Jungle World Banner
13. Oktober 1999
Im Archiv suchen:
Home
Inhalt Ausgabe 42.
Nachrichten
Inland
Euro
International
Rubriken
Homestory
Deutsches Haus
Antifa Termine
Alternative Lebensformen
Sonstiges
Archiv
Jungle Pin Board
Jungle Abos
Impressum
Jungle World in der Schweiz
E-Mail
Redaktion
Webmaster

Das Feng Shui der Kolonisatoren

Mit der Geraden kam am zweiten Schöpfungstag das Übel in die Welt. Thomas Pynchon lässt Mason und Dixon die Geschichte vermessen.
Von Holm Friebe

Der Mythos Thomas Pynchon, gespeist aus der hartnäckigen Verweigerung des Autors gegenüber der Öffentlichkeit, polarisiert das Publikum: Während das Gros der Leser kaum Notiz nimmt oder vor der komplexen Monstrosität von Romanen wie "Gravity's Rainbow", "V" oder "Vineland" schlicht kapituliert, betreibt eine kleine Schar Pynchon-Nerds weltweit und via Internet eine quasi-kabbalistische Text-Exegese, die manchmal sektiererische Züge annimmt.

Über weite Strecken deckte sich das mit Pynchons literarischem Absolutheitsanspruch, der seinen Lesern ein gleiches tief schürfendes Interesse für die Phänomene abverlangt, die ihn - selbst von Haus aus Naturwissenschaftler - umtreiben: Grob gesprochen geht es ihm um die Wechselwirkung von Technik und Geschichte.

Wie sonst vielleicht nur bei Umberto Eco hat die flüchtige, einmalige Lektüre etwas Frustrierendes, weil sie dem Leser lediglich das Ausmaß seines Nichtwissens und des Nicht-verstanden-Habens offenbart.

Man konnte es sich aussuchen: Weglegen und es auf sich beruhen lassen? Oder Mitglied im esoterischen Zirkel werden und tiefer eindringen in die Batterien lexikografischen Hintergrundwissens?

Der neue Roman "Mason & Dixon" verlangt einem eine solche Grundsatzentscheidung nicht ab und soll auch Pynchon-"Newbies" - wie es im Netz heißt - den Einstieg ermöglichen. Immerhin gibt es zwei eindeutig identifizierbare Hauptfiguren, die nicht wie Zoyd Wheeler in "Vineland" irgendwann ab- und erst am Ende des Buches wieder auftauchen. Im Vergleich mit den über 400 Figuren in "Gravity's Rainbow" ist das Personal mit knapp 100 namentlich Erwähnten für Pynchons Verhältnisse geradezu übersichtlich.

Andererseits sind die über 1 000 Seiten gespickt mit anachronistischen Fachtermini, von denen "Goniolatrie" und "Epsilontik" noch zu den verständlichsten zählen. Das Buch ahmt bis hin zu Sprachduktus und Orthografie das Kolorit des späten 18. Jahrhunderts nach, was nicht ganz einfach zu lesen und zu übersetzen eine Leistung ist. Schicht um Schicht hat Pynchon historisches Material abgetragen, um endlich im Advent des Jahre 1786 im gemütlichen pennsylvanianischen Wohnzimmer einer Sippe namens LeSpark anzukommen, wo Reverend Cherrycoke vor versammelter Großfamilie die Geschichte der beiden Astronomen und Landmesser Charles Mason (1723-1786) und Jeremiah Dixon (1733-1779) erzählt.

Cherrycoke, obgleich als auktorialer Erzähler eingeführt, verschwindet alsbald und ist über weite Strecken nur "in einem symbolischen Sinne da", während sich die Geschichte quasi von selbst erzählt - ein doppelter Schutzwall also, hinter dem sich - noch weitaus weniger greifbar - der Autor verschanzt hält.

Der Plot: Mason, Königlich-Britischer Astronom und sein Gehilfe Dixon bekommen, nachdem sie im Auftrag seiner Majestät in Südafrika einen Venus-Durchgang beobachtet und das lasterhafte Leben in den Kolonien kennen gelernt haben, das lukrative Angebot, in Amerika die Grenze zwischen Pennsylvania und Maryland zu vermessen, die von der Delaware Bay, unterhalb von New York, schnurgerade nach Westen verlaufen soll.

