Pakistan sichert Rückzug aus
Kaschmir zu
Kriegsgeil bis zum letzten Mann
Von Mike Playford
Mit dem Krieg hat Pakistan eigentlich
gar nichts tun. Das behauptet die Regierung in Islamabad zumindest immer,
wenn der Nachbarstaat Indien sie beschuldigt, reguläre Soldaten im
indischen Teil Kaschmirs einzusetzen. Oder wenn Vertreter der US-Regierung
über Geheimdienstinformationen berichten, nach denen die islamistischen
Guerilleros, die sich seit Ende Mai im Süden der Provinz mit der indischen
Armee bekriegen, von der pakistanischen Seite unterstützt werden.
Trotzdem übte sich Ministerpräsident
Nawaz Sharif vergangene Woche in internationaler Diplomatie: Ein Besuch
bei William Clinton, ein Telefonat mit Anthony Blair in London - und schon
erklärte Sharif am Donnerstag, die Kaschmir-Kämpfer würden
den Rückzug antreten. Obwohl die Regierung ja angeblich keine Kontrolle
über die islamischen Gotteskrieger hat, schon gar keine eigenen Truppen
entsendete und so tat, als wüßte man nicht einmal, wo es ist,
dieses Kaschmir.
Die Rückzugspläne präsentierte
der pakistanische Premier zunächst nur seinem Gastgeber - und der
internationalen Presse. Gegenüber der pakistanischen Tageszeitung
The News International sagte er davon lieber nichts. Statt dessen tönte
er, Pakistan habe viel bessere Raketen als Indien. Es wäre auch nicht
wirklich glaubwürdig, wenn sich Sharif, der innenpolitisch eine Islamisierung
des Landes vorangetrieben und sich mit dem indischen Ministerpräsidenten
und Hindu-Extremisten Atal Bihari Vajpayee einen regelrechten Wettlauf
um die Atomwaffenfähigkeit der beiden Nachbarstaaten geliefert hat,
plötzlich zum Friedensstifter mutiert.
Die in Washington vorgespielte Besonnenheit,
ist sonst nicht seine Art - und wird ihm gerade deshalb übel genommen.
Die oppositionelle Jamaat-e-Islami wirft dem Premier "Verrat" an den gegen
die indische Armee kämpfenden Mujaheddin vor und organisiert Demonstrationen
gegen Sharif. Mit den Parolen "Allah ist groß" und "Der heilige Krieg
geht weiter" reagiert auch die mehr als ein Dutzend islamistische Gruppen
aus Kaschmir umfassende Dachorganisation mit dem schönen Namen Vereinigter
Rat des Heiligen Krieges: "Bis zum letzten Blutstropfen und bis zum letzten
Mann" soll weitergekämpft werden.
In der pakistanischen Armee ist
man schon länger unzufrieden mit dem Regierungschef. Neuerdings unterstehen
die Soldaten der Zivilgerichtsbarkeit, und im Oktober gab es einen offenen
Konflikt, als Sharif den Armeechef Jehangir Karamat durch einen ihm selbst
treu ergebenen General ablöste. Nun gilt die in Washington zur Schau
gestellte Kompromißfähigkeit des Ministerpräsidenten den
Militärs auch noch als "vollkommener Ausverkauf" und als feige Kapitulation.
Ist man in Pakistan - bestärkt durch das aggressive nationalistische
Gepolter Sharifs - doch überzeugt, es mit dem Nachbarn aufnehmen zu
können: Ein pakistanischer Brigadier zeigte sich gegenüber der
New York Times schon ganz kriegsgeil: "Die indischen Soldaten kommen in
großen Gruppen von 200 oder 300 Mann - ein wundervolles Ziel für
unsere Artillerie."
Während Sharif auf die kampfbereiten
Kräfte im eigenen Land und die Schuldzuweisungen aus dem Ausland zugleich
eingehen muß, kann sich der indische Premier Vajpayee ungestört
als Nationalheld feiern lassen. Er ist nur Übergangspräsident
ohne parlamentarische Mehrheit und ein erfolgreicher Kriegszug gegen die
Mujaheddin wäre zweifellos die beste Werbung für die im September
anstehenden Wahlen.
Vajpayee konnte es sich sogar erlauben,
nicht nach Washington zu fahren. Statt dessen rief er seinem nationalistischen
Hindu-Anhang zu: "Wir werden den Krieg gewinnen." Sein Ziel, die "moslemischen
Eindringlinge" zu vertreiben, war bereits seit Vajpayees Amtsantritt im
März letzten Jahres Regierungspolitik. Den nationalistischen Hindus
gilt schließlich jeder Moslem, jeder Unberührbare, jeder Kommunist
und jeder sonstige Nicht-Hindu als Eindringling in ihre heile religiöse
Welt, gegen die mit Unterstützung der Vajpayee-Partei Pogrome und
Morde organisiert wurden.
Und dieser Krieg für ein großes
und religiöses Hindustan, so kündigte Vajpayees Innenminister
Lal Krsihna Advani an, "geht auf jeden Fall weiter". Da kann sich Sharif
noch so diplomatisch geben. |