Ein Gespräch mit Ludwig von Friedeburg über den zivilgesellschaftlichen Frieden am Institut für Sozialforschung
Ludwig von Friedeburg ist seit 1966 im Direktorium des Instituts für Sozialforschung und gegenwärtig dessen geschäftsführender Direktor. Seit 1997 entscheidet ein gewähltes Kollegium über die Forschungsvorhaben des IfS, dem er ebenfalls angehört.
Kurz nach der Rückkehr des Instituts in die neu gegründete BRD wurde eine Studie zum Bewusstsein der Deutschen durchgeführt, die erschreckende, aber in gewisser Weise auch antizipierbare Ergebnisse zu rassistischen, antisemitischen und obrigkeitsfixierten Einstellungen an den Tag legte. Wie, glauben Sie, würden die Ergebnisse ausfallen, wenn das IfS das "Gruppenexperiment" wiederholen würde?
Da hat sich Erhebliches geändert. Denn die Verfassung der Menschen damals war die von Mittätern in der faschistischen Diktatur. Die Generation, die das miterlebt und mitgetan hatte, wurde durch diese Gruppenstudie zum Nachdenken aufgefordert, inwieweit sie sich schuldig gemacht hat, wie das Verhältnis zu den Juden war, wie zu den Besatzungsmächten. Jetzt sind inzwischen schon beinahe zwei weitere Generationen darauf gefolgt und wir haben doch eine bemerkenswerte Veränderung der Einstellungen gegenüber den zentralen Fragen, die damals in der Gruppenstudie gestellt worden waren durch den Ablauf der Generationen.
Wir sehen das beispielsweise an den Reaktionen auf die Ausstellung des Hamburger Sozialforschungsinstituts zu den Verbrechen der Wehrmacht und andere Ereignisse - wo eine ganz klare Differenz zwischen den Jüngeren und den Älteren beobachtet werden kann. Das ist die stärkste Differenz, nicht die der verschiedenen Typen autoritären Charakters, die gewiss auch eine Rolle spielen.
Wir haben Besucher-Befragungen gemacht bei den beiden Frankfurter Ausstellungen, "Verbrechen der Wehrmacht" sowie "Aufstand des Gewissens", die das stützen. Übrigens mit ähnlichen Resultaten in Dresden und Salzburg. Oder auf dem letzten Historikertag in Frankfurt konnte man zum ersten Mal erleben, dass der Vorsitzende der Gesellschaft die Beteiligung der bekannten Historiker aus den fünfziger und sechziger Jahren in der Nazi-Zeit zum Thema gemacht hat. Vorher ist dies alles beschwiegen worden.
Widerspricht das nicht der SchlussStrich-Rhetorik, wie sie in der Walser-Debatte und den antisemitischen Übergriffen der letzten Jahre offenbar wurde?
Ein Schluss-Strich wird überwiegend von älteren, nicht aber von jüngeren Menschen gefordert. Zugleich ist die Minderheit von aktiven Rechtsradikalen bei den Jüngeren größer als bei den Älteren, insbesondere in den Neuen Bundesländern. In der alten Bundesrepublik hat der Lernprozess, die Sozialisierung in die Demokratie, viele Jahre gedauert und er wurde nicht nur begleitet, sondern ungemein gefördert durch die wirtschaftliche Entwicklung, anders als jetzt in den Neuen Bundesländern. Wenn in so hohem Maße Arbeitslosigkeit unter Jugendlichen herrscht, dann ist das eine ganz andere Lage, als wir sie hier in der Bundesrepublik hatten, wo ab Mitte der fünfziger Jahre die Arbeitslosigkeit mehr und mehr verschwand und wir dann in eine unerwartet lange Phase der Vollbeschäftigung gekommen sind. Es gab ganz andere Möglichkeiten auch für die Bildungsreform und die politische Liberalisierung der Gesellschaft. Insofern, alle Bedenken wohlbedacht: Die Schluss-Strich-Debatte ist von relativ älteren Menschen diskutiert worden, nicht von den Jüngeren.
Wirft das nicht ein schlechtes Licht auf die Vergangenheitsbearbeitung, wenn sie nur unter wohlfahrtsstaatlichen Bedingungen vollzogen werden kann?
