Die moderne
Rechte
Die
moderne Sozialdemokratie verbindet den liberalen
Markt mit dem starken Staat.
von andreas donat
Cross-Over
bei den Sozis. Jeder ist sein eigener Unternehmer,
sagen Blair und Schröder und propagieren ein
neoliberales Gesellschaftsbild. Doch moderne
Sozialdemokraten wollen mehr als traditionelle
Wirtschaftsliberale: Der Nationalstaat soll nicht
verschwinden, sondern eine neue Rolle spielen -
mal autoritär, mal fürsorglich.
Das
Modell ist attraktiv. Auch der österreichische
Rechtspopulist Jörg Haider findet diese Mischung
prima und fasst die Möglichkeit ins Auge, mit
den Sozis zu koalieren. Oder ist die moderne
Sozialdemokratie am Ende die moderne Rechte? Die
Diskussion wird in den nächsten Ausgaben
fortgesetzt.
Der
Dritte Weg ist das Ziel: Seit einigen Jahren
versuchen sich die europäischen Sozialdemokraten
- allen voran die in Deutschland und Großbritannien
- zu modernisieren und marschieren dabei stramm
nach Rechts. Populismus, Führerfiguren und
Zentralismus der parteipolitischen Strukturen
kennzeichnen dabei die "moderne
Sozialdemokratie" als Partei. Die von
einigen diagnostizierte "Amerikanisierung"
der Sozialdemokratie ist jedoch mehr als nur ein
Import von Wahlkampftechniken. Das "Neue"
ist auch kein "Thatcherismus mit
menschlichem Antlitz". Die Sozialdemokratie
erweist sich vielmehr als konsequenter in der
Formulierung marktgerechter Politik, denn sie
agiert ohne den klassischen konservativen Ballast.
Sie übernimmt damit das Erbe der Konservativen
und präsentiert sich als die eigentliche moderne
Rechte.
Für
die moderne Sozialdemokratie gibt es keine linke
oder rechte Wirtschaftspolitik, sondern nur noch
effektive oder ineffektive. Die Ertragslage gilt
es mit dem Verweis auf den "Naturzwang der
Globalisierung" zu sichern. Die
sozialdemokratische moderne Rechte signalisiert:
Die "soziale Frage" ist in den Griff zu
bekommen. Die statistische Arbeitslosigkeit wird
beseitigt, offene Armut vermieden, überlastete
Sozialetats werden saniert. Das Blair / Schröder-Papier
fasst dies nochmals zusammen. Neoliberale
Wirtschaftspolitik, gepaart mit einer klaren
Definition sozialer Mindeststandards, mit innerer
Aufrüstung und verschärfter Repression gegen
die Verlierer sind die Essentials. Diese kommen
in den Aussagen zur inneren Sicherheit und zur
Drogenpolitik ebenso klar zum Ausdruck wie im
Wandel von sozialen Rechten hin zum nachdrücklichen
Zwang, sich im Niedriglohnsektor zu verdingen.
Der
Staat spielt dabei alles andere als eine schwache
Rolle, sowohl in ökonomischer wie auch in
innenpolitischer Hinsicht: "Flexible Märkte
müssen mit einer neu definierten Rolle für
einen aktiven Staat kombiniert werden" (Blair
/ Schröder). Die "Kehrseite der liberalen
Medaille ist die Ordnungs- und Sicherheitspolitik
- als einzig mögliche Antwort auf die zu
erwartende soziale Verwüstung", schrieb
dazu Daniel Bensaid in Le Monde diplomatique (Nr.
12/98). Er verweist darauf, dass Blair seine
Partei als die von "Recht und Ordnung"
und von "Null-Toleranz" bereits
profiliert hat. Blair / Schröder wiederholen die
Sicherheitsrhetorik der Rechten, beschwören die
Schreckgespenster von "steigender Kriminalität
und Vandalismus" und erklären die "Sicherheit
auf den Straßen" zum "Bürgerrecht".
Sozialpolitik
ist Ordnungspolitik. New Labour wandelt sich von
der Arbeiterpartei zur Arbeitspartei, und dies
meint: Arbeitsbeschaffung durch rigide staatliche
Maßnahmen. Die von Blair und Schröder
beschworene "Treue zu unseren Werten"
ist mehr als eine Floskel. "Unsere"
Werte sind Leistung, Leistung, Leistung und
Eigenverantwortung. Als wolle die
Sozialdemokratie den Betrieb Europa zur 150prozentigen
Planerfüllung treiben, werden die Worte:
herausragende Leistung, Kreativität, Erfolg,
neuer Unternehmergeist, Eigenverantwortung in
ihrem Programmpapier ohn' Unterlass wiederholt.
Diese
mit Identität, Unabhängigkeit und Selbstwertgefühl
argumentierende Arbeitsethik entspricht in ihrer
Fetischisierung traditionellem
sozialdemokratischem Habitus. Hier wird aber
gleichzeitig auch deutlich, wie diese
Arbeitsethik funktionalisiert wird. Sie ist
ideologisches Element der als Modernisierung
erscheinenden Durchkapitalisierung der
Gesellschaft.
"Allzuoft
werden Rechte höher bewertet als Pflichten."
"Keine Rechte ohne Pflichten", das war
schon der Slogan des traditionellen Sozialismus,
vom "frühen" bis zu dem der SED. Die
Verfassung der DDR hielt neben dem Recht auch die
Pflicht zur Arbeit fest. Das Anspruchsdenken muss
aufhören, die VerliererInnen der Gesellschaft
sollen von "überflüssigen Essern" zu
produktiven Mitgliedern der Gemeinschaft gemacht
werden.
