Kaviar vorm Kino
Gefährliche
Orte LXXVI: Friedrichshain ist auf den Fisch
gekommen. von stefan rauch
Katja
ist gerade erst nach Berlin gezogen. Zwanzig
Jahre hat sie in Hamburg gelebt. Und sie redet
auch so: "Hier zieht es ja wie Hechtsuppe",
sagt sie, wenn es kalt ist. In Hamburg zielt
jeder Vergleich automatisch auf die nächste
Umgebung. Es ist kalt, Katja hat Recht. Und
manchmal hat Katja auch Sehnsucht: nach dem
Fischmarkt, nach den Marktschreiern, nach den Möwen
und nach der Nordsee.
Berlin
hat das alles nicht zu bieten. Sollte man meinen.
Wenn es nicht den Friedrichshainer Fischtag gebe.
Dazu gehen wir raus auf die Frankfurter Allee zum
Kino "Kosmos". Alte Männer mit Prinz-Heinrich-Mütze
kommen uns entgegen, und bald merken wir: Alle
haben sich als Fischer verkleidet. Sie tragen
blaue Hemden und um den Hals ein rotes Tuch. Sie
versuchen möglichst breit zu sprechen und nicht
zu berlinern. Was nicht ganz gelingt.
"Moin",
sagt ein Berliner und bietet uns einen völlig
verkohlten Räucheraal an. Nee, nee, da gehen wir
lieber weiter. Zwischen den Ständen ist eine
kleine Bühne aufgebaut. Ein Mann brüllt ins
Mikrofon: "Da gibt es Fisch in Tuben, ideal
zum Dressieren." Außer ihm lacht keiner.
Und damit auch alle merken, dass er einen Witz
gemacht hat, lacht er so lange, bis die Leute
klatschen.
"An
diese Sparwitze werden wir uns gewöhnen müssen",
sagt Katja. "Sie sind Teil des Settings."
Um nicht aufzufallen, lachen wir mit und gehen zu
dem Stand hinüber, in dem es Fisch in Tuben gibt.
"Kompetenz in Fisch" steht auf dem
Schild. Tatsächlich handelt es sich nicht um
Fische, sondern um deren Rogen - um Kaviar also.
Genauer gesagt, um Kaviarcreme in verschiedenen
Geschmackssorten: Dill, Knoblauch, Meerrettich
und Curry. Zwei Frauen bieten Snacks an und ein
Mann fragt skeptisch: "Is' da nu Fisch drin
oder nich?"
Überall
stehen Bottiche rum mit lebenden Karpfen. An der
Oberfläche des trüben Wassers schwimmen Blasen
und unten im Bottich ein großer Fisch. Wo mag
dieser Karpfen wohl herkommen? "Das kann ich
Ihnen sagen", sagt der Mann mit der Käpitänsmütze,
verschränkt die Arme und lehnt sich zurück:
"Aus'm Wasser." Selten so gelacht.
Etwas
weiter stehen die Angelfreunde 1866 e.V. Rudi und
Hans-Günther haben ihre besten Stücke
einbalsamiert und wie Jagdtrophäen auf eine
Holztafel geklebt. "1 Meter 70", prahlt
Hans-Günther, "und 25 Pfund." Auf
meinen Einwand, dass große Fische doch gar nicht
schmecken, macht er eine wegwerfende Handbewegung.
"Ach was, die muss man nur mit Semmelmehl
panieren und filetieren, Salz und Pfeffer druff,
braten, fertig, schmecken super, wie Fischstäbchen."
Neben
dem großen Hecht ragt noch ein kleiner spitzer
Fisch aus einer Holzplatte. "Das ist ein
Hornhecht", klärt Hans-Günther uns auf.
"Die kann man nur im Sommer fangen, im
Winter zigeunern die irgendwo in der Ostsee."
Zigeunern? Was meint er denn damit? "Naja",
antwortet er, "herumtreiben." Weil sich
Zigeuner immer herumtreiben? "Nein, das
nicht. Zigeuner sind doch keine Fische."
Jetzt will ich es aber genau wissen: "Also können
nur Fische zigeunern?" So eine Frage bringt
Hans-Günther aus der Fassung und statt einer
Antwort bekomme ich eine Informationsbroschüre
in die Hand gedrückt. Titel: "Angeln macht
glücklich".
Das
klingt vielversprechend, bisher ist mein Tag ja
nicht so gut gelaufen. Vielleicht ist Angeln die
Lösung, denke ich mir. Aber Angeln macht einsam.
Das sieht der Deutsche Angel-Verein ganz anders.
"Angeln ist eben mehr", heißt es da.
