Die Freie Frauenakademie in den Bergen Kurdistans

Wie leben?

von Eva Erle

Aufmerksame Leserinnen und Leser werden noch den Artikel zur Entwicklung der kurdischen Frauenbewegung in unserer letzten Ausgabe im Hinterkopf haben. Viel ist dort von Diskussionen die Rede, von einem neuen Gesellschaftsvertrag und dem demokratisch-ökologischen Gesellschaftsmodell. In einer Artikelserie wollen wir einen Ort vorstellen, an dem viele Diskussionen und vorbereitende Arbeiten zu diesen Punkten stattgefunden haben. Wie auch sonst in der kurdischen Befreiungsbewegung nimmt auch in der Frauenbewegung die Bildungsarbeit einen wichtigen Platz ein. Zusammen mit der organisatorischen Weiterentwicklung entstand das Bedürfnis, die eigene Bildung und die Perspektiv-Diskussionen auf einer höheren Ebene zu organisieren. So wurde eine zentrale Ausbildungseinrichtung, die Freie Frauenakademie, gegründet. In dieser Ausgabe machen wir euch zunächst die Beschlüsse und Rechenschaftsberichte der verschiedenen Kongresse und Konferenzen [1] zur Freien Frauenakademie zugänglich. In den folgenden Ausgaben werden wir dann Berichte und Interviews mit StudentInnen der Akademie veröffentlichen.

Bericht und Beschlüsse zum 3. Frauenkongress Juli 2000:

Aufgaben und Beschlüsse:
4. Internationale Freie Frauenakademie

Historisch gesehen handelt es sich bei einer Akademie um ein Zentrum, wo Menschen nach einer bestimmten Theorie ausgebildet werden, die Ideologie tief greifend untersucht und sich durch wissenschaftliche Diskussionen angeeignet wird. Der Begriff Akademie hat ihren Ursprung in der Methode des Dialoges des Sokrates, bei der Fragen gestellt werden und wissenschaftliche Neugier erweckt wird. Die Methode einer Analyse, die so durch Fragen und Antworten entwickelt wird, wurde zuletzt vom Vorsitzenden in der Mahsum-Korkmaz-Akademie erweitert und auf den neuesten Stand gebracht. Diese Akademie spielte eine wichtige Rolle bei Punkten wie dem Verständnis der Ideologie, bei der Reflexion über das Verhältnis zur Bewegung, der Hinterfragung der Art und Weise der KommandantInnen und der Ausbildung der Kader.
Der Parteivorsitzende sagte, dass die Frauenpartei gleichzeitig eine Freie Frauenakademie sein muss.

Die Aufgaben dieser Akademie sollen sein:

  • Ein Verständnis der Frauenbefreiungsideologie entwickeln, dieses vertiefen und erweitern.
  • Ein Ausbildungsniveau für die Kader zu entwickeln, das ihnen ermöglicht, die eigene Organisation überall und in jedem Fall vertreten zu können.
  • Durch Forschungsarbeit die unbekannte Geschichte der Frau ans Tageslicht zu holen.
  • Eine aktive Rolle bei der internationalen Diskussion und Verbreitung der Ideologie zu übernehmen.
  • Die Begabungen der Frauen hervorzuheben.
  • Frauen in allen Bereichen, wie z. B. Kultur, Kunst und Literatur, weiterzubilden.
  • Dafür zu sorgen, dass Frauen von der seelischen bis zur ästhetischen Ebene, von ihrem Körper bis zu ihren Gefühlen Bildung und Entwicklungsmöglichkeiten erhalten.

 

Dokumente zur 3. PJA-Frauenkonferenz Juli 2001

Konferenzbeschlüsse:

