Von Lutz Eichler und Klaus Teichmann
Das schöne Haus ist fort" - wehmütig kommentiert die
ältere Dame beim Bienenstich-Kauf im Bäckerladen die Veränderungen
im Stadtteil. Einst war das "Haus Riederwald" das soziale
Zentrum der Siedlung, heute zermalmen drei große Abrissbagger
die letzten Schuttreste des Bürgerhauses. Doch dieser Abriss
droht nicht der letzte zu sein - die alte Arbeitersiedlung in Frankfurt
am Main zwischen Friedrich-Engels-Platz und Johanna-Tesch-Platz soll
vollständig umgemodelt werden. Zumindest, wenn es nach dem Volks-,
Bau- und Sparverein geht.
Die Anwohner, allesamt Mitglieder der Wohnbaugenossenschaft, haben
da ganz entschieden etwas dagegen: "Erhalt statt Abriss"
steht auf dem Transparent, das aus dem Efeu-umrankten Haus in der
Schulze-Delitzsch-Straße flattert. Hier wohnt Jürgen. Und
genau wie der freundliche Latzhosenträger, der wie ein Männergruppen-Prototyp
wirkt, fühlen sich die Bewohner in ihrem von Kletterpflanzen
überwucherten Häuschen wohl. Die Atmosphäre der Siedlung
mitten im Grünen und der angenehme Mietpreis seien es, was das
Wohnen im Riederwald ausmache, sagt Jürgen.
In jedem Block erreichen zumeist über zwei Eingänge jeweils
drei Mietparteien ihre knapp 50 Quadratmeter großen Wohnungen.
Wer die obligaten Genossenschaftsanteile über 3 600 Mark zeichnet,
muss inklusive Nebenkosten um die 500 Mark Miete bezahlen - wenig
für die Finanzmetropole Frankfurt am Main. Doch das wird sich
ändern, sollte der Volksbau seine Pläne durchsetzen und
die alten Häuser durch Neubauten ersetzen. "Na klar, die
Mieten werden steigen", ist sich Jutta Auerbach sicher, eine
der Aktivistinnen des Aktionsbündnisses "Lebendiger Riederwald
- gemeinsam für unsere Siedlung".
"Lebendig" ist es im Riederwald, einst Sumpflandschaft
vor den Toren der Stadt, schon knapp ein Jahrhundert. 1900 gründete
sich der Volksbau als eine Institution der Arbeiterbewegung, zwischen
1911 und 1920 erbaute die Gesellschaft die Siedlung - mit den Einlagen
ihrer Genossenschaftsmitglieder. Die Siedlung hat eine große
Tradition. Einst als Quartiere für Arbeiter mit vergleichsweise
hohem Wohnwert errichtet, in Innenstadtnähe, dennoch mit großen
Grünflächen zwischen den rund 100 Häusern, durchziehen
kleine Straßen das Viertel.
Die Straßennamen lesen sich wie das Who is who der deutschen
Sozialbewegung. Gewerkschafter aus dem 19. Jahrhundert sind durch
die Max-Hirsch- und die Dunckerstraße bedacht, unweit der Raiffeisenstraße
befindet sich die Schulze-Delitzsch-Straße, nach dem "Begründer
des deutschen Genossenschaftswesens" benannt, wie man auf einem
rostigen Zusatzschildchen lesen kann. Auch Widerstandskämpfer
gegen den Nationalsozialismus wie Theodor Haubach und Johanna Tesch
wurden später berücksichtigt. Tesch, eine der ersten Frauen
in der 1919 gegründeten Nationalversammlung und bis 1933 im SPD-Parteivorstand,
wohnte selbst in der Siedlung, bis sie 1944 von den Nazis ins KZ Ravensbrück
verschleppt wurde. Doch auch das Tesch-Haus, wie es die Riederwälder
nennen, soll weg.
