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9. Juli 1999 Jungle World

Feuilleton Nachrichten

Forelle blau

"Ihr Lächeln läßt Siegerherzen höher schlagen, ihr Kuß das Glücksgefühl vollkommen sein. Wenn bei der Tour de France ein neuer Radheld zum Tagessieger gekrönt wird, sind die Frauen an seiner Seite oft wie das Salz in der Suppe. Graue Mäuse sind bei Siegern nicht gefragt. Ob sanfter Augenaufschlag oder kokettes Blinzeln: Fortunas hübsche Töchter sind es, die Gewinner effektvoll ins Bild zu setzen verstehen."

Tagesspiegel, 11. Juli

Rechtschreibrebell Krug

Ein bißchen peinlich wirkt es schon, wenn sich Ex-Ossi Manfred Krug von den tollen Service-Angeboten der Deutschen Telekom immer wieder schwer beeindruckt zeigt. Daß man diese Spots noch lange Zeit ertragen muß, war klar. Aussicht darauf, daß die volkspädagogische Nerverei ein Ende hat, bestand aber zumindest im Fall eines Anti-Rechtschreibreform-Trailers, den der Schauspieler auf eigene Rechnung produzieren ließ. Auf seine Gage verzichtete er.

Die Medienanstalt Berlin-Brandenburg hatte dem Berliner Rundfunk vergangene Woche untersagt, den Spot mit Krug auszustrahlen, in dem der in Ost und West gleichermaßen populäre Volksschauspieler, die "lieben Mitmenschen" auffordert, "Schluß mit der Rechtschreibreform" zu machen. "Das Volksbegehren läuft!" Statt sein Publikum wie gewohnt in den nächsten Telekom-Laden zu schicken, fordert er dazu auf, "in das nächste Bezirksrathaus in Berlin" zu gehen. Diskrete Empfehlung: "Unterschreiben Sie." Und das Beste: "Kostet keinen Pfennig."

So billig sei die Volksmeinung nicht zu haben, argumentierten die Medienwächter und beriefen sich bei ihrem Verbot auf den Paragraphen 47 des Medienstaatsvertrages. Demnach sei der Spot unzulässig, da es sich bei der Rechtschreibreform um einen "politisch umstrittenen" Vorgang handele, der hier "einseitig" thematisiert werde. 

Die Streiter für das Volksbegehren bewiesen daraufhin ihren wirklich originellen Umgang mit dem Wort und sprachen von einem "Maulkorb", der dem "Rechtschreibrebellen" verpaßt werden solle. Krug kann den Maulkorb wieder abnehmen: Das Berliner Verwaltungsgericht entschied auf "unpolitisch" und gab den Spot zur Ausstrahlung frei.

Lieblingsfeind: Talkmaster

Talkmaster sind einem steigenden Berufsrisiko ausgesetzt, seit sich immer mehr selbsternannte Medienkritiker auf die Shows eingeschossen haben. Mit Morddrohungen gegen Arabella Kiesbauer und Hans Meiser wollen Erpresser die Sender Pro Sieben und RTL zwingen, die Talkshows der beiden Moderatoren abzusetzen oder zu entschärfen. Bereits seit zwei Monaten ermittelt die Staatsanwaltschaft, nachdem der erste Drohbrief gegen Kiesbauer im März eingegangen war. 

Im April stellten die Erpresser dann ein Ultimatum, die Sendung "im Interesse unserer Kinder" innerhalb von sechs Wochen einzustellen oder entscheidend zu verändern. "Sollten Sie und Ihr Sender darauf nicht reagieren", schreiben die Kinderfreunde, "so werden wir Kiesbauer töten, um auch ein Signal für andere Randale-Moderatoren zu setzen." Meiser und Kiesbauer nehmen die Drohungen ernst. Vor vier Jahren war Kiesbauer nur knapp einem Attentat österreichischer Rechtsextremisten entgangen. Der daraufhin engagierte Bodyguard erhielt jetzt Verstärkung durch fünf weitere Kollegen.

Reclaim the Forest

Völlig umsonst haben die Alten wie Peter Schneider und die Jungen wie Tim Staffelt, Tanja Dückers und Judith Hermann ihre Provinzromane nach Berlin verlegt - die Jury der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung zeigte sich vom neuen Berlinroman völlig unbeeindruckt und entschied in Darmstadt: In der Provinz spielt die Musik. Und verlieh die wichtigste und höchstdotierte Auszeichnung für deutschsprachige Literatur an den überzeugten Provinzliteraten Arnold Stadler. 

Potsdamer Platz, Partypeople, "Schwarzsauer"? Der Autor, 1954 in Meßkirch geboren und auf einem Bauernhof aufgewachsen, erkundet lieber den Hotzenwald im Breisgau. Stadler, dessen Prosa ("Die Erinnerung fällt vom Fahrrad und bleibt liegen", "Mein Hund, meine Sau, mein Leben") bislang nicht allzuviel Leser gefunden hat, von Martin Walser aber bereits 1994 als Geheimtip gehandelt wurde, erhält im Oktober den mit 60 000 Mark dotieren Georg Büchner-Preis. 

Wild nach deinem Pfirsichmund

Immer den großen, die Menschheit bedrängenden Themen auf der Spur, hat sich Johannes Mario Simmel jetzt der Computerviren angenommen. Um Netzchaos, aber auch um Krieg und Katastrophen und nicht zuletzt um die Liebe wird es in seinem am 1. August erscheinenden Roman "Liebe ist die letzte Brücke" gehen, wie er im Interview mit der BamS vorab verriet. Deshalb hat Simmel das Buch auch seiner verstorbenen Frau Lulu gewidmet, zu der Simmel spontan einfällt, daß sie einen "faszinierenden Körper" hatte und einen "unglaublichen Mund". 

"Ach, dieser Mund", schwärmt der 75jährige im Interview. "Nach einem Essen mit Freunden in Paris haben wir mal gewettet, ob sie einen ungeschälten Pfirsich in den Mund bekommt. Reinbekommen hat sie ihn, aber nicht wieder heraus. (...) Wir mußten ins Krankenhaus, da war ein jungen Arzt, der sagte entsetzt: 'Mon Dieu!' Dann hat er mit einem Skalpell ganz vorsichtig kleine Stückchen des Pfirsichs abgeschnitten. Das dauerte ewig, dann machte es plopp - und der Restpfirsich flog raus." Trotzdem hat Simmel sich dann von ihr scheiden lassen.

  •  Die Nachrichten wurden von Heike Runge zusammengestellt
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