Brachialer Populismus
Landtagswahlkampf an der Saar: Sozialdemokraten,
die sich gegen ihren Kanzler profilieren müssen, und Grüne, die
einen Aufwärtstrend herbeireden
Aufgegeben hat er noch lange nicht.
"Ich setze darauf, daß die Saarländer am 5. September meinen
Vertrag verlängern", gibt sich Reinhard Klimmt kämpferisch. Nicht
einmal einen Monat Zeit hat der Nachfolger Oskar Lafontaines, um das zu
schaffen, was bisher nur der "Saar-Napoleon" selbst erreichte: Als Sozialdemokrat
eine Landtagswahl im Saarland zu gewinnen. Dreimal gelang Lafontaine dieses
Kunststück, und viele sprachen schon vom "sozialdemokratischen Stammland",
die vier schwarzen Jahrzehnte vor 1985 vergessend. Doch am 5. September
könnten die überwunden geglaubten Zeiten wieder anbrechen.
Zehn Parteien sind zum Kampf um
die Stimmen der 824 000 Wahlberechtigten zugelassen worden. Neben SPD,
CDU, FDP, PDS und den Grünen dürfen auch die Familien-Partei,
die Ökologisch-Demokratische Partei, die Republikaner, die Christliche
Mitte und die Freie Wählergemeinschaft an den Start gehen. Glaubt
man letzten Umfragen, werden jedoch nur zwei Parteien im Landtag vertreten
sein: SPD und CDU - und die beiden liefern sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen.
Knapp wird es auf jeden Fall. "Wir
liegen wie immer zehn Prozentpunkte über dem Bundesdurchschnitt",
bewertet der SPD-Wahlkampfmanager die Umfrageergebnisse. Und fügt
resigniert hinzu: "Aber wenn Schröder so weitermacht, reicht das nicht
mehr." Nach letzten Auswertungen der Meinungsforscher von infratest dimap
komme die SPD nur auf 43 Prozent der Stimmen. Das würde nicht reichen,
um weiterhin an der Regierung zu bleiben. Das Hauptproblem der SPD ist,
ihre Stammwähler an die Urne zu locken: "Die kriegen wir nicht mit
neoliberalen Sprüchen über die Neue Mitte."
Reinhard Klimmt versucht alles,
um seine drohende Niederlage abzuwenden. Kein Tag vergeht, an dem er nicht
einen Auftritt im Fernsehen absolviert. Das Sommerloch muß er nutzen,
um die Saar-SPD wieder vor die CDU zu bringen. Dabei ist der ärgste
Kontrahent weniger sein blasser CDU-Herausforderer Peter Müller. Die
Bundesregierung muß er angreifen, um nicht unterzugehen. Es ist das
alte Erfolgsrezept Lafontaines: Mit scharfen Attacken gegen die Regierung
eigenes Profil gewinnen. Allerdings hatte es Klimmts Vorgänger einfacher.
Er mußte nicht die eigenen Genossen angreifen. Doch auch gegen Schröder
könnte es funktionierten. Es komme im kleinen Saarland immer gut an,
so ein SPD-Wahlkampfmanager in Saarbrücken, "wenn einer von uns denen
draußen im 'Reich' mal die Meinung sagt".
Klimmts Strategie könnte aufgehen.
Gegenüber Duz-Freund Peter Müller hat er seinen Vorsprung in
den letzten Wochen deutlich ausgebaut. Sogar bei den saarländischen
Rentnern kann Klimmt punkten. Und das trotz der CDU-Unterschriftenkampagne
gegen den "SPD-Rentenbetrug". Klimmt hatte mit einer Anzeigenkampagne geantwortet,
in der er von der Bundesregierung forderte, an der Nettolohnbezogenheit
der Rente festzuhalten.
Die CDU reagiert gereizt auf die
Querschläge Klimmts gegen Berlin. Denn durch sie sind landespolitische
Themen vollends ins Hintertreffen geraten. Was nützt es schon CDU-Spitzenkandidat
Müller, wenn er darauf hinweist, das Saarland habe die höchste
Arbeitslosenquote und die höchste Pro-Kopf-Verschuldung aller alten
bundesdeutschen Flächenstaaten, wenn sich die Öffentlichkeit
nur noch für die Attacken Klimmts auf Schröder interessiert?
