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1. Dezember 1999
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Habermas über Bord!

Das Frankfurter Satiremagazin Titanic wird 20 und - wie Alt-Leser wissen - "immer schlechter". Die gemeine Variante der kritischen Sozialforschung. von holm friebe

Zusammengelegt würden alle bisherigen Ausgaben des "endgültigen Satiremagazins" vielleicht genau die Strecke von der heutigen Redaktion in der Frankfurter Sophienstraße bis zum Institut für Sozialforschung ergeben. Zumindest räumlich hat sich die Neue Frankfurter Schule, als deren Zentralorgan sich Titanic bis heute versteht, nicht allzu weit von den geistigen Vorläufern entfernt. Und gedanklich? Trotz aller ironischen Distanz hat sich die Titanic weniger von den Ideen der Frankfurter Schule weg entwickelt als etwa deren erklärter Stellvertreter auf Erden, Jürgen Habermas - auch wenn Theodor W. Adorno die Titanic heute vermutlich noch weniger verstünde als zu Anfang ihres Erscheinens.

Was Robert Gernhardt, Pit Knorr, F.K. Waechter und Chlodwig Poth (um nur einige der Väter zu nennen) mit der Gründung der Titanic und der Ausrufung der Neuen Frankfurter Schule bezweckten, war nicht Kritik an der Frankfurter Schule, sondern deren Fortsetzung mit anderen Mitteln. Meint: Aufklärung in ihrer ursprünglichsten Form als Kritik an der Dummheit, gepaart mit Humor. Einem Humor allerdings, der sich nicht in Prisen dosieren lässt, wie es ein paradoxer Satz von Bernd Eilert, einem der frühen Titanic-Mitarbeiter, auf den Punkt bringt: "Die humoristische Weltsicht ist eine absolute; sie relativiert alles." Besser lässt sich das Programm der Titanic kaum zuspitzen.

Als Kind ihrer Zeit - der Hochzeit des alternativen Zeitgeistes nach 1968 -, aus den Ruinen von Pardon auferstanden und auf einer Welle von Sponti-Sympathie getragen, grenzt es an ein Wunder, dass die Titanic immer noch erscheint. Zumal ihre Existenz nicht nur von schwindenden Auflagenzahlen bedroht ist, sondern immer wieder auch von juristischer Inkriminierung.

Immer wieder gab es Satire-Opfer, die den Spaß nicht verstanden, die Verbreitung unterbinden oder schlicht "an Geld herankommen" wollten, wie es in der offiziellen Pressemitteilung zum Jubiläum heißt. Seit der ersten Nummer, die im November 1979 zur Buchmesse vorgestellt wurde, gehört das Räuber-und-Gendarm-Spiel zum Alltagsgeschäft des Heftes. 30 der bislang erschienenen 241 Ausgaben sind verboten bzw. dürfen nach einer Unterlassungserklärung nicht mehr ausgeliefert werden. Anfangs war es eher die Kirche, die sich beschwerte, später beleidigte Privatpersonen und Firmen.

Mit 40 000 Mark bekam Björn Engholm den bislang größten Batzen zugesprochen, weil er auf dem Cover von Heft 4/93 in der Barschel-Badewanne zu sehen war - mit Quietsche-Entchen, was von den Richtern als besonderer Zynismus ausgelegt wurde. Focus-Chef Helmut Markwort wollte sogar 100 000 Mark für dreimal "Ficken" in einem Comic von OL einklagen, was den sicheren Ruin des Heftes bedeutet hätte, verlor aber vor Gericht. Eine McDonald's-Klage mit einem Streitwert von 500 000 Mark konnte 1994 gerade noch abgebogen werden, aber die Amerikanisierung der Rechtssphäre scheint unaufhaltsam, und die nächste Klage auf Geschäftsschädigung lauert bestimmt schon irgendwo da draußen.

Bereits 1984 wünschte sich Rechtsbeistand Gabriele Rittig deshalb die gute alte Zensur zurück, "da wusste man doch noch, woran man war". Der Auflage haben diese medienwirksamen Skandale entgegen anders lautenden Gerüchten nie viel genützt. Mit 100 000 Exemplaren gestartet, liegt sie heute solide schwindend bei 60 000 Exemplaren.

Dennoch muss es wohl eine nachgewachsene Leserschaft geben, denn zeitweise war der Spagat zwischen Alt- und Neu-Lesern im Heft spürbar; die Feststellung, dass die Titanic "auch immer schlechter wird", ein stehendes Diktum, womit sich der Alt-Leser zu erkennen gab. Inzwischen ist eher ein produktives Nebeneinander daraus geworden, die gewissenhafte Abdeckung der großen Themen von Titanic scheint nach wie vor essenziell für die Leser-Blatt-Bindung.

