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Manifest gegen die
Arbeit (II)
Schon die Herkunft der "Arbeit"
läßt Böses ahnen. Das deutsche Wort Leitet sich von
dem germanischen Verb für "verwaist sein, ein zu schwerer körperlicher
Tätigkeit verdingtes Kind sein" her, die romanische Entsprechung kommt
vom lateinischen "triumphalium" - die altertümliche Bezeichnung für
das Joch der Sklaven. "Arbeit" war noch nie ein Synonym für
selbstbestimtes menschliche Tätigkeit, wie die Arbeitsfetischisten
aller Couleur propagieren, sondern verweist auf ein unglückliches
soziales Schicksal. Das "Manifest gegen die Arbeit" wurde von
der Nürnberger Gruppe Krisis verfaßt und wird in der
nächsten Ausgabe fortgesetzt. Der erste Teil findet sich in
Jungle World, Nr. 32/99
8.
Arbeit ist die Tätigkeit
der Unmündigen
Nicht nur faktisch, sondern auch
begrifflich läßt sich die Identität von Arbeit und Unmündigkeit
nachweisen. Noch vor wenigen Jahrhunderten war der Zusammenhang zwischen
Arbeit und sozialem Zwang den Menschen durchaus bewußt. In den meisten
europäischen Sprachen bezieht sich der Begriff "Arbeit" ursprünglich
nur auf die Tätigkeit des unmündigen Menschen, des Abhängigen,
des Knechts oder des Sklaven. Im germanischen Sprachraum bezeichnet das
Wort die Schufterei eines verwaisten und daher in Leibeigenschaft geratenen
Kindes. "Laborare" bedeutete im Lateinischen so viel wie "Schwanken unter
einer schweren Last" und meint allgemein gefaßt das Leiden und die
Schinderei des Sklaven. Die romanischen Wörter "travail", "trabajo"
etc. leiten sich von dem lateinischen "tripalium" ab, einer Art Joch, das
zur Folter und Bestrafung von Sklaven und anderen Unfreien eingesetzt wurde.
In der deutschen Redeweise vom "Joch der Arbeit" klingt noch eine Ahnung
davon nach.
"Arbeit" ist also auch dem Wortstamm
nach kein Synonym für selbstbestimmte menschliche Tätigkeit,
sondern verweist auf ein unglückliches soziales Schicksal. Es ist
die Tätigkeit derjenigen, die ihre Freiheit verloren haben. Die Ausdehnung
der Arbeit auf alle Gesellschaftsmitglieder ist daher nichts als die Verallgemeinerung
von knechtischer Abhängigkeit und die moderne Anbetung der Arbeit
bloß die quasi-religiöse Überhöhung dieses Zustandes.
Dieser Zusammenhang konnte erfolgreich
verdrängt und die soziale Zumutung verinnerlicht werden, weil die
Verallgemeinerung der Arbeit mit ihrer "Versachlichung" durch das moderne
warenproduzierende System einherging: Die meisten Menschen stehen nicht
mehr unter der Knute eines persönlichen Herrn. Die soziale Abhängigkeit
ist zu einem abstrakten Systemzusammenhang geworden - und gerade dadurch
total. Sie ist überall spürbar und gerade deshalb kaum zu fassen.
Wo jeder zum Knecht geworden ist, ist jeder auch gleichzeitig Herr - als
sein eigener Sklavenhändler und Aufseher. Und alle gehorchen dem unsichtbaren
Systemgötzen, dem "Großen Bruder" der Kapitalverwertung, der
sie unter das "tripalium" geschickt hat.
9.
Die blutige Durchsetzungsgeschichte
der Arbeit
Die Geschichte der Moderne ist die
Durchsetzungsgeschichte der Arbeit, die auf dem ganzen Planeten eine breite
Spur der Verwüstung und des Grauens gezogen hat. Denn nicht immer
war die Zumutung, den größten Teil der Lebensenergie für
einen fremdbestimmten Selbstzweck zu vergeuden, derart verinnerlicht wie
heute. Es bedurfte mehrerer Jahrhunderte der offenen Gewalt im großen
Maßstab, um die Menschen in den bedingungslosen Dienst des Arbeitsgötzen
buchstäblich hineinzufoltern.
Am Anfang stand nicht die angeblich
"wohlfahrtssteigernde" Ausdehnung der Marktbeziehungen, sondern der unersättliche
Geldhunger der absolutistischen Staatsapparate, um die frühmodernen
Militärmaschinen zu finanzieren. Nur durch das Interesse dieser Apparate,
die erstmals in der Geschichte die ganze Gesellschaft in einen bürokratischen
Würgegriff nahmen, beschleunigte sich die Entwicklung des städtischen
Kaufmanns- und Finanzkapitals über die traditionellen Handelsbeziehungen
hinaus. Erst auf diese Weise wurde das Geld zu einem zentralen gesellschaftlichen
Motiv und das Abstraktum Arbeit zu einer zentralen gesellschaftlichen Anforderung
ohne Rücksicht auf die Bedürfnisse.
Nicht freiwillig gingen die meisten
Menschen zur Produktion für anonyme Märkte und damit zur allgemeinen
Geldwirtschaft über, sondern weil der absolutistische Geldhunger die
Steuern monetarisiert und gleichzeitig exorbitant erhöht hatte. Nicht
für sich selbst mußten sie "Geld verdienen", sondern für
den militarisierten frühmodernen Feuerwaffen-Staat, seine Logistik
und seine Bürokratie. So und nicht anders ist der absurde Selbstzweck
der Kapitalverwertung und damit der Arbeit in die Welt gekommen.
