Die digitale Intervention
Von Hacker-Attacken auf feindliche
Websites bis zu verdeckten Operationen des US-Militärs: Der Kosovo-Krieg
war auch ein Testfall für den Cyberwar.
Von Ralf Bendrath
Nach Science-fiction klang die Meldung,
die das US-Nachrichtenmagazin Newsweek im Mai dieses Jahres verbreitete:
Hacker des US-Geheimdienstes CIA seien dabei, in die Computer ausländischer
Banken einzubrechen und Slobodan Milosevics Konten zu löschen. Autorisiert
sei dieser Plan von US-Präsident Bill Clinton selber. Sind damit die
in Schundromanen und Hollywoodproduktionen schon seit einigen Jahren verbreiteten
Visionen vom virtuellen Krieg Wirklichkeit geworden?
In der Tat beschäftigen sich
die US-Streitkräfte und Geheimdienste seit mehr als zehn Jahren mit
dieser Art der Kriegführung, und auch in anderen Ländern werden
Visionen vom Cyber-Krieg entwickelt und futuristische Planungspapiere geschrieben.
Der stellvertretende US-Verteidigungsminister John Hamre bezeichnete den
Krieg gegen Jugoslawien bereits im April als den ersten Cyber-Krieg, den
die USA führen.
Ein Blick hinter die Kulissen, soweit
er möglich ist, relativiert dieses Bild in mehrerlei Hinsicht: Für
den Ausgang des Kosovo-Krieges waren die CyberAttacken relativ unbedeutend,
und auch die Kriege der Zukunft werden nicht unblutig im Internet stattfinden.
Neu ist allerdings, daß sich mit politisierten Hackergruppen bisher
ungewohnte Kriegsparteien auf dem virtuellen Schlachtfeld tummelten. Dies
zeigt, wie unkontrollierbar solche Pläne der staatlichen High-Tech-Eliten
sind, wenn sie in die Realität umgesetzt werden.
Zum übergreifenden amerikanischen
Konzept des "Informationskrieges" gehört aber nicht nur die Manipulation
von Bankkonten, sondern vor allem der Medien. Dies ist das eigentlich Entscheidende
am Kosovo-Krieg: Wichtig ist nicht mehr der Sieg auf dem Schlachtfeld,
das es in diesem Luftkrieg ohnehin nicht gab, sondern die Manipulation
seiner medialen Repräsentation.
Elektronische Belagerung
Kurz vor Ostern meldete die Nato
einen jugoslawischen Angriff aus dem Cyberspace. Die "Attacke", die von
einem Belgrader Computer ausging, war allerdings bei genauerem Nachlesen
lediglich eine Massensendung von Tausenden E-Mails, die das elektronische
Postfach des Militärbündnisses für andere Besucher mehrere
Tage lang unzugänglich machte. Frank Rieger, Sprecher des Chaos Computer
Clubs (CCC), hält es sogar für wahrscheinlicher, daß die
Nato sich einen Computervirus wie "Melissa" eingefangen hat. Dieser Virus,
der die Adreßverzeichnisse von E-Mail-Programmen benutzt, um sich
selbsttätig zu verbreiten, hatte im März bereits im Pentagon
sein Unwesen getrieben.
Dennoch: Nach den veröffentlichten
Informationen wurden die internen Datennetze der westlichen Militärinstitutionen,
aber auch das öffentliche World Wide Web, von serbischer Seite ins
virtuelle Visier genommen. Nach einem Bericht von US News existiert in
Belgrad ein Netz von mehr als tausend StudentInnen und SchülerInnen
in sechs Computerzentren, die die kriegsbedingten Ferien nutzten, um im
Internet gegen die Nato aktiv zu werden. Der größte Teil ihrer
Tätigkeit besteht aus dem Füttern von Newsgroups und der Pflege
der eigenen umfangreichen Webseite, aber der Mail-Müll könnte
ebenso wie die Viren von hier gekommen sein. Nach Informationen von Infoworld.com
wurden mindestens fünf neue Computerviren mit diesen E-Mails auf die
Nato-Rechner übertragen.