Wie
sieht "die gezielte Rückführung aus der
sozialen Abhängigkeit in Erwerbstätigkeit"
(Blair / Schröder) aus? Verstärkte
Arbeitspflicht bei der Inanspruchnahme von
Sozialleistungen, sinnvollerweise gepaart mit
einer Grundsicherung (BürgerInnengeld), flexible
Arbeitsverhältnisse und ein Niedriglohnsektor
sind die Komponenten der modernen Sozialpolitik.
Der von den VordenkerInnen der
sozialdemokratischen modernen Rechten entworfene
"dritte Sektor" bildet dabei die
moderne Variante des Armenhauses.
Diese
"moderne Sozialpolitik" soll dazu führen,
dass der Kapitalismus künftig nicht mehr eine
Veranstaltung widerstreitender Interessen ist:
"Die traditionellen Konflikte am
Arbeitsplatz" (Blair / Schröder) müssten
überwunden werden. Ein einig Volk übernimmt
"die gemeinsame Verantwortung für das
Gemeinwohl".
Partnerschaft
bei der Arbeit, und die ArbeiterInnen erhalten
zumindest die "Chance" auf den
gerechten - und nicht mehr den gleichen, wie noch
die alte Sozialdemokratie formulierte -
Arbeitsertrag. Sozialer Frieden ist dann
selbstverständlich. Arbeitslosigkeit selbst wird
von der "modernen Rechten" nur noch als
Gefahr für die Gemeinschaft gedeutet, insofern
ist "eine Zunahme der Beschäftigung und der
Beschäftigungschancen [...] die beste Garantie für
eine in sich gefestigte Gesellschaft" (Blair
/ Schröder).
Marktliberalismus
und Autoritarismus bilden sich in den Konzepten
der sozialdemokratischen modernen Rechten doppelt
ab: Als selbstbewusste staatliche
Wirtschaftspolitik und innenpolitisch als
repressiver Wohlfahrtsstaat mit Betonung von
sozialen Pflichten (statt Rechten) und sozialer
Grundsicherung. Neoliberalismus und die Einführung
eines gesetzlichen Mindestlohns (seit April 1999)
bilden den Dritten Weg von New Labour.
Und
dafür wird jeder in die Pflicht genommen. Für
"unsere Volkswirtschaften" (Blair /
Schröder) sind wir schließlich alle
verantwortlich. "Governance", der neue,
moderne Politikstil, der dies zum Ausdruck bringt,
wird als entpolitisierte staatliche Regulierung
begriffen: technisches Management, die Politische
Ökonomie des 21. Jahrhunderts, in dem es keine
Alternative zum Kapitalismus (Giddens) mehr gibt.
Geld und Zinspolitik werden an "unabhängige"
Zentralbanken delegiert - eine Institution, die
ohne demokratisch-politische Legitimation auch Ökonomie
nur noch als neutralen, technischen Fakt begreift.
Der
"radikale Reformismus" der modernen,
sozialdemokratischen Rechten distanziert sich
entsprechend vom ideologischen Keynesianismus der
siebziger Jahre: "Die beiden vergangenen
Jahrzehnte des neoliberalen Laisser-faire sind
vorüber. An ihre Stelle darf jedoch keine
Renaissance des 'deficit spending' und massiver
staatlicher Intervention im Stile der siebziger
Jahre treten. Eine solche Politik führt heute in
die falsche Richtung" (Blair / Schröder).
Die Sicherung "unserer Volkswirtschaften"
wird nicht mehr über die Vision der
keynesianischen "Globalsteuerung"
verfolgt. Zur Umsetzung ihrer Vorstellung setzt
die Sozialdemokratie auf die Kräfte des Marktes,
auf die ungeschützte Konkurrenz der
Arbeitsanbieter. Es wird jedoch -
sozialdemokratisch modern - nicht nur die
Ideologie der zu befreienden Märkte gepredigt.
Moderne
Politik hat zwei Ebenen: "Moderne
Sozialdemokraten sind keine Laisser-faire-Neoliberalen.
Flexible Märkte müssen mit einer neu
definierten Rolle für einen aktiven Staat
kombiniert werden. Erste Priorität muß die
Investition in menschliches und soziales Kapital
sein." (Blair / Schröder) Der
sozialdemokratische "aktive Staat" ist
eben kein verschwindender. Es wird nicht versucht,
die Rolle des Staates herunterzuspielen. Offen
und offensiv werden die Steuerungs- und
Kontrollkapazitäten des Staates auch im Bereich
der Wirtschafts- und Sozialpolitik propagiert.
Dies
bekennende Verhältnis zu staatlichen Eingriffen
und staatlicher Macht unterscheidet die
Sozialdemokratie von den Konservativen und ihren
"liberalen" Ideologemen. Aber auch die
Art der Steuerung unterscheidet sich von
derjenigen sowohl der Konservativen wie auch der
alten Sozialdemokratie. Der "Scheinwiderspruch
von Angebots- und Nachfragepolitik" soll zu
Gunsten eines "fruchtbaren Miteinanders von
mikroökonomischer Flexibilität und makroökonomischer
Stabilität" überwunden werden (Blair /
Schröder).
Blairs
Programm "welfare to work", so Bensaid,
"wird das System der sozialen Sicherung in
ein System der Zwangsarbeit mit sozialer
Grundsicherung umbauen". Bei Blair und Schröder
hört sich dies so an: "Moderne
Sozialdemokraten wollen das Sicherheitsnetz aus
Ansprüchen in ein Sprungbrett in die
Eigenverantwortung umwandeln." Oder: Jeder
Mensch wird zum Unternehmer seiner eigenen
Arbeitskraft, die er als Ware herstellt und
feilbietet - zu welchem Preis auch immer.
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