin besteht der Unterschied zwischen der neu gegründeten und der
alten PKK ? Worauf gründet das Ganze ? Die Apocu-Bewegung [Apocu: AnhängerInnen der Ideen A. Öcalans] hat in dreißig Jahren Kampfpraxis die Entwicklungen in der Türkei und in Kurdis-tan maßgeblich mitbestimmt. Heute jedoch versucht sie, sich entsprechend der wissenschaftlich-technischen Entwicklung komplett zu erneuern und ein neues Paradigma – basierend auf der demokratischen und ökologischen Revolution sowie einer Revolution in der Ausdrucksweise – zu begründen. Sie beschreitet nicht den Weg der realsozialistischen Philosophie, ihr Verständnis geht über den Realsozialismus hinaus. In diesem Sinne verfügt sie über eine komplett neue Sichtweise. Das kommt durch ihr Programm zum Ausdruck, so können wir den Unterschied zwischen der alten und der neuen PKK erfassen. Hierbei handelt es sich um eine Entwicklung, eine große Transformation und Veränderung. Es entspricht nicht der Realität, dass wir zu Vergangenem zurückkehrten oder dass eine radikale Phase eingeleitet würde. Ganz im Gegenteil formiert sich die neue PKK als Ergebnis einer Entwicklung. Ihre Gründung und ihre theoretische, ideologische sowie philosophische Formierung sind eigentlich das Resultat von Diskussionen und Verteidigungsschriften unseres Vorsitzenden aus sechs Jahren [vgl. a. Auszüge aus seinen AnwältInnengesprächen, S. 10 f.] sowie von Diskussionen unserer Bewegung in diesem Sinne. Warum
erneut der Name PKK und kein anderer ? Die PKK hat es überwunden, eine Klassenpartei zu sein. Den Begriff ‘Karker’ [kurdisch: ArbeiterIn] im Namen der PKK gebrauchen wir in dem Sinne, dass er den unterprivilegierten Teil der Bevölkerung benennt. Vorrangig für die Entscheidung, die erneute Parteiwerdung mit dem gleichen Namen anzugehen, war jedoch dessen immense Bedeutung für unser Volk, unsere Gesellschaft. Die
PKK wird eher als ideologische und philosophische Organisation dargestellt
und entsprechend diskutiert. Was für eine Mission wird sie im praktisch-politischen
Bereich übernehmen ? Wie wird sie sich in den einzelnen Teilen Kurdistans
organisieren ? Wie
wird die Beziehung zwischen der PKK und dem Kongra-Gel aussehen ? Es gibt viele Organisationen, die für alle vier Teile Kurdistans den demokratischen Konföderalismus anstreben. Die PKK lehnt diese nicht ab. Sie sieht sie als legitim und berechtigt an und respektiert alle ihre Beschlüsse und Statuten. Doch wird sie mit all ihrer Kraft darauf hinarbeiten, dass dafür das Projekt des demokratischen Konföderalismus weiterentwickelt, die neue Gesellschaft geschaffen, deren ideologischer Horizont erweitert wird und Perspektiven eröffnen zu können. Die PKK beabsichtigt, ihre politische Linie in Kurdis-tan nicht unter eigenem Namen, sondern über den Kongra-Gel in die Tat umzusetzen. Die PKK befürwortet die Linie der legitimen Verteidigung. Diese sieht vor, im Rahmen internationaler Vereinbarungen und ihres Rechts auf legitime Selbstverteidigung in notwendigen Fällen Gewalt auszuüben. Die PKK betrachtet die Volksverteidigungskräfte HPG in diesem Sinne als legitime Einheiten. Bei den HPG handelt es sich um eine autonome Kraft. Natürlich wird die PKK auch versuchen, Einfluss in den HPG zu gewinnen, sich auch innerhalb ihrer Reihen zu organisieren. Sie wird verschiedene Komitees bilden und diese auszubauen versuchen. Die PKK wird sich auch innerhalb des Kongra-Gel um Einfluss bemühen, darum, Orientierung zu geben. Sie wird die jetzige Institutionalisierung des Kongra-Gel, sein System, seine Führung in keiner Weise belasten. Im Gegenteil wird die PKK als ideologische und philosophische Unterstützung dienen, eine vertiefende und anregende Funktion übernehmen, damit der Kongra-Gel seine Ziele auch wirkungsvoll realisieren kann. Die PKK wird mit all ihrer Kraft für die Umsetzung der Strategie und des organisatorischen Projekts des Kongra-Gel arbeiten. Sie wird alles tun, was ihr hierbei zukommt. In keiner Weise wird sie sich dem Kongra-Gel in den Weg stellen. In diesem Sinne möchte ich vor