Jungle World Banner
13. Oktober 1999
Im Archiv suchen:
Home
Inhalt Ausgabe 42.
Nachrichten
Inland
Euro
International
Rubriken
Homestory
Deutsches Haus
Antifa Termine
Alternative Lebensformen
Sonstiges
Archiv
Jungle Pin Board
Jungle Abos
Impressum
Jungle World in der Schweiz
E-Mail
Redaktion
Webmaster

Böse, faul und pervers

Die Wohnwagen-Bewohner melden sich zu Wort: Noch nie waren White Trash-Rapper so erfolgreich wie in diesem Jahr.
Von Heiko Zwirner

Etwas früher als sonst kommt der Bauarbeiter Grady zurück in den Wohnwagen, den er sein Zuhause nennt. Er muss mit ansehen, wie seine Frau es mit einem Fremden treibt, und greift sofort zum Revolver. Kurz meldet sich noch sein Gewissen zu Wort und erinnert ihn an das Kind, das seine Mutter verlieren würde. Aber der Gehörnte fackelt nicht lange, lädt durch und erschießt seine Frau und ihren Liebhaber.

So geht es zu in "Guilty Conscience" von Eminem, und bei "Ends" von Everlast ist es nicht viel anders: Dem Harvard-Absolventen Dan hat seine Qualifikation nichts eingebracht. Er boxt sich als Kellner durch, um seine Rechnungen bezahlen zu können. Kaum dass er einmal an der Crack-Pfeife gezogen hat, sitzt er schon ohne Schuhe auf der Straße. Für eine zweite Karriere als Straßenräuber zielt er nicht gut genug - er endet in einer Pfütze aus Blut.

In den amerikanischen Medien wimmelt es plötzlich von Raps über Gescheiterte und Trailer Park Trash, wie die Kultur der Bewohner der Wohnwagen-Siedlungen genannt wird. Noch nie waren Repräsentationen der weißen Unterschicht so gefragt wie 1999. Die weißen Rapper Eminem, Kid Rock und Everlast stellen auf ihren Platten und in Titelstories von Magazinen wie Spin und Rolling Stone ihre Herkunft aus ärmlichen Verhältnissen zur Schau. "Straight Out of the Trailer" hat die Losung "Straight Outta Compton" abgelöst, die zu Beginn der neunziger Jahre den Einzug des Gangster-Rap in die Kinderzimmer markierte. Everlast zeigt sich auf dem Cover seines Albums "Whitey Ford Sings the Blues" mit Cowboy-Hut und Wifebeater-Hemd vor einer Schrottkarre und bevölkert seine Videos mit schäbigen Säufern und alternden Stripperinnen. Eminems "My Name Is" rotierte als erstes HipHop-Stück überhaupt durch die Rock-Radiosender.

Bei allen Drei produziert eine überhöhte Außenseiter-Biografie das Echtheits-Zertifikat, das zusammen mit ihren Produktions- und Reimskills die Grundlage eines enormen Erfolgs bildet. Mit jeweils über zwei Millionen verkauften Alben haben ihre Geschichten vom weißen Elend und von weißer Primitivität eine Reichweite, von der etwa die Beastie Boys nur träumen können. Allerdings werden ihre Platten in erster Linie nicht von den verarmten Weißen gekauft Ñ die bauen sich ihr Selbstbild mit Hilfe der Corporate Country Music von Garth Brooks oder Hank Williams Jr. zusammen -, sondern von saturierten Jugendlichen aus den sauberen Vorstädten. Der White Trash-Rap weht ein Lüftchen von Abenteuer in ihre Einfamilienhaus-Existenzen.

Doch die Verse haben eine Bedeutung, die weit über die Aufwertung des öden Lebensdesigns der Mittelklasse hinausgeht und auch wenig mit der Frage nach ihrer Glaubwürdigkeit als Reim-Akrobaten zu tun hat. Sie artikulieren innerhalb des kulturellen Mainstreams das Selbstverständnis des "anderen" Weißen. Der letzte verfemte Teil der amerikanischen Gesellschaft meldet sich zu Wort. Für Eminem alias Slim Shady sind Anspielungen auf seine Hautfarbe zwar nur lästig: "How the fuck can I be white? I don't even exist." Aber genau da liegt der Hase im Pfeffer. Amerika liebt es, seine armen Weißen zu hassen.