Freie Frauenakademie

Unsere Freiheitsbewegung ging dem 21. Jahrhundert damit entgegen, dass die Frauenbewegung zur Partei wurde. Die Freie Frauenakademie als Zentrum der Ausbildung von Demokratie- und Friedensaktivistinnen spielt eine zentrale Rolle bei der Durchdringung der Lebensweise unseres Volkes und der Menschheit mit frauenspezifischen Inhalten. Die von unserer Frauenbefreiungsbewegung geschaffenen Werte sind nicht nur kurdischen Frauen, sondern allen Frauen dieser Welt gewidmet. Da die Freie Frauenakademie dieses Ziel verfolgt, ist sie von universellem Charakter. Unser Vorsitzender sagte: „Sie [die Frauen] müssen ihre eigene Befreiung, ihre Kunst und ihre Suche nach einem eigenen Leben mit der von ihnen selbst geschaffenen Akademie entwickeln.“ Hiermit gab er uns die Hauptperspektive für die Gründung der Akademie, und so wurde es auf dem 3. Kongress beschlossen. Diese Akademie sollte bei der Formung des Bewusstseins der Frau zu einer Wiege von Wissenschaft und Philosophie werden. Es handelt sich hierbei um einen Anfang für die Geschichtsschreibung der Frau aus Frauenhand. Weiterhin ist es ein Anfang aus Sicht der Bestimmung der Gegenwart und Zukunft, ebenso wie für die Bereicherung und Verwurzelung verschiedener institutioneller Arbeiten. Dieses Zentrum, das im Mittleren Osten im Licht der Lehre des Vorsitzenden Apo arbeitet, macht sich eine Frauen-Renaissance zur Grundlage. Die Akademie hat die Aufgabe, das erreichte Niveau den PJA-Aktivistinnen und den Frauen der Welt zu vermitteln. Indem die Akademie die wissenschaftliche Analyse der Frauen entwickelt, ist sie die grundlegendste Grundlage für die Schaffung eines dem Patriarchat alternativen Systems. Gleichzeitig stellt sie als Experiment eines freien Lebens einen Prototypen, ein Vormodell dar. Sie ist mit der Entwicklung, Vertiefung und Vermittlung der Frauenbefreiungsideologie ein Ort, an dem Kader ausgebildet werden.
Weiterhin gehört Folgendes zum Themenbereich der Akademie: unbewusste Talente der Frauen an den Tag treten lassen, Frauen in Bereichen wie Kultur, Kunst, Literatur u. ä. vielseitig fortbilden, eine Weiterentwicklung des seelischen und des ästhetischen Bereichs, von ihrem Körper bis zu ihren Gefühlen. Die Organisierung erfolgt aufgrund der Kriegsbedingungen entsprechend einer militärischen Organisation und Disziplin. In diesem Sinn bildet die Akademie Kader in militärischen bis hin zu politisch-sozialen Bereichen entsprechend akademischer Maßstäbe aus. Die Akademie nimmt innerhalb der PJA eine wichtige Rolle ein, indem sie für verschiedene organisatorische Bereiche Programme vorbereitet und Vorschläge macht.

Beschlüsse:

  • Die Reorganisierung der Akademie entsprechend ihrer Bedingungen.
  • Die Verurteilung der Einstellung, bei der Auswahl der Teilnehmerinnen die Mission der Akademie und die allgemeinen Notwendigkeiten nicht genug zu beachten.
  • Die Verurteilung jeglicher willkürlicher Handlungsweisen, die militärischer Disziplin und dem Wesen der Frau nicht entsprechen.
  • Die Organisierung und Verkontinuierlichung von Ausbildungsperioden, die den Bedarf an Kadern in allen Arbeitsbereichen decken.
  • Die Erweiterung des Unterricht,programmes durch Themen wie ‘Frauen und die Organisation’, ‘Propaganda und Agitation’ und soziale, kulturelle, psychologische u. ä. Themen.
  • Je nach Bedarf die Erstellung von Broschüren zu Unterrichtsthemen.
  • Je nach Bedarf die Organisierung von Schreib- und Lesekursen in kurdischer und türkischer Sprache
  • Tagebuchführung in jeder Periode in der Akademie.
  • Die Weiterleitung der Ergebnisse an andere Bereiche des Kampfes durch Seminare und Podiumsdiskussionen.
  • Von Zeit zu Zeit die Weiterleitung von Ergebnissen als Perspektiven und Projekte an andere Arbeitsbereiche.
  • Zum Abschluss jeder Ausbildungsperiode sollen die Kader einige Tage lang auf ihre neuen Arbeitsbereiche vorbereitet werden.
  • Der Aufbau einer Bibliothek, die Quellen für eine akademische Bildungsweise stellen kann.
  • Das Erzielen von Eröffnungen von Sektionen der Akademie in Europa, im Libanon, Russland, Maxmur.
  • Die Organisierung der Institutionalisierung der Akademie entsprechend ihrer eigenen Bedürfnisse.
  • Die Professionalisierung sowie gemäß den Bedürfnissen die Institutionalisierung der Zeitschrift Tanriça Zilan [Göttin Zilan], die innerhalb der Akademie erscheint.
  • Die Unterstützung des Pressebüros des DAB (Demokratik Aydinlanma Birligi - Demokratischer Aufklärungsverband) und der Pressearbeiten in anderen Bereichen des Kampfes.
  • Nachforschungen/Untersuchungen zu Themen wie Demokratie, Rechtswesen, die Stimme des legalen Kampfes und Frauen, Frauenrenaissance, Frauen- und Männerpsyche. Weiterhin sollen zu diesen Themen Broschüren erstellt werden.
  • Der Versuch eines Romans, der Erinnerungen von Freundinnen an den Vorsitzenden beinhaltet. Außerdem sollen die Erlebnisse von Freundinnen, die seit sehr langer Zeit in der Bewegung sind, zu Romanen verarbeitet werden.
  • Der Aufbau einer gemischten Ausbildungseinheit für eine Gruppe von Jugendlichen (weiblich und männlich) innerhalb einer Sektion der Akademie.
  • Die Akademie soll in Klassen aufgeteilt werden.
  • Bei der Ausbildung sollen die Methode des Vorsitzenden als Grundlage und Analysen von ihm als Material dienen.

