Wenig oder nichts
Öcalan ruft die PKK zum Rückzug
auf - und die Guerilla folgt. Eine Alternative hat sie ohnehin nicht
War es das Eingeständnis der
Niederlage eines geschlagenen Guerillaführers? Das Bemühen eines
einsamen Mannes, seinen Kopf zu retten? Oder die Initiative, einen Krieg
zu beenden, bei dem es für keine Seite mehr etwas zu gewinnen gibt?
Wie man auch die jüngste Erklärung Abdullah Öcalans wertet,
mit ihr wurde eine neue Phase des Kurden-Konflikts eingeleitet.
In Istanbul ließ vergangene
Woche der inhaftierte PKK-Vorsitzende über seine Anwälte verlautbaren:
"Die Atmosphäre des bewaffneten Konflikts und der Gewalt verhindern
die Menschenrechte und die demokratische Entwicklung in der Türkei.
Um das Problem zu lösen, ist es notwendig, die Gewalt zu beenden."
Die Konsequenz: Öcalan rief
seine Partei auf, ab 1. September den bewaffneten Kampf zu beenden und
alle Truppen hinter die Staatsgrenzen zurückzuziehen. Rechtsanwalt
Mahmut Sakar ergänzte, sein Mandant halte einen Rückzug für
notwendig, weil es trotz des seit 1998 gültigen einseitigen Waffenstillstands
immer wieder zu bewaffneten Auseinandersetzungen gekommen sei. Dies habe
die Bildung einer stabilen Grundlage für eine politische Lösung
verhindert.
Zuvor hatten bei dem Besuch des
deutschen Außenministers Joseph Fischer türkische Politiker
erklärt, der EU-Gipfel von Helsinki im Dezember 1999 sei die letzte
Chance für einen Beitritt der Türkei zur EU. In diese Zeit fiel
auch der Türkei-Besuch von Harald Koh, Unterstaatssekretär für
Menschenrechtsfragen im US-Außenministerium.
Nach einem Abstecher in die kurdischen
Gebiete und nach Gesprächen mit der inhaftierten Abgeordneten Leyla
Zana sowie dem ebenfalls einsitzenden Menschenrechtsaktivisten Akin Birdal
erklärte Koh, der Konflikt sei mit militärischen Mitteln allein
nicht zu lösen. Die Türkei müsse der "kurdischen Gemeinschaft
den Gebrauch ihrer Sprache und die Vertretung ihrer Interessen" gestatten.
Ungewohnte Worte eines US-Regierungsvertreters - hatten doch die USA bislang
die Türkei in ihrem Vorgehen gegen die kurdische Bewegung vorbehaltlos
unterstützt. Schlecht für Ankara, gut für mich, wird sich
Öcalan gedacht haben. Seit der Urteilsverkündung hat er Zugriff
auf Radio und Presse.
Ministerpräsident Bülent
Ecevit reagierte auf Öcalans Erklärung mit der Formel, der Staat
werde sich mit niemandem auf einen Handel einlassen, fügte aber hinzu:
"Jeder muß seinen Beitrag zur Beendung des separatistischen Terrors
leisten" - abgesehen von der gewohnten Wortwahl das Anzeichen einer vorsichtigen
Annäherung. Denn auch Öcalans Erklärung hatte mit dem Aufruf
an alle Verantwortlichen in Staat und Gesellschaft geendet, "sensibel gegenüber
dem Erfolg dieser Phase des Friedens und der Brüderlichkeit zu sein".
Oktay Eksi wies in der Tageszeitung Hürriyet auf diese Parallele hin
und deutete die Aussage des Regierungschefs als Botschaft an die PKK: "Wenn
ihr eurem Chef Folge leistet, könnt ihr von der Türkei neue Vorstöße
erwarten."
Verhalten optimistisch reagierten
auch Vertreter der anderen Koalitionsparteien. Der Abgeordnete der Mutterlandspartei
(ANAP), Ertugrul Yay ç inbayir, und der stellvertretende Fraktionsvorsitzende
der rechtsextremen Partei der Nationalistischen Bewegung (MHP), Ömer
Izgi, begrüßten Öcalans Erklärung als "positive Entwicklung".
Andere Abgeordnete aus Regierung und Opposition zweifelten an Öcalans
Aufrichtigkeit und forderten die vollständige Kapitulation der bewaffneten
Verbände.
Galt noch bis vor kurzem allein
die Veröffentlichung von Interviews mit Öcalan als Straftat,
werden heute seine Stellungnahmen - und die der PKK - in vielen Blättern
als Schlagzeile gedruckt. Die PKK wird, auch wenn dies niemand zugeben
will, indirekt als Verhandlungspartner ernst genommen. Das bedeutet nicht,
daß die Türkei vor der Aufnahme direkter Kontakte zur PKK steht.