Das ist realistisch, Menschen sind so, dass sie zunächst einmal zu Essen haben wollen, eine Wohnung haben wollen und gekleidet sein wollen. "Zuerst kommt das Fressen, dann die Moral." Wir haben in der BRD eine ganz außergewöhnliche Glückssituation gehabt, insofern wir hier Frieden hatten, zwar eingekreist von den Großmächten, wodurch der Atomkrieg immer möglich war, und eine sich ständig weiter verbessernde wirtschaftliche Lage. Wie wir in der Bundesrepublik mit einer Massenarbeitslosigkeit von der Dauer, wie wir sie jetzt haben, ohne die Fundierung der Demokratie umgehen könnten, das würde ich als ganz offene Frage bezeichnen.
Sie nennen die Zeit des sozialdemokratischen Konsensus eine Glückssituation. Adorno hat seine Kritik des jeweiligen Zustands an einem liberalen Zeitalter gemessen. Die Phase, die Adorno als Verwaltete Welt, Marcuse als Eindimensionale Gesellschaft kennzeichnete, charakterisieren Sie nun als glücklich und kritisieren aus dieser Position den heutigen "Neoliberalismus" an eben jener fordistischen Phase. Hat sich da nicht ein affirmativer Maßstab in die Kritische Theorie eingenistet?
Für was spricht das mehr, als dass kritische Theorie, wenn sie weiterhin für die Gesellschaftskritik bedeutsam bleiben will, sich an den jeweiligen aktuellen Verhältnissen abarbeiten muss. Auch Adorno wollte Gesellschaft nicht unter dem Gesichtspunkt des orthodoxen Marxismus sehen, nach dem, solange das Proletariat diese Gesellschaft nicht revolutioniert und dann mit einem Schlage das Reich der Freiheit eingetreten ist, alles so schlecht ist, dass man in ihr nicht leben kann. Wenn Sie diese orthodoxe Vorstellung vor Augen haben, dann ist das, was Sie sagen, ganz plausibel. Adorno aber hat sich mit dem auseinandergesetzt, was in seiner Zeit sehr wohl kritikwürdig und verbesserungswürdig war, und wir arbeiten uns an dem ab, was in unserer Zeit jetzt, in diesem globalisierten Neoliberalismus veränderungs- und verbesserungswürdig ist.
Die Geschichte des Instituts hat sich auch nach seiner Wiedereinrichtung in der BRD mit zahlreichen personellen und inhaltlichen Brüchen vollzogen. Uns interessiert, wie es zur Hinwendung zu Demokratie- und Zivilgesellschaftstheorien Ende der Achtziger kam.
Einmal war das eine Wiederaufnahme der politikwissenschaftlichen Intentionen des Instituts, die ja einmal stark waren, wenn Sie an Franz Neumann, Otto Kirchheimer und Friedrich Pollock denken, beispielsweise zur Frage, wie denn der Staat organisiert sei. Sie wurde später durch die Dominanz von Adorno und die außerordentliche Bedeutung, die dann eher die kulturelle Sphäre in den Analysen des Instituts hatte, verdrängt.
Andererseits hängt das Forschungsinteresse auch immer mit Personen zusammen. Damals kamen Dubiel und Rödel nach der Auflösung des Starnberger Instituts hierher und brachten damit bestimmte Interessen und Fragen mit, wie überhaupt in den siebziger, achtziger und neunziger Jahren die Themen des Instituts, die der interessierten Mitarbeiter waren.
Wie würden Sie die Funktion kritischer Sozialforschung rückblickend bestimmen?
Wir sind durch die Sozialforschung zu Soziologen geworden und zwar Soziologen mit der Absicht mitzuhelfen, dass diese gerade erst beginnende Demokratie mehr Gehalt und mehr Substanz gewinnen sollte und musste, als es damals möglich war und große Teile der Bevölkerung noch in Erinnerung an die Vergangenheit lebten. Ich erinnere mich an Fragen, die damals Allensbach stellte: Im Januar 1950: "Welcher große Deutsche hat Ihrer Ansicht nach für Deutschland am meisten geleistet?" Nach Bismarck (41 Prozent) wurde Hitler (zwölf Prozent) am häufigsten genannt. Als im Oktober 1951 gefragt wurde: "Wann in diesem Jahrhundert ist es - nach Ihrem Gefühl - Deutschland am besten gegangen?" rangierte das "Dritte Reich" (44 Prozent) neben dem "Kaiserreich" (43 Prozent). So war das anfangs, und es hat viele Jahrzehnte gebraucht, bis die Fundamente dieser Demokratie einigermaßen gelegt waren.
