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Tobias Rapp
Im HipHop geht es darum, wer real ist. Realness ist ein kompliziertes
Regelwerk: Man kann real sein, weil man gerade erst seine erste Platte
gemacht hat und noch ganz frisch von der Straße und neu ist,
aber auch, weil man schon ewig lange dabei ist und weiß, wie
der Hase läuft. In Europa wird real sein oft damit verwechselt,
independent zu sein und keinen Ausverkauf an die Industrie zu betreiben.
Man kann aber auch Millionen von Platten verkaufen und trotzdem real
sein. Real ist auch, wenn man als Gangsta-Rapper erschossen wird -
wie 2Pac und Notorius B.I.G. -, oder wenn man selbst jemanden erschießt
und dafür wegen Totschlag hinter Gitter muß - wie Slick
Rick.
Und jenseits von allen Szene-internen Spielregeln ist realness natürlich
der Authentizitätsfaktor, der einem so hochartifiziellen Produkt
wie einer Pop-Schallplatte das Echtheitszertifikat aufstempelt: "Parental
Advisory: Explicit Lyrics" - die Welt ist wild und gefährlich,
und diese Schallplatte sagt dir, welche Scheiße da draußen
wirklich abgeht.
Zu guter Letzt und allem Anfang heißt real sein aber vor allem
eines: Das zu machen, wozu man Lust hat, und sich von niemandem reinreden
zu lassen. Und das macht Ol' Dirty Bastard. Er ist so real, daß
er es - im Unterschied zu fast allen anderen Rappern - nicht nötig
hat, darauf zu bestehen. Ol' Dirty Bastard ist schlicht wahnsinnig,
und sein Wahn strahlt so hell, daß selbst eine recht durchschnittliche
Platte wie "Nigga Please" die meisten anderen HipHop-Platten
des Jahres in den Schatten stellt. ODB ist einer der größten
Rapper im Business, gesegnet mit einer Intensität wie James Brown,
einer Intensität, die es manchmal schwierig macht, seine Alben
ganz durchzuhören, da es einfach zu viel auf einmal ist.
Nun ist die Rolle des Wahnsinnigen im HipHop ja nicht neu. Flavour
Flav von Public Enemy mit seiner sägend-singenden Stimme etwa
gab sie auch schon und verkörperte in ihr denjenigen, der einen
Schritt weiter ist, der die Begrenzungen der herrschenden Vernunft
abgeworfen hat, während sein Partner Chuck D. immer noch dagegen
anpredigte. Das war ein politisches Konzept, und Flavour Flav wirkte
darin deshalb verrückt, weil die Regeln der herrschenden Vernunft
draußen natürlich immer noch galten. Das dachte man wenigstens,
bis er dann in Brooklyner Crackhäusern verschwand.
Ol' Dirty Bastard erscheint manchmal wie ein Wiedergänger von
Flavour Flav, bis zu den komplett vergoldeten Zähnen, nur daß
seine Gruppe, der Wu Tang-Clan, nie ein politisches Konzept hatte,
ihn auch nicht auffangen kann und sich außerdem der gesellschaftliche
Rahmen in den USA konstant verschlechtert. Ein Polizei-Konzept wie
zero tolerance wurde gegen Leute wie Ol' Dirty Bastard erfunden.
Mit "Nigga Please" kommt nun Ol' Dirty Bastards zweites
Album heraus, eine Platte, mit der kaum noch jemand rechnete, zu oft
wurde sie schon angekündigt und wieder verschoben. Zwar tauchte
ODB immer mal wieder auf, nahm etwa ein Duett mit Mariah Carey auf
oder rappte zusammen mit Pras von den Fugees in "Ghetto Superstar"
irres Zeugs über das "partying with girls that never die"
und war damit sogar für einen Grammy nominiert. Doch anscheinend
wurde niemand seiner lange genug habhaft, um ihn dazu zu bringen,
ein Album aufzunehmen.
Denn Dirty alias Big Baby Jesus alias Osiris oder schlicht und bürgerlich
Russell Jones zieht Ärger an wie kaum ein anderer Rapper. Ärger
mit irgendwelchen Brooklyner Homies, die mehrmals auf ihn schossen,
mit allen Leuten in der Musikindustrie, weil es ein Ding der Unmöglichkeit
ist, ihn dazu zu bringen, auch nur einigermaßen so zu ticken,
daß er als verwertbar funktioniert. Als er etwa zu Promozwekken
in Berlin war, verwüstete er nicht nur sein Hotelzimmer, sondern
sprühte auch gleich den Gang mit dem Feuerlöscher voll,
um schließlich für die anrückenden Feuerwehrleute
vom Balkon seiner Suite aus eine Darbietung seines Stücks "Shimmy
Shimmy Ya" zu bringen.
Zuallererst und auch zu allerletzt hat er aber konstanten Ärger
mit der US-amerikanischen Polizei und Justiz. Mal wird er in L.A.
aus einem Club geworfen und bedroht die Türsteher, mal droht
er einer Ex-Freundin, mal wird er beim Klauen eines Paars Turnschuhe
erwischt, am laufenden Meter beim Fahren ohne Führerschein, ohne
Nummernschild, dafür aber mit mächtig Drogen im Blut, beim
Überfahren einer roten Ampel.
Dann soll er in Schießereien mit der Polizei verwickelt sein,
ohne daß allerdings Schmauchspuren auf seiner Hand festgestellt
werden können, dafür werden auf dem Bürgersteig 41
leere Geschoßhülsen aus den Waffen der Polizisten gefunden.