Bei einer anderen Art der Angriffe
auf die öffentlichen Server der Nato wurde die Internet-Funktion "Ping"
genutzt, mit der an einen Rechner ein kleines Datenpaket gesendet wird,
das dieser an den Absender zurückschickt. Ende März wurde die
Nato - wie bereits verschiedene andere Institutionen vor ihr - Opfer massenhafter
Ping-Anfragen, was dazu führte, daß die Rechner überlastet
waren und die Datenleitungen verstopften. Diese Angriffe kamen nach Aussagen
des Pentagon ebenfalls aus Serbien, aber nicht unbedingt von Rechnern der
serbischen Regierung. Genau wie die massenhafte elektronische Post nutzt
diese Art der Angriffe reguläre Funktionen aus, die bei entsprechend
häufigen Aufrufen den Rechner zu stark beschäftigen. Bekannt
sind solche Angriffe als "Denial of Service Attacks".
Über diese recht simple Art
der Störungen hinaus gehen die Angriffe auf diverse Webseiten. Hacker
aus Serbien sind in Webserver aus Nato-Staaten eingedrungen und haben die
dort abrufbaren Internet-Seiten verändert. Die serbische Hackergruppe
CHC etwa ersetzte Anfang April die Webseiten zweier US-Regierungseinrichtungen
sowie der britischen Stadt Croydon durch eine Anti-Nato-Seite, in der diese
als "National American Terrorist Organization" bezeichnet wurde.
Alle diese Angriffe richteten sich
gegen die öffentliche Darstellung der Nato oder von Nato-Staaten im
World Wide Web. Die Kriegführungsfähigkeit der Militärallianz
war dabei nicht gefährdet, denn die internen Kommunikatons- und Kommandonetze
verlaufen über ganz andere Kanäle. Die Kommunikation zur Leitung
der Kriegseinsätze ist nicht direkt über das Internet oder andere
öffentliche Netze zugänglich, und die Sicherheitsvorkehrungen
sind hier weitaus größer als bei einem Webserver oder Mailboxrechner.
Zudem laufen auf den Militärcomputern teilweise Programme und Betriebssysteme,
die auf dem freien Markt nicht erhältlich sind und bei denen es daher
schwierig ist, sicherheitsrelevante Informationen zu bekommen.
Einen Schritt weiter als die Web-Hacker
sind daher Versuche, in die Militärcomputer selber einzudringen. Auch
dies wurde im Kosovo-Krieg versucht. Einen ernsthafteren Schaden hat nach
Berichten der Belgrader Zeitung Blic ein Mitglied der serbischen Hackergruppe
Schwarze Hand angerichtet. Es soll Ende März in einen Computer der
Navy eingedrungen sein und alle Daten gelöscht haben. Obwohl das US-Verteidigungsministerium
diesen Vorfall nie bestätigte, war der Rechner zeitweilig im Internet
nicht erreichbar. Dieselbe Hackergruppe, die angeblich in der ideologischen
Tradition einer gleichnamigen serbischen Terrororganisation vom Anfang
des Jahrhunderts steht, hatte bereits im Oktober 1998 die Webseite des
gemäßigten Albanerführers Ibrahim Rugova gehackt.
Internationale Brigaden
Als Reaktion auf die Bombardierung
der chinesischen Botschaft in Belgrad durch die USA haben auch chinesische
Hacker mehrfach Webseiten amerikanischer Institutionen angegriffen. Mindestens
zweimal wurde das Internet-Angebot der amerikanischen Botschaft in Peking
durch den Text "Nieder mit den Barbaren!" ersetzt, ähnliches passierte
mit den Seiten des Energieministeriums, auf denen plötzlich zum Protest
gegen die "amerikanischen Nazi-Methoden" aufgerufen wurde. Dort stand auch
zu lesen: "Wir sind chinesische Hacker, die sich nicht um Politik kümmern,
aber wir dulden es nicht, wenn sehen zu müssen, daß chinesische
Journalisten getötet worden sind."