Bald genügten monetäre
Steuern und Abgaben nicht mehr. Die absolutistischen Bürokraten und
finanzkapitalistischen Verwalter machten sich daran, die Menschen direkt
als das Material einer gesellschaftlichen Maschine für die Verwandlung
von Arbeit in Geld zwangsweise zu organisieren. Die traditionelle Lebens-
und Existenzweise der Bevölkerung wurde zerstört; nicht weil
diese Bevölkerung sich freiwillig und selbstbestimmt "weiterentwickelt"
hätte, sondern weil sie als Menschenmaterial der angeworfenen Verwertungsmaschine
herhalten sollte. Die Menschen wurden mit Waffengewalt von ihren Feldern
vertrieben, um der Schafzucht für die Wollmanufakturen Platz zu machen.
Alte Rechte wie das freie Jagen, Fischen und Holzsammeln in den Wäldern
wurden abgeschafft. Und wenn die verarmten Massen dann bettelnd und stehlend
durch die Lande zogen, wurden sie in Arbeitshäuser und Manufakturen
eingesperrt, um sie mit Arbeitsfoltermaschinen zu malträtieren und
ihnen ein Sklavenbewußtsein einzuprügeln.
Aber auch diese schubweise Verwandlung
ihrer Untertanen in das Material des geldmachenden Arbeitsgötzen reichte
den absolutistischen Monsterstaaten noch lange nicht. Sie dehnten ihren
Anspruch auch auf andere Kontinente aus. Die innere Kolonisierung Europas
ging einher mit der äußeren, zuerst in den beiden Amerika und
in Teilen Afrikas. Hier ließen die Einpeitscher der Arbeit endgültig
alle Hemmungen fallen. In bis dahin beispiellosen Raub-, Zerstörungs-
und Ausrottungsfeldzügen fielen sie über die neu "entdeckten"
Welten her - galten doch die dortigen Opfer noch nicht einmal mehr als
Menschen. Die menschenfressenden europäischen Mächte der heraufdämmernden
Arbeitsgesellschaft definierten die unterjochten fremden Kulturen als "Wilde"
und - Menschenfresser.
Damit war die Legitimation geschaffen,
sie auszulöschen oder millionenfach zu versklaven. Buchstäbliche
Sklaverei in der kolonialen Plantagen- und Rohstoffwirtschaft, die in ihren
Dimensionen noch die antike Sklavenhaltung übertraf, gehört zu
den Gründungsverbrechen des warenproduzierenden Systems. Hier wurde
zum ersten Mal die "Vernichtung durch Arbeit" im großen Stil betrieben.
Das war die zweite Grundlegung der Arbeitsgesellschaft. An den "Wilden"
konnte der weiße Mann, der schon gezeichnet war von der Selbstdisziplinierung,
seinen verdrängten Selbsthaß und Minderwertigkeitskomplex austoben.
Ähnlich wie "die Frau" galten sie ihm als naturnahe und primitive
Halbwesen zwischen Tier und Mensch. Immanuel Kant mutmaßte messerscharf,
daß Paviane sprechen könnten, wenn sie nur wollten; sie täten
es nur deshalb nicht, weil sie sonst befürchten müßten,
zur Arbeit herangezogen zu werden.
Dieses groteske Räsonnement
wirft ein verräterisches Licht auf die Aufklärung. Das repressive
Arbeitsethos der Moderne, das sich in seiner ursprünglichen protestantischen
Version auf die Gnade Gottes und seit der Aufklärung auf das Naturgesetz
berief, wurde als "zivilisatorische Mission" maskiert. Kultur in diesem
Sinne ist freiwillige Unterwerfung unter die Arbeit; und Arbeit ist männlich,
weiß und "abendländisch". Das Gegenteil, die nicht-menschliche,
unförmige und kulturlose Natur, ist weiblich, farbig und "exotisch",
also dem Zwang auszusetzen. Mit einem Wort, der "Universalismus" der Arbeitsgesellschaft
ist schon von seiner Wurzel her durch und durch rassistisch. Das universelle
Abstraktum Arbeit kann sich immer nur selbst definieren durch Abgrenzung
von allem, was nicht in ihm aufgeht.
Es waren nicht die friedlichen Kaufleute
der alten Handelswege, aus denen das moderne Bürgertum hervorgegangen
ist, das schließlich den Absolutismus beerbte. Es waren vielmehr
die Condottieri der frühmodernen Söldnerhaufen, die Arbeits-
und Zuchthausverwalter, Pächter der Steuereintreibung, Sklavenaufseher
und andere Halsabschneider, die den sozialen Mutterboden für das moderne
"Unternehmertum" bildeten. Die bürgerlichen Revolutionen des 18. und
19. Jahrhunderts hatten nichts mit sozialer Emanzipation zu tun; sie schichteten
nur die Machtverhältnisse innerhalb des entstandenen Zwangssystems
um, lösten die Institutionen der Arbeitsgesellschaft von den veralteten
dynastischen Interessen ab und trieben ihre Versachlichung und Entpersönlichung
voran. Es war die glorreiche Französische Revolution, die mit besonderem
Pathos eine Pflicht zur Arbeit verkündete und in einem "Gesetz zur
Beseitigung des Bettelwesens" neue Arbeitszuchthäuser einführte.
