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Missing Missies
Überdiva Missy Elliott schreibt
mit "Da Real World" weibliche HipHop-Geschichte fort.
Von Heike Blümner
Als vor knapp zwei Jahren Missy
Elliotts Debütalbum "Supa Dupa Fly" herauskam, schien es, als erhielte
der in die Jahre gekommene Straßenkreuzer HipHop eine äußere
und innere Generalüberholung. Denn ob Wu-Tang Clan oder Notorious
B.I.G.: Fast jede aufregende und erfolgreiche Veröffentlichung, die
den Ohren bis dahin Neuartigkeit versprach, mußte sich am Ende doch
immer an dem zähen Mythen- und Tatsachen-Brei des männlichen,
afroamerikanischen, lokalpatriotischen Metropolendaseins abarbeiten, ob
als Martial Arts-Übersetzung oder Doku-Rap.
Auch die Alben der meisten Frauen
zirkelten um diese Welt, wenn auch eher aus der Partnerinnen-Perspektive.
"Supa Dupa Fly" öffnete die Tür zur nächsten Ebene, wo HipHop
zwar immer noch von sich selber wußte, aber nicht länger in
formalen Respektbezeugungs-Ritualen erstarrte. Mehr noch, "Supa Dupa Fly"
bediente sich angrenzender Genres wie beispielsweise Swingbeat, ohne das
Zitat zu bemühen. Statt dessen gab es einen fröhlichen, extrem
verdichteten Mischmasch mit leicht verzogenen Beats, die sich bis heute
in sämtlichen Missy Elliott-Produktionen wiederfinden lassen, ohne
zu langweilen. Kurz: Das Ganze war frisch, vielschichtig, und nicht zuletzt
durch die dazugehörigen Videos so verdammt farbenfroh, ja lustig,
daß es den Megaerfolg mit
sich brachte und somit alle glücklich
machte.
Und dann diese Frau. Die fleischgewordene
Emanzipation von allen bis dahin vorhandenen Rollenangebote für weibliche
HipHop-Stars. Nicht B-Girl, nicht Sex-Babe, sondern bunte, künstliche
Überdiva. Aber eben auch weibliche Produzentin und somit die Krönung
einer Entwicklung, die zum ersten Mal seit Jahren andeutete, daß
auch mehr und mehr Frauen im HipHop erfolgreich Platten verkaufen konnten.
Nur waren es eben jene sich als Sex-Babe inszenierenden Künstlerinnen
wie Lil' Kim oder Foxy Brown gewesen, die es als erste Frauen seit Salt'n'Pepa
wieder zu Platin brachten. Und deren Posen paßten den wenigsten Kritikerinnen,
vor allem aber Frauen außerhalb der amerikanischen HipHop-Szene,
im speziellen vielen weißen europäischen Feministinnen nicht
in den Kram.
In ihren Reimen war der Blow Job
auch mal eine Dienstleistung wie das Gucci-Kostüm eine Ware, und das
eine der Weg, um das andere zu erhalten, dazu räkelten sie sich in
knappen Designerteilchen vor glitzernden Kulissen. Ihnen daraus einen Vorwurf
zu basteln, war zwar ähnlich kurz gedacht, wie Gangster-Rapper für
Ghetto-Gewalt verantwortlich zu machen, doch mit dem Auftauchen von Missy
Elliott erledigte sich diese Frage ohnehin. Denn da war sie: die eine,
die versprach, daß es doch irgendwie nach vorne ging, musikalisch
wie personell.
Zwei Jahre nach "Supa Dupa Fly"
erscheint nun Missy Elliotts zweites Album, "Da Real World", und eins ist
klar, daß nämlich fast alle aktuellen HipHop-Produktionen daneben
in der künstlerischen Belanglosigkeit versinken. "Da Real World" ist
unschwer als HipHop zu erkennen, aber gleichzeitig ganz anders. "Da Real
World" macht das, was die großen Hiphop-Alben immer gemacht haben,
es transzendiert das Genre. Womit Missy Elliott das gelungen wäre,
wovon die Kollegen den ganzen lieben langen Tag rappen, nämlich HipHop
zum next level zu bringen.
"Da Real World" ist bombastisch,
aber nicht größenwahnsinnig, verspielt, aber nicht kitschig,
mit eingeschworenen Gast-Rappern von Da Brat bis MC Solaar, die verschiedene
Szene-Anbindungen garantieren. Missy Elliott feiert und läßt
sich in jedem Track feiern: Missy, Missy, oder eben M.I.S.S.Y. Zu Recht,
denn der große Wurf ist gelungen. Auch vom Image her. Einerseits
präsentiert sie sich immer noch in erfrischender Künstlichkeit,
als Ritterin, Comicfigur oder fast schon transvestitenähnliche Puppe.
Andererseits beansprucht sie für sich eine Art bodenständige
Kumpelhaftigkeit, als Frau, die zu jeder Glitzer- und Glamour-Party mit
Baseball-Shirt, Jeans und Turnschuhen erscheint. Kurios und aufregend ist
das im besten Fall. Sexy eher nicht. Auch tritt sie nie als begehrte oder
begehrende Frau in ihren Videos auf, was für das Black Music-Segment
äußerst ungewöhnlich ist.