Auf der Webseite des US-Innenministeriums
tauchten Anfang Mai Bilder von den drei Zivilisten auf, die beim Angriff
auf die chinesische Botschaft getötet worden waren.
Gegen die Internet-Darstellung des
Weißen Hauses wurden Angriffe unternommen, und die Seite war drei
Tage lang nicht online. Obwohl der Sprecher des Weißen Hauses dies
mit "Denial of Service"-Angriffen begründete, wurde die Nachricht
von einem erfolgreichen Einbruch auf der Seite in verschiedenen Hackerforen
annonciert.
Auch die russische Ablehnung der
Nato-Angriffe wurde vom Kreml nicht nur auf dem diplomatischen Parkett
vertreten. Eine russische Hacker-Gruppe mit dem Namen "From Russia With
Love" - der Titel eines Bond-Films - hat eine Nato-Webseite mit dem Vermerk
"Haut ab aus dem Kosovo" versehen. Eine Koalition von vier russischen Hackergruppen
mit dem Namen Russian Hackers Union soll eine Webseite der amerikanischen
Marine gelöscht haben. Die Seite einer amerikanischen Windsurfer-Zeitschrift
wurde von dem russischen Hacker SP durch einen Aufruf ersetzt, den Krieg
gegen Jugoslawien zu beenden. Ein Link verwies auf eine jugoslawische Seite,
die zu einer Webkampagne gegen die Nato-Angriffe aufruft. Nach Angaben
des Hacker News Network wurden seit Kriegsbeginn bisher mindestens 14 militärische
oder andere staatliche Webseiten gehackt.
Von der anderen Seite der virtuellen
Front gab es verschiedene Angriffe gegen jugoslawische Computer, die ebenfalls
nicht staatlich kontrolliert wurden. Hacker aus den USA haben laut Informationen
des Boston Globe versucht, die Webseite der jugoslawischen Regierung zu
knacken, die als extrem sicher gilt. In der Kosovo Hackers Group haben
sich albanische und europäische Hacker zusammengeschlossen, um gegen
die serbische Regierung Cyber-Guerilla zu spielen. Ihnen soll es gelungen
sein, fünf verschiedene Webseiten zu löschen und auf deren Adresse
die schwarz-rote Flagge "Freiheit für Kosovo" zu plazieren. Die serbische
Regierung gab zwischenzeitlich auf der Webseite ihrer virtuellen Presseabteilung
zu, daß sie technische Probleme hatte. Die Ursachen dafür können
aber auch zerbombte Telefonleitungen oder Kraftwerke gewesen sein. Die
holländische Hackergruppe Dutchthreat hackte sich in eine private
serbische Webseite, auf der die Nato als "eine Bande Nazis" bezeichnet
worden war. Sie ersetzten die Anti-Nato-Seite mit einer eigenen "Helft
Kosovo"-Seite.
Betroffen waren auch Webseiten unbeteiligter
Staaten. So wurde u.a. die Internet-Präsenz einer ägyptischen
Regierungseinrichtung von der russischen Hackergruppe KpZ durch ein Bild
der MTV-Comicfiguren Beavis & Butthead ersetzt, die zum "Stopp der
Nato-Morde" aufrufen. Eine private Seite in Brasilien enthielt plötzlich
einen Aufruf gegen Milosevic.
Hacktivismus
Während Hacker früher
ihr Hauptinteresse im Aufdecken von Sicherheitslücken sahen, ist dies
heute eher Mittel zum Zweck geworden - und die Ziele der Hacker werden
immer politischer. Die Politisierung des Hackens führt inzwischen,
analog zur außerparlamentarischen Tradition, auch zu Bündnissen,
wie die Russian Hackers Union oder die Kosovo Hackers Group zeigen.