Die beiden Landmesser könnten unterschiedlicher kaum sein: Mason ist ein kauziger Melancholiker, der den frühen Tod seiner Frau nicht verwunden hat, während Dixon als juveniler Draufgänger keine Einladung zu Exzess und Entgrenzung ausschlägt. Die Vermessung gestaltet sich als schwierig, denn es mangelt an einem verlässlichen Mechanismus zur Ermittlung des Längengrades: "Es war, als wollte man mit einem langen wackelnden Gegenstand, wie etwa einer Angelrute, eine Fliege unter dem Flügel kitzeln." Und je weiter die Expedition nach Westen in unwegsames Gelände und in Indianergebiet vordringt, desto schwieriger und riskanter wird es. Erschwerend kommt ein Lagerkoller bei der Mannschaft hinzu sowie die Ahnung, dass eine derart widernatürliche Schneise als bedrohliche Manifestation von Hegemonialansprüchen und Immobilieninteressen Unheil stiften könnte. Kurz: Das ganze Projekt beginnt an Fizzcaraldo zu erinnern.

Während Dixon wie im Tiefenrausch dem "Immerwährenden Westen" entgegenstrebt und schon glaubt, "die Linie besäße einen eigenen Willen, westwärts fortzuschreiten", muss Mason mit einer für ihn untypischen Direktheit bekennen: "Der Scheißdreck macht mich krank an Leib und Seele, Dixon, ich bin außer mir."

Als man sich endlich zur Umkehr entschließt, gestaltet sich der Rückzug wegen des ausufernden Drogenkonsums, sonstigen Ausschweifungen und der daraus resultierenden Kosten schwierig. "Mit einem Mal überstiegen die Ausgaben £ 100, dann £ 200 die Woche. Fiskalischer Wahnsinn hat das Proviantmeister-Zelt befallen." Dennoch schafft es die Expedition, unbeschadet zu ihrem Ausgangspunkt zurückzukehren, und bald trennen sich die Wege des ungleichen Paares, ohne dass die beiden sich bis zum Tode Dixons je ganz aus den Augen verlieren.

Neben dieser unmöglichen Freundschaft, die, emphatisch und mit langem Atem erzählt, Mason und Dixon zu einem der großen tragischen Paare der Gegenwartsliteratur machen könnte, gibt es unzählige kleine Erzählungen, lose arrangiert und verpackt in Anekdoten oder Kneipendispute. Sie handeln von Astrologie und Sklaverei, Kapitalismus und Philosophie, allem, was damals - wie weitgehend noch heute - zur Klärung anstand. Die Parabel der Gegenwart verdeutlicht, dass Ende des 18. Jahrhunderts noch keineswegs ausgemacht war, was Aufklärung sein soll - das ist es bis heute nicht. So haben die beiden Protagonisten einige Mühe, dem Vormarsch des Irrationalismus etwas entgegenzusetzen.

Die fantastische Begegnung mit sprechenden Norfolk-Terriern, menschlichen Bibern und der - historisch verbürgten - "mechanischen Ente" von Jacques de Vauscon (die hier allerdings durch Implantierung eines erotisierenden Mechanismus zu einem bedrohlich notgeilen Eigenleben erwacht ist), machen das Unterfangen nicht eben leichter. Die Frage, wem man eigentlich was glauben soll in diesem polyphonen Parlando dubioser Halbwahrheiten, zieht sich bis zum Ende des Buches durch.

Durchwirkt mit einem feinen unterschwelligen Humor, bricht an einigen Stellen die Gegenwart ein, die Nachahmung, die Emulation wird durchschaubar und das Wesen der Talkshow erkennbar. Das Themenspektrum des Romans reicht vom käuflichen Sadomasochismus ("Die Geschäftemacher der Lust gingen von der Überlegung aus, dass die Verbindung von äquatorialer Hitze, Schweiß und dem Fleisch von Fremden in erzwungener Intimität ergötzlich sein dürfte.") über die Öko-Apokalypse ("In gedankenloser Gier haben die Menschen innerhalb beklagenswert weniger Generationen einen Garten verwüstet, in dem einst alles hätte wachsen können. Überall ihre Dreckhaufen, Krankheit, Wahnsinn.") bis hin zu Aliens ("Andere berichten von Entführungen durch Geschöpfe ..."). Summa summarum geht es um die Geburt des "American Way of Life" aus dem Geiste des Kolonialismus.