"Sie wissen schon." Neue Mitglieder
werden geködert, indem man ihnen eine heile Welt
vorspielt - mit "neuen Naturerlebnissen"
und "neuen Freunden". Und hervorgehoben
steht da: "Ja, Angeln ist viel mehr als nur
Fische aus dem Wasser zu ziehen." In der taz
hieß es neulich: "Warum angeln eigentlich
nur Männer?" Katja angelt auch, hin und
wieder. "Ein ganz besonderers Erlebnis ist
das", sagt sie. "Das ist nur ein
anderer Mikrokosmos", sage ich und wir gehen
wieder zurück zur Bühne.
Dort
haben sich inzwischen eine Menge Leute versammelt.
Der Höhepunkt des Tages steht unmittelbar bevor.
Die Namensgebung des Friedrichshainer
Wappentieres. Es ist ein Fisch - wie sollte es
anders sein. "Folgende Vorschläge sind
abgegeben worden", ruft der Moderator.
"Heiner, Fridolin, Flutschi, Friedrich von
Stralau, Strahli, Schuppi, und Kyprianus."
Kyprianus? War das nicht dieser linke
zypriotische Politiker? Wer weiß das schon? Ist
auch egal. Den hat sowieso keiner gewählt.
Der
Moderator schöpft wieder aus dem Vollen: "Wir
haben 60 000 Wahlberechtigte in Friedrichshain
und davon haben 142 gewählt. Das ist eine
Beteiligung von Null-komma-ach-was-weiß-ich-wieviel-Promille.
Aber nicht nur aus unserem Bezirk haben welche
gewählt, wie ich hier sehe, sogar unsere ausländischen
Gäste aus Hellersdorf." Diesmal lacht
niemand. Offenbar kommen alle aus Hellersdorf.
Aber keiner traut sich, es zuzugeben.
Als
der Bezirksbürgermeister Helios Mendiburu (SPD)
das Ergebnis bekannt gibt, gehen einige bereits
weiter. "Mit überwältigender Mehrheit hat
Friedrich von Stralau gewonnen. Auf diesen Namen
entfielen 30 Stimmen, auf Fridolin 21 und auf
Flutschi 14." "Wo ist Heiderose Schulz?"
ruft der Moderator. "Wer ist Heiderose
Schulz?" schallt es zurück. Heiderose
Schulz ist die Namensgeberin und hat einen Fisch
gewonnen, aber sie macht es richtig und taucht
nicht auf.
Später
verrät Helios seine Ansicht zu der ganzen
Veranstaltung: "Ich hätt's nicht gemacht.
Aber wenn's den Leuten gefällt." Er hat
schon ein paar Bier getrunken und schwankt etwas.
"Ein Platz für den Fisch", fordert er.
Damit meint er das Wappen des Großbezirks
Kreuzberg-Friedrichshain. Da wird der Fisch nämlich
künftig fehlen. "Wir mussten einen
Kompromiss eingehen", sagt Mendiburu. "Die
Oberbaumbrücke, die uns verbindet, bleibt."
Katja
beginnt sich zu langweilen. Was interessiert sie
das Wappen eines Bezirks, den es noch gar nicht
gibt. Und außerdem: "In Hamburg ist das
anders, größer, authentischer." Wie gesagt,
sie ist gerade erst nach Berlin gezogen. Da ist
es schwer, mit der tristen Berliner Parallelwelt
klarzukommen.
Ein
Mädchen mit ganz langen dunklen Dread-Locks
kommt auf mich zu und drückt mir einen Zettel in
die Hand. "Stoppt die Hinrichtung von Mumia
Abu-Jamal!" Auf dem Zettel ist ein Foto. Der
Mann sieht ihr sehr ähnlich. "Ist das dein
Vater?" frage ich. Ihre Stimme wird ganz
hoch und empört stampft sie auf. "Du kennst
Mumia Abu-Jamal nicht?" Ich hätte nicht mit
dem Kopf schütteln sollen, denn jetzt erzählt
sie mir die ganze lange Geschichte, und dass ich
dem Gouverneur von Pennsylvania unbedingt
schreiben soll. Ich würde lieber ihr schreiben.
Das sage ich auch, aber das macht sie nur noch wütender.
Leider kann ich ihr Gesicht nicht sehen, unter
den Haaren schimmert nur das Piercing durch.
Auf
dem Weg zurück kommen wir noch einmal bei Rudi
und Hans-Günther vorbei. Rudi macht gerade ein
paar Fotos von Hans-Günther. Seine Brille sitzt
schief auf dem Kopf. Er streicht sich die Haare
zurecht und grinst. Als Hans-Günther uns sieht,
fängt er wieder von seinem Karpfen an. "Einssiebzig
und fünfundzwanzig Pfund." Ja,ja, wir
wissen schon. "Hey, ihr wart doch schon da.
Warum erzähl ich euch das überhaupt?" Das
weiß ich auch nicht.
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