Jungle World Banner
8. September 1999
Im Archiv suchen:
Home
Inhalt Ausgabe 37.
Nachrichten
Inland
Euro
International
Rubriken
Homestory
Deutsches Haus
Antifa Termine
Alternative Lebensformen
Sonstiges
Archiv
Jungle Pin Board
Jungle Abos
Impressum
Jungle World in der Schweiz
E-Mail
Redaktion
Webmaster

Feuilleton Nachrichten

Forelle blau

"Für den Erfolg der NSDAP bildete die Idee vom nationalen Sozialismus die wichtigste politische Grundlage. Sie stützte sich auf die Lehre von der Ungleichheit der Rassen und versprach den Angehörigen der Herrenrasse - und das war die übergroße Mehrheit der Deutschen - im selben Atemzug mehr Chancengleichheit und bessere Aufstiegsmöglichkeiten als während der Kaiserzeit und noch in der Republik.

So gesehen ist der Rassismus - einschließlich des beispiellosen Staatsverbrechens der 'Endlösung der Judenfrage' - eine Spielart des Egalitarismus, also einer der stärksten Tendenzen des 20. Jahrhunderts."

Götz Aly, "Der Holocaust", in Der Spiegel, Nr.36/1999

Dahinter steckt immer ein gutes Register

Mit einer noch nicht dagewesenen journalistischen Innovation wartet die Berlin-Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen Zeitung auf, die seit dem 1. September jeder in Berlin oder Brandenburg ausgelieferten Nummer beiliegt: dem Register. Durch einen gezielten Blick auf die letzte Seite kann man nun jeden Tag aufs neue studieren, wer in der jeweiligen Ausgabe der "Berliner Seiten" die Ehre hatte, erwähnt zu werden. Für alle, die angefangen haben, die täglichen sechs und samstäglichen acht Seiten zu archivieren, ist das eine unersetzliche Hilfe. Wer sich etwa auf die Suche nach Jacques Derrida und seinem Verhältnis zu deutschen Politikern begibt und dem dazu noch eine gemeinsame Erwähnung Derridas mit Johannes Rau in Unterzeilen von Aufmachertexten der Seite zwei fehlt, oder wer wissen will, was Ulrich Tukur und das Maxim Gorki-Theater miteinander zu tun haben, wird dort schnell fündig. Wer wird wohl am Ende des Jahres mit den meisten Erwähnungen das Rennen gemacht haben? Wir tippen auf Michael Naumann.

Ein Plan ist die halbe Stadt

Der amerikanische Architekt Peter Eisenman, bekannt aus Funk, Fernsehen und Feuilleton, dessen Entwurf eines Stelenfeldes als Holocaust-Mahnmal eine Mehrheit im Bundestag fand, soll eine "Stadt der Kultur" in der Nähe des Pilgerortes Santiago de Compostela bauen. Die spanische Region Galicien hatte den Auftrag ausgeschrieben, und eine Jury entschied sich einstimmig für den 67jährigen New Yorker. Zwar hat die Region laut El Pais noch nicht dargelegt, wie sie das Projekt finanzieren will - wieviel es kosten soll, ist jedoch bekannt: 18 Milliarden Pesetas (etwa 210 Millionen Mark). Die "Stadt der Kultur" soll aus Museen, einem Theater, einer Bibliothek und einem Konzertsaal bestehen. Ähnlich wie das baskische Bilbao, das durch den spektakulären Frank O. Gehry-Bau, der dortigen Filiale des Guggenheim-Museums, Touristenströme anzieht, will Galicien den Nordwesten des Landes durch den Bau der Kulturstadt aufwerten. Die Region gilt als eine der ärmsten Spaniens.

Was wäre, wenn ...