Ladies and Gentleman, please welcome: Die erste Sonnenbrille aus gerußtem Glas, den Vulkanier-Gruß als geheimes Erkennungszeichen Pariser Juden, die erste Pizza außerhalb Italiens als Kombination aus plattgewalztem Pennsylvania-Kleiebrotteig und ein merkwürdiges Gebräu namens "Ketjab", das Dixon vom Kap mitgebracht hat ... Die Frage nach U- oder E-Literatur wird von Mason & Dixon eindeutig entschieden zugunsten des U; die trashige Trivialroman-Serie "Der grausige Stutzer" ist ihnen so wertvoll wie zehn "Tom Jones" von Fielding.

Direkt dem "grausigen Stutzer" entsprungen, gesellt sich der vermeintlich durchgeknallte Chinese Captain Zhang zu der Expedition und liefert als Adept des Feng Shui, der fernöstlichen Lehre von geheimen Kraftlinien und -feldern im Raum, den einzig brauchbaren Interpretationsansatz, um zu erklären, was die von Mason und Dixon geschlagene Schneise so unheilvoll erscheinen lässt, abgesehen davon, dass sie als Einflugschneise für die mörderische Roboter-Ente taugt: "Um für immer zu herrschen", so Captain Zhang, "ist es lediglich nötig, unter den Menschen, die man zu beherrschen gedenkt, das zu schaffen, was wir Schlechte Geschichte nennen. Und nichts wird unmittelbarer und brutaler Schlechte Geschichte hervorbringen, als eine Linie, zumal eine gerade Linie, die Gestalt der Verachtung schlechthin, mitten durch ein Volk zu ziehen - und somit eine Unterscheidung zu treffen - das ist der erste Streich. - Alles andere ergibt sich daraus, als wär's vorherbestimmt, bis hin zu Krieg und Verwüstung." Im Feng Shui nenne man diesen negative Einfluß schlicht Sha.

Den Einwand: "Schön, schön - doch gerade Linien werden, indem sie Entfernungen auf ein Minimum bringen, von einigen höchlichst geschätzt - Commandierenden Offizieren, Kaufleuten, Express-Reitern. Müssen das denn alles Kreaturen von Sha sein?" kontert er trefflich mit: "Ohne Frage. Offiziere töten Menschen in großer Zahl. Kaufleute häufen Reichtum an, indem sie andere an den Bettelstab bringen. Express-Reiter verzerren und verletzen den Grundstoff der Zeit schlechthin."

Hier werden die allegorischen Qualitäten des Romans deutlich, es geht um die Bedeutung von Grenzziehungen, Einhegung, Beschleunigung, Einschluss und Ausschluss für die Geschichte. Die Ubiquität der verwalteten Welt "geht auf den zweiten Schöpfungstag zurück, als Gott das Firmament schuf und zwischen den Wassern unterhalb des Firmaments und oberhalb des Firmaments schied - daher die erste Grenzlinie. Alles andere, was in der Historie danach kam, ist nur noch Unterteilung."

Die ökonomischen Prinzipien von parzelliertem Eigentum und Beschleunigung sind die Triebkräfte eines zweifelhaften Fortschritts; der territoriale Furor macht auch vor der Zeit nicht Halt, die - ganz aktuell - als vierte Dimension des Raumes interpretiert wird: "Die uns bekannten Schlachtfelder, welche in den drei Dimensionen der Erde befindlich, haben auch ihre Gegenstücke in der Zeit."

In einer der psychedelischen Passagen des Buches durchlebt Mason die elf Tage zwischen dem 2. und 14. September 1752, die im Zuge einer Kalenderreform kurzerhand getilgt wurden. Einsam wandert er durch die Straßen Londons und erfährt am eigenen Leibe, dass Macht und Ohnmacht nicht zuletzt mit der Kontrolle der Zeit zu tun haben.

Geschichte, wie sie Pynchon interpretiert, ist "keine Kette aus einzelnen Gliedern, denn ein einziges gebrochenes Glied, und wir wären allesamt verloren, sondern vielmehr ein großes, unordentliches Gewirr von Linien, langer wie kurzer, schwacher wie starker", läßt er Cherrycoke sagen, und das darf getrost auch als Credo des Autors gelten.

Geschichte ist demnach jener nicht entwirrbare Wust von Ereignissen, Zufällen und Koinzidenzen, die allesamt in nichtlinearem Wirkungszusammenhang stehen. Zu jeder Historie gibt es eine "Sub-Historie", wie es an einer Stelle im Roman heißt. Daraus lassen sich Freiräume bilden, die auch das ganz Andere, wenn man so will, das Nichtidentische vorstellbar machen, zumal im visionären Amerika jener Zeit, das die Frage aufwirft: "Träumt Britannien, wenn es schläft? Ist Amerika sein Traum?"

