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Unsichere Räume
Jugoslawien, die moderne Seidenstraße
und der Kampf um die Macht auf der eurasischen Landmasse.
Von Rainer Trampert
Wegen der Dimension des Todes und
zur Beseitigung der wahren Motive benötigen Kriege einen moralischen
Schein. Diesmal sind die wahren Ursachen aus der Menschenrechtspropaganda
herauszufiltern, von der die Deutschen vermutlich am meisten abbekamen.
Rot-Grün hatte immerhin den ersten Krieg seit Hitler zu verantworten.
Der Bedarf an moralischer Selbstsuggestion
bei Grünen oder Friedensbewegten mußte befriedigt und der Rest
an kritischer Reflexion deutscher Geschichte abgeräumt werden. In
dieser Situation halfen Anleihen bei der postmodernen Ambivalenz und dem
protestantischen Moralkodex.
Die praktisch abwägende Bedenklichkeit
diffamierte das "Nie wieder Krieg" als unerhörte Eindeutigkeit, und
jeder war schuldig, ob er nun 800 Bomben am Tag oder keine werfen wollte.
Dazu gab es die schon im Golf-Krieg geübte Perfidie, daß Kriege
der Zivilisation fürs Menschenrecht sind und Deutschland für
Nationalsozialismus und sein Auschwitz mit der Teilhabe an der kriegerischen
Neuordnung der Welt zu belohnen sei.
Andere Deutsche sind weniger diffizil.
Wem "Untermenschen" etwas sagen, dem bot Kriegsminister Scharping un-ablässig
blutrünstige Serben. Liebhaber der Volksmusik-Abende bekamen Musi
und Sammlungen, fast wie zu Weihnachten. Aufs Vergnügen getrimmte
junge Menschen, die in Umfragen am meisten für das Bomben waren, bekannten
sich einfach zum Event. Die knallen da ganz schön. Der zweite Modernisierungsakt
lag also in einem Krieg, der allen etwas bietet, bei dem aber keiner emphatisch
sein muß. Das Menschenrecht ist der Kitt, der doppelt hält:
als Kriegserklärung zum Wohlfühlen und für die Beseitigung
staatlicher Souveränität.
Mit Menschenrechten konnte der Krieg
nichts zu tun haben, weil aufs Völkermorden abonnierte Regimes, wie
das indonesische, zu den dicksten Freunden der Kriegspartner zählen
und die Flüchtlinge allzu offen nur Objekt der Propaganda waren. Sobald
albanischen und serbischen Banden die Puste ausgegangen war, half die Nato
mit ihren Bomben nach, und in die reichen Länder durften sie nicht
kommen, weil man sie im Schlamm-Zoo besichtigen wollte.
Die Moral marschiert mit den Soldaten,
und sie wird in dem Maße wachsen, wie "eigene" sterben und die Lüge
von der Menschlichkeit eine Symbiose mit der Versorgung eingeht. Wenn ein
Land mit dem billigen Menschenrecht 50 Jahre zurückgebombt werden
kann, um wieviel moralischer wird ein Krieg sein, der das Autofahren preiswert
macht.
Es waren die Eindeutigen, die manchmal
aus dem Morast der Propaganda herausragten. "Daß die Nato aus reiner
Menschenliebe" Milliarden "für ein Unternehmen verfeuert, muß
man nicht glauben", schrieb die FAZ (2. Juni 1999). "Wer im Namen der 'internationalen
Stabilität' die Hegemonie in der Welt beansprucht", müsse "irgendwann
damit beginnen, sie zu demonstrieren - mit oder ohne Rücksicht auf
das Völkerrecht."
Damit kommen wir der Sache näher.
Der Krieg gegen Jugoslawien war Teil der permanenten Expansion, mit dem
Menschenrecht als Schlüssel für die Beseitigung staatlicher Souveränitäten
und die Schaffung von Protektoraten. Dieser Hoheitsanspruch korreliert
mit der "guten Nachricht", wie General Klaus Naumann meint, daß "niemand
uns mehr bedrohen kann".
