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Nie sollst du mich befragen
Wo hat der Komponist den Antisemitismus
versteckt? Ein Plädoyer, bei Wagner etwas genauer hinzuhören
Über Richard Wagner ist offenbar
nach wie vor keine vernünftige Verständigung möglich. Der
fanatisch-verbiesterten Wagner-Gemeinde, die eine jede Kritik am Meister
als Sakrileg empfindet, ist mittlerweile eine Anti-Wagner-Gemeinde zur
Seite getreten, die ihr Geschäft nicht minder fanatisch und eifernd
betreibt und die vor allem eines auszeichnet: Daß die meisten von
ihnen von Wagners Musik absolut nichts verstehen.
Emsig werden da Tagebücher,
Briefe, Schriften und andere Einlassungen von oder über Wagner zusammengetragen
und ausgewertet, um umständlich zu beweisen, was erstens kein Geheimnis
ist, was zweitens jeder, der es wissen will, in allgemein zugänglichen
Schriften nachlesen kann und was, drittens, außer ein paar besonders
verstockten Reaktionären kaum jemand ernsthaft bestreitet: daß
Wagner ein Antisemit war.
Wie bei vergleichbaren Debatten,
etwa über Heidegger, wird die übliche Methode der Erledigung
angewandt: Man schließt von üblen Worten oder Taten der Person
auf das philosophische oder künstlerische Werk. Eine Heidegger-Kritik,
der aber der Nachweis nicht gelänge, daß seine Philosophie selbst
bis in ihre feinsten Verästelungen faschistisch ist - daß der
Nachweis zu führen ist, haben Adorno und Bourdieu auf je eigene Art
demonstriert - wäre überflüssig.
Und so verhält es sich bei
den meisten Anti-Wagnerianern: Was sie über die Musik aussagen, sind
Platitüden, in denen zumeist die oberflächlichen Geschmacksurteile,
die die Wagner-Fans über die von ihnen geschätzte Musik abgeben,
einfach übernommen, aber entschieden negativ bewertet werden. Vom
rauschhaft-orgiastischen Strom seiner Musik ist da gern die Rede, vom Sog,
in den man gerate, bzw. vom Bann, in den man gezogen werde beim Anhören
von Wagners Musik.
Man fühlt sich bei derart hochmoralischen
Verurteilungen unweigerlich an gewisse mittlerweile zum Glück so gut
wie nicht mehr existente autonome Sturmtrupps erinnert, die das Zeigen
von Filmen oder das Vortragen von Texten verhindern, auf die Frage jedoch,
ob sie die inkriminierten Produkte denn gesehen oder gelesen hätten,
prompt versichern: um Gotteswillen, Nein!, denn man dürfe sich solchen
Elaboraten, die ganz raffiniert und unterschwellig "rassistische" oder
"sexistische" Inhalte transportierten, nicht aussetzen.
Was aus solcher Verhaltensweise
spricht, ist neben der Angst des Paranoikers vor geheimnisvoller Infizierung
vor allem die Bereitschaft zur grenzenlosen Selbstentmündigung; bei
den meisten Wagner-Kritikern verhält es sich ganz ähnlich. Von
daher kann man Eckhard Henscheids Intention nur zu gut nachvollziehen,
wenn er in dem vor zwei Jahren in konkret erschienenen Artikel "Wagner-Märlein"
gegen das vor Aufarbeitungsdrang und Betroffenheitsgeschwalle platzende
Gedenke über das Verhältnis Wagner und Hitler resp. Nationalsozialismus
poltert.
In keiner Weise von der polemischen
Intention mehr gedeckt ist dann freilich Henscheids Konter, daß in
"Wagners Opernwerk (Ö) sich keinen Satz und keinen Takt lang Antisemitisches
noch Chauvinistisches noch gar Nazifaschistisches (findet)". Das Bayreuther
Freibier, lebenslang täglich ein Kasten, das Henscheid Joachim Köhler,
dem Autor eines von ihm kritisierten Buches, für den Fall in Aussicht
stellt, daß dieser ihm das Gegenteil beweisen könne, mag Henscheid
lieber "zügig, ja schmetternd" (Henscheid) sich selbst einverleiben
und in seinem Opernführer "Verdi ist der Mozart Wagners" nachblättern,
wo er weitaus Erhellenderes zur Sache zu sagen hat als in seinem konkret-Artikel.
Dabei ist es, wenn man erst einmal
bereit ist, musikalisch-technische Sachverhalte als gesellschaftliche zu
dechiffrieren, gar nicht mal so unmäßig schwierig, der Wahrheit
von Wagners Werk auf die Spur zu kommen: Sowenig sich der Revolutionär
Wagner, der sich im Dresden des Jahres 1848 als Schlachtenbummler betätigte
und daraufhin steckbrieflich gesucht wurde, vom antisemitischen Reaktionär
säuberlich trennen läßt, da beide Momente in einer einem
romantischen Antikapitalismus entspringenden konformistischen Rebellion
zusammenfallen, so wenig läßt sich musikalisch irgendeine materiale
Innovation Wagners denken, die nicht zugleich ihr unmittelbares Gegenteil
enthielte.