Das war das genaue Gegenteil dessen,
was die sozialrebellischen Bewegungen erstrebten, die am Rande der bürgerlichen
Revolutionen aufflammten, ohne darin aufzugehen. Schon viel früher
hatte es ganz eigenständige Formen des Widerstands und der Verweigerung
gegeben, mit denen die offizielle Geschichtsschreibung der Arbeits- und
Modernisierungsgesellschaft nichts anfangen kann. Die Produzenten der alten
Agrargesellschaften, die sich auch mit den feudalen Herrschaftsverhältnissen
niemals völlig reibungslos abgefunden hatten, wollten sich erst recht
nicht damit abfinden, zur "Arbeiterklasse" eines ihnen äußerlichen
Systemzusammenhangs gemacht zu werden. Von den Bauernkriegen des 15. und
16. Jahrhunderts bis zu den Erhebungen der später als "Maschinenstürmer"
denunzierten Bewegungen in England und dem Aufstand der schlesischen Weber
von 1844 zieht sich eine einzige Kette von erbitterten Widerstandskämpfen
gegen die Arbeit. Die Durchsetzung der Arbeitsgesellschaft und ein bald
offener, bald latenter Bürgerkrieg waren über Jahrhunderte hinweg
ein und dasselbe.
Die alten agrarischen Gesellschaften
waren alles andere als paradiesisch. Aber der ungeheure Zwang der hereinbrechenden
Arbeitsgesellschaft wurde von der Mehrheit nur als Verschlechterung und
als "Zeit der Verzweiflung" erlebt. Tatsächlich hatten die Menschen
trotz aller Enge der Verhältnisse noch etwas zu verlieren. Was im
falschen Bewußtsein der modernen Welt als Finsternis und Plage eines
erfundenen Mittelalters erscheint, waren in Wirklichkeit die Schrecken
ihrer eigenen Geschichte. In den vor- und nichtkapitalistischen Kulturen
innerhalb wie außerhalb Europas war die tägliche ebenso wie
die jährliche Zeit der Produktionstätigkeit weitaus geringer
als selbst heute noch für die modernen "Beschäftigten" in Fabrik
und Büro. Und diese Produktion war bei weitem nicht derart verdichtet
wie in der Arbeitsgesellschaft, sondern durchsetzt von einer ausgeprägten
Kultur der Muße und der relativen "Langsamkeit". Von Naturkatastrophen
abgesehen, waren die materiellen Grundbedürfnisse für die meisten
weitaus besser gesichert als über weite Strecken der Modernisierungsgeschichte
- und auch besser als in den Horror-Slums der heutigen Krisenwelt. Auch
die Herrschaft ging nicht derart bis auf die Haut wie in der durchbürokratisierten
Arbeitsgesellschaft.
Deshalb konnte der Widerstand gegen
die Arbeit nur militärisch gebrochen werden. Bis heute heucheln sich
die Ideologen der Arbeitsgesellschaft darüber hinweg, daß die
Kultur der vormodernen Produzenten nicht "entwickelt", sondern in ihrem
Blut erstickt wurde. Die abgeklärten Arbeits-Demokraten von heute
lasten all diese Ungeheuerlichkeiten am liebsten den "vordemokratischen
Zuständen" einer Vergangenheit an, mit der sie nichts mehr zu tun
hätten. Sie wollen nicht wahrhaben, daß die terroristische Urgeschichte
der Moderne verräterisch das Wesen auch der heutigen Arbeitsgesellschaft
enthüllt. Die bürokratische Arbeitsverwaltung und staatliche
Menschenerfassung in den industriellen Demokratien konnte ihre absolutistischen
und kolonialen Ursprünge niemals verleugnen. In der Form der Versachlichung
zu einem unpersönlichen Systemzusammenhang ist die repressive Menschenverwaltung
im Namen des Arbeitsgötzen sogar noch angewachsen und hat alle Lebensbereiche
durchdrungen. Gerade heute wird in der Agonie der Arbeit der eiserne bürokratische
Griff wieder fühlbar wie in der Frühzeit der Arbeitsgesellschaft.
Die Arbeitsverwaltung enthüllt sich als das Zwangssystem, das sie
immer gewesen ist, indem sie die soziale Apartheid organisiert und die
Krise durch demokratische Staatssklaverei vergeblich zu bannen sucht. Ähnlich
kehrt der koloniale Ungeist wieder in der ökonomischen Zwangsverwaltung
der bereits reihenweise ruinierten Länder in der Peripherie durch
den Internationalen Währungsfonds. Nach dem Tod ihres Götzen
besinnt sich die Arbeitsgesellschaft in jeder Hinsicht auf die Methoden
ihrer Gründungsverbrechen, die sie dennoch nicht retten können.
10.
Die Arbeiterbewegung war eine
Bewegung für die Arbeit
Die klassische Arbeiterbewegung,
die erst lange nach dem Untergang der alten Sozialrevolten ihren Aufstieg
erlebte, kämpfte nicht mehr gegen die Zumutung der Arbeit, sondern
entwickelte geradezu eine Überidentifikation mit dem scheinbar Unausweichlichen.
Ihr ging es nur noch um "Rechte" und Verbesserungen innerhalb der Arbeitsgesellschaft,
deren Zwänge sie schon weitgehend verinnerlicht hatte. Statt die Verwandlung
menschlicher Energie in Geld als irrationalen Selbstzweck radikal zu kritisieren,
nahm sie selber den "Standpunkt der Arbeit" ein und begriff die Verwertung
als positiven, neutralen Tatbestand.
So trat die Arbeiterbewegung auf
ihre Weise das Erbe von Absolutismus, Protestantismus und bürgerlicher
Aufklärung an. Aus dem Unglück der Arbeit wurde der falsche Stolz
der Arbeit, der die eigene Domestizierung zum Menschenmaterial des modernen
Götzen in ein "Menschenrecht" umdefinierte. Die domestizierten Heloten
der Arbeit drehten gewissermaßen den Spieß ideologisch um und
entwickelten einen missionarischen Eifer, einerseits das "Recht auf Arbeit"
einzuklagen und andererseits die "Arbeitspflicht für alle" zu fordern.
