Ein Paradies für Konzerne
Die Aufhebung der Öffnungszeiten
bedeutet einen weiteren Abbau demokratischer Rechte.
Von Angelo Lucifero
Die Linke gibt sich gern modern,
und wie der Kampf gegen den langen Donnerstag, die Deregulierung der Ladenöffnungszeiten
1996 und die aktuellen Auseinandersetzungen zeigt, schweigt sie zu derart
"konservativen" Auseinandersetzungen. Lieber gehen Linke am Sonntag selbst
einkaufen, als daß sie sich mit dem Kampf der VerkäuferInnen
solidarisieren.
Wenn die Linke reflektieren würde,
worum es in der aktuellen Auseinandersetzung geht, dann müßte
sie - soweit sie sich nicht wie die Mehrheit der Grünen und der Sozialdemokraten
das letzte Stück Hirn durch die Nato hat wegbomben lassen - den Widerstand
der Gewerkschaft hbv gegen die Demontage des Ladenschlußgesetzes
aktiv unterstützen.
"Acht Stunden Bildung - Acht Stunden
Ausruhen - Acht Stunden Arbeiten" - seit Mitte des vorigen Jahrhunderts
hat die ArbeiterInnen- und Gewerkschaftsbewegung für die Durchsetzung
dieses Ziels gekämpft. Am Ende des 20. Jahrhunderts muß jedoch
konstatiert werden, daß die Arbeitszeiten zwar verkürzt, der
Arbeitstag bzw. die Arbeitswoche für meisten abhängig Beschäftigten
immer grenzenloser werden. Gemeinsam versuchen Politik, Wirtschaftsverbände
und Konzerne, den Menschen zunehmend die Verfügung über die eigene
Zeit zu stehlen.
Um die Profite zu steigern und den
"Standort Deutschland" zu sichern, sollen mehr als acht Millionen Menschen
(VerkäuferInnen und ihr familiäres Umfeld) die Frei-Zeit, Familien-Zeit,
Sozial-Zeit, Kultur-Zeit und auch die Zeit, um sich gemeinsam mit anderen
in gesellschaftliche Prozesse einzumischen, geraubt werden. Wird dieser
Prozeß nicht gestoppt, so wird er auf andere Branchen übergreifen
und erhebliche Konsequenzen für die Kultur dieses Landes haben. Nicht
nur, daß die individuellen Entfaltungsmöglichkeiten, die nun
mal beim Menschen im wesentlichen davon abhängig sind, daß er
ein soziales Wesen ist, enorm reduziert werden. Auch die demokratischen
Rechte werden damit weiter eingeschränkt.
In Deutschland ist Zivilcourage
nur schwach ausgeprägt und wird, wo sie gezeigt wird - wie beispielsweise
gegen Faschismus und Rassismus -, eher reglementiert und kriminalisiert.
Durch die Ausweitung und Deregulierung des Arbeitstages werden die Möglichkeiten,
Widerstand zu organisieren, noch zusätzlich eingeschränkt. Und
so ist es auch kein Zufall, daß das Geschrei nach Liberalisierung
vor allem in der Industrie- und Handelskammer, die selbst ein Relikt autoritärer
Strukturen ist, die stärkste Unterstützung findet. Sie ist eine
Zwangsorganisation und einer der wichtigsten Interessenverbände der
Kapitaleigner.
Die Sieger der Novellierung des
Ladenschlußgesetzes 1996 waren die Großkonzerne. So gehören
Kaufhäuser wie Kaufhof und Horten (beide Metro) zu den Hauptbetreibern
der Demontage des Ladenschlusses.
Für sie ist die Liberalisierung
ein Gewinn. Die Produktivität wurde durch weiteren massiven Personalabbau
erhöht - seit der letzten Novellierung wurden mehr als 200 000 Vollzeitarbeitplätze
vernichtet und das Arbeitszeitvolumen, "natürlich" ohne Gehaltsausgleich,
um 10,7 Prozent gesenkt. Die letzten kleinen und mittleren Handelsbetriebe
wurden vom Markt gefegt. Daß die faktische Demontage in Ostdeutschland
erfolgt, ist kein Zufall. Die Konzerne haben bekanntermaßen nur eine
funktionale Beziehung zu politischen Systemen - wo sich am leichtesten
Gewinne machen lassen, da fühlen sie sich wohl. Ob es sich dabei um
eine repräsentative Demokratie wie in Deutschland oder um Diktaturen
handelt, ist dabei nur nebensächlich.
Ostdeutschland stellt keines der
drei genannten Systeme dar. Es ist eine repräsentative Demokratie
ohne Repräsentanten und selbst aus der Sicht von Befürworter
des bundesdeutschen Systems mit massiven Demokratiedefiziten behaftet.
Geradezu ein Paradies für gesellschaftliche Kräfte, die geltendes
Recht zerschlagen wollen. Rassismus und neofaschistisches Gedankengut können
ohne demokratischen Widerstand gut gedeihen. Ihre Gegner werden von Parteien,
Medien und Sicherheitsorganen zum eigentlichen Problem erklärt, während
sich gleichzeitig die "national befreiten Zonen" ausbreiten. Ebenso setzen
die Deregulierer und Zeitdiebe auf fehlendes Widerstands- und Rechtsbewußtsein,
um gegen ArbeitnehmerInnenschutzrechte zu putschen. Denn die derzeitigen
Vorgänge kann man nur als "Putsch" bezeichnen.
Ladendiebstahl oder ein Graffito
sind nach Auffassung sozialdemokratischer Bürgermeister (Halle), Kaufhof-Geschäftsführer
oder sozialdemokratischer und konservativer Ministerien ein Verbrechen,
während der offene Gesetzesbruch durch Sonderöffnungen an Sonntagen
und der Diebstahl an der Lebens-Zeit der VerkäuferInnen zum Kavaliersdelikt
erklärt werden.
Westdeutsche Konzerne bereiten mit
Hilfe ostdeutscher Genügsamkeit die von "Schutzrechten befreiten Zonen"
vor, die bald auf die ganze Republik ausgeweitet werden. Es sei denn, aus
Genügsamkeit wird Widerstand und die verbliebene Linke schluckt doch
noch ein paar "Hallo-Wach"-Tabletten.
Der Autor ist Landesvorsitzender
der Gewerkschaft hbv in Thüringen |