Etwas hilflos versuchen die Christdemokraten,
ein Mittel gegen die Abgrenzungsstrategie der Saar-SPD von der Bundes-SPD
zu finden. "Mit seiner jetzigen Kritik an der Bundesregierung ernennt sich
der Brandstifter zum Biedermann", schimpft Müller und weist unablässig
darauf hin, daß Klimmt doch allen "Fehlentscheidungen dieser Bundesregierung"
zugestimmt habe.
Die FDP hofft mit einer klaren Koalitionsaussage
für die CDU auf ihre Rückkehr in den Landtag. Jedoch hat der
FDP-Landesvorsitzende und -Spitzenkandidat Werner Klumpp seine politische
Zukunft längst hinter sich. Wirtschafts-, Verkehrs- und Landwirtschaftsminister
in den seligen Vor-Lafontaine-Zeiten, sehnt das 70jährige Politfossil
die glücklichen Tage zurück, als seine Partei noch Mehrheitsbeschafferin
der CDU spielen durfte.
Die notwendigen fünf Prozent
glaubt Klumpp mit rechter Brachialrhetorik gewinnen zu können. Immer
wieder versucht der greise FDP-Chef den SPD-Ministerpräsidenten als
eine Art Reinkarnation Erich Honeckers darzustellen. So verkündet
Klumpp, Klimmt verbreite "unter der Maske des Biedermanns einmal mehr den
sozialistischen linken Neid- und Klassenkampf-Bazillus". Es wird nichts
nützen: Bei den letzten Landtagswahlen 1994 scheiterten die Liberalen
mit 2,1 Prozent glatt an der Fünf-Prozent-Hürde. Auch bei den
Europa- und Kommunalwahlen schnitt sie nicht besser ab. Nach der letzten
Umfrage vom Juli wird die FDP wieder nur auf rund zwei Prozent kommen.
Während die Freidemokraten
auf Altbewährtes setzt, bieten die Grünen mit dem 33jährigen
Christian Molitor und der 30jährigen Eva Dahl zwei Spitzenkandidaten
auf, die beide noch im Jungliberalen-Alter sind. Auf eine klare Koalitionsaussage
hat die Partei verzichtet. Zwar ist für sie "Rot-Grün ohne Zweifel
die erste Option", allerdings sollten grundsätzlich "demokratische
Parteien allesamt koalitionsfähig sein".
Möglicherweise werden sich
solche Koalitionsfragen gar nicht erst stellen. Denn bislang hangelte sich
der kleine Landesverband von einer Krise zur nächsten. Im Mittelpunkt:
der Vorsitzende der Landtagsfraktion, Hubert Ulrich. Bis Februar zusätzlich
noch Landessprecher, regierte Ulrich autokratisch Partei und Fraktion.
So ließ er sich auf Platz eins der Kandidatenliste für die Landtagswahlen
wählen - obwohl bei den Grünen ansonsten stets eine Frau die
Liste anführt.
Doch die Wahl mußte wiederholt
werden. Ulrich stolperte über eine Dienstwagenaffäre. Der Realo,
der immer mal wieder mit Schwarz-Grün liebäugelte, hatte sich
seit 1995 vier Ford Mondeos über die Fraktion zu Sonderkonditionen
besorgt - zur privaten Verwendung. Ulrich mußte Anfang des Jahres
seinen Spitzenplatz zurückgeben und verzichtete auf eine erneute Kandidatur.
Auch als Landessprecher trat er zurück, den Fraktionsvorsitz indes
behielt er. An seine Stelle als Landessprecher und auch als Spitzenkandidat
trat Christian Molitor, ebenfalls ein Realo und Angestellter der Landtagsfraktion.
Eine seiner ersten Stellungnahmen: Die Unterstützung des Kriegskurses
der Bundesregierung. Die 1. Mai-Rede Oskar Lafontaines war Molitor ein
"Ausdruck von Verantwortungslosigkeit und zynischem Populismus".
Ob solche Sprüche reichen werden?
Auch die saarländischen Grünen kämpfen um ihr Überleben.
Schafften sie bei den letzten Landtagswahlen noch mit 5,5 Prozent knapp
den Einzug in den Landtag, liegt die Öko-Partei inzwischen nur noch
bei 4,5 Prozent. Für Molitor allerdings kein Grund zur Beunruhigung.
Schließlich habe seine Partei im Juni noch schlechter in den Umfragen
gelegen. Das zeige, "daß wir Bündnisgrüne uns nach wie
vor im Aufwärtstrend befinden". Ausgemacht haben will der Grüne
nichts weniger als eine "Wechselstimmung im Land, die mit unserem Namen
verbunden ist".
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