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Ein Paradies für Hedonisten
Die Aufhebung der Öffnungszeiten
ist ein Angriff auf das deutsche Wertesystem.
Von Mike Playford
Kapitalismus ist gar nicht so schlecht.
Hat er doch den arbeitenden Deutschen so einiges anzubieten: ein bißchen
Arbeit, ein bißchen Sozialstaat, ein bißchen Wohlstand, ein
bißchen Gemütlichkeit. Für alle etwas eben.
Das Angebot kann sich wirklich sehen
lassen: Es gibt viele schöne Waren, die man zwar nicht braucht, aber
trotzdem gerne besitzen möchte; wer fleißig auf sein Bausparkonto
eingezahlt hat, darf sich irgendwann sein eigenes Traumhaus bauen - mit
Garage, Garten und allem, was sonst noch dazugehört -, und man kann
sich eine tolle und ganz individuelle Privatsphäre einrichten, mit
mehr oder weniger sinnigen Hobbys.
Das alles funktionierte natürlich
nur, weil der Kapitalismus bisher so nett war und den heiligen arbeitsfreien
Sonntag respektierte. Während unter der Woche die kapitalistische
Ausbeutung wütete, blieb am Sonntag den ganzen Tag Zeit für so
lebenswichtige Dinge wie Kirchgang, Familientreffen, Mittagessen und fürs
Heimwerken in den eigenen vier Wänden. Dank dem sogenannten Wirtschaftswunder,
der Fortsetzung der Volksgemeinschaft mit anderen Mitteln, wurde diese
vermeintlich kapitalismusfreie Zeit sogar noch ausgedehnt: "Samstags gehört
Papi mir" war die Gewerkschaftsparole zum Schutze deutscher Familienstrukturen,
die das biblische Reglement "Am siebten Tage sollst Du ruhen" noch überbot.
Mit Reihenhaus im Ruhrgebiet, dem
hübschen Volkswagen und einem intakten Familienleben war alles in
bester Ordnung, damit aber soll es nun vorbei sein: Der Kapitalismus schickt
sich an, den Sonntag zu ökonomisieren, ihn hemmungslos der Warengesellschaft
unterzuordnen und damit alles zu zerstören, was sich der deutsche
Durchschnittsspießer aufgebaut hat. Der heilige Sonntag soll zum
gewöhnlichen Einkaufstag werden - das ist fast so dramatisch wie die
Aufhebung des Sonntagsbackverbotes vor einigen Jahren.
Wird die bisherige Werteordnung
von Kapitalismus derart angegriffen, dann schreien sie vor Empörung
auf: Gewerkschaften, Kirchen und Konservative. Darf der Kapitalismus seine
vielen Waren künftig am Sonntag nicht nur in Tankstellen und Bahnhöfen,
sondern auch ganz regulär in Geschäften verkaufen, so befürchten
sie, dann wird der entfesselte Kapitalismus alles Zwischenmenschliche zerstören.
Und die PDS setzt routinemäßig nach: Im Osten hätte es
sowas nicht gegeben. Da war die Welt noch in Ordnung.
Die Losung ist also klar: Sozialstaat
oder Barbarei? Bei dem ganzen Gezeter geht es gar nicht um die Ladenöffnungszeiten,
sondern um die demonstrative Verteidigung einer illusionären Vorstellung:
Daß der Kapitalismus durch staatliche Verordnungen zu reglementieren
und damit menschlicher zu machen sei. Die Ladenbesitzer und Kaufhausketten
beschweren sich hingegen darüber, daß ihnen per Gesetz verboten
ist, am arbeitsfreien Sonntag die gesamte Warenpalette zum Kauf feilzubieten.
Sie wollen logischerweise alle Möglichkeiten zur Gewinnmaximierung
auschöpfen - und dazu gehört eben auch der Sonntagsverkauf. Jemanden
dafür zu kritisieren ist in etwa so töricht wie einer Kuh vorzuwerfen,
daß sie mit der Produktion von Milch die kapitalistische Warenproduktion
unterstütze.
Die Forderung nach dem verkaufsoffenen
Sonntag ist also eine unspektakuläre Angelegenheit, aber in Deutschland
macht man trotzdem ein Riesengeschrei darum. Es hat doch alles bestens
funktioniert, über den konsumfreien Sonntag herrschte ein nationaler
Konsens - angegriffen nur von einigen anglophilen Wirtschaftsliberalen.
Ein Ex-Linker, Welt-Redakteur Thomas Schmid, weiß auch, warum diese
Übereinkunft jetzt zur Disposition steht: "Weil es nicht mehr genug
Menschen zu geben scheint, die sie teilen. Gesetze aber sind gegen Werte
machtlos."
Eine Veränderung des bisherigen
pseudo-menschlichen Wertesystems, des gemütlichen deutschen Kapitalismus,
gilt als üble "Amerikanisierung". Darauf folgt das Gejammer vom angeblichen
US-Kulturimperialismus - wer sonst soll an einer Verschlechterung schuld
sein, wenn nicht USA und Wall Street als Inbegriff des deregulierten und
globalisierten Kapitalismus. Und das, obwohl man sich dem so lange widersetzt
hatte: Unter allen Staaten der Europäischen Union haben Deutschland
und Österreich die rigideste Regelung zum Ladenschluß. Eingeleitet
hatte die Liberalisierung in Europa 1966 übrigens das für sein
relativ ausgebautes Sozialsystem bekannte Schweden.
Das alles wäre schon Grund
genug, den Sonntagsverkauf zu fordern. Es gibt aber einen weiteren Vorteil
geradezu zivilisatorischer Natur: Wer sonntags im Kaufhaus antanzen muß,
um die Regale aufzufüllen, die Kasse zu bedienen oder auch nur ein
wenig sauberzumachen, hat Samstagabend keine Zeit mehr, Jagd auf Ausländer
zu machen. Ein gutes Argument dafür, aus der ehemaligen DDR ein 24-Stunden-Einkaufsparadies
zu machen - sieben Tage die Woche. Damit wären wohl auch die Jammerossis
von der PDS endlich ruhiggestellt.
Und schließlich - soviel Hedonismus
und Konsumgeilheit muß sein - ist es einfach super, auch am Sonntag
einkaufen zu können. Wenn man nicht gerade arbeiten muß. |