Das Bürgertum wurde nicht als Funktionsträger der Arbeitsgesellschaft
bekämpft, sondern im Gegenteil gerade im Namen der Arbeit als parasitär
beschimpft. Ausnahmslos alle Gesellschaftsmitglieder sollten in die "Armeen
der Arbeit" zwangsrekrutiert werden.
Die Arbeiterbewegung wurde so selber
zu einem Schrittmacher der kapitalistischen Arbeitsgesellschaft. Sie war
es, die gegen die bornierten bürgerlichen Funktionsträger des
19. und frühen 20. Jahrhunderts im Entwicklungsprozeß der Arbeit
die letzten Stufen der Versachlichung durchsetzte; ganz ähnlich, wie
ein Jahrhundert zuvor das Bürgertum den Absolutismus beerbt hatte.
Das war nur möglich, weil die Arbeiterparteien und Gewerkschaften
sich im Zuge ihrer Arbeitsvergottung auch positiv auf den Staatsapparat
und die Institutionen der repressiven Arbeitsverwaltung bezogen, die sie
nicht abschaffen, sondern selber in einer Art "Marsch durch die Institutionen"
besetzen wollten. Damit übernahmen sie ebenso wie vorher das Bürgertum
die bürokratische Tradition arbeitsgesellschaftlicher Menschenverwaltung
seit dem Absolutismus.
Die Ideologie einer sozialen Verallgemeinerung
der Arbeit erforderte allerdings auch ein neues politisches Verhältnis.
An die Stelle der ständischen Gliederung mit unterschiedlichen politischen
"Rechten" (z.B. Wahlrecht nach Steuerklassen) in der erst halb durchgesetzten
Arbeitsgesellschaft mußte die allgemeine demokratische Gleichheit
des vollendeten "Arbeitsstaats" treten. Und die Ungleichmäßigkeiten
im Lauf der Verwertungsmaschine, sobald sie das gesamte gesellschaftliche
Leben bestimmte, mußten "sozialstaatlich" ausgeglichen werden. Auch
dafür lieferte die Arbeiterbewegung das Paradigma. Unter dem Namen
"Sozialdemokratie" wurde sie zur größten "Bürgerbewegung"
in der Geschichte, die doch nichts weiter sein konnte als eine selbstgestellte
Falle. Denn in der Demokratie wird alles verhandelbar, nur nicht die Zwänge
der Arbeitsgesellschaft, die vielmehr axiomatisch vorausgesetzt sind. Was
zur Debatte steht, können allein die Modalitäten und Verlaufsformen
dieser Zwänge sein. Es gibt immer nur die Wahl zwischen Omo und Persil,
zwischen Pest und Cholera, zwischen Frechheit und Dummheit, zwischen Kohl
und Schröder.
Die arbeitsgesellschaftliche Demokratie
ist das perfideste Herrschaftssystem der Geschichte - ein System der Selbstunterdrückung.
Deshalb organisiert diese Demokratie auch niemals die freie Selbstbestimmung
der Gesellschaftsmitglieder über die gemeinsamen Ressourcen, sondern
stets nur die Rechtsform der sozial voneinander getrennten Arbeitsmonaden,
die konkurrierend ihre Haut zu Markte tragen müssen.
Demokratie ist das Gegenteil von
Freiheit. Und so zerfallen die demokratischen Arbeitsmenschen notwendigerweise
in Verwalter und Verwaltete, Unternehmer und Unternommene, Funktionseliten
und Menschenmaterial. Die politischen Parteien, gerade auch die Arbeiterparteien,
spiegeln dieses Verhältnis in ihrer eigenen Struktur getreulich wider.
Führer und Geführte, Promis und Fußvolk, Seilschaften und
Mitläufer verweisen auf ein Verhältnis, das nichts mit einer
offenen Debatte und Entscheidungsfindung zu tun hat. Es ist integraler
Bestandteil dieser Systemlogik, daß die Eliten selber nur unselbständige
Funktionäre des Arbeitsgötzen und seiner blinden Ratschlüsse
sein können.
Spätestens seit den Nazis sind
alle Parteien Arbeiterparteien und gleichzeitig Parteien des Kapitals.
In den "Entwicklungsgesellschaften" des Ostens und Südens mutierte
die Arbeiterbewegung zur staatsterroristischen Partei der nachholenden
Modernisierung, im Westen zu einem System von "Volksparteien" mit auswechselbaren
Programmen und medialen Repräsentationsfiguren. Der Klassenkampf ist
zu Ende, weil die Arbeitsgesellschaft am Ende ist. Die Klassen erweisen
sich als soziale Funktionskategorien eines gemeinsamen Fetischsystems in
demselben Maße, wie dieses System abstirbt. Wenn Sozialdemokratie,
Grüne und Ex-Kommunisten sich in der Krisenverwaltung hervortun und
besonders niederträchtige Repressionsprogramme entwerfen, dann erweisen
sie sich damit nur als legitime Erben einer Arbeiterbewegung, die nie etwas
anderes wollte als Arbeit um jeden Preis.
11.
