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13. Oktober 1999
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Riederwalder Geschichten

Abriss statt Sanierung - in Frankfurt am Main setzt der Volks-, Bau- und Sparverein seine Genossen vor die Tür. Die aber wollen ihre Idylle behalten und verstehen daher immer nur "Rum-Tabak".
Von Lutz Eichler und Klaus Teichmann

Das schöne Haus ist fort" - wehmütig kommentiert die ältere Dame beim Bienenstich-Kauf im Bäckerladen die Veränderungen im Stadtteil. Einst war das "Haus Riederwald" das soziale Zentrum der Siedlung, heute zermalmen drei große Abrissbagger die letzten Schuttreste des Bürgerhauses. Doch dieser Abriss droht nicht der letzte zu sein - die alte Arbeitersiedlung in Frankfurt am Main zwischen Friedrich-Engels-Platz und Johanna-Tesch-Platz soll vollständig umgemodelt werden. Zumindest, wenn es nach dem Volks-, Bau- und Sparverein geht.

Die Anwohner, allesamt Mitglieder der Wohnbaugenossenschaft, haben da ganz entschieden etwas dagegen: "Erhalt statt Abriss" steht auf dem Transparent, das aus dem Efeu-umrankten Haus in der Schulze-Delitzsch-Straße flattert. Hier wohnt Jürgen. Und genau wie der freundliche Latzhosenträger, der wie ein Männergruppen-Prototyp wirkt, fühlen sich die Bewohner in ihrem von Kletterpflanzen überwucherten Häuschen wohl. Die Atmosphäre der Siedlung mitten im Grünen und der angenehme Mietpreis seien es, was das Wohnen im Riederwald ausmache, sagt Jürgen.

In jedem Block erreichen zumeist über zwei Eingänge jeweils drei Mietparteien ihre knapp 50 Quadratmeter großen Wohnungen. Wer die obligaten Genossenschaftsanteile über 3 600 Mark zeichnet, muss inklusive Nebenkosten um die 500 Mark Miete bezahlen - wenig für die Finanzmetropole Frankfurt am Main. Doch das wird sich ändern, sollte der Volksbau seine Pläne durchsetzen und die alten Häuser durch Neubauten ersetzen. "Na klar, die Mieten werden steigen", ist sich Jutta Auerbach sicher, eine der Aktivistinnen des Aktionsbündnisses "Lebendiger Riederwald - gemeinsam für unsere Siedlung".

"Lebendig" ist es im Riederwald, einst Sumpflandschaft vor den Toren der Stadt, schon knapp ein Jahrhundert. 1900 gründete sich der Volksbau als eine Institution der Arbeiterbewegung, zwischen 1911 und 1920 erbaute die Gesellschaft die Siedlung - mit den Einlagen ihrer Genossenschaftsmitglieder. Die Siedlung hat eine große Tradition. Einst als Quartiere für Arbeiter mit vergleichsweise hohem Wohnwert errichtet, in Innenstadtnähe, dennoch mit großen Grünflächen zwischen den rund 100 Häusern, durchziehen kleine Straßen das Viertel.

Die Straßennamen lesen sich wie das Who is who der deutschen Sozialbewegung. Gewerkschafter aus dem 19. Jahrhundert sind durch die Max-Hirsch- und die Dunckerstraße bedacht, unweit der Raiffeisenstraße befindet sich die Schulze-Delitzsch-Straße, nach dem "Begründer des deutschen Genossenschaftswesens" benannt, wie man auf einem rostigen Zusatzschildchen lesen kann. Auch Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus wie Theodor Haubach und Johanna Tesch wurden später berücksichtigt. Tesch, eine der ersten Frauen in der 1919 gegründeten Nationalversammlung und bis 1933 im SPD-Parteivorstand, wohnte selbst in der Siedlung, bis sie 1944 von den Nazis ins KZ Ravensbrück verschleppt wurde. Doch auch das Tesch-Haus, wie es die Riederwälder nennen, soll weg.

In einem ersten Bauabschnitt will der Volksbau die Ladenzeile und drei Häuserblocks abreißen, weitere sollen folgen - eine Sanierung lohne sich nicht mehr, Neubauten seien billiger, ist das Totschlag-Argument, mit dem die Gesellschaft ihre Genossen abspeist. Helle Aufregung herrscht seit diesen Tagen im Oktober, als die Pläne nach und nach durchsickerten. Das Aktionsbündnis war schnell gegründet. "Wir sind keine revolutionäre Zelle", daran liegt Herrn Auerbach. Eher haben hier einige alternative families die altertümliche Gartenstadt mit den Gaubendachhäusern als Exerzierplatz für alternative Lebensformen entdeckt. "Volksbau, denk an deine Genossen", steht auf einem Transparent an einem der vom Abriss bedrohten Häuser: "Was geschieht hier? Abriss nicht mit uns!" fordern die Betroffenen auf ihren Spruchbändern: "Wir wollen bleiben und mitreden beim Sanieren".

Auf der Veranstaltung, in der man die Genossenschaft zwang, ihre Pläne für die Siedlung endlich öffentlich zu machen, ging es dann hoch her. "Ich wohn' ja in einem Haus, das ganz rot ist", beschreibt Auerbach die Reaktionen der Bewohner, als ihnen bewusst wurde, dass auch ihr Haus fallen soll. Die Menschen, nicht selten eher ältere Semester, mit jahrzehntelanger Mitgliedschaft in Sozialdemokratie und Gewerkschaft, wurden plötzlich energisch. Die Lokalpresse berichtet von diesem Tag im Juni gar von einem "Eklat". "Die Schuldigen, die sitzen da vorn", rief einer aus der langen Rednerliste den Volksbau-Vertretern entgegen und erhielt kräftigen Applaus.