Der Imperialismus, der sich in der
bipolaren Welt nicht so entfalten konnte wie er wollte, hat seine Dynamik
wieder. Nach der Austreibung des Sozialismus aus Regionen und Köpfen
geht es in den Zentren zum profitableren Sozialdarwinismus zurück,
geostrategisch gen Osten, die Bereinigung der Transport-Korridore nach
Europa und Asien inklusive, und hinter den Kulissen tobt die unfreundliche
Konkurrenz der Waffenbrüder um die Vorherrschaft auf der "eurasischen
Landmasse", wie US-Stratege Zbygniew Brzezinski sagt. (1)
Stabilität für
den ehemals sowjetischen Machtbereich
Der Krieg gegen Jugoslawien sei
"kein Einzelfall", sondern nur der Beginn eines ehrgeizigen geostrategischen
Projektes, erläuterte William Clinton am 26. Februar 1999 in San Francisco
US-Chefredakteuren, die wissen wollten, was die USA im Kosovo suchten.
(2) "Ein Großteil der früheren SU steht vor ähnlichen Herausforderungen,
darunter Südrußland, die Kaukasus-Nationen (...) sowie die neuen
Nationen Zentralasiens." Mit der Öffnung dieser Region "wurde das
Potential ethnischer Konflikte zur vielleicht größten Bedrohung
unseres wichtigsten Anliegens": "Stabilität" in den "einstmals kommunistischen
Ländern", die Präsidentenberater William Courtney genauer definiert
als: "Freier Zugang zu den Vorkommen, Verteilung der Weltenergieversorgung
auf verschiedene Regionen, ungehinderter Absatz der kaspischen Rohstoffe
auf den Weltmärkten".
Als der "Ostblock" zerfiel und Friedensbewegte
der Nato weismachen wollten, sie habe keine Aufgabe mehr, konzentrierte
sich die Allianz bereits auf den alten sowjetischen Machtbereich. 1992
(!) erklärte das NACC (3) die Nato-Zuständigkeit für Osteuropa,
"Jugoslawien, aber auch für die Konflikte im Kaukasus" (4). Sie marschiert
seitdem zielstrebig an die russischen Grenzen heran, in Europa über
die Aufnahme in die Nato, woanders über diverse Nato-Kooperationen.
Die Initiative "Partnerschaft für den Frieden" bietet anderen Staaten
für den Fall ihrer Bedrohung "Konsultationen" und mehr an, die "alliierten
Streitkräftekommandos" sehen bei ihren Operationen die "Beteiligung
von Nichtmitgliedstaaten" vor.
Das gemeinsame Ziel ist die Verwandlung
der Welt in eine Freihandelszone, im besonderen fühlen die Mitglieder
sich aber vom kaspischen Rohstofflager angezogen, wie einst die Goldgräber
vom Klondike River, und weil das "Gold" nach Europa und China soll, müssen
die Routen in beide Richtungen zementiert werden.
Was Clinton anvisiert, bestätigen
Expertisen Aus Politik und Zeitgeschichte (5). Es gehe um die Staaten "der
kaspischen Region" (Rußland, Kasachstan, Turkmenistan, Aserbaidschan,
Iran), die "zu den Konfliktzonen an der Südflanke der Nato" gehörten.
"Das Regionalkommando Süd der Nato" bereite "sich daher auf ein frühzeitiges
Engagement" in diesem Raum vor. Seit Jahren zielen Kriegsandeutungen auf
Zentralasien und den Korridor von der Adria bis China. Am 18. September
1997 hatte die Washington Post gefragt: "Werden Kriege künftig mit
europäischer und amerikanischer Beteiligung wegen knapper Rohstoffe
oder wegen ethnischer Unruhen an den südlichen Rändern Europas
und Rußlands geführt?"