In einem ersten Bauabschnitt will der Volksbau die Ladenzeile und
drei Häuserblocks abreißen, weitere sollen folgen - eine
Sanierung lohne sich nicht mehr, Neubauten seien billiger, ist das
Totschlag-Argument, mit dem die Gesellschaft ihre Genossen abspeist.
Helle Aufregung herrscht seit diesen Tagen im Oktober, als die Pläne
nach und nach durchsickerten. Das Aktionsbündnis war schnell
gegründet. "Wir sind keine revolutionäre Zelle",
daran liegt Herrn Auerbach. Eher haben hier einige alternative families
die altertümliche Gartenstadt mit den Gaubendachhäusern
als Exerzierplatz für alternative Lebensformen entdeckt. "Volksbau,
denk an deine Genossen", steht auf einem Transparent an einem
der vom Abriss bedrohten Häuser: "Was geschieht hier? Abriss
nicht mit uns!" fordern die Betroffenen auf ihren Spruchbändern:
"Wir wollen bleiben und mitreden beim Sanieren".
Auf der Veranstaltung, in der man die Genossenschaft zwang, ihre
Pläne für die Siedlung endlich öffentlich zu machen,
ging es dann hoch her. "Ich wohn' ja in einem Haus, das ganz
rot ist", beschreibt Auerbach die Reaktionen der Bewohner, als
ihnen bewusst wurde, dass auch ihr Haus fallen soll. Die Menschen,
nicht selten eher ältere Semester, mit jahrzehntelanger Mitgliedschaft
in Sozialdemokratie und Gewerkschaft, wurden plötzlich energisch.
Die Lokalpresse berichtet von diesem Tag im Juni gar von einem "Eklat".
"Die Schuldigen, die sitzen da vorn", rief einer aus der
langen Rednerliste den Volksbau-Vertretern entgegen und erhielt kräftigen
Applaus.
Seitdem jagt eine Aktion die nächste: Unterschriften wurden
gesammelt, ein Film: "Abriss? Nicht mit uns! Die Riederwälder
wehren sich!" ist entstanden und auf dem Offenen Kanal ausgestrahlt
worden. Die Medien haben sich der Auseinandersetzung angenommen und
berichten sogar recht Volksbau-kritisch - alles nachzulesen in der
öffentlich ausliegenden Pressedoku-Mappe im Bäckerladen.
Auch der soll nämlich fallen. Mit ihm noch weitere Relikte aus
dem Riederwälder Idyll: der Gemüseladen, der die alten Leute
beliefert, der Friseurladen und auch das Geschäft mit dem anrührenden
4711-Echt-Kölnisch-Wasser-Reklameschild.
Alle Pläne des Volksbaus hängen derzeit an einem Gesamtkonzept,
von dem die Stadt abhängig macht, ob sie öffentliche Gelder
zuschießt. Fördergelder, auf die der Volksbau für
sein Umstrukturierungsprojekt angewiesen ist, erklärt Jutta Auerbach.
Der zunächst von der Volksbau bestellte Architekt, der nur wenige
Abrisse in seinem Konzept vorgesehen hatte, wurde schnell wieder abserviert.
"Der war wohl auch kein Beton-Freak", ergänzt ihr Gatte.
Der aktuelle Planer schon eher. In zwei Bauabschnitten sollen die
Ladenzeile und sieben Wohnblocks fallen. "Überlaufspeicher"
nennt Auerbach die so genannten Mieterhotels, die stattdessen hochgezogen
werden sollen, um Bewohner einzuquartieren, deren Häuser gerade
saniert werden. Steigende Mieten, eine zerstörte Infrastruktur,
Grünflächen-Vernichtung durch große Parkplatz-Anlagen,
die wegen der Wohnraumverdichtung notwendig werden würden - damit
ginge der Charakter der Siedlung verloren.