 

4. Frauenkongress Juni 2002

Rechenschaftsbericht

  • Es gab Schwierigkeiten, einen akademischen Standard beim Ausbildungssystem zu erreichen, was vor allem an der Leitung liegt.
  • Es ist dringend notwendig, die Unterrichtsthemen und einen Ausbildungsstil zu entwickeln, um Aufklärung, Bewusstseinswerdung, die Fähigkeit zur Eigenanalyse auf ideologischer Grundlage und Selbstvertrauen zu schaffen.
  • Neben den Unterrichtseinheiten sollen auch andere Aktivitäten zur Ausbildung gehören.
  • Ein Großteil der Auszubildenden erwartet stets, vom Vorstand ausgebildet zu werden. Auch wenn in Kommissionen/Gruppen gearbeitet wird, reicht dies nicht aus.
  • Bei verschiedenen Versammlungen wurde beschlossen, dass Sektionen gegründet werden sollen. Dies ist jedoch nicht geschehen. Es ist wichtig, in der vor uns liegenden Zeit Sektionen in der Türkei, Europa und dem Mittleren Osten zu gründen.
  • Eine Ausbildungsperiode für Männer hat stattgefunden. Die Annäherung nach den Motto „Männer werden von Frauen ausgebildet“ ist jedoch sehr oberflächlich. Denn diese Arbeit hat nicht nur die Ausbildung des Mannes, sondern auch die der Frau zum Ziel. Es handelt sich um einen Schritt in Richtung gleichberechtigter und freier Zusammenkunft der Geschlechter. Der Mann soll die freie Welt der Frauen kennen lernen. Aber genauso soll die Frau dazu angeregt werden, den Mann stärker zu analysieren.
    Der Vorstand der Akademie hat sich hierzu (Männer in der Akademie) zunächst zurückgehalten und Entscheidungen aufgeschoben.