Kritische Sozialforschung hat ihren Anteil daran und insbesondere die Frankfurter Soziologie, die darauf abzielte, Gesellschaftskritik als ein wesentliches Moment des Gesellschaftsaufbaus zu verstehen. Der Maßstab für einen vernünftigen Aufbau ist das Ziel, das sich die Gesellschaft im Grundgesetz selbst gesetzt hat.
Hat das Konzept der Substantialisierung der Demokratie denn getragen?
Weit besser als in der Weimarer Republik. Allerdings gibt es auch Annahmen, wie jene, die sich zum Beispiel mit der Eröffnung von Mitbestimmungsrechten für die Betroffenen verbinden, die die Erwartungen von deren aktiver Beteiligung nicht erfüllt haben. Die Wahlbeteiligung der Studierenden in der Gruppen-Universität machte es dann den Gegnern leicht, auf deren Beitrag zu verzichten und die allgemeine Deregulierung mit mehr Hierarchie zu verknüpfen.
Dient die Mitbestimmung heute nicht eher dazu, den Betrieb oder wie im Fall der Schulautonomie, den Staat zu verschlanken?
Ja, nur ist das jetzt zwanzig oder dreißig Jahre später. Ende der sechziger und in den siebziger Jahren diente die Mitbestimmung nicht dazu, irgendwas zu verschlanken, sondern die Betroffenen zu beteiligen.
Auch in den eigenen Reihen sahen Sie Schwierigkeiten mit dem Partizipationsprinzip. 1997 wurde eine Umstellung der Institutsstruktur vorgenommen. Ein gewähltes Kollegium entscheidet nun über Forschungsvorhaben. Was waren die Gründe für diese Veränderung?
Der Grund war, dass die bisherige Kooperation der Forschungsteams, die sich einerseits in einer Wissenschaftlerkonferenz und einer Vollversammlung der Mitarbeiter äußerte, andererseits, nach dem Muster der Achtundsechziger, in der paritätischen Beteiligung der Mitarbeiter am Institutsrat nicht mehr funktionierte. Es ging so nicht weiter, denn alle Bemühungen um die innere Reform, die von den Mitarbeitern ja auch getragen wurde, hatten nicht zu wirklich greifbaren Erfolgen geführt. Durch die Bildung einer anderen Struktur, nämlich eines Kollegiums von Wissenschaftlern, die an der kritischen Theorie interessiert sind und aus ihren Bereichen Forschungserfahrungen und Fragestellungen mitbrachten, sollten neue Anstöße für die Arbeit am Institut gewonnen werden.
Es verwundert ein wenig, dass es kaum Stellungnahmen des Instituts zu tagespolitischen Fragen gibt. Ist die Tradition des eingreifenden Intellektuellen, wie sie Adorno und später Habermas vertreten haben, im heutigen Institut verloren gegangen?
Eingreifende politische Äußerungen des Instituts hat es zu keinem Zeitpunkt gegeben. Sondern Adorno als Person wie Habermas und auch ich haben uns im Zusammenhang mit der Studentenbewegung, Notstandsgesetzgebung und anderen gesellschaftlichen Fragen öffentlich geäußert. Und das tun Einzelpersonen aus dem Institut heute auch noch. Ich habe einen Vortrag zur Ausstellungseröffnung "Verbrechen der Wehrmacht" in Kiel gehalten. Mitglieder des Instituts beteiligen sich als Bürger dieser Gesellschaft an politischen Diskussionen und Fragestellungen.
Im Zentrum von Adornos Theorie steht die Maxime, alles zu tun, dass Auschwitz sich nicht wiederhole. Heute wird mit diesem Satz die Bombardierung Belgrads legitimiert. Wird damit Adornos Satz falsch, ist die Bombardierung falsch oder nur falsch legitimiert?
Falsch legitimiert.
interview: lutz eichler
und michael elm
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