Nachdem der US-amerikanische Diedrich Diederichsen, Greil Marcus, vor einigen Wochen im Berliner Tagesspiegel darüber sinnierte, ob die Geschichte wohl anders gekommen wäre, wenn die Besucher des Festivals von Woodstock gewußt hätten, daß Charles Manson und seine Bande wenige Tage zuvor Sharon Tate ermordet und mit dem Blut "Helter Skelter" an die Wand geschmiert hatten, schlägt nun der deutsche Greil Marcus, Diedrich Diederichsen, in der Süddeutschen Zeitung zurück. Nicht nur Woodstock und die Morde, auch der Tod Adornos habe zum gleichen Zeitpunkt stattgefunden, knapp eine Woche zuvor nämlich. Und Adorno habe einem Event Platz gemacht, das es für einige Tage ermöglicht habe, das Richtige im Falschen zu tun, bevor Charles Manson als das Symbol eines zentralen Elements der Gegenkultur auftauchte: des Bösen nämlich. Und seit die Gegenkultur zusammengeklappt sei, würden diese Manson-Moleküle ungebunden durch die Gegend schwirren und Rechte zum falschen Leben im Falschen bringen.

Was wäre wohl gewesen, wenn Marcus gewußt hätte, daß Adorno vor dem Festival starb? Angesichts der Tatsache, daß Adorno Jahre zuvor auch einmal in Kalifornien lebte und sein "Holzhaus mit Doppelgarage" nur ein paar Straßenbiegungen von dem Tatort der Morde entfernt war, und angesichts Marcus' Hang, den Zufällen des Laufs der Historie nicht zu trauen, sondern quer durch Zeit und Raum überraschende Verbindungen zwischen den unterschiedlichsten Ereignissen zu ziehen, wäre zumindest die Geschichte von Greil Marcus im Tagesspiegel anders gekommen. O. J. Simpson wohnte übrigens auch in der Gegend.

'Park + Ride' ist tot

Die Zeitschrift Park + Ride ist den Weg alles Irdischen gegangen und wird nicht mehr erscheinen. In der "Flora & Fauna"-Lounge des "Berlin Beta"-Festival" gaben die Macher eine Abschiedsvorstellung. Im vergangenen Herbst war das Magazin unter dem Namen Park angetreten, den "Phantomschmerz" zu beseitigen, der alle deutschen Hipster quälte, die jeden Monatsanfang in die Bahnhofskioske laufen mußten, um die hippen britischen Magazine zu kaufen, nur weil sie hübsche Fotos anschauen und flotte Artikel lesen wollten. Doch anscheinend stehen die Deutschen drauf, denn Park + Ride - die ihren Namen ändern mußte, weil ein Berliner Literaturprofessor seit Jahren schon eine Zeitschrift für moderne Lyrik unter dem Titel Park herausgibt - hat mit ihrer Mischung aus hübschen, blassen Modestrecken, Konsumratgebern für nutzlose, aber originelle Gadgets, Artikeln über Hamburger Hiphopper, mit RAF-Essays und Kolumnen von unterschiedlich prominenten Zeitgenossen anscheinend nicht genug die Marmelade getreten, als daß sich die britischen Magazine die Butter vom Brot nehmen lassen mußten.

Dokumentarfilme in Chile wieder aufgeführt

Das Goethe-Institut von Santiago de Chile hat 23 Dokumentarfilme aus den frühen Siebzigern aus der Zeit der Unidad Popular wieder aufgeführt. Es ist die erste Aufführung der Filme seit Augusto Pinochet die Allende-Regierung 1973 aus dem Amt putschte und Allende ermorden ließ. Die Kopien der Filme stellte die Kinemathek Hamburg zur Verfügung, denn Pinochet ließ alle in Chile verfügbaren Kopien vernichten. Die Kinemathek Hamburg hatte schon in den Siebzigern begonnen, die sozialkritischen Dokumentarfilme, die durchweg die Politik Allendes unterstützten, zu sammeln. In Chile sind die Filme bis heute verboten. Der Kinemathek-Leiter Heiner Roß wurde trotzdem für den Erhalt der Dokumente in Chile geehrt. Viele der Regisseure, die heute über die ganze Welt verstreut im Exil leben, reisten zu der Aufführung nach Chile und trafen sich jetzt wieder - erstmals seit den frühen Siebzigern.

  •  Die Nachrichten wurden von Tobias Rapp zusammengestellt


Jungle World, Lausitzer Strasse 10, 10999 Berlin, Germany
Tel. ++ 49-30-61 28 27 31
Fax ++ 49-30-61 28 20 55
E-Mail: redaktion@jungle-world.com