Beschlüsse

Dass unser Kampf, die Wissenschaft auf die Gesellschaft anwendend, soziale und klassenbezogene Analysen entwickelt und hiermit Einfluss auf den gesellschaftlichen Veränderungsprozess ausgeübt hat, stellt die Grundlage der vollzogenen Veränderungen dar. Aus diesem Grund handelt es sich bei der akademischen Bildung um eine seit 20 Jahren durchgeführte Haupttätigkeit von uns. Die “Akademie Mahsum Korkmaz” stellt hierbei den Anfang dar. Die Arbeiten unter dem Motto „Hier wird nicht der Moment, sondern die Geschichte, nicht das Individuum, sondern die Gesellschaft analysiert“ haben die nationale Auferstehung mit sich gebracht. Die Freie Frauenakademie stellt somit eine Fortsetzung unserer Tradition der akademischen Bildung dar. Deren Ziel ist es, die Entwicklung von Diskriminierung aufgrund von Klassen, Kultur, Wirtschaftslage und ähnlichem, gestützt auf die Geschlechterdiskriminierung, zu analysieren. Unser Vorsitzender hat seit dem mit den 90er Jahren qualitativ und quantitativ zunehmenden Anschluss von Frauen an die Bewegung sehr auf deren Ausbildung geachtet. Hierbei war das Ziel nicht die Ausbildung von Kadern aufgrund von Bedürfnissen des Kampfes. Vielmehr ging es um die Entwicklung des Individuums, indem die Hindernisse vor einer freien Selbstverwirklichung aus historischer, sozialer und politischer Sicht analysiert werden, damit diese Hindernisse überwunden werden können. Bei der Akademie, die 2000 gegründet wurde, handelt es sich hiermit um einen Ort, an dem diese Ausbildung konzentriert und systematisiert wird, durch Nachforschungen und Erfahrungen/Experimente Antworten auf die Frage „Wie leben?“ vertieft werden. Mit akademischer Ausbildung wird erreicht, das “Projekt für ein freies Leben” weiterzuentwickeln, die klassische Frau und den klassischen Mann „zu töten“ [2] und somit einen neuen Menschen zu schaffen. Wichtig ist hierbei vor allem, dass die Akademie dieser Mission entsprechend eine Ordnung erhält und Frauen wie auch Männer die Möglichkeit zu ideologischer, politischer, psychischer, physischer Ausbildung erhalten.

1. Die Vertiefung und Verkontinuierlichung der Ausbildung in der Akademie im Lichte des “Manifestes für eine Demokratische Zivilisation” [3].

2. Einen Wettbewerb zur Gestaltung des Emblems der Akademie, an dem PJA-Aktivistinnen aus allen Bereichen teilnehmen können.

3. Die Schaffung von Bildungsprogrammen, die Themen wie Ideologie, Kultur, Gesellschaft, Politik, Gesundheit und Geographie mit einbeziehen.

4. Die Eröffnung einer weiteren Sektion in den freien Bergen Kurdistans, um das Akademie-System an andere Orte zu tragen. Weiterhin die Erzielung von Sektionen in Maxmur, Europa, dem Mittleren Osten und der GUS.

5. Die Akademie soll zu einer Schule werden, an der sich Frauen verschiedener Völker zur Weiterbildung treffen. In diesem Sinn muss ihr Umfang erweitert werden.

6. Die Bewertung des Befreiungsniveaus, das von Frauen und Männern erreicht worden ist, in Broschüren. Dies soll zum Allgemeingut gemacht werden.[4]

7. Die Resultate der Ausbildung sollen in Form von verschiedenen Materialien an die anderen Arbeitsbereiche weitergeleitet werden.

8. Die Schaffung eines Muttersprachenbereichs, um Kader für die kurdische Presse und den Rundfunk auszubilden und die kurdische Sprache sowie Literatur weiterzuentwickeln.

9. Es soll durch die Hilfe von und in Zusammenarbeit mit verschiedenen Frauenbewegungen eine Frauen-Enzyklopädie herausgebracht werden, die historisch und aktuell gesehen u. a. auf sozialer, politischer, kultureller, psychologischer Ebene tief greifende Untersuchungen über Frauen anstellt. Dieses Projekt soll gemeinsam mit dem DAB-Zentrum [Demokratik Aydinlanma Birligi - Demokratischer Aufklärungsverband] durchgeführt werden. Hierfür soll eine Gruppe gegründet werden.

10. Die Gründung von speziellen Arbeitsgruppen, die sich innerhalb der Akademie mit der Lösung verschiedener Probleme von Frauen, wie beispielsweise psychologischen oder kulturellen, beschäftigen.

11. Eine Ausbildung von jugendlichen Frauen und Männern innerhalb der Akademie.


Fußnoten:
1. Kongress: Höchstes Beschlussorgan einer Organisation, entscheidet über politische Zielrichtung und z.B. Namensänderungen; Konferenz: Bewertungen und Beschlüsse zur konkreten Arbeit eines bestimmten Zeitraumes.
2. Mahir Sayin: „Den Mann töten“: Dialoge mit Abdullah Öcalan Ende 1997; eines der wichtigsten Bücher in der kurdischen Bewegung zum Zusammenhang zwischen Geschlechterbefreiung und Sozialismus.
3. Hier wird auf die Verteidigungsschriften von Abdullah Öcalan Bezug genommen.
4. D. h. diese Bewertungen sollen veröffentlicht werden.