Der Roman folgt einer Dramaturgie des Drifts nach Westen, und je weiter er in dieser Richtung voranschreitet, desto stärker verengt sich der Spielraum auf dieser Amerika genannten "Kehrichthalde für subjunktivische Hoffnungen für alles, was noch wahr werden kann". Gleichzeitig tun sich neue Räume auf, und jede noch so kleine historische Neuerung ist Anlass für weitschweifige Spekulationen. So werfen Kaffee, Tabak und andere damals in Mode kommende Rauschmittel die Frage auf, ob der "ungehemmte gleichzeitige Genuss all dieser modernen Substanzen, eine Gewohnheit ohne historisches Beispiel, an diesen Ufern einen neuen Schlag Europäer hervorbringt? Einen, der den Formen, welche die Gesellschaft vordem zusammengehalten, weniger Achtung entgegenbringt, einen der eher dazu neigt, seine Meinung zu jedem Thema, das ihm beliebt, frei zu äußern und seinen Standpunkt so heftig zu verteidigen, wie es erforderlich ist?"

Selbst das Subversionspotential von Popmusik geistert durch den Möglichkeitenraum, wenn ein ältlicher Apokalyptiker in der von Sklaven importierten "Negermusik" bereits die Zersetzung des Staatswesens heraufdämmern sieht, da nach seiner Ansicht revolutionäre Zeiten sich seit jeher dadurch auszeichnen, dass Gassenhauer Ehrengesänge und Zechlieder Hymnen werden, so dass er sich besorgt fragt, ob es nur noch ein kleiner Tanzschritt ist, bis die Jugend den Umsturz wagt. Woraufhin ihn ein Techno-Fan beruhigt, es handele es sich doch nur um den Rhythmus der Maschinen, den Lärm der Fabriken, das "Sichwiegen der Meere".

In einem alternativen Romanende werden einige topografische Axiome gelockert, und Pynchon malt aus, welche Wendung die Geschichte der beiden Landvermesser unter diesen Voraussetzungen hätte nehmen können: "Längere Visierlinien, leichtere Steigungen, weitere Nachthimmel", und Mason und Dixon wären nicht umgekehrt, sondern immer weiter nach Westen vorgedrungen, hätten prosperierende Städte gegründet, nebenbei den Uranus entdeckt und schließlich, ermutigt vom durchschlagenden Erfolg ihrer durchgängigen Vertikalen, eine Ost-West-Schneise aus Bojen und Befestigungen über den Atlantik gelegt, in deren Mitte sie sich dann zur Ruhe gesetzt hätten. Ein versöhnlicher Ausgang der Geschichte in einem leider kollabierten Paralleluniversum.

Und zur Frage, was von derlei historischen Spekulationen in Romanform zu halten ist, läßt sich einer der Zuhörer im LeSparkschen Wohnzimmer vernehmen: "Ich kann, zum Kuckuck, gar nicht genug auf die Gefahr hinweisen, welche die Lektüre dieser Geschichtsbücher darstellt - vorzüglich derer, die sich 'Roman' nennen. Das britische Tollhaus wird ebenso wie die französische Salptrière von einer beunruhigenden Anzahl junger Menschen bevölkert, die meisten Weibspersonen, welche von diesen verantwortungslosen Erzählungen, die nicht zwischen Fakt und Phantasie unterscheiden, über die Schwelle des Wahnsinns gelockt worden sind."

Die Widerlegung aus heutiger Sicht muss lauten: Von allen Gefahren und Anfeindungen des modernen Lebens ist der durch Lektüre historische Romane hervorgerufene Wahnsinn noch die geringste.

Thomas Pynchon: Mason & Dixon. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Nikolaus Stingl.Rowohlt, Reinbek 1999, 1022 S., DM 58X


Jungle World, Bergmannstraße 68, 10961 Berlin, Germany
Tel. ++ 49-30-61 28 27 31
Fax ++ 49-30-61 28 20 55
E-Mail: redaktion@jungle-world.com

 

Weitere Artikel
New Yorker
Paul Auster
Apokalypse mit Glam
Bret Easton- Ellis
Die Dialektik von Boom und Bang
Tom Wolfe
Der Mörder ist der Zombie
Dale Pecks Galatea
Telegramm aus Patmos
Robert Lax
Paradise Lost
Toni Morrison
Das Feng Shui der Kolonisatoren
Thomas Pynchon