Diese neue Verbindung von Computerfreaks
und politischem Aktivismus wird als "Hacktivismus" bezeichnet. Die New
Yorker Gruppe Electronic Disturbance Theater (EDT) hat bereits das Programm
FloodNet für gemeinsame Webseiten-Besetzungen von Internetsurfern
aus aller Welt entwickelt. Diese virtuelle Form des Sit-in erzielt einen
"Denial of Service", indem alle an einer Aktion Beteiligten gleichzeitig
eine Webseite besuchen, die von FloodNet dann automatisch immer wieder
aufgerufen wird.
Im September 1998 kam es bereits
zu einem virtuellen Schlagabtausch zwischen dem EDT, das ein Cyber-Sit-in
auf der Pentagon-Webseite angekündigt hatte, und der Defense Information
Systems Agency (DISA), die für die Sicherheit der US-Militärcomputer
verantwortlich ist und zurückschlug.
Im Dezember 1998 hatte die Hackergruppe
Legions of the Underground China und dem Irak den virtuellen Krieg erklärt
und dies mit den Menschenrechtsverletzungen begründet. Das selbsterklärte
Ziel war es, die Computersysteme in beiden Ländern vollständig
zu zerstören. Solche Aktionen sind in der Hackerszene sehr umstritten:
Zum einen spiegelt sich in der Parteinahme für oder gegen einen bestimmten
Staat die politische Heterogenität der Computerfreaks wider, zum anderen
widersprechen virtuelle Kriegserklärungen der klassischen gewaltfreien
Hacker-Ethik.
Die sieben wichtigsten Hacker-Vereinigungen
der Welt, darunter auch der deutsche Chaos Computer Club und die Gruppe
Cult of the Dead Cow, verurteilten die Ankündigung der Legions of
the Underground in einer gemeinsamen Erklärung in aller Schärfe.
Bislang ist der dringend nötige Diskussionsprozeß in der Hackerszene
noch nicht sehr weit fortgeschritten, z.B. ist völlig unklar, ob Taktiken
wie das im Umfeld des Electronic Disturbance Theater entwickelte Bottom
Up Information Warfare oder der "elektronische zivile Ungehorsam" als Guerillakampf
oder gewaltfreier Widerstand bewertet werden sollen bzw., ob diese Begrifflichkeiten
aus der physischen Welt im Cyberspace überhaupt angemessen sind.
Was auffällt, ist aber, daß
die Hacker seltener als früher versuchen, in die Computersysteme einzubrechen,
die für militärische Operationen notwendig sind. Mit dem Hacken
von Webseiten beeinflussen sie aber nur die mediale Repräsentation
des Krieges, nicht seinen Verlauf. Offenbar glauben auch die Hacker, daß
der computergestützte Webdiskurs über den Krieg immer wichtiger
wird und die Bedeutung der realen Kriegführung abnimmt.
Bankraub für den Frieden
Ende Mai gelangten die Information
über die Cyber-Angriffe der CIA auf die internationalen Bankkonten
des jugoslawischen Präsidenten Slobodan Milosevic an die Öffentlichkeit.
Milosevic soll nach Erkenntnissen der Geheimdienste Millionenbeträge
bei Banken u. a. in Rußland, Griechenland und Zypern deponiert haben.
US-Präsident Bill Clinton hat laut Newsweek den Hackern der CIA die
Genehmigung erteilt, in die Computer dieser Banken einzubrechen, um das
Geld auf den privaten Auslandskonten des jugoslawischen Präsidenten
"zu verplempern", so ein US-Beamter.
Im Gegensatz zu den bisher genannten
Aktionen, die sich direkt gegen eine der Kriegsparteien richteten oder
lediglich einen Webserver manipulierten, sind in diesem Fall die Bankencomputer
unbeteiligter Staaten von den USA angegriffen worden. Der Nato-Partner
Griechenland geriet damit virtuell unter friendly fire. Das Weiße
Haus weigerte sich, die Meldung zu kommentieren, und nicht einmal die Nato-Verbündeten
waren in die Pläne eingeweiht.