"Man muß sich nicht an einen Tisch setzen", bemerkte der Chefredakteur
der Hürriyet, aber der Staat müsse den Erfolg über die PKK
verwerten und geeignete Wege finden für eine dauerhafte Lösung
finden.
Einen Schritt dazu hat es möglicherweise
am Wochenende gegeben. Präsident Demirel empfing die Bürgermeister
von kurdischen Provinzhauptstädten, allesamt Mitglieder der prokurdischen
Demokratiepartei des Volkes (Hadep). Diese scheinbar unbedeutende Geste
ist angesichts der Repression, der die Partei und ihre Vorgänger ausgesetzt
waren (und sind), und angesichts des anhängigen Verbotsverfahrens
gegen die Hadep nicht zu vernachlässigen.
Nicht nur in Hürriyet, sondern
in großen Teilen der türkischen Öffentlichkeit ist die
Hysterie verflogen, dafür setzt sich mehr und mehr die Auffassung
durch, daß es sich um eine einzigartige Gelegenheit für die
Türkei handele. Strittig war allein, ob die bewaffneten Truppen Öcalans
Aufruf Folge leisten würden.
Diese Frage stellten sich auch die
prokurdischen Medien, deren erste Reaktionen eher verlegen und unwillig
wirkten. Ungewohnt wertfrei titelte Özgür Politika: "Ein neuer
Schritt Öcalans". Ein Kommentator des Blattes meinte, nun sei endgültig
der letzte Punkt erreicht, auf den sich die Bewegung einlassen könne.
Ein anderer hatte seinen Lenin aufmerksam gelesen und meinte, den Stab,
den Öcalan verbiege, könnten die Partei und die Guerilla wieder
geradebiegen - für PKK-Verhältnisse eine sensationelle öffentliche
Kritik im Hausblatt.
Die Berichterstattung der prokurdischen
Medien deutet darauf hin, daß für viele Kader mit der jüngsten
Erklärung Öcalans eine Schmerzgrenze erreicht wurde und es für
weite Teilen der Organisation offen war, wie die Parteispitze reagieren
würde. Mancher Funktionär hatte die Hoffnung, die Partei werde
endlich Schluß machen mit dem Friedensgeschwätz ihres Chefs
und zur alten Form zurückfinden. Schlimmer als unbeliebte Entscheidungen
aber ist für eine Kaderorganisation die Ungewißheit. Nach zwei
Tagen konnte Özgür Politika erleichtert vermelden: "Die mit Spannung
erwartete Stellungnahme des Präsidialrates - Wir unterstützen."
Das seit der Verschleppung Öcalans
kollektive Führungsgremium der PKK beendete mit dieser Erklärung
alle Spekulationen: Dies sei ein "historischer Wendepunkt", man stimme
dem "Genossen Vorsitzenden" zu. Und weiter: "Der große Aufruf unseres
Vorsitzenden, mit dem der heilige nationale Befreiungskampf der Partei
ein neues Niveau erreicht und der den gegenwärtigen Bedingungen entspricht,
ist der einzige Weg für eine Lösung des Kurden-Problems und für
eine Demokratisierung der Türkei." Die Gegenseite wird aufgefordert,
der "Realität mit klarem Verstand, Verantwortungsbewußtsein
und Respekt zu begegnen." Tags darauf wurde nochmals Geschlossenheit demonstriert.
Beide Pole der Organisation - die europäische Leitung der Nationalen
Befreiungsfront Kurdistans (ERNK) und das Kommando der Volksbefreiungsarmee
Kurdistans (ARGK) - meldeten sich zeitgleich zu Wort und bekräftigten
ihre Unterstützung des neuen Kurses. Die ARGK werde sich zurückziehen
und bewaffnete Aktionen - außer zur Selbstverteidigung - einstellen.
Wohin sich die Truppen zurückziehen
werden, blieb allerdings offen. Möglich wäre ein Rückzug
in den Nordirak, was aber Auseinandersetzungen mit den dortigen Milizen
nach sich ziehen könnte. Zumal sich die dortigen Milizenführer
Mesut Barzani und Celal Talabani mal wieder versöhnt haben. Eine bedrohliche
Entwicklung für die PKK, da die Demokratische Partei Kurdistans Barzanis
mit Ankara verbündet ist, während Talabanis Patriotische Union
Kurdistans bislang der PKK in ihrem Gebiet Bewegungsfreiheit gewährte.
