Das nächste Jahrmillionen steht vor der Tür, und die Menschen tun so, als sei es ein Kindergeburtstag. Ich kann das nicht verstehen. Ich meine: Wie kann einen so etwas kalt lassen? Wie kann man so tun, als würden nur die anderen total durchdrehen und man selbst bliebe völlig ungerührt? Ich kann's nicht mehr hören: »Millennium, ich kann's nicht mehr hören!« Ich selbst bin schon seit geraumer Zeit wie paralysiert von dem magischen Datum. Wie ein Kaninchen vor einer tausend Meter langen Python.
Das Millennium macht mich panisch-depressiv. Mein Gehirn-Computer ist auf den Datumswechsel nicht vorbereitet, er hat den Bug. Und nicht irgendeinen, sondern den großen Brainbug aus »Starship Troopers«. Vielleicht hätte ich mich rechtzeitig um einen der immer rarer werdenden Plätze in der Psychiatrie kümmern sollen, aber dafür ist es jetzt wohl zu spät. Wahrscheinlich liegt es an London und daran, dass die Leute um mich herum genauso durchticken.
Millenniumshysterie in Germany? Think again! Jeder Chicken-Take-away, jedes Fitnesstudio hat sich hier noch kurzfristig in »Millennium« umbenannt. Jeder Local Pub nimmt dreistelligen Eintritt für den Abend, und ein London-Taxi wird 75 Mark nur fürs Einsteigen kosten, die Fahrt noch nicht mitgerechnet. Nur die Tickets für die Riesenparty im Cool-Britain-Millennium-Dome verkaufen sich schlecht, weil die Leute ahnen, dass 20 000 Menschen an jenem Abend unter ein riesiges Zeltdach gesperrt den sicheren Tod bedeuten.
Ich weiß noch nicht, wo ich sein werde, was ich mache, aber soviel steht fest: keine eigene Party! Ich hab immer gedacht, dass es wohl cool wäre, eine Party zu veranstalten, bei der man selbst nicht hingeht, und sich nachher erzählen lässt, wie es war. Definitiv uncool ist es, eine Party zu veranstalten, bei der man selbst als erster völlig betrunken ist, noch vor zwölf ins Bett fällt, und sich nachher erzählen lassen muss, wie es eigentlich war. So sahen meine Partys eigentlich immer aus, und dieses Silvester wäre es bestimmt noch schlimmer: Ich würde nicht einmal den Anfang mitbekommen.
Das Schlimme an Partys in Berlin ist: Man kann nicht mal eben so dreißig Leute einladen, die man wirklich sehen will. Entweder zehn, weshalb die anderen zwanzig sauer sind, oder es kommen hundert, von denen man vielleicht dreißig kennt; dazwischen geht nichts. Auf meiner letzten Party, auf der ich die meisten nicht kannte, hatte ich eine Kasse für Getränke aufgestellt, mit der freundlichen Bitte, sich nach Augenmaß an den Kosten zu beteiligen. Als ich am nächsten Morgen aus meinem Koma erwachte, waren elf Mark zwanzig drin. Wenn so das nächste Jahrtausend anfinge, könnte es danach auch ohne mich weitergehen.
Außerdem, um alle Gerüchte endgültig zu zerstreuen, ist meine Berliner Wohnung temporär untervermietet an einen 45jährigen Technik-Umschüler aus Koblenz. Vielleicht macht der ja eine Party, wenn er es bis dahin geschafft hat, seine Stereoanlage anzuschließen. Da würde ich dann vielleicht sogar hingehen.
holm friebe
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