Das Vorhaben war laut Newsweek Teil
eines umfassenderen Planes, der auf einem Vorschlag des nationalen Sicherheitsberaters
Sandy Berger beruhte. Da die US-Regierung ebenso wie der Kongreß
und die Öffentlichkeit vor einem Bodenkrieg zurückschreckten,
Milosevic aber mit Luftangriffen offenbar nicht beizukommen war, griff
der amerikanische Sicherheitsapparat auf ein Mittel zurück, das bereits
Tradition hat: verdeckte Operationen. Neben eher traditionellen Methoden
waren auch die Hacker-Angriffe der CIA auf die Banken vorgesehen.
Der Realitätsgehalt dieser
Geschichte ist umstritten: Nach Aussage des Chaos Computer Club ist es
technisch durchaus möglich, über das internationale Bankensystem
Swift Überweisungen zu fälschen. Geheimdienste wie die amerikanische
National Security Agency (NSA) seien dazu in der Lage. Einige US-Geheimdienstmitarbeiter,
die von den Plänen wußten, äußerten sich dagegen
skeptisch über die Möglichkeit der geplanten Cyber-Angriffe.
Um in gut gesicherte Bankencomputer
einzudringen, müßten CIA-Agenten zunächst selber jede dieser
Banken besuchen, ein eigenes Konto einrichten und danach sorgfältig
darüber Buch führen, wie die Institution arbeitet. Erst wenn
Schwachstellen in der Datensicherheit gefunden seien, könne die NSA
ihre Rechenzentren einsetzen, um die hochentwickelte Verschlüsselung
und die vorgeschalteten Schutzrechner ("Firewalls") zu überwinden.
Cyber-Krieg-Offensive
CCC-Sprecher Rieger warnte davor,
diese Art der virtuellen Nebenschauplätze für eine ungefährliche
Erweiterung des Schlachtfeldes zu halten. Die USA, Deutschland und andere
westliche Staaten seien aufgrund ihrer fortgeschrittenen Digitalisierung
und Vernetzung weitaus verwundbarer gegenüber solchen Attacken als
die Transformationsländer in Osteuropa. "Die Eskalationsmechanismen
sind kaum beherrschbar", so Rieger.
Mitglieder der Geheimdienstausschüsse
von Kongreß und Repräsentantenhaus in den USA, die von Sicherheitsberater
Berger Mitte Mai in einer geheimen Sitzung über die virtuellen Banküberfälle
der CIA gegen Milosevic informiert worden waren, äußerten sich
ebenfalls besorgt. Eine solche Aktion gegen ausländische Banken würde
nicht nur gegen mehrere internationale Verträge verstoßen und
Nato-Mitglieder wie Griechenland gegen die USA aufbringen, sie könne
auch die führende Rolle der USA im weltweiten Bankgeschäft untergraben.
Außerdem sei dieser Bruch
der Souveränität sogar von verbündeten Staaten ein gefährlicher
Präzedenzfall und lade zur Nachahmung, also zu Angriffen auf US-Banken,
ein. Die USA würden einen serbischen Hacker, der ähnliches an
einer New Yorker Bank versucht, im übrigen als "Cyber-Terroristen"
bezeichnen. Eine mögliche Eskalation von Cyber-Angriffen und -Gegenangriffen
kann sich unter Umständen zu einer ernsten Bedrohung der USA entwickeln.
Ein von Hackern veranstalteter elektronischer
Börsencrash ist seit einigen Jahren der Alptraum der amerikanischen
Sicherheitspolitiker, der von den Behörden kräftig genährt
wird. Allein in der US-Exekutive beschäftigen sich mehr als 15 Ministerien
und Behörden konzeptionell und operativ mit Fragen der "Computerkriegführung"
oder Computersicherheit, neben dem Verteidigungsminsterium, der CIA und
dem FBI unter anderem auch die Ministerien für Energie, Justiz, Wirtschaft,
Finanzen oder Transport sowie verschiedene Abteilungen des Weißen
Hauses.