So wird auch gerne auf Argumentationsklassiker wie die funktionierende
Sozialstruktur verwiesen. "Wir sind hier jedenfalls weit entfernt
von einem sozialen Brennpunkt", was ein Besuch beim angrenzenden
Kiosk eindrücklich belegt. Der nicht mehr vollständig nüchterne
Dauergast an der Trinkhalle assistiert beim Verkauf. Bei der Tabakbestellung
will er mehrmals hintereinander partout "Rum-Tabak" verstanden
haben. Funktionierende Sozialstruktur hin oder her: "Wir wollen
keine Luxussanierung, sondern erhaltende Maßnahmen", lautet
jedenfalls die Forderung von Jutta Auerbach, denn "dass es sich
hier um ein Liebhaberprojekt handelt, ist offensichtlich."
Längst hat man das Argument der Volksbau-Planer, Neubau sei
billiger als Sanierung, als "Schwachsinn hoch drei" entlarvt,
mit dem man Bewohner in anderen Volksbau-Siedlungen gegen die Riederwälder
ausspielen will. Die Substanz der Häuser sei nach wie vor gut,
und sanfte Eingriffe, wie das Abdichten der Keller oder das Auswechseln
der brüchigen Fensterläden, wären ohne große
Kosten zu haben. "Die Bande von Aufsässigen", wie das
Aktionsbündnis sich vom Volksbau-Vorstand wahrgenommen sieht,
will so erst einmal den Verweis auf die Kosten widerlegen: "Unsere
Forderung war schon immer, offen zu legen, was die einzelnen Maßnahmen
kosten würden."
Über die Gremien der Genossenschaft ist wenig zu erreichen.
Die Vertreterversammlung der Genossen, die den Aufsichtsrat wählt,
der wiederum den Vorstand bestimmt, ist oft mit Leuten besetzt, die
sich nur unter der Voraussetzung, nichts machen zu müssen, zur
Kandidatur überreden ließen. Olaf Diehl vom Mitgliederbeirat
ist da eher die Ausnahme. "Die wollen die Fördergelder der
Stadt für Neubauten kassieren", wirft er dem Vorstand vor,
einfach, "weil sie es so wollen." Ein anderer Weg sind die
städtischen Gremien, die haben ja immerhin über die Vergabe
der Fördergelder zu bestimmen. Und weil die SPD ohnehin gerade
Probleme hat, sich glaubhaft als Partei der kleinen Leute darzustellen
und im Riederwald ihr traditionelles Stimmvieh nicht verlieren will,
hat man die Sozis im Viertel auf seiner Seite.
Genossenschafter Michael Paris mahnt den Spirit einer Genossenschaft
an: "Der Genossenschaftsgedanke ist bei den Mitgliedern verloren
gegangen", meint der im Riederwald aufgewachsene SPDler: "Im
Grunde stehen heute Bestrebungen des Vorstandes gegen die eigenen
Genossenschaftsmitglieder." Auch der SPD-Vorsitzende des Ortsbeirates
drängt den Volksbau, die Anwohner in die Pläne miteinzubeziehen
und interveniert immer wieder im Magistrat, wenigstens öffentlich
zu machen, was im Riederwald vorgesehen ist.
In den achtziger Jahren kippten die Bewohner die Abrisspläne
des Volksbaus schon einmal. Seitdem wurde an den Häusern nichts
mehr gemacht. Das Aktionsbündnis vermutet hier Strategie, damit
der Abriss jetzt leichter durchsetzbar ist. Aber auch dieses Mal will
man nicht locker lassen. Denn "wenn erst einmal ein Haus abgerissen
ist, dann wird es nicht das letzte sein", vermutet Jutta Auerbach.
Rechtsschutzversicherungen haben Bewohner in den betroffenen Häusern
vorsorglich schon einmal abgeschlossen, und dann gibt es da ja auch
noch andere Protestformen, wie auch ein älterer Riederwälder
schon einmal entschlossen wissen ließ: "Mich müsst
Ihr raustragen, wenn Ihr mich raus haben wollt!"
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