Wagners Idee des "Musikdramas",
in dem Wort und Musik in notwendiger Beziehung zueinander stehen, war als
Polemik gegen die bürgerliche Genrekunst und gegen ihr bloß
äußerliches Zusammenflicken gemeint. Das Wort soll Ausdruck
unverstellter Gefühle sein, die Musik soll solchem Ausdruck dienen,
indem sie Anspruch auf symphonische Durchbildung erhebt. Aber das Gesamtkunstwerk
ist, wie Adorno im "Versuch über Wagner" notierte, "die Form der falschen
Identität. Musik, Szene, Wort werden integriert einzig, indem der
Autor - das Wort Dichterkomponist bezeichnet nicht übel das Monströse
einer solchen Position - sie behandelt, als konvergierten sie alle in demselben.
Damit aber tut er ihnen Gewalt an und verunstaltet das Ganze."
Die Integration verdankt sich der
herrisch-verfügenden Geste, einem Willkürakt; was sich gegen
das Veranstaltete und Arrangierte des bürgerlichen Kunstbetriebs wendet,
ist erst recht Veranstaltung, rationale Kalkulation eines Irrationalen:
die unmäßige "Ring"-Tetralogie ist bereits vom Schlage kulturindustrieller
"Live-Events" und Erlebnisparks und antizipiert Hollywood so gut wie den
Reichsparteitag. Außerdem geht die Integration der Künste auf
Kosten der je einzelnen Kunst, deren Autonomie nicht einfach revoziert
werden kann.
Wagner emanzipiert zwar die Melodiebildung
von den engen, überschaubaren, meist vier- bis achttaktigen Perioden
und den von ihnen abgeleiteten Symmetrieverhältnissen; aber der Zugewinn
an ausgreifender Gebärde und Flexibilität wird bezahlt mit einer
Entdifferenzierung des musikalischen Verlaufs. Der melodische Fluß
ist von seltsamer Unschärfe, als sei er von vornherein für Hörer
konzipiert, die nicht genau zuhören. Anstatt in sich sinnvoll artikulierte,
in jedem Augenblick Erinnerung und Vorblick in sich bergende musikalische
Zeit vorzustellen - nichts anderes wäre der von Wagner selbst prätendierte
symphonische Charakter des Musikdramas -, verräumlicht sich die Zeit
zum gleichsam geschichtslosen Stillstand.
Als Substitute von Zeiterfüllung
treten die Leitmotive ein, deren archaischer, signalhafter Charakter keine
eigentliche Entwicklung gestattet, sondern nur die unablässige Sequenzierung,
d.h. die Wiederholung auf anderer Tonstufe oder Fortspinnung. Unplastik
des Gesamtverlaufs und appellativer Gestus des Einzelereignisses, das wie
auf den Hörer zugeschnitten ist, der anstatt musikalischer Zusammenhänge
nur "schöne Stellen" hören mag, entstammen derselben kompositorischen
Strategie, die unendliche Ausspinnung eines an sich banalen Reservoirs
von Motiven, mit unmäßiger Bedeutungsschwere aufgeladen, für
musikalische Zeitgestaltung auszugeben.
Das Phantasmagorische und Ahnungsvolle,
das Wagners Musik eignet, korreliert freilich mit den von ihm gewählten
Stoffen in ihrer Tendenz, historische Zeit in der mythischen stillzustellen.
Genausowenig wie die Handlung kennen die Personen geschichtliche Zeit:
Im "Ring des Nibelungen" gibt es keine Individuen mehr, sondern reflexionslos
dem Wechsel ihrer Affekte ausgesetzte, ihrer selbst nicht mehr mächtige
Figuren.
Wagners Werk spricht aus, was dem
an sich irre gewordenen, seine Ohnmacht ahnenden bürgerlichen Individuums
nur bleibt: Entsagung und masochistische Selbstpreisgabe im Tod. Indem
Wagner den damals kurz bevorstehenden Untergang der bürgerlichen Gesellschaft,
den er ahnt, doch nicht beim Namen nennen kann, als metaphysisches Schicksal
darstellt, verklärt er ihn und schlägt sich auf die Seite der
herrschenden Mächte.
Und dennoch ist auch Wagners Phantasmagorie
des Untergangs nicht lükkenlos gefügt: Zumal im "Tristan" arbeitet
er, wie Adorno am Ende seines Wagner-Buches zu Recht anmerkt, dem Schicksalszwang
entgegen: "Die Fieberpartien des dritten Aktes Tristan enthalten jene schwarze,
schroffe, gezackte Musik, die nicht sowohl die Vision untermalt als demaskiert
(Ö ). Mit Grund stehen jene Figuren der Tristanpartitur an der Schwelle
der Neuen Musik, in derem ersten kanonischem Werk, Schönbergs fis-moll-Quartett,
die Worte erscheinen: 'Nimm mir die Liebe, gib mit dein Glück!' Sie
sagen, daß Liebe und Glück falsch sind in dieser Welt, in der
wir leben, und daß alle Gewalt der Liebe übergegangen ist an
ihr Gegenteil."
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