So fiel etwa die gesamte Amtszeit Kohls in den Erscheinungszeitraum des Heftes und wurde von Anfang bis Ende fast liebevoll begleitet. "Ein Jahr Birne: Die Schonzeit ist vorbei", hieß es im März 1984 auf dem Cover. Im September 1996 dann: "Das Attentat", dazu die Umrisse einer riesigen Birne mit Kreide auf der Straße. Im Juli 1991 konnte stolz der "3. Kohl-Titel in Folge" vermeldet werden, ein im Stil des Falk-Stadtplans gehaltenes Cover mit der Forderung: "Helmut Kohl muß Hauptstadt bleiben". Im September dieses Jahres dann die Schreckensnachricht: "Kohl geht!", Bewegungsaufnahmen von Kohl und der Zusatz: "Schäuble platzt vor Neid." Mit Gerhard Schröder ist man dagegen irgendwie noch nicht so recht warm geworden, aber bei Kohl hat es ja auch seine Zeit gedauert.

Das Thema "Wiedervereinigung" markiert einen weiteren Meilenstein der Heftgeschichte. Legendär das Cover mit Ossi-Braut, Brainwashed-Jeans und Gurke: "Zonen-Gabi im Glück: Meine erste Banane." Seitdem sich Axel Springers im Bild-Impressum verkündete Mission, "Die Vereinigung Deutschlands ist unsere Aufgabe", 1989 erfüllt hat, steht im Impressum von Titanic: "Die endgültige Teilung Deutschlands ist unsere Aufgabe." Heute, zehn Jahre später, lassen sich erste Erfolge verbuchen: "Hurra, die Mauer wächst nach", war die freudige Botschaft der jüngsten Ausgabe.

Wie die Ossis, so die Ausländer, könnte man mit Blick auf die Abfolge der Cover annehmen. Hier aber offenbart sich der kleine Unterschied, der Satire ausmacht. "Ausländer raus! ... aber bitte mit Humor" stand auf dem Januar-Heft von 1982 und sorgte bei der rechtschaffen links-liberalen Leserschaft für einen mittleren Skandal. Die Zeichnungen von Robert Gernhardt im Heft richten sich jedoch nicht gegen Ausländer, sondern gegen den deutschen Spießer, der etwa zu einem nicht-deutschen Müllmann sagt: "Sagen Sie mal, wie kommen Sie eigentlich dazu, unseren Müll wegzunehmen?" Auch das nachgelegte Cover, "Ausländer rein" aus dem Munde einer Sexhungrigen, wurde verübelt. Spätere Schlagzeilen aus dieser Serie lauteten etwa: "Endlich handelt Bonn: Helmpflicht für Ausländer". Und zu einem Foto von Roberto Blanco: "Wenn Sie dieses Heft nicht kaufen, hassen wir diesen Ausländer!"

Spätestens seit das Gutmenschen-Bashing, das die Titanic zuerst und oft mit Recht betrieben hat, zum Gratishobby für jedermann geworden ist, seit mit Verweis auf das missratene Kind immer vorsätzlicher auch das Bad ausgeschüttet wird, finden sich solche Beiträge in Titanic selten.

Dieser Avantgardismus ist es, der Titanic gegenüber anderen Humorzeitschriften auszeichnet. Immer wieder ist es ihr gelungen, das satirische Genre neu zu erfinden und neue Leute - Frauen gibt es in diesem Metier selten, Hilke Raddatz und Simone Borowiak blieben bislang die rühmlichen Ausnahmen - an Bord zu nehmen. Als Eckhard Henscheids polternde Invektiven gegen den Betrieb und seine Exponenten etwas langweilig wurden, kam Max Goldt und hat mit seiner gediegen-onkeligen Spießer-Kolumne die Herzen erobert. Als das wiederum ein wenig langweilig wurde, kamen Martin Sonneborn und Benjamin Schiffner und bewiesen mit ihren Telefon-Aktionen, die inzwischen zum festen Bestandteil des Heftes gehören, dass gerade in unübersichtlichen Zeiten die direkte Intervention des Satirikers möglich ist.

Wenn sich der Erfolg eines Blattes danach bemisst, wie sehr es andere Blätter beeinflusst, dann ist Titanic eine der erfolgreichsten Publikationen der Nachkriegsgeschichte. Angefangen damit, dass die Woche das schöne Format "Briefe an die Leser" kopiert, finden sich Formen und Sprechweisen, die zuerst in Titanic auftauchten, mittlerweile überall im deutschen Journalismus und machen auch vor den Comedy-Formaten im Fernsehen nicht Halt. Der Ironisierung fast aller journalistischen Formate hat nicht zuletzt Titanic den Weg geebnet. Ist ihre historische Mission damit erfüllt? Aber woher denn. Dummheit bleibt Dummheit, auch wenn sie neuerdings ironisch verpackt wird. Und die endgültige Teilung Deutschlands möchten wir schon auch noch erleben.


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