Von Günter Frech mit
Fotos von Babette Brandenburg
"Wütend" ist er auf die Hamburger Sozialsenatorin Karin Roth (SPD), sagt der Inspektor der Internationalen Transportarbeiter-Föderation (ITF), Ulf Christiansen. In den nunmehr bereists verstrichenen sechs Wochen habe sich die ehemalige Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) in Norddeutschland weder persönlich nach dem Schicksal von acht gestrandeten Seeleuten erkundigt, noch sei sonstwie ein Zeichen der Solidarität zu vernehmen gewesen: "Die hätte doch zumindest mal 'ne Stange Zigaretten an Bord werfen können - das wäre eine Geste gewesen!" so Christiansen ziemlich ungehalten über seine ehemalige Kollegin Roth.
Warten macht mürbe. Was tun acht Seeleute, die seit sechs Wochen mitten in einem Hafenbecken im Hansahafen in Hamburg festsitzen? "Immer das gleiche", sagt Luciano Abellera von den Philippinen: "Warten, hoffen und vergessen, daß wir auf einem Schiff sind." Der polnische Schiffsingenieur Wieslaw Plango möchte am liebsten sofort zu Frau und Kindern nach Szczecin. "Doch um mein Geld zu bekommen, würde ich noch Monate hier bleiben." Der philippinische Schiffskoch Fortunato P. Biugos mag Gesellschaftsspiele. Welche? "Schiffe versenken!" Galgenhumor ist auch eine Möglichkeit, um sich über eine ausweglose Situation hinwegzutrösten.
Abellera, Biugos, Plango und noch zwei weitere Philippinos und drei Polen haben vor gut sechs Monaten auf dem Küstenmotorschiff "Verona" angeheuert. Das Schiff liegt jedoch fest, denn die See-Berufsgenossenschaft hat am 27. Juli wegen Sicherheitsmängeln ein Auslaufverbot verhängt. Und weil niemand weiß, wer die teuren Hafengebühren an der Pier bezahlt, wurde das Schiff von der Hafenbehörde an den Pfählen in der Beckenmitte vertäut. Selbst die zwei Rettungsboote nützen den Seeleuten nichts: Sie sind Teil der Sicherheitsmängel und dürfen nicht benutzt werden. Außerdem bleiben die Männer lieber an Bord, da sie Angst haben, das Schiff könnte vom Reeder abgeschleppt werden.
Und selbst wenn sie an Land fahren würden: Für ein Hotelzimmer, geschweige denn für Amüsements, haben sie kein Geld. Der Reeder schuldet ihnen für drei Monate die Heuer, mittlerweile steht er mit 127 000 Mark in der Kreide. Doch die Crew geht davon aus, daß sie nach wie vor bei Arko Shipping angestellt ist. Außerdem gehört es auch zur Seemannsehre, das Schiff nicht im Stich zu lassen. Zumal dies vom Reeder als Abmustern gewertet werden könnte. Ihre ausstehende Heuer würden sie dann wohl nie bekommen.
Bis der gesamte Sachverhalt auf dem Rechtsweg geklärt ist, können Monate vergehen. Der ITF-Mann möchte der Crew eigentlich nicht zumuten, so lange an Bord zu bleiben. Doch noch wird ihr nahegelegt, auf dem Schiff zu bleiben: "Das ist das einzige Faustpfand, das sie haben." Die Seeleute haben ein Transparent gepinselt - nur, kaum jemand kommt vorbei und kann das "We are on strike" lesen.
Nun haben die acht Männer viel Zeit. Und daß sie über unendlich viel Zeit verfügen, merkt man auch an der Sauberkeit des Schiffes: Alles ist geputzt und penibel aufgeräumt. Das Schlimmste sei die Ungewißheit, erzählt der Koch, da man nicht wisse, wie es mit dem Schiff weitergehe. Seit Monaten hat er keinen Kontakt mehr zu seiner Familie. Sie wohnt in einem Teil der Philippinen, wohin kein Telefonverkehr möglich ist. So hat er erst vor wenigen Tagen einen Brief geschrieben und hofft nun, daß ihm die Familie an die angegebene Kontaktadresse bei der Seemannsmission schreibt. "Quälend" sei es, einfach nur abzuwarten. Die Monotonie nagt an den Nerven. "Wir putzen und kochen, waschen unsere Wäsche und halten das Schiff in Schuß." Selbst ein ehernes Seefahrergesetz wurde außer Kraft gesetzt: Der Koch läßt auch die anderen Besatzungsmitglieder an den Herd. So etwas ist eigentlich undenkbar.
Der Besuch einiger Journalisten an Bord ist eine willkommene Abwechslung. Die Seeleute verstehen nicht, warum man das Schiff nicht zwangsversteigern kann und warum das Procedere um die Heuer-Eintreibung so lange dauert. Das ist auch das Problem von ITF-Inspektor Ulf Christiansen. Die ITF ist ein weltweiter Zusammenschluß von 500 Gewerkschaften des Transportgewerbes und die einzige Gewerkschaftsinternationale, die das Recht hat, in jedem Hafen der Welt tätig zu sein. Der schwedischen Reederei wurden die Forderungen der Seeleute übermittelt und eine Frist gesetzt, die inzwischen abgelaufen sei, erzählt der Inspektor. Momentan läuft das zweite Ultimatum. "Wenn dann nichts passiert, schalten wir einen Gang höher", sagt der Gewerkschafter. Daß der Kontakt zum Reeder nur sehr zäh verläuft, lege den Schluß nahe, daß das Schiff aufgegeben wurde. "Wenn kein normales Geschäftsgebaren mehr möglich ist, kann man zum weiteren Fortgang der Dinge eigentlich auch nichts sagen", so Christiansen.
