Angefangen hat alles mit zwei Strichen und einem Punkt. Auf einem Bildschirm. Tele-Tennis hieß das erste virtuelle Spiel und war Mitte der siebziger Jahre der ganz große Hit. Gespielt werden konnte es entweder mit einem teuren, extra angeschafften Set auf dem heimischen Fernseher oder auf speziellen Geräten in Kneipen. Es ging darum, den Punkt (Tennisball) mit dem Strich (Tennisschläger) abzuwehren und ihn in die Spielhälfte des Gegners zu schmettern. Vor einer damals imposanten Geräuschkulisse: Pling-Plup.
Tennis fand sonst im Fernsehen nicht statt, gerade mal das Herren-Endspiel von Wimbledon wurde als NiF, Nachricht im Film, präsentiert. Nun konnte man sich ein Geschehen als Spiel auf den Bildschirm holen, das es in der bundesdeutschen Medien-Realität noch gar nicht gab und das überdies nicht von Programmdirektoren bestimmt wurde.
Und das Tele-Tennis versprach den Beginn einer TV-Revolution: Das Medium sollte bald für ganz andere Dinge benutzt werden können - zum Spielen eben. Mit dem C-64 wurden diese Träume wahr, denn der Brotkasten funktionierte nur, wenn er an einen Fernsehapparat angeschlossen wurde. Nur dann marschierten mit enervierender Lahmarschigkeit schwer gepixelte Männlein auf dem Bildschirm herum, was zu Augenschmerzen und Wutausbrüchen führte und manchmal auch zum vorzeitigen Tod der Bildröhre. In den Kneipen waren die Tele-Tennis-Anlagen mittlerweile Spielautomaten gewichen. Pac-Man konnte dort gespielt werden, ein Game, in dem es darum ging, Punkte zu essen und gefährlichen Gespenstern auszuweichen. Pac-Man konnte richtige Geräusche machen und verfügte über eine eigene, speziell komponierte Melodie.
Auf den Fernseh-Bildschirmen passierte kurz darauf außer dem Programm und gelegentlichen Sega-Spielen gar nichts mehr. Die neue Computer-Generation benötigte spezielle Monitore, Telespiele lohnten sich nicht mehr. Doch Telespiele brauchen gar keine Abspielstation. Ein Telefon reicht aus. Und so erlebten sie vor einigen Jahren ihr Come-back, technisch den neuen Möglichkeiten angepasst und zunächst als Geldabzocke. Kleinere Kommerzsender importierten schwedische Games und überließen ihnen in der programmfreien Zeit den Bildschirm - womit die Sender wahrscheinlich mehr Geld verdienten als mit ihren Werbeblöcken.
Für eine Mark 90 pro Minute kann man dort telefonisch mitspielen und z.B. Kugeln oder Münzen in Gefäße schießen, die Telefontastatur dient als Joystick. Zu gewinnen gibt es für die Wochensieger Geldpreise, die wahrscheinlich exakt der Höhe der Telefonkosten entsprechen.
Vor einiger Zeit nahm auch das Öffentlich-Rechtliche den Tele-Game-Gedanken wieder auf. Zu einer äußerst ungünstigen Sendezeit, um halb sechs morgens, wird auf N 3 gespielt. Meistens muss die Klientel Bötchen fahren und versuchen, entweder eine Ziellinie zu überqueren oder die Schiffchen in ihren Heimathafen zu bugsieren. Das sieht meist ziemlich schwerfällig aus, denn zunächst fahren alle in unterschiedliche Richtungen los, da es eine Weile dauert, bis die Tele-Skipper ihre telefonische Fernbedienung auch wirklich beherrschen. Der Gewinner, den zu ermitteln entsprechend lange dauert, darf sich ein Lied aus einer vorgegebenen Musikrichtung wünschen. Meistens sucht er zufällig genau das Stück aus, das ein anderer sehr hasst, deswegen beeilen sich die Spieler beim nächsten Durchgang, den Titel möglichst kurz zu halten, um das eigene Lieblingsstück anhören zu können. Verbissene Zweikämpfe sind die Folge, man rempelt und foult. So viel Gemeinheit am frühen Morgen stimmt schön auf den Tag ein.
elke wittich
Jungle World, Bergmannstraße 68, 10961 Berlin, Germany
Tel. ++ 49-30-61 28 27 31
Fax ++ 49-30-61 28 20 55
E-Mail: redaktion@jungle-world.com