Das deutsche Außenamt erklärte
zu Klaus Kinkels Zeiten, daß "diese Region Ausgangspunkt ernsthafter
internationaler Auseinandersetzungen werden (kann), mit Auswirkungen weit
über die kaspischen Staaten hinaus" (6), und die SPD-Fraktion befürchet:
"Eine Wiederauflage des 'Great Game' als Regression zum politischen Denken
des 19. Jahrhunderts und die Verwandlung der kaspischen Länder in
ein Schlachtfeld der Geopolitik, das wäre das Schlimmste (...), und
es wäre eine politische Niederlage für ganz Europa." (7)
Die "Niederlage" antizipiert die
Fähigkeit der USA zur militärischen Klärung, bevor Europa
mit eigenem Kommando und eigener Logistik soweit ist. Erinnerungen an die
Eroberung der arabischen Halbinsel sind wach geworden. 1927 hatten die
USA, Frankreich und Großbritannien das "Red-Line-Abkommen" geschlossen.
Keiner durfte sich ohne Erlaubnis der Partner in Saudi-Arabien Konzessionen
unter den Nagel reißen. Bald hatten die USA Frankreich hinausgeworfen
und Großbritannien an den Rand gedrängt. Standard Oil (Esso),
Mobil Oil und Texaco beherrschten Saudi Arabien.
Diesmal wollen die USA, wie Brzezinski
feststellte, zunächst verhindern, "daß Rußland diesen
geopolitischen Raum allein beherrscht" (Die Zeit, 10. Juni 1998). Zwar
ist Rußland noch aus Sowjet-Zeiten mit Firmen und Militär präsent,
doch "Alleinherrschaft" ist angesichts des schwindenden Einflusses pure
Projektion. Wenn der eine die Region übernehmen und der andere sie
nicht preisgeben will, dann liegt es auf der Hand, daß "das amerikanische
Interesse an einem sicheren und ungehinderten Zugang zu den Energieressourcen
des Kaspischen Meeres mit dem Interesse an stabilen Beziehungen zu Rußland
(kollidiert)" (5).
Auch Deutschland und die EU breiten
sich dort aus, müssen aber auf Rußland, wo sie sich stark engagieren,
Rücksicht nehmen. Deshalb sind die USA und Europa zwar gemeinsam entschlossen,
"die Region in den euro-atlantischen Wirtschaftsraum zu integrieren", stehen
dabei aber "eher im Wettbewerb", "als daß sie sich ergänzen"
(5).
Ein strategischer Kampf um die
letzten großen Reserven
Was macht Zentralasien so begehrenswert?
Es geht um ziemlich viel, meinte Alexander Rahr vom Institut für auswärtige
Politik in der ARD: Dort "findet ein strategischer Kampf um die letzten
großen Reserven der Welt statt". Sie tragen heute noch wenig zur
Versorgung bei, besitzen aber schon deshalb strategische Bedeutung, weil
der Weltenergiebedarf nach Schätzungen des Weltenergierates bis 2020
um 50 Prozent steigen wird. Für Beschaffung und Transport veranschlagt
man Investitionen von 30 000 Milliarden US-Dollar in "unsicheren" Räumen.
In zehn Jahren werden die USA etwa 60 Prozent, Europa sogar 70 Prozent
der Energie aus der übrigen Welt holen. Man nimmt außerdem an,
daß der Energieverbrauch in China sich bis dahin verdoppelt haben
wird und das Land dann 40 Prozent importieren muß.
Die kaspischen Reserven werden pessimistisch
auf drei Prozent (so viel wie in der Nordsee) und optimistisch auf 20 Prozent
der Weltreserven geschätzt. Zum Vergleich: In Saudi-Arabien liegen
heute 25 Prozent und in den Emiraten zehn Prozent. Die Erdgaslager sollen
bedeutender sein. Nur in Turkmenistan vermutet man die dritt- oder viertgrößten
Reserven (hinter Rußland und Iran) der Welt. Erdgas wird mit Pipelines
zu den Verbraucher-Regionen transportiert; durch viele Länder, die
sehr friedlich sein müssen, sonst nützen die Vorkommen nichts.