Zum Schutz gegen Angriffe auf die
Informationsgesellschaft wurde erst im vergangenen Jahr mit der Präsidenten-Direktive
63 das National Infrastructure Protection Center (NIPC) eingerichtet, das
zur Bundespolizei FBI gehört, aber auch dem Pentagon unterstellt werden
kann. Die Zuständigkeiten sind bisher nur ansatzweise geklärt.
Abgeordnete des US-Kongresses warnten bereits davor, daß die Hacker
der verschiedenen staatlichen Stellen sich bei ihren Aktivitäten gegenseitig
im Weg stehen könnten.
Während an der elektronischen
Verteidigung gegen Hacker-Angriffe bereits überall in den USA gearbeitet
wird, gibt es für die Entwicklung offensiver Computerkriegsfähigkeiten,
also Hackerprogramme, ferngesteuerte Computerviren und ähnliches,
bisher keine Grundsatzentscheidung des Präsidenten. Die öffentliche
Debatte der Angriffe auf Nato-Computer kam dem Geheimdienst offenbar gerade
recht. Mit den virtuellen Bankeinbrüchen der CIA ist jetzt ein Präzedenzfall
geschaffen, der auch nach außen hin, also gegenüber Kongreß
und Bevölkerung, einen offensiven Cyber-Krieg legitimiert.
Im Hintergrund arbeiten bereits
seit den achtziger Jahren verschiedene staatliche Stellen in den USA an
der Erforschung dieser Methoden. Mitarbeiter von CIA und NSA verzeichneten
nach eigenen Angaben "beachtliche Erfolge dabei (Ö), geheime militärische
Computersysteme in der Sowjetunion und in anderen Ländern zu penetrieren".
Auch die Streitkräfte beteiligen sich seit Ende der achtziger Jahre
an der Erforschung und Entwicklung von Computerviren, die auch als "nicht-tödliche
Waffen" bezeichnet werden. Die staatlichen "Informationskrieger" beziehen
dabei einen großen Teil der offensiv verwendbaren Software aus Hackerkreisen.
Seit 1994 existiert bereits eine
School for Information Warfare and Strategy an der National Defense University
in Washington D.C., in der Offiziere der Streitkräfte für Informations-
und Cyberkriege ausgebildet werden. Bereits 1995 war "Information Warfare"
das Leitbild für alle Forschungs- und Entwicklungspläne der US-Streitkräfte,
und 1996 wurde es in das zentrale Planungspapier der Vereinigten Stabschefs
(die "Joint Vision 2010") aufgenommen.
Die US Army hat ihre Doktrin für
Informationskriege bereits 1996 mit dem neuen Field Manual 100-6, "Information
Operations", formuliert. Die Befehlshaber der Regionalkommandos wurden
mittlerweile aufgefordert, ihre Einsatzpläne daraufhin zu überprüfen,
inwieweit diese Techniken konventionelle Waffen ersetzen können. Alle
diese Vorhaben zur offensiven Informationskriegführung unterliegen
höchster Geheimhaltung und wurden bisher im Kongreß nicht öffentlich
diskutiert. Angehörigen der Streitkräfte ist es verboten, den
Begriff "offensive computer operations" in öffentlichen Debatten zu
verwenden.
Info-Krieg
Den Krieg um das Kosovo hat die
Nato vor allem mit der Zerstörung der jugoslawischen Kommandostrukturen
durch rohe Gewalt gewonnen, indem sie gezielt die Kommando- und Kommunikationseinrichtungen
der jugoslawischen Streitkräfte bombardiert hat. Diese Spielart des
Informationskrieges, die in den USA "Command and Control War" (C2-War)
genannt wird, macht die gegnerischen Truppen führungslos und schneidet
sie von Aufklärungs- und anderen Daten ab. Blind und auf sich selbst
gestellt, ziehen sie sich in der Regel zurück oder ergeben sich ohne
größeren Widerstand, so zumindest die Erfahrung aus dem Golf-Krieg
1991. Die von den Einheiten für psychologische Kriegführung (PsyOps)
massenhaft verteilten Handzettel "Sie sind ein Nato-Ziel" haben ihr übriges
dazugetan.