Das tun dann eher Künstlerinnen
wie Aaliyah oder Total, zwei der vielen Missy Elliott-Produktionen, die
für einen femininen, aber untussigen urbanen Swingbeat stehen. Als
weiteren Coup kann sie für sich verbuchen, daß sie für
eine künstlerisch eigenwillige, kompromißlose Linie steht, aber
trotzdem in it for the money ist: Missy Elliott behängt sich gerne
mit Diamanten wie es schon seit über einer Dekade nicht mehr angesagt
war. Also, Missy gewonnen, die anderen verloren?
Ganz so einfach ist das auch nicht,
zumal die Trennung zwischen "guten" und "bösen" HipHop-Frauen mehr
in europäischen Feuilletons denn in der echten HipHop-Welt vorgenommen
wurde. Tatsächlich lieferte Foxy Brown Anfang des Jahres ein ziemlich
langweiliges Album ab, und von Lil' Kim hört man jetzt auf "Da Real
World" zum
ersten Mal seit ihrem letzten Album
"Hardcore" wieder etwas. Es sieht so aus, als ob die upcoming weiblichen
HipHop-Talente und die dazugehörigen Erfolgsgeschichten sich gegen
das traditionell ultramännliche HipHop-Business noch nicht mal in
einer Nische erfolgreich behaupten könnten.
Übrig geblieben sind eigentlich
nur noch die Over-Achieverinnen Lauryn Hill und Missy Elliott, die in diesem
Jahr wohl mehr geleistet haben als Puff Daddy, Master P. und der Wu-Tang
Clan zusammen. Doch eine bis fünf Erfolgsstufen tiefer tut sich erstmal
gähnende Leere auf, was die Relevanz weiblicher HipHop-Acts angeht.
Dabei spielt sich derzeit im Independent-Bereich
einiges ab, was neben Produzentinnen, Sängerinnen und Performerinnen
wie Missy Elliott oder Lauryn Hill als der andere heiße Scheiß
gehandelt wird: Ehrlicher HipHop mit reduzierten Beats und schlagkräftigen,
ausgefeilten Reimen. Gemacht von Jungs, die einen ehrlichen Handschlag
einem falschen Hundert-Dollar-Schein vorziehen und sich den historischen
Anfängen von HipHop verpflichtet fühlen. Dazu organisieren sie
ihre Feten unabhängig, in Anlehnung an die Tradition der guten alten
Blockparties, wo jeder mal für fünf Minuten sein Talent am Mikro
vorführen darf.
Diese Szene rund um die Lyricist
Lounge oder aber auch Jurassic Five von der Westküste polieren auch
am korrupten Image von HipHop, werden als integer rezipiert. Doch Frauen
tauchen hier gar nicht mehr auf, obwohl die Jungs weniger von dem Macker-Posing
drauf haben als die finanziell erfolgreichen Kollegen. Bei der Record Release-Party
der Lyricist Lounge kam auf fünfzig Rapper auf der Bühne gerade
mal eine Frau. Im Publikum sah es ähnlich aus.
Dabei war vor einem Jahr die Aufbruchstimmung
durchaus echt. Selbst die einzige Redakteurin von New Yorks führendem
HipHop-Magazin The Source, Tracii Mc Gregor, traute sich mit einem mehrseitigem
Special plus rundem Tisch zum Thema Frauen und HipHop auf den Markt. Eine
kleine Sensation bei einer Publikation, die es noch nicht mal schaffte,
Missy Elliott trotz Platin aufs Cover zu bringen. Nebenbei warf nämlich
der kurze Boom der verschiedenen weiblichen Stilrichtungen von Lil' Kim
über Queen Pen bis Lauryn Hill Fragen zu den allgemeinen Lebensbedingungen
afroamerikanischer Frauen auf. Damit ist es wohl zunächst erstmal
wieder vorbei.
Missy Elliott versucht sich zwar
auf "Da Real World" an einer positiven Umcodierung des Wortes "bitch",
indem sie es auf dem gesamten Album inflationär verwendet und dazu
in Interviews behauptet, daß sie die Bitch von ihrem schlechten Image
befreien will.
Doch ist dieser Ansatz nicht neu
und kommt trotz aller Beteuerungen auf dem Album doch eher als Gimmick
rüber. Nachdenklich stimmt sowas wahrscheinlich noch nicht mal mehr
Tipper Gore. Missy Elliott ist zwar die erfolgreichste Produzentin, sie
hat HipHop den Kick in eine neue Richtung gegeben, und zusammen mit dem
Videoregisseur Hype Williams und der Stylistin June Ambrose ein ultracooles
Image zu ihrer Person gestrickt. Die Lorbeeren dafür kann sie alleine
einsammeln. Kaum eine andere Künstlerin hat wohl heute die Kraft,
es soweit zu schaffen.
Dabei ist Missy sich ihrer Stellung
durchaus bewußt: "Ich will die Frau sein, mit der die weibliche Produktionsgeschichte
begann", sagt sie. Leider sieht es momentan fast so aus, als könne
die weibliche Produktionsgeschichte mit ihr auch wieder aufhören.
Missy Elliott: "Da Real World".
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