Leistungsschau kritischer
Affirmation
Der Würdelosigkeit einer Würdigung aus chronologischem Anlass zu begegnen, kehrte Adorno 1957 die Prüfung gegen die Nachgeborenen: Nicht zähle, was Hegel vor der Gegenwart, sondern was diese vor Hegel bedeute:"Danach wird Hegel ehren einzig der, welcher sich von der Angst vor der gleichsam mythologischen Verstricktheit eines kritischen Verfahrens, das es auf jeden Fall falsch zu machen scheint, nicht einschüchtern läßt und, anstatt ihm gnädig oder ungnädig Verdienste zu- oder abzusprechen, dem Ganzen nachgeht, auf das er selber ging." ("Drei Studien zu Hegel")
Das Ganze, auf das das Institut für Sozialforschung unter Horkheimer selber ging, die Rekonstruktion der Vermittlung gesellschaftlicher Totalität durch und gegen den Menschen, war im Titel der Konferenz gestreift: Kritik der Gesellschaft. Doch von Gesellschaft und ihrer falschen Synthesis war nicht die Rede. Um so mehr, man hatte es geahnt, vom tückenreichen Geschäft der Begründung und Vermittlung von Normen. Kein einfaches Los für Referenten, die den Zusammenhang von Freiheit der Rechtsperson, Eigentum und Ausbeutung durch Lohnarbeit auf die einfache Dichotomie "Capitalism is about freedom just as much as it is about exploitation" (Peter Wagner) herunterbringen. Überhaupt sei Ausbeutung with or without the labour theory of value falsch (Michael Walzer).
In diesem vom Begriff eines gesellschaftlichen Ausbeutungsverhältnisses im demokratisch verfassten Kapitalismus unbeeindruckten setting, kaum auf dem Niveau der vormarxschen politischen Ökonomie, konnte Onora O'Neal den theoretischen Regress bis hinter Kant treiben. Sie übersetzte den Kategorischen Imperativ - Gesetz vor allem Empirischen - lobend als "Regel mit schwacher Normativität": Er begründe lediglich "norms that all others could accept". Theoretische Skandale dieser Größenordnung wurden vom interessierten Publikum artig beklatscht.
Als Leistungsschau der kritischen Affirmation gegen die in Abwesenheit immer wieder verhöhnte Szene "resignativer Fundamental-Adorniten" präsentierte das Institut die Podien zum "globalen Kapitalismus". Chantal Mouffe, Apologetin des Radikaldemokratismus, wetterte gegen "kosmopolitische Regulation" - worunter sie sich eben nichts anderes als einen Weltstaat vorstellen mochte - aus der Perspektive buntscheckiger Ethnien: die seien mit allerhand "non-territorial autonomy" in ihren kulturellen Weisen zu mästen.
Weil sie Volksherrschaft nicht abschaffen, sondern organisiert will, erklärte sie Grenzen zur conditio sine qua non guter Herrschaft. Sonst könne der Demos keine Demokratie machen. So what? Iris Young hausierte mit einem "ideal of meaningful work", dem ernst gemeinten Vorschlag, das angeblich zeittypische "ironic detachment" gegenüber dem eigenen "job" doch mal am Maßstab der unvermittelten Reproduktionsarbeit zu messen. Und das ohne Kritik an der Herrschaft der abstrakten Arbeit, die jedes Kriterium für "meaningful" dem Konkurrenzerfolg unterstellt.
Einzig Alfred Schmidt hielt die Fahne: "Das Wichtige an der Revolution ist, dass sie passiert." Natürlich nicht mit diesen Leuten.
sebastian geiger
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