Die Krise der Arbeit
Nach dem Zweiten Weltkrieg konnte
es für einen kurzen historischen Augenblick so scheinen, als hätte
sich die Arbeitsgesellschaft in den fordistischen Industrien zu einem System
"immerwährender Prosperität" konsolidiert, in dem die Unerträglichkeit
des zwanghaften Selbstzwecks durch Massenkonsum und Sozialstaat dauerhaft
zu befrieden wäre. Abgesehen davon, daß diese Vorstellung schon
immer eine demokratische Heloten-Idee war, die sich nur auf eine kleine
Minderheit der Weltbevölkerung bezog, mußte sie sich auch in
den Zentren blamieren. Mit der dritten industriellen Revolution der Mikroelektronik
stößt die Arbeitsgesellschaft an ihre absolute historische Schranke.
Daß diese Schranke früher
oder später erreicht werden mußte, war vorhersehbar. Denn das
warenproduzierende System leidet von Geburt an unter einem unheilbaren
Selbstwiderspruch. Einerseits lebt es davon, massenhaft menschliche Energie
durch Verausgabung von Arbeitskraft in seine Maschinerie aufzusaugen, je
mehr desto besser. Andererseits aber erzwingt das Gesetz der betriebswirtschaftlichen
Konkurrenz eine permanente Steigerung der Produktivität, in der menschliche
Arbeitskraft durch verwissenschaftlichtes Sachkapital ersetzt wird.
Dieser Selbstwiderspruch war schon
die tiefere Ursache aller früheren Krisen, darunter der verheerenden
Weltwirtschaftskrise von 1929-33. Die Krisen konnten jedoch durch einen
Mechanismus der Kompensation immer wieder überwunden werden: Auf dem
jeweils höheren Niveau der Produktivität wurde nach einer gewissen
Inkubationszeit durch Ausdehnung der Märkte auf neue Käuferschichten
absolut mehr Arbeit wieder eingesaugt als vorher wegrationalisiert worden
war. Der Aufwand an Arbeitskraft pro Produkt verminderte sich, aber es
wurden absolut mehr Produkte in einem Ausmaß hergestellt, daß
diese Verminderung überkompensiert werden konnte. Solange also die
Produkt-Innovationen die Prozeß-Innovationen überstiegen, konnte
der Selbstwiderspruch des Systems in eine Expansionsbewegung übersetzt
werden.
Das herausragende historische Beispiel
ist das Auto: Durch das Fließband und andere Techniken der "arbeitswissenschaftlichen"
Rationalisierung (zuerst in Henry Fords Autofabrik in Detroit) verminderte
sich die Arbeitszeit pro Auto auf einen Bruchteil. Gleichzeitig wurde die
Arbeit aber ungeheuer verdichtet, also das Menschenmaterial in derselben
Zeit um ein Vielfaches ausgesaugt. Vor allem konnte das Auto, bis dahin
ein Luxusprodukt für die oberen Zehntausend, durch die damit einhergehende
Verbilligung in den Massenkonsum einbezogen werden.
Auf diese Weise wurde der unersättliche
Appetit des Arbeitsgötzen nach menschlicher Energie trotz rationalisierter
Fließfertigung in der zweiten industriellen Revolution des "Fordismus"
auf höherem Niveau befriedigt. Gleichzeitig ist das Auto ein zentrales
Beispiel für den destruktiven Charakter der hochentwickelten arbeitsgesellschaftlichen
Produktions- und Konsumtionsweise. Im Interesse der Massenproduktion von
Autos und des massenhaften Individualverkehrs wird die Landschaft zubetoniert
und verhäßlicht, die Umwelt verpestet und achselzuckend in Kauf
genommen, daß auf den Straßen der Welt jahraus, jahrein der
unerklärte Dritte Weltkrieg tobt mit Millionen von Toten und Verstümmelten.
In der dritten industriellen Revolution
der Mikroelektronik erlischt der bisherige Mechanismus der Kompensation
durch Expansion. Zwar werden natürlich auch durch die Mikroelektronik
viele Produkte verbilligt und neue kreiert (vor allem im Bereich der Medien).
Aber erstmals übersteigt das Tempo der Prozeß-Innovation das
Tempo der Produkt-Innovation. Erstmals wird mehr Arbeit wegrationalisiert
als durch Ausdehnung der Märkte reabsorbiert werden kann. In logischer
Fortsetzung der Rationalisierung ersetzt elektronische Robotik menschliche
Energie oder die neuen Kommunikationstechnologien machen Arbeit überflüssig.
Ganze Sektoren und Ebenen der Konstruktion, der Produktion, des Marketings,
der Lagerhaltung, des Vertriebs und selbst des Managements brechen weg.
Erstmals setzt der Arbeitsgötze sich unfreiwillig selber auf dauerhafte
Hungerration. Damit führt er seinen eigenen Tod herbei.
Da es sich bei der demokratischen
Arbeitsgesellschaft um ein ausgereiftes, auf sich selbst rückgekoppeltes
Selbstzwecksystem der Verausgabung von Arbeitskraft handelt, ist innerhalb
seiner Formen ein Umschalten auf allgemeine Arbeitszeitverkürzung
nicht möglich. Die betriebswirtschaftliche Rationalität verlangt,
daß einerseits immer größere Massen dauerhaft "arbeitslos"
und damit von der systemimmanenten Reproduktion ihres Lebens abgeschnitten
werden, während andererseits die stetig schrumpfende Anzahl der "Beschäftigten"
einer um so größeren Arbeits- und Leistungshetze unterworfen
wird. Mitten im Reichtum kehren Armut und Hunger selbst in den kapitalistischen
Zentren zurück, intakte Produktionsmittel und Anbaufelder liegen massenhaft
brach, Wohnungen und öffentliche Gebäude stehen massenhaft leer,
während die Obdachlosigkeit unaufhaltsam steigt.