Unklar ist, ob der Iran bereit sein
wird, eine größere Anzahl von PKK-Leuten auf seinem Gebiet zu
dulden. Die Rückzugswege sind versperrt und der eingeschränkte
Operationsraum außerhalb der Türkei - zuletzt die folgenreiche
Vertreibung aus Syrien - hatte zum militärischen Niedergang der Guerilla
beigetragen. Die Umstände, die die aktuelle Verhandlungsbereitschaft
ausgelöst haben, könnten nun eine Lösung erschweren oder
unmöglich machen. Sollte ein sicherer Rückzug nicht durchzuführen
sein, scheint ein Bruch der Guerilla mit Öcalan programmiert.
Aber auch auf türkischer Seite
gibt es nicht nur positive Signale. Die Verschleppung des ERNK-Funktionärs
Cevat Soysal und die letzte Woche gezeigte Kampfbereitschaft der Konterguerilla
zeigen, daß es Kräfte im Sicherheitsapparat gibt, die den Krieg
fortsetzen wollen: Am Vorabend der Erklärung Öcalans wurde bei
Silvan in der Provinz Diyarbakir ein Kleinbus mit Bauern von unbekannten
Tätern beschossen. Sechs Insassen kamen ums Leben, die übrigen
überlebten mit zum Teil schweren Verletzungen. Mitglieder des Menschenrechtsvereins
und der Anwaltskammer von Diyarbakir untersuchten den Vorfall und berichteten,
der Angriff habe in der Nähe einer Kaserne stattgefunden. Auffällig
sei, daß die Militärs auf das Feuer nicht reagierten und den
Verletzten erst nach mehreren Stunden Hilfe leisteten.
Am Wochenende meldete sich der PKK-Chef,
dem vorerst der Beweis seiner Autorität gelungen ist, erneut zu Wort.
Öcalan erklärte, die Einstellung der bewaffneten Aktionen resultiere
nicht aus simplen taktischen Überlegungen, sondern sei eine strategische,
für die PKK lebensnotwendige Entscheidung. Die Forderung nach Kapitulation
wies er zurück und wertete die Morde von Silvan als Beleg für
die Gefahr von provokativen Aktionen, der die ARGK am ehesten durch einen
vollständigen Rückzug aus der Türkei begegnen könne.
Öcalans Entscheidung ist die
letzte Konsequenz der Kompromißbereitschaft und kommt zu einer Zeit,
in der vor allem die äußeren Bedingungen wohl günstig sind.
In den folgenden Monaten werden vor allem zwei Faktoren die weitere Entwicklung
bestimmen: Zum einen die Frage, ob und welchen Platz die USA in ihrer Kurden-Politik
der PKK einräumt, zum anderen die Haltung der Europäischen Union
bis zur Deadline von Helsinki. Während die US-Haltung noch unklar
ist, könnte die EU, wenn sie Ankara als Beitrittskandidat anerkennt,
ein Druckmittel gegenüber dem Land am Bosporus gewinnen.
Auch in der Türkei scheinen
günstige Voraussetzungen für einen politischen Prozeß gegeben
zu sein. Dabei könnte der ungünstige Umstand, daß derzeit
die beiden links- und rechtsnationalistischen Parteien - Ecevits Demokratische
Linkspartei und die MHP - an der Regierung sind, sich als Vorteil erweisen.
Denn neben den Islamisten sind dies Parteien, die über die aktivste
Massenbasis verfügen. Falls ein politischer Prozeß für
den Kurden-Konflikt eingeleitet werden sollte, wäre eine starke Opposition
der extremen Nationalisten weitgehend unterbunden.
Auffällig ist auch, daß
trotz der Hochsaison das Militär zur Zeit auf größere Operationen
verzichtet. Dafür besuchten in den letzten Wochen hochrangige Militärs
die Gefängnisinsel Imrali - zuletzt der einflußreiche Garnisonskommandant
von Istanbul, Çevik Bir. Offiziell hieß es, mit Öcalan
habe kein Treffen stattgefunden.
Öcalans Erklärung ist
keine Kapitulationserklärung. Er spielt "Wenig oder nichts" und versucht,
aus der politischen und militärischen Defensive - nicht nur seiner
persönlichen, sondern der gesamten Bewegung - herauszukommen. Andererseits
birgt die Initiative aber auch ein großes Risiko: Wenn sich eine
nennenswerte Zahl von PKK-Kommandeuren dem Rückzug widersetzen oder
die türkische Seite keine entscheidenden Zugeständnisse machen
sollte, wird die PKK den bewaffneten Kampf wieder aufnehmen. Und das wäre
das politische Ende Öcalans.
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