Nur für Leute, die montagsfrüh zur Dienstbesprechung müssen. Dort baut sich der Chef vor Ihnen auf und sagt: »Du hast ja ganz schöne Augenringe.« Er hat Recht, und die Kollegen in der Runde malen sich aus, wie Sie die letzte Nacht verbracht haben. Die Kollegen haben Ulrich Wickert geschaut und sind dann ordnungsgemäß schlafen gegangen. Sie haben auch Ulrich Wickert geschaut, dann hatten Sie keine Zigaretten mehr und sind in die Eckkneipe, wo Ihr Freund Herbert hockte, der gerade von seiner Freundin Anita in die Wüste geschickt worden ist. Herbert gab Schnaps aus. Als endgültig feststand, dass Anita eine Zicke ist, war es nicht mehr lange bis zur Dienstbesprechung.
Eine andere Variante wäre: Sie sind zum Zigarettenholen in die Eckkneipe, wo Anita hockt, die gerade ihren Freund Herbert in die Wüste geschickt hat. Die Juke-Box spielt irgendwas von Klaus Lage, zum Beispiel »Tausendmal berührt«, dann will der Wirt schließen, die melancholisierte Anita aber noch nicht nach Hause, Sie sind durch die leeren neonbeleuchteten Straßen gelaufen, später haben Sie sie geküsst, und niemand weiß, was dann geschehen ist (Heino).
Nun also die Sache mit den Augenringen. Haben Sie in der vergangenen Nacht die Variante zwei erlebt, die Geschichte mit Anita also, ist Ihnen der Chef scheißegal und das Leben eine Baustelle, Sie wissen schon. Haben Sie aber die Variante eins erlebt, die trostlose mit Herbert, werden Sie Ihrem Chef nun genau die falsche Antwort geben. Z.B.: »Ja. Aber es wird nicht wieder vorkommen.« Oder: »Ja, aber ich fühle mich trotzdem fit.« Die Kollegen grinsen in sich hinein und sind froh, dass sie nach Ulrich Wickert zu Bett gegangen sind. Der Chef bittet Sie für 14 Uhr in sein Büro. Sie sind ein Depp.
Solch peinliche Situationen lassen sich vermeiden. Entweder, indem man rechtzeitig schlafen geht, oder durch Schlagfertigkeit: Die Gemeinheit des Chefs wird durch eine flotte Antwort so gekontert, dass der Chef als Depp dasteht. Schlagfertigkeit kann man lernen, z.B. bei Matthias Pöhm. Matthias Pöhm sieht aus wie ein Ski-Lehrer, er ist so nett wie ein Ski-Lehrer und er lebt, wo Ski-Lehrer leben: in der Schweiz.
Neulich an einem Samstag versammelten sich im Seminarraum eines Kölner Hotels sieben Männer und eine Frau, um schlagfertiger zu werden. Einige starteten nach eigenem Bekunden von Level Null, andere hatten vor, ihrer Schlagfertigkeit den letzten Schliff zu geben. Eigenartigerweise sahen alle aus, als würden sie immer rechtzeitig schlafen gehen.
Pöhm, der von jedem Teilnehmer 590 Mark erhalten hatte, legte los wie die Feuerwehr. »Ein neues Gesetz: In jeder deutschen Familie müssen pro Tag und pro Person zehn Gramm Haschisch konsumiert werden. Sie sind Regierungssprecher und müssen dieses Gesetz nun in der Pressekonferenz verteidigen.« Erstaunlich an dem Rollenspiel waren die profunden Gründe, die sämtliche Teilnehmer zu Gunsten eines regelmäßigen Haschisch-Konsums vorbrachten, aber darauf hatte Pöhm gar nicht hinausgewollt: »Körpersprache! Selbstbewusstsein ausstrahlen, auch wenn man keins hat!« Auf kritische Fragen schnell und spontan antworten, der Inhalt ist zweitrangig. Die Antwort immer mit einem positiven Aspekt abschließen, etwa: »Dieses Problem ist in einem halben Jahr erledigt.«
Da diese Antwort nicht immer passt, und schon gar nicht auf das Problem mit den Augenringen, wurden im Laufe des Seminars Hunderte von Standard-Schlagfertigkeiten eingeübt. »Mein Mann hat 50 Leute unter sich.« Antwort: »Arbeitet er als Friedhofsgärtner?« Das ist: Aussagen absichtlich missverstehen. »Schauen Sie etwa Pornos an?« - »Na klar, Sie etwa nicht?« Das ist: Vorwurf voll akzeptieren und selbstbewusst klarmachen, dass man »die Wertordnung des Angreifers nicht akzeptiert« (Pöhm). Gut kam bei den Teilnehmern die Variante »übertriebene Zustimmung« an: »Du schnarchst!« Antwort: »Stimmt, die lösen bei uns im Viertel jede Nacht Fliegeralarm aus.« Nonsens als Antwort: »Lieben Sie Personen Ihres eigenen Geschlechts?« - »Ja, meinen Goldfisch.« Eine besonders elegante Sorte Schlagfertigkeit ist der versteckte Gegenangriff: »Du blökst wie ein Hammel.« - »Wenn ich dich anschaue, fühle ich mich wie einer.« Manchmal erfanden die Teilnehmer ihre Antworten auch selbst, und Pöhm sagte dann immer: »Wouwww, was für eine Antwort!«
Im Laufe des Tages wurde klar, dass der Wille zur Schlagfertigkeit eine Nebenwirkung von Verfolgungswahn ist. Schlagfertige sind wachsam, versteckte Angriffe, Provokationen und Beleidigungen erwarten sie jederzeit; das Mundwerk ist ihre Flak, der Gegner muss mit dem ersten Schuss erledigt werden: Wichtig sei, so Pöhm, nach einer gelungenen Anwort sofort den Blickkontakt zum Gegenüber abzubrechen, »Sie entziehen damit quasi das Wort.« Klaus P., ein ernster Mann Anfang dreißig, der sogar die Mittagspause im Seminarraum verbringt, hat ständig Probleme mit dem Chef seiner Feuerwehrtruppe, »der ist arrogant und entscheidet alles auf eigene Faust«. Bei der Brandbekämpfung ist der Feuerwehrchef eine Flasche. Klaus P. wirkt etwas skeptisch, aber er schreibt alles mit. Vielleicht wird er es dem Feuerwehrchef demnächst zeigen.
Schlagfertigkeit braucht ständiges Training, und deshalb bekamen die Teilnehmer am Ende eine Liste mit »250 Verbalangriffen zum Üben« mit nach Hause: »Du siehst ungepflegt aus. Sie sind ja schon wieder am Feiern. Ihr Auto ist ganz schön dreckig. Sie sind heute morgen wieder zu spät gekommen. Gestern war's ja wieder ganz schön laut im Treppenhaus. Sie haben einen Fleck auf der Hose. Frau Meyer, bei Ihrem engen Pulli kann ich mich nicht konzentrieren.«
Deutschland privat ist eine Tragödie, aber im Spiegel der Schlagfertigkeit wird alles noch schlimmer. Nur die Augenringe nicht. »Du hast ja ganz schöne Augenringe.« Antwort: »Da hält die Brille besser.« Passt immer. Auch, wenn es eine Sonnenbrille ist.
ralf schröder
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