Dann wieder trägt er eine schußsichere Weste, was in Kalifornien
seit einiger Zeit für Vorbestrafte verboten ist und als terroristischer
Akt gewertet wird. Dirty ist der erste, der wegen dieses Straftatbestandes
angeklagt wird. Und zuletzt wird er mit 20 Briefchen Crack und einem
Beutel Marihuana im Auto erwischt, als er gerade auf dem Weg in eine
Rehaklinik ist.
Dirty ist schwer polytoxikoman drogenabhängig und wurde immer
wieder mal mit so gut wie allem erwischt, was breit macht, und das
ist in den USA noch weniger lustig als sonstwo und für Afro-Amerikaner
noch weniger als sonstwen. All diese Vergehen haben sich allein in
diesem Jahr angehäuft, nun stehen die Gerichtstermine an, und
wenn er Pech hat, landet er für 15 Jahre im Gefängnis.
Mit Millionen auf dem Konto und dem OJ Simpson-Anwalt Robert Shapiro
als Vertretung ist es immerhin nicht ganz so aussichtslos wie für
all die anderen, die wegen ähnlicher Vergehen angeklagt werden.
Der Besitz des billigeren Kokainproduktes Crack wird in den USA wesentlich
härter bestraft als der von Kokain selbst. Das eine ist die Droge
der Armen, das andere nicht. In den letzten zwanzig Jahren hat sich
die Population der amerikanischen Gefängnisse vervierfacht, eine
Entwicklung, die vor allem Afro-Amerikaner trifft, von denen mehr
im Gefängnis sitzen als auf Colleges die Schulbank drücken.
Kein Wunder also, daß die Plattenindustrie es eilig hat, "Nigga
Please" auf den Markt zu werfen. Solange er es noch kann, soll
Dirty seine Platte promoten, und sobald er im Gefängnis verschwunden
ist, regelt die Aufregung der liberalen Medien den Rest. Und so kalkuliert
hört sich die Platte auch an.
Im Unterschied zu seinem Debut-Album "The Return to the 36 Chambers
- The Dirty Version", das fast vollständig von dem Wu Tang-Clan-Mastermind
RZA produziert worden war und in einer fast schon barocken Manier
den Wu Tang-Stil auf die Spitze trieb, ist "Nigga Please"
minimalistisch. Wo vor vier Jahren noch wildgewordene Pianos auf verdrehte
Streicher und Kung Fu-Film-Samples trafen und so Dirtys ohnehin exzentrische
Sprachakrobatik durch den darunterliegenden Sound noch einmal übertroffen
wurde, hat er heuer mehr Raum, um sich auszubreiten.
Allerdings geht das zu Lasten der Sorgfalt. Ein paar Holperbeats,
die an Timbaland erinnern, eine hübsche Rick James-Adaptation
und einige Stücke von RZA höchstpersönlich. Doch was
die Platte heraushebt aus ihrer Vorhersehbarkeit, ist Ol' Dirty Bastard
selbst. Kein Rapper kann so schludrig rappen, so sehr ein Wort über
mehrere Oktaven strecken, so heulen, krächzen und mit den Stimmbändern
klappern wie er.
Selbst im Wu Tang-Clan, der Posse, mit der er zusammen die globale
Rapbühne betrat und die ja nicht gerade knapp mit Talenten gesegnet
ist, genießt er einen Sonderstatus. Ohne überflüssige
Meta-Ebenen geht es auf "Nigga Please" um Sex, Drogen, Frauen,
Geld, Sex und Drogen und darum, der Größte zu sein. Mal
geht es darum, "Pussy for free" zu wollen, mal ist es ein
Jazzsoul-Stück wie "Good Morning Heartache", das Dirty
sich erst selbst widmet, in dem ihm dann aber fast nichts einfällt
und er einfach nur seiner Duettpartnerin hinterhersingt. Mal geht
es schlicht darum, wie gut Kokain seine Sinne schärft oder um
die "new moon order".
Keine Disziplin hält ihn in ihren Grenzen, Dirty jault, heult,
bellt und rappt, wie es ihm paßt und wie es sonst niemand kann.
Und genau deshalb ist er der Alptraum von Tipper Gore und ihrer reformprotestantischen
Elternbewegung. Ihm geht es nicht etwa um die Provokation oder um
das gezielte Daneben-Benehmen: Ol' Dirty Bastard ignoriert jede Art
von Gesetz.
Wenn zero tolerance davon ausgeht, abweichendes Verhalten anzugreifen,
um mit ihm die Vorformen von Verbrechen zu treffen, ist Ol' Dirty
Bastard die personifizierte Zielscheibe. Und insofern liegt er mit
seiner Paranoia, das CIA und FBI verfolge ihn wegen seiner "un-american
raptivities", gar nicht mal falsch. Nur daß er eben wahrscheinlich
nicht die Wiedergeburt des ägyptischen Totengotts Osiris ist
und auch kaum Anfang der Achtziger von einem Ufo in Brooklyn abgesetzt
wurde, um mit dem Wu Tang-Clan das Böse zu bekämpfen, bevor
zum Millennium die Welt untergeht.
Mitte Oktober stehen Ol' Dirty Bastards erste Gerichtstermine an,
seine Platte gibt es schon.
Ol' Dirty Bastard:
"Nigga Please".
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