Kapitalismus wird zu einer globalen
Minderheitsveranstaltung. In seiner Not ist der sterbende Arbeitsgötze
autokannibalistisch geworden. Auf der Suche nach verbliebener Arbeitsnahrung
sprengt das Kapital die Grenzen der Nationalökonomie und globalisiert
sich in einer nomadischen Verdrängungskonkurrenz. Ganze Weltregionen
werden von den globalen Kapital- und Warenflüssen abgeschnitten. Mit
einer historisch beispiellosen Welle von Fusionen und "unfreundlichen Übernahmen"
rüsten sich die Konzerne für das letzte Gefecht der Betriebswirtschaft.
Die desorganisierten Staaten und Nationen implodieren, die von der Überlebenskonkurrenz
in den Wahnsinn getriebenen Bevölkerungen fallen in ethnischen Bandenkriegen
übereinander her.
12.
Das Ende der Politik
Notwendigerweise zieht die Krise
der Arbeit die Krise des Staates und damit der Politik nach sich. Grundsätzlich
verdankt der moderne Staat seine Karriere der Tatsache, daß das warenproduzierende
System eine übergeordnete Instanz benötigt, die den Rahmen der
Konkurrenz, die allgemeinen Rechtsgrundlagen und Voraussetzungen der Verwertung
garantiert - unter Einschluß der Repressionsapparate für den
Fall, daß das Menschenmaterial einmal systemwidrig unbotmäßig
werden sollte. In seiner massendemokratisch ausgereiften Form mußte
der Staat im 20. Jahrhundert auch zunehmend sozialökonomische Aufgaben
übernehmen: Nicht nur das soziale Netz gehört dazu, sondern auch
das Bildungs- und Gesundheitswesen, Verkehrs- und Kommunikationsnetze,
Infrastrukturen aller Art, die für das Funktionieren der industriell
entwickelten Arbeitsgesellschaft unerläßlich geworden sind,
aber nicht selber als betriebswirtschaftlicher Verwertungsprozeß
organisiert werden können. Denn diese Infrastrukturen müssen
auf der Ebene der Gesamtgesellschaft dauerhaft und flächendeckend
zur Verfügung stehen, können also nicht den Marktkonjunkturen
von Angebot und Nachfrage folgen.
Da der Staat aber keine selbständige
Verwertungseinheit ist und somit nicht selber Arbeit in Geld verwandeln
kann, muß er Geld aus dem realen Verwertungsprozeß abschöpfen,
um seine Aufgaben zu finanzieren. Versiegt die Verwertung, so versiegen
auch die Staatsfinanzen. Der vermeintliche gesellschaftliche Souverän
erweist sich als völlig unselbständig gegenüber der blinden,
fetischisierten Ökonomie der Arbeitsgesellschaft. Er mag Gesetze beschließen,
soviel er will, wenn die Produktivkräfte über das System der
Arbeit hinauswachsen, läuft das positive staatliche Recht ins Leere,
das sich immer nur auf Subjekte der Arbeit beziehen kann.
Mit stetig wachsender Massenarbeitslosigkeit
vertrocknen die Staatseinnahmen aus der Besteuerung von Arbeitseinkommen.
Die sozialen Netze reißen, sobald eine kritische Masse von "Überflüssigen"
erreicht wird, die nur noch durch Umverteilung von anderen Geldeinkommen
kapitalistisch ernährt werden können. Mit dem rapiden Konzentrationsprozeß
des Kapitals in der Krise, der über die nationalökonomischen
Grenzen hinausgreift, brechen auch die Staatseinnahmen aus der Besteuerung
von Unternehmensgewinnen weg. Die transnationalen Konzerne zwingen die
um Investitionen konkurrierenden Staaten zum Steuerdumping, Sozialdumping
und Ökodumping.
Genau diese Entwicklung ist es,
die den demokratischen Staat zum reinen Krisenverwalter mutieren läßt.
Je mehr er sich dem finanziellen Notstand nähert, desto mehr reduziert
er sich auf seinen repressiven Kern. Die Infrastrukturen werden zurückgefahren
auf die Bedürfnisse des transnationalen Kapitals. Wie ehemals in den
kolonialen Gebieten beschränkt sich die gesellschaftliche Logistik
zunehmend auf wenige ökonomische Zentren, während der Rest verödet.
Was sich privatisieren läßt, wird privatisiert, auch wenn damit
immer mehr Menschen von den elementarsten Versorgungsleistungen ausgeschlossen
bleiben. Wo die Kapitalverwertung sich auf immer weniger Weltmarktinseln
konzentriert, kommt es auf eine flächendeckende Versorgung der Bevölkerung
nicht mehr an.
Soweit es nicht die unmittelbar
wirtschaftsrelevanten Bereiche betrifft, ist es uninteressant, ob Züge
fahren und Briefe ankommen. Die Bildung wird zum Privileg der Globalisierungsgewinnler.
Die geistige, künstlerische und theoretische Kultur wird auf das Kriterium
der Marktgängigkeit verwiesen und stirbt ab. Das Gesundheitswesen
wird unfinanzierbar und zerfällt in ein Klassensystem. Zuerst schleichend
und klammheimlich, dann in aller Offenheit gilt das Gesetz der sozialen
Euthanasie: Weil du arm und "überflüssig" bist, mußt du
früher sterben.