Die paar Millionen Dollar, um die
der jugoslawische Präsident durch die CIA-Hacker unter Umständen
erleichtert worden ist, sind dagegen psychologisch wichtig, aber nicht
kriegsentscheidend. Zu einem Informationskrieg gehört im amerikanischen
Verständnis nämlich weit mehr als nur das Eindringen in gegnerische
Computernetze. Nach dem offiziellen Wörterbuch des Pentagon umfaßt
der Informationskrieg "Aktionen, die unternommen werden, um die Informationsüberlegenheit
zu erlangen, indem die Informationen, informationsbasierten Prozesse, Informationssysteme
und computerbasierten Netze beeinträchtigt werden, während die
eigenen Informationen, informationsbasierten Prozesse, Informationssysteme
und computerbasierten Netze ausgenutzt und verteidigt werden". Demnach
wird die gesamte "Informationsumgebung" nun zentral für die militärischen
Planungen.
Es gilt also, nicht nur die Computernetze
des Gegners lahmzulegen, sondern auch seine Sensoren zu täuschen,
die Bevölkerung zu beeinflussen und an der Heimatfront für die
richtigen Kriegsbilder zu sorgen. Das Ziel ist die Kontrolle der globalen
Informationssphäre und aller ihrer Teilbereiche im Umfeld eines Krieges.
Die Ausweitung des Krieges auf den Cyberspace ist nur ein Bereich von den
vielen Informationsarenen, die durch Informationsoperationen auf neue Art
ins Interesse der Militärs rücken.
Neben diesen neuen, von den Medien
begierig aufgenommenen virtuellen Aufgaben werden auch so alte Techniken
wie die Bombardierung gegnerischer Kommandostrukturen oder die psychologische
Kriegführung unter dem Oberbegriff "Informationsoperationen" zusammengefaßt.
Besonders die mediale Repräsentation des Krieges im Fernsehen wird
als zentral angesehen. Der damalige Vorsitzende der Vereinigten Stabschefs,
General Colin Powell, brachte dies 1991, zur Zeit des Golf-Krieges, bereits
auf den Punkt: "Wenn alle Truppen in Bewegung sind und die Kommandeure
an alles gedacht haben, richte deine Aufmerksamkeit auf das Fernsehen,
denn du kannst die Schlacht gewinnen oder den Krieg verlieren, wenn du
mit der Story nicht richtig umgehst."
In diesem erweiterten Verständnis
des Informationskrieges reicht auch eine entsprechend glaubwürdig
durchgesickerte Meldung über Computerattacken, wenn dadurch der Gegner
unter Druck gesetzt werden kann. Die Banken-Geschichte könnte daher
auch eine gezielte Falschmeldung gewesen sein. Nach der Doktrin der Informationsoperationen
ist es aber vor allem für die Nato eminent wichtig, sich öffentlich
als unangreifbar darzustellen.
Insofern haben die Hacker-Angriffe
zwar keinen militärischen, aber einen massiven Image-Schaden bei der
Nato hinterlassen. Nato-Sprecher Jamie Shea mußte Ende Mai zugeben,
daß die aufwendig gemachte Nato-Webseite zeitweise nicht erreichbar
war - eine peinliche Situation für ein Militärbündnis, das
gerade dabei ist, die Überlegenheit seiner High-Tech-Streitkräfte
vorzuführen.
Ralf Bendrath ist Politikwissenschaftler
und Redakteur der Zeitschrift ZivilCourage. Er promovierte an der FU Berlin
über "Das Militär der Informationsgesellschaft" und betreibt
eine Internet-Mailingliste zu diesem Thema, unter http://userpage.fu-berlin.de/~bendrath.
- Der Text erschien zuerst in antimilitarismus information, Heft 7 /1999. |