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Einfach Sportler verhaften: Dann
bleibt die Ware knapp!
Mühsal mit Musil
In Robert Musils "Mann ohne Eigenschaften"
sagt der Protagonist Ulrich, "daß Gott, aus Gründen, die uns
noch unbekannt sind, ein Zeitalter der Körperkultur heraufzuführen
scheint". Die Berliner Boulevardzeitung B.Z. hat Musils Gedanken aufgegriffen
und spricht von einem "Jahrhundert des Sports", das zu Ende gehe. Das hat
doch wohl etwas zu bedeuten.
Einerseits nämlich eine zu
Musils Zeit kluge und weitsichtige Beobachtung, die mittlerweile, im Jahr
1999, eher banal wirkt: Sport prägt diese Zeit. Andererseits aber
enthält der Satz auch die Prognose, daß das nächste, das
21. Jahrhundert, nicht mehr das des Sportes sein wird. Das wäre zwar
hinsichtlich der Zukunft meines Berufes unschön. Aber falsch ist es
ja deswegen nicht. Im Kapitalismus - das habe ich der FAZ und dem Spiegel
entnommen - werden wir wohl auch nach der Jahrhundertwende weiterleben
müssen. Auch das hat etwas zu bedeuten. Z.B., daß die volkswirtschaftliche
Erkenntnis, wonach ein zu großes Angebot bei zu geringer Nachfrage
die Preise kaputt macht, weiter ihre Richtigkeit haben wird.
Früher gab es die große
Tour de France, daneben eigentlich nichts, bestenfalls noch den Giro d'Italia
und die Vuelta, die durch Spanien führte. Ein knappes, aber um so
teureres und um so wertgeschätzteres Angebot. Heute wird um die Schweiz
geradelt, um Mallorca auch, die Friedensfahrt ist für Profis offen,
und zu allem Überfluß gibt es noch die Deutschland-Rundfahrt.
Vergegenwärtigt man sich noch die vielen WTA- und ATP-Tennisturniere,
die etwa zehn Schwergewichts-Boxweltmeister oder die Fußball-Champions
League, zu der sich auch ein Liga-Viertplazierter qualifizieren darf, so
er denn aus Deutschland kommt, merkt man, daß im Sport eine Übersättigung
des Marktes stattfindet.
Da droht das Ende, und die Preise
gehen kaputt. 1987 etwa war es für Berlin, damals Westberlin, ein
teures Spektakel, den Tour-Start zu sich zu holen. Vor ein paar Jahren
konnte sich schon Koblenz leisten, eine Tour-Etappe zu beherbergen. So
sehr sanken die Preise. Und da ist ja wohl der Staat gefordert.
Der für die Tour zuständige
französische Staat handelte im letzten Jahr auf Geheiß der kommunistischen
Sportministerin sofort. Reihenweise wurden Fahrer verhaftet. Und der Sieger
Marco Pantani kam zwar zunächst ungeschoren davon, wurde aber in diesem
Jahr festgenommen, als der Giro d'Italia kurz vor dem Abschluß stand
und er das Gesamtklassement anführte.
Trotz der aus Sicht kommunistischer
Sportpolitik wohl als Panne zu verstehenden Nicht-Verhaftung des Italieners
bewirkte die Verknappung des Angebots der Weltklasse-Radfahrer doch das,
was der Staat als ideeller Gesamtkapitalist bewirken wollte: Die Ware Radsport
erzielte wieder Preise, die den Anbieter freuen.
Nur durch diese massive Staatsintervention,
die darin besteht, Sportler einfach während des Wettkampfes zu verhaften,
dürfte gewährleistet sein, daß der Sport auch das 21. Jahrhundert
prägen wird. Musil vermutete noch, "daß Gott, aus Gründen,
die uns noch unbekannt sind, ein Zeitalter der Körperkultur heraufzuführen"
schien. Was die Gründe angeht, wissen wir mittlerweile mehr: Weil
der Staat sich so schön fürsorglich ums Funktionieren des Marktes
kümmert, wird der Sport weiter existieren.
Wenn das nicht beruhigt.
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