Während alle Kenntnisse, Fähigkeiten
und Mittel der Medizin, der Bildung, der Kultur, der allgemeinen Infrastruktur
überreichlich zur Verfügung stehen, werden sie nach dem zum "Finanzierungsvorbehalt"
objektivierten irrationalen Gesetz der Arbeitsgesellschaft unter Verschluß
gehalten, demobilisiert und verschrottet - genau wie die industriellen
und agrarischen Produktionsmittel, die nicht mehr "rentabel" darstellbar
sind. Außer der repressiven Arbeitssimulation durch Formen der Zwangs-
und Billigarbeit und dem Abbau aller Leistungen hat der zum Apartheid-System
transformierte demokratische Staat seinen Ex-Arbeitsbürgern nichts
mehr zu bieten. In einem weiter fortgeschrittenen Stadium zerfällt
die Staatsverwaltung überhaupt. Die Staatsapparate verwildern zu einer
korrupten Kleptokratie, das Militär zu Mafia-Kriegsbanden, die Polizei
zu Wegelagerern.
Diese Entwicklung kann durch keine
Politik der Welt mehr aufgehalten oder gar rückgängig gemacht
werden. Denn Politik ist ihrem Wesen nach staatsbezogenes Handeln, das
unter den Bedingungen der Entstaatlichung gegenstandslos wird. Die linksdemokratische
Formel von der "politischen Gestaltung" der Verhältnisse blamiert
sich von Tag zu Tag mehr. Außer endloser Repression, Abbau der Zivilisation
und Hilfestellung für den "Terror der Ökonomie" gibt es nichts
mehr zu "gestalten". Da der arbeitsgesellschaftliche Selbstzweck der politischen
Demokratie axiomatisch vorausgesetzt ist, kann es für die Krise der
Arbeit auch keine politisch-demokratische Regulation geben. Das Ende der
Arbeit wird zum Ende der Politik.
13.
Die kasinokapitalistische Simulation
der Arbeitsgesellschaft
Das herrschende gesellschaftliche
Bewußtsein lügt sich systematisch über den wahren Zustand
der Arbeitsgesellschaft hinweg. Die Zusammenbruchsregionen werden ideologisch
exkommuniziert, die Arbeitsmarktstatistiken hemmungslos gefälscht,
die Formen der Verelendung medial wegsimuliert. Simulation ist überhaupt
das zentrale Merkmal des Krisenkapitalismus. Das gilt auch für die
Ökonomie selbst. Wenn es zumindest in den westlichen Kernländern
bis jetzt so erscheint, als könnte das Kapital auch ohne Arbeit akkumulieren
und die reine Form des Geldes substanzlos aus sich heraus die weitere Verwertung
des Werts garantieren, so ist dieser Schein einem Simulationsprozeß
der Finanzmärkte geschuldet. Spiegelbildlich zur Simulation der Arbeit
durch Zwangsmaßnahmen der demokratischen Arbeitsverwaltung hat sich
eine Simulation der Kapitalverwertung durch die spekulative Entkoppelung
des Kreditsystems und der Aktienmärkte von der Realökonomie herausgebildet.
Die Vernutzung gegenwärtiger
Arbeit wird ersetzt durch den Zugriff auf die Vernutzung zukünftiger
Arbeit, die nie mehr stattfinden wird. Es handelt sich gewissermaßen
um eine Kapitalakkumulation in einem fiktiven "Futur II". Das Geldkapital,
das nicht mehr rentabel in die Realökonomie reinvestiert werden und
daher keine Arbeit mehr ansaugen kann, muß verstärkt in die
Finanzmärkte ausweichen.
Schon der fordistische Schub der
Verwertung in den Zeiten des "Wirtschaftswunders" nach dem Zweiten Weltkrieg
war kein vollständig selbsttragender mehr. Weit über seine Steuereinnahmen
hinaus nahm der Staat in einem bis dahin ungekannten Ausmaß Kredite
auf, weil die Rahmenbedingungen der Arbeitsgesellschaft anders nicht mehr
finanzierbar waren. Der Staat verpfändete also seine zukünftigen
reellen Einnahmen. Auf diese Weise entstand einerseits für "überschüssiges"
Geldkapital eine finanzkapitalistische Anlagemöglichkeit - es wurde
dem Staat gegen Zinsen geliehen. Dieser beglich die Zinsen aus neuen Krediten
und schleuste das geliehene Geld umgehend wieder in den ökonomischen
Kreislauf zurück. Er finanzierte also damit andererseits Sozialausgaben
und Infrastruktur-Investitionen und schuf so eine im kapitalistischen Sinne
künstliche, weil durch keinerlei produktive Arbeitsverausgabung gedeckte
Nachfrage. Der fordistische Boom wurde so über seine eigentliche Reichweite
hinaus verlängert, indem die Arbeitsgesellschaft ihre eigene Zukunft
anzapfte.
Dieses simulative Moment schon des
scheinbar noch intakten Verwertungsprozesses fand seine Grenzen zusammen
mit der Staatsverschuldung. Die staatlichen "Schuldenkrisen" nicht nur
in der "Dritten Welt", sondern auch in den Zentren ließen eine weitere
Expansion auf diesem Wege nicht mehr zu. Das war die objektive Grundlage
für den Siegeszug der neoliberalen Deregulierung, die laut Ideologie
mit einer drastischen Senkung der Staatsquote am Sozialprodukt einhergehen
sollte. In Wirklichkeit werden Deregulierung und Abbau der Staatsaufgaben
kompensiert durch die Kosten der Krise, und sei es in Form der staatlichen
Repressions- und Simulationskosten. In vielen Staaten steigt die Staatsquote
auf diese Weise sogar noch an.