allem für die Kräfte in der Türkei und in den anderen Regionen erklären: Die PKK wurde erneut gegründet, nicht um primitiven Nationalismus, sondern um die demokratische Nation in Kurdistan zu entwickeln. Ihr Projekt sieht die Geschwisterlichkeit und Einheit der Völker vor. Ihr Selbstverständnis gründet auf der eigenständigen Kraft der Völker der Region und arbeitet in diesem Sinne auf den demokratischen Konföderalismus hin. Deshalb ist sie die Kraft der Geschwisterlichkeit der Völker der Region, nicht die der Feindschaft. Die regionalen Mächte sprechen statt von der gesamtnationalen Existenz des kurdischen Volkes von Geschwisterlichkeit, obwohl sie die kurdische Sprache und Kultur verbieten. Die PKK nennt dies anders. Sie will eine gleichberechtigte und freie Einheit, die Beseitigung jeglicher Hindernisse. Die kurdische Kultur verfügt über das älteste kulturelle Erbe in der Region. Ihre Wurzeln reichen bis zur Frühgeschichte zurück. Wir sprechen dabei von 15 000 Jahren. Verbote werden hier keinerlei Menschheitsprinzipien und der Zivilisation gerecht. Die PKK steht für die Freiheit jeder Kultur von Verboten, dass alle Völker in Geschwisterlichkeit miteinander leben können. Sie wird deshalb eine konsequente und prinzipientreue ideologische und politische Haltung einnehmen. Wenn sie trotzdem unterdrückt, zerstört werden soll, dann wird sie natürlich berechtigterweise von ihrem Recht auf legitime Selbstverteidigung Gebrauch machen als unverzichtbarem Bestandteil ihrer demokratischen Prinzipien. Allerdings beinhaltet ihr Kampfverständnis vor allem eine Perspektive und eine Philosophie, die den Frieden zwischen den Völkern, ihre Geschwisterlichkeit und die Forcierung der Demokratie und nicht des Nationalismus umfassen. Können
Sie uns das System der gleichberechtigten Vorsitzenden erläutern
? Es handelt sich hierbei um eine Transformation. Das Organisationsmodell der PKK stellt innerhalb der Bewegung wie auch im Mittleren Osten einen neuartigen Entwurf dar. Es geht darum, ein demokratisches Organisationsverständnis voranzubringen. Es soll keine zentralistische Partei sein, bei der alle Beschlüsse und Anweisungen von oben kommen. Wir sprechen von einer pyramidenartigen Organisierung. Die Basis soll stärker werden und in Entscheidungsprozessen ein größeres Mitspracherecht erhalten. Dies wird Stufe um Stufe umgesetzt werden. Hierbei handelt es sich um etwas komplett Neues im Mittleren Osten wie auch innerhalb der kurdischen Gesellschaft. Klar, es kann vielleicht nicht von einem Tag auf den anderen realisiert werden. Doch wird sich dieses System Schritt für Schritt verwirklichen, so haben wir es geplant. Dies halten wir für realistischer. Innerhalb der Organisationsstrukturen des Rates der PKK gibt es keine engstirnigen Meinungen oder Tendenzen, es handelt sich bei ihr nicht um eine Koalition. Der Kongress hat neun Tage gedauert, in dieser Zeit wurde alles umfassend diskutiert. Die neue PKK verfügt über eine Perspektive, ein Verständnis, das die Gleichberechtigung zwischen Frau und Mann in ihrer wahren Bedeutung anstrebt. Dies wird sie natürlich auch innerhalb ihrer gesamten Struktur praktizieren. Es wurde frei gewählt, dabei kamen 14 Frauen in den 27-köpfigen Parteirat. Das ist eine neue Sache für den Mittleren Osten. Frauen machen im Rat mehr als die Hälfte aus, das ist das Ergebnis demokratischer Wahlen. Bei der PKK geht es um eine neuartige Philosophie, ein neues Modell. Ein komplett neues Paradigma umzusetzen bedarf theoretischer Vorarbeiten. Dies ist Schritt für Schritt und im Kampf möglich. Wir haben dabei keine Probleme im Bereich der Kader. Allerdings ist von enormer Bedeutung, dass entsprechend dieses Paradigmas ein System auf der Grundlage einer Veränderung in den Denkweisen geschaffen wird. In diese Richtung wurde im vergangenen Jahr viel diskutiert, eine Struktur wurde geschaffen und reifte heran. In diesem Sinne wurde die PKK gegründet und nimmt Gestalt an. (Übersetzung eines Interviews von Hasan Günes, MHA News Agency vom 8. April 2005) |