Die Geschichte des White Trash ist eine Geschichte der Ausgrenzung. Der Terminus entstand vermutlich im frühen 19. Jahrhundert als verächtliche Bezeichnung von schwarzen Sklaven für weiße Tagelöhner. Die mit dem Begriff verbundenen Stereotype gehen aber auf eine Reihe von pseudowissenschaftlichen "Eugenischen Familienstudien" zurück, die zwischen 1880 und 1920 bei weiten Teilen der ländlichen Bevölkerung genetische Defekte nachzuweisen suchten und so die armen Weißen mit Zuschreibungen wie kriminell, schmutzig, dumm und inzestuös in die populäre Vorstellungswelt einführten.

Diese "Studien" hatten im frühen

20. Jahrhundert großen Einfluss auf die Sozialpolitik und medizinische Praxis: Konservative Politiker instrumentalisierten sie für Forderungen nach Abschaffung der staatlichen Wohlfahrt, die aufkommenden psychiatrischen Institutionen leiteten Sterilisationen und Zwangseinweisungen von marginalisierten Weißen ein. Während die eugenischen Pseudo-Theorien in den dreißiger und vierziger Jahren als rassistischer Humbug entlarvt wurden, hatten die kursierenden Stereotype als einfaches Erklärungsmodell für das Vorhandensein von Armut weiter Bestand und dienen innerhalb des Mainstream-Diskurses noch immer als Filter für die Wahrnehmung sozialer Zusammenhänge.

Und die Bilder des White Trash gleichen sich: Sie erzählen von gemeingefährlichen Zuständen, statt die materielle Realität eng begrenzter ökonomischer Ressourcen zu verhandeln. Sie zeichnen den White Trash als böse, faul, pervers - kurz: als das, was die Werte der Mittelklasse bedroht. Sie haben ihre unbegrenzten Möglichkeiten nicht genutzt, an ihrer Armut sind sie selber schuld.

Ein Beispiel für die Aktualität dieser Konstruktion ist die von Brad Pitt verkörperte Figur des Early in dem grunge murder movie "Kalifornia". Early stinkt, rotzt, rülpst, furzt. Er schlägt seine Frau und entpuppt sich als ein ausschließlich von ökonomischen Motiven angetriebener Serienmörder - er ist pleite und deshalb destruktiv. Der Schriftsteller und die Fotografin, die Early eine Mitfahrgelegenheit angeboten haben, müssen selbst zu Mördern werden, um sich der Bedrohung ihres Mittelklasse-Status zu entledigen.

Dieser modus operandi wird nun von der affirmativen Selbstdarstellung der aus armen Verhältnissen stammenden Weißen gesprengt. Während das Selbstbild der Grunge-Generation noch von Schuldgefühlen und Selbstekel bestimmt war - das Nirvana-Album "In Utero" trug den Arbeitstitel "I hate myself and I want to die" - und die fast ausschließlich der weißen Unterschicht angehörigen Gäste der Jerry Springer-Show bloß als tumbe Gladiatoren weißen Elends agieren, mischt sich Eminem mit ausgefahrenen Ellbogen ein. Durch sein Auftreten formuliert er ein neues Selbstbild, das die Umstände einer Existenz am Rande der Leistungsgesellschaft und jedes damit verbundene Stereotyp aggressiv bejaht.

Everlast gibt zur Akustikgitarre den mitfühlenden Geschichten-Erzähler, der in seinem Leben schon alles gesehen hat und sich damit bequem in die Tradition der sozial engagierten Singer und Songwriter einordnen lässt. Eminem aber sagt: Hier bin ich, da komme ich her, ich bin euer Alptraum und stolz darauf. Ich habe mehr halluzinogene Drogen geschluckt als Timothy Leary und mit mindestens zehn HIV-positiven Frauen geschlafen. Kommt, Kinder, werdet so wie ich. Und die Kinder wollen so werden wie er.

Er kehrt das Stigma der Armut in einen coolen Zustand um und stellt damit eine nachhaltigere Bedrohung für den Moralkodex der family values dar als jeder grünhaarige Punkpopper und jeder kryptofaschistische Gruft-Rocker. Zumindest solange, bis man sich darauf einigt, Eminems Biografie als Erfolgsgeschichte zu lesen und damit als eine weitere Bestätigung dafür, dass es in diesem Land wirklich jeder zu etwas bringen kann.

Eminem: "Slim Shady LP". Universal.

Everlast: "Whitey Ford Sings The Blues". Tommy Boy.


Jungle World, Bergmannstraße 68, 10961 Berlin, Germany
Tel. ++ 49-30-61 28 27 31
Fax ++ 49-30-61 28 20 55
E-Mail: redaktion@jungle-world.com