Aber die weitere Akkumulation des
Kapitals ist durch die Staatsverschuldung nicht mehr zu simulieren. Deshalb
verlagerte sich seit den achtiziger Jahren die zusätzliche Kreation
des fiktiven Kapitals auf die Aktienmärkte. Dort geht es längst
nicht mehr um die Dividende, den Gewinnanteil an der realen Produktion,
sondern nur noch um den Kursgewinn, die spekulative Wertsteigerung der
Eigentumstitel bis in astronomische Größenordnungen. Das Verhältnis
von Realökonomie und spekulativer Finanzmarktbewegung hat sich auf
den Kopf gestellt. Die spekulative Kurssteigerung nimmt nicht mehr die
realökonomische Expansion vorweg, sondern umgekehrt simuliert die
Hausse fiktiver Wertschöpfung eine Realakkumulation, die es schon
gar nicht mehr gibt.
Der Arbeitsgötze ist klinisch
tot, aber er wird künstlich beatmet durch die scheinbar verselbständigte
Expansion der Finanzmärkte. Industrielle Unternehmen machen Gewinne,
die gar nicht mehr aus der längst zum Verlustgeschäft gewordenen
Produktion und dem Verkauf von realen Gütern stammen, sondern aus
der Beteiligung einer "cleveren" Finanzabteilung an der Aktien- und Devisenspekulation.
Öffentliche Haushalte weisen Einnahmen aus, die gar nicht mehr durch
Steuern oder Kreditaufnahme zustandekommen, sondern durch eifriges Mitgehen
der Finanzverwaltung an den Zockermärkten. Und private Haushalte,
deren reelle Einnahmen aus Löhnen und Gehältern dramatisch zurückgehen,
leisten sich ein weiterhin hohes Konsumniveau, indem sie Aktiengewinne
beleihen. Es entsteht also eine neue Form von künstlicher Nachfrage,
die dann wiederum reale Produktion und reale staatliche Steuereinnahmen
"ohne Boden unter den Füßen" nach sich zieht.
Auf diese Weise wird die Weltwirtschaftskrise
durch den spekulativen Prozeß hinausgeschoben. Aber da die fiktive
Wertsteigerung der Eigentumstitel nur die Vorwegnahme zukünftiger
realer Arbeitsvernutzung (in einem entsprechend astronomischen Ausmaß)
sein kann, die nie mehr kommen wird, muß der objektivierte Schwindel
nach einer gewissen Inkubationszeit auffliegen. Der Zusammenbruch der "emerging
markets" in Asien, Lateinamerika und Osteuropa hat einen ersten Vorgeschmack
geliefert. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis auch die Finanzmärkte
der kapitalistischen Zentren in den USA, der EU und Japan kollabieren.
Dieser Zusammenhang wird im arbeitsgesellschaftlichen
Fetisch-Bewußtsein und gerade auch bei den herkömmlichen linken
und rechten "Kapitalismuskritikern" völlig verzerrt wahrgenommen.
Fixiert auf das zur überhistorischen und positiven Existenzbedingung
geadelte Phantom der Arbeit verwechseln sie systematisch Ursache und Wirkung.
Der vorübergehende Krisenaufschub durch die spekulative Expansion
der Finanzmärkte erscheint dann genau umgekehrt als vermeintliche
Ursache der Krise. Die "bösen Spekulanten", so heißt es mehr
oder weniger panisch, würden die ganze schöne Arbeitsgesellschaft
kaputtmachen, weil sie das "gute Geld", von dem "genug da" sei, aus Jux
und Tollerei verzocken, statt es brav und solide in wunderbare "Arbeitsplätze"
zu investieren, auf daß eine arbeitswahnsinnige Heloten-Menschheit
weiterhin "vollbeschäftigt" sein könne.
Es will in diese Köpfe einfach
nicht hinein, daß keineswegs die Spekulation die Realinvestitionen
zum Stehen gebracht hat, sondern diese schon durch die dritte industrielle
Revolution unrentabel geworden sind und das spekulative Abheben nur ein
Symptom dafür sein kann. Das Geld, das da in scheinbar unerschöpflicher
Menge zirkuliert, ist selbst im kapitalistischen Sinne längst kein
"gutes" mehr, sondern bloß noch "heiße Luft", mit der die spekulative
Blase aufgetrieben wurde. Jeder Versuch, diese Blase durch Projekte einer
wie auch immer gearteten Besteuerung anzupieksen ("Tobinsteuer" usw.),
um das Geldkapital wieder auf die vermeintlich "richtigen" und realen arbeitsgesellschaftlichen
Mühlen zu lenken, könnte nur mit dem um so schnelleren Platzen
der Blase enden.
Statt zu begreifen, daß wir
alle unaufhaltsam unrentabel werden und deshalb das Kriterium der Rentabilität
selber samt seinen arbeitsgesellschaftlichen Grundlagen als obsolet anzugreifen
ist, dämonisiert man lieber "die Spekulanten" - dieses billige Feindbild
pflegen einhellig Rechtsradikale und Autonome, biedere Gewerkschaftsfunktionäre
und keynesianische Nostalgiker, Sozialtheologen und Talkmaster, überhaupt
alle Apostel der "ehrlichen Arbeit". Die wenigsten sind sich bewußt,
daß es von da bis zur Remobilisierung des antisemitischen Wahns nur
noch ein kleiner Schritt ist. Das "schaffende" nationalblütige Realkapital
gegen das "raffende" international- "jüdische" Geldkapital zu beschwören,
droht das letzte Wort der geistig verwahrlosten Arbeitsplatz-Linken zu
werden. Das letzte Wort der von Haus aus rassistischen, antisemitischen
und antiamerikanischen Arbeitsplatz-Rechten ist es sowieso.
Das vollständige Manifest ist
zu bestellen bei: Förderverein und Redaktion Krisis e.V., Postfach
2111, 91011 Erlangen |