"Wir fühlen uns wie die Tiere in einem Eisenkäfig", sagt der polnische Kapitän Jerzy Szalkowski. Ein Käfig, der 78 Meter lang und zwölf Meter breit ist. Zwei Mann schlafen in einer fünf Quadratmeter großen Kajüte. Lediglich durch die Tätigkeit der ITF sei die Situation ein wenig entschärft. Weil sich Sozial- und Wirtschaftsbehörde um die Zuständigkeit streiten, ist Annemarie Dose von der Hilfsorganisation "Hamburger Tafel" eingesprungen und versorgt die Leute mit Lebensmitteln. "Das ist doch kein Stückgut, das sind doch Menschen", sagt sie und erzählt weiter, daß sie gerade bei einem Optiker für den Kapitän eine Brille organisiert hat. Selbst der Telekom hat sie ein Handy mit Freischaltung abgeschwatzt, damit ein Minimum an Kontakt mit der Außenwelt möglich ist.
Den Transport der Lebensmittel auf das Schiff hat der Barkassen-Kapitän Horst Eilken vom Hafenrundfahrtsunternehmen Max Jens übernommen. In seiner über 30jährigen Laufbahn im Hamburger Hafen sei es das erste Mal, daß er erlebe, daß ein Schiff samt Besatzung sozusagen "herrenlos dahindümpelt". Im Hamburger Hafen hält man eben zusammen, und weil Eilken der Meinung ist, daß den Menschen geholfen werden muß, stellt er seinen Fahrtdienst nicht in Rechnung. Die Route der Hafenrundfahrten wurde geändert, und so bekommen die Touristen ein Stück "Hafenwahnsinn total" zu sehen.
"Hamburg verdient doch an den Billig-Schiffen, also sollen sie auch helfen, wenn eine Notlage entsteht", wirft Christiansen den Behörden vor. Das wiederum kann die Sprecherin der Sozialbehörde, Petra Bäuerle, nicht nachvollziehen: "Wenn in dieser Stadt etwas passiert, sind immer wir zuständig." Für den Hafen sei die Wirtschaftsbehörde verantwortlich, die sollte etwas tun: "Wir können doch nicht auch noch die Verantwortung für die Schiffe übernehmen." Mit dieser Äußerung der Kollegin konfrontiert, atmet der Sprecher der Wirtschaftsbehörde erst mal durch und sagt dann etwas, was nicht zitiert werden darf. "Wir müssen auch erst lernen, mit dieser Situation umzugehen, schließlich kommt es das erste Mal vor", sagt der Wirtschaftssprecher dann und verweist auf die "unbürokratische Hilfe" der privaten Hilfsorganisation. Außerdem bringe das Oberhafenamt frisches Wasser auf die "Verona", und die Wasserschutzpolizei holt den Müll ab. "Das ist doch wohl das mindeste", kontert Christiansen.
Üblicherweise transportiert die "Verona" im Küstenverkehr Stückgut, fährt unter maltesischer Flagge und gehört der schwedischen Reederei Arko Shipping/Parks Webber. Malta gilt als Billig-Flaggenland; dort hat die Reederei nach Informationen der ITF lediglich einen Briefkasten. Der Hamburger Schiffsagent, der im Auftrag der Reederei die "Verona" betreute, gab Mitte Juli den Auftrag zurück, da ihm Arko Shipping 16 000 Mark schuldete. Das Schicksal nahm am 14. Juli seinen Lauf: Eine Ladung Raps sollte nach Schweden gebracht werden. Dann entdeckte die See-Berufsgenossenschaft bei einer Routinekontrolle Sicherheitsmängel: Die Rauchmeldeanlage und das Feuerlöschsystem sowie die Rettungsboote waren defekt. Nach erfolgter Reparatur durfte die "Verona" den Hamburger Hafen verlassen. Doch zwischenzeitlich stornierte der Ladungseigner den Auftrag und veranlaßte, daß der Raps wieder abgeladen wurde.
Auf der Unterelbe kurz vor Cuxhaven wurde die "Verona" von der Wasserschutzpolizei gestoppt und zurück in den Hafen begleitet. Nach erfolgter Löschung des Raps fehlten plötzlich die Navigationsanlage und das Funkgerät. Wie das elektronische Gerät von Bord kam, darüber gibt es mehrere Versionen: Eine davon ist, daß die Anlagen von einem Mittelsmann des schwedischen Reeders heimlich ausgebaut wurden, um das Schiff unbrauchbar zu machen. Vielleicht ließen die Seeleute die Instrumente aber auch selbst verschwinden, um nicht mit defekten Geräten auf See zu müssen.
Dennoch versuchte die "Verona" am 27. Juli auszulaufen. Warum das Schiff den Hafen verlassen wollte, darüber schweigt der Kapitän. Die Wasserschutzpolizei jedenfalls bekam Wind davon, stoppte den Frachter erneut und legte ihn an die Kette. Das Oberhafenamt befürchtete, daß man den Liegegebühren hinterherlaufen muß. Am 30. Juli forderte die ITF die Reederei telefonisch auf, sich um das Schiff zu kümmern. "Fuck off ship, fuck the crew", so Christiansen, seien die letzten Worte des Reeders gewesen.
Jungle World, Lausitzer Strasse 10, 10999 Berlin, Germany
Tel. ++ 49-30-61 28 27 31
Fax ++ 49-30-61 28 20 55
E-Mail: redaktion@jungle-world.com