Seitdem jagt eine Aktion die nächste: Unterschriften wurden gesammelt, ein Film: "Abriss? Nicht mit uns! Die Riederwälder wehren sich!" ist entstanden und auf dem Offenen Kanal ausgestrahlt worden. Die Medien haben sich der Auseinandersetzung angenommen und berichten sogar recht Volksbau-kritisch - alles nachzulesen in der öffentlich ausliegenden Pressedoku-Mappe im Bäckerladen. Auch der soll nämlich fallen. Mit ihm noch weitere Relikte aus dem Riederwälder Idyll: der Gemüseladen, der die alten Leute beliefert, der Friseurladen und auch das Geschäft mit dem anrührenden 4711-Echt-Kölnisch-Wasser-Reklameschild.

Alle Pläne des Volksbaus hängen derzeit an einem Gesamtkonzept, von dem die Stadt abhängig macht, ob sie öffentliche Gelder zuschießt. Fördergelder, auf die der Volksbau für sein Umstrukturierungsprojekt angewiesen ist, erklärt Jutta Auerbach. Der zunächst von der Volksbau bestellte Architekt, der nur wenige Abrisse in seinem Konzept vorgesehen hatte, wurde schnell wieder abserviert. "Der war wohl auch kein Beton-Freak", ergänzt ihr Gatte. Der aktuelle Planer schon eher. In zwei Bauabschnitten sollen die Ladenzeile und sieben Wohnblocks fallen. "Überlaufspeicher" nennt Auerbach die so genannten Mieterhotels, die stattdessen hochgezogen werden sollen, um Bewohner einzuquartieren, deren Häuser gerade saniert werden. Steigende Mieten, eine zerstörte Infrastruktur, Grünflächen-Vernichtung durch große Parkplatz-Anlagen, die wegen der Wohnraumverdichtung notwendig werden würden - damit ginge der Charakter der Siedlung verloren.

So wird auch gerne auf Argumentationsklassiker wie die funktionierende Sozialstruktur verwiesen. "Wir sind hier jedenfalls weit entfernt von einem sozialen Brennpunkt", was ein Besuch beim angrenzenden Kiosk eindrücklich belegt. Der nicht mehr vollständig nüchterne Dauergast an der Trinkhalle assistiert beim Verkauf. Bei der Tabakbestellung will er mehrmals hintereinander partout "Rum-Tabak" verstanden haben. Funktionierende Sozialstruktur hin oder her: "Wir wollen keine Luxussanierung, sondern erhaltende Maßnahmen", lautet jedenfalls die Forderung von Jutta Auerbach, denn "dass es sich hier um ein Liebhaberprojekt handelt, ist offensichtlich."

Längst hat man das Argument der Volksbau-Planer, Neubau sei billiger als Sanierung, als "Schwachsinn hoch drei" entlarvt, mit dem man Bewohner in anderen Volksbau-Siedlungen gegen die Riederwälder ausspielen will. Die Substanz der Häuser sei nach wie vor gut, und sanfte Eingriffe, wie das Abdichten der Keller oder das Auswechseln der brüchigen Fensterläden, wären ohne große Kosten zu haben. "Die Bande von Aufsässigen", wie das Aktionsbündnis sich vom Volksbau-Vorstand wahrgenommen sieht, will so erst einmal den Verweis auf die Kosten widerlegen: "Unsere Forderung war schon immer, offen zu legen, was die einzelnen Maßnahmen kosten würden."

Über die Gremien der Genossenschaft ist wenig zu erreichen. Die Vertreterversammlung der Genossen, die den Aufsichtsrat wählt, der wiederum den Vorstand bestimmt, ist oft mit Leuten besetzt, die sich nur unter der Voraussetzung, nichts machen zu müssen, zur Kandidatur überreden ließen. Olaf Diehl vom Mitgliederbeirat ist da eher die Ausnahme. "Die wollen die Fördergelder der Stadt für Neubauten kassieren", wirft er dem Vorstand vor, einfach, "weil sie es so wollen." Ein anderer Weg sind die städtischen Gremien, die haben ja immerhin über die Vergabe der Fördergelder zu bestimmen. Und weil die SPD ohnehin gerade Probleme hat, sich glaubhaft als Partei der kleinen Leute darzustellen und im Riederwald ihr traditionelles Stimmvieh nicht verlieren will, hat man die Sozis im Viertel auf seiner Seite.

Genossenschafter Michael Paris mahnt den Spirit einer Genossenschaft an: "Der Genossenschaftsgedanke ist bei den Mitgliedern verloren gegangen", meint der im Riederwald aufgewachsene SPDler: "Im Grunde stehen heute Bestrebungen des Vorstandes gegen die eigenen Genossenschaftsmitglieder." Auch der SPD-Vorsitzende des Ortsbeirates drängt den Volksbau, die Anwohner in die Pläne miteinzubeziehen und interveniert immer wieder im Magistrat, wenigstens öffentlich zu machen, was im Riederwald vorgesehen ist.

In den achtziger Jahren kippten die Bewohner die Abrisspläne des Volksbaus schon einmal. Seitdem wurde an den Häusern nichts mehr gemacht. Das Aktionsbündnis vermutet hier Strategie, damit der Abriss jetzt leichter durchsetzbar ist. Aber auch dieses Mal will man nicht locker lassen. Denn "wenn erst einmal ein Haus abgerissen ist, dann wird es nicht das letzte sein", vermutet Jutta Auerbach. Rechtsschutzversicherungen haben Bewohner in den betroffenen Häusern vorsorglich schon einmal abgeschlossen, und dann gibt es da ja auch noch andere Protestformen, wie auch ein älterer Riederwälder schon einmal entschlossen wissen ließ: "Mich müsst Ihr raustragen, wenn Ihr mich raus haben wollt!"


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