Öl und Gas ist aber bei weitem
nicht alles. Kasachstan zählt zu "den wichtigsten Bergbauländern
der Welt" und hat Chancen, bald eine ähnliche Rolle zu spielen wie
Südafrika/Namibia. "Von den 112 Elementen des chemischen Periodensystems
kommen mehr als zwei Drittel in Kasachstan vor" (FAZ, 24. November 1997).
Neben Kohle, Erdöl, Erdgas, sind dort die größten Zinkreserven
der Welt, die zweitgrößten Blei-, Chrom- und Silberreserven;
Goldvorkommen von "beachtlicher Größe" und Bauxit, Eisen, Kadmium,
Kaolin, Kupfer, Mangan, Molybdän, Phosphorit, Uran und Wolfram.
Entsprechend bunt ist das Treiben
im Land. Bergbauunternehmen aus den USA, Japan, Kanada, Deutschland, Großbritannien,
Australien, Neuseeland und Israel buddeln neben russischen in der Erde.
Die US-Konzerne Chevron und Mobil (inzwischen Exxon) bohren an der Küste.
Mobil, Shell, British Gas, Statoil und die italienische Agip arbeiten Off-Shore.
Am Ural sitzen Texaco, British Gas, die russische Lukoil und Agip, auf
den Usenfeldern hat sich "China" eingenistet und die "Japaner" versuchen
es am Aralsee. Chevron räumt nahezu die Hälfte ab, aber Mobil
holt in "unserem wichtigsten Expansionsgebiet" auf. In Aserbaidschan sieht
es ähnlich aus. Die andere Seite des Raubüberfalls präsentiert
die Hauptstadt Baku: Die Elendsviertel wachsen, weil die Landflucht für
Menschen-Nachschub sorgt und die Öl-Arbeiter die Wohnungen in Beschlag
nehmen. Die Flasche Bier kostet inzwischen 15 Mark.
Europa ist, "mit Ausnahme von Großbritannien,
insgesamt noch wenig präsent" (NZZ, 14. Dezember 1998). Nach dem Zweiten
Weltkrieg "wurden die Märkte ohne uns aufgeteilt", erklärt Peter
Schweinehage von der Deminex (8) das deutsche Dilemma. "Im Zuge der Wiedervereinigung"
habe man sich "zunächst auf Rußland konzentriert", doch "seit
zwei Jahren holen wir am Kaspischen Meer auf".
Die USA dominieren aber nur bei
Öl und Gas. Deutsche Konzerne haben beizeiten aus der Not eine Tugend
gemacht und sich industriell ausgebreitet. Sie engagieren sich in "Bergbau,
Energie, Telekommunikation, Luftverkehr, Landtechnik, Textilindustrie und
Infrastruktur-Entwicklung" (6). Im Warenaustausch ist man die Nummer eins.
Die USA kämen dem deutschen Volumen "am nächsten" und das übrige
Europa sei "deutlich schwächer" verankert. Auf diese Weise lassen
sich Verluste auf russischen Märkten, die nicht hielten, was sie versprachen,
etwas kompensieren. Das Volumen ist zwar noch gering, doch die Dynamik
macht den Mund wässrig. Einige Länder boten Zuwächse bis
zu 90 Prozent im Jahr.
Die deutsche Politik verfolgt drei
Ziele in dem Raum: Die "Errichtung eines marktwirtschaftlichen Wirtschaftssystems",
"die Heranführung an Europa" und "die Verbesserung der Marktzugangsbedingungen
für die deutsche Wirtschaft" (6). Die imperiale Dialektik ist sauber
seziert. Im atlantischen Bündnis wird die Region gemeinsam erschlossen
und gesichert, mit Europa werden hegemoniale Ambitionen der USA gebremst,
im europäischen Bündnis sieht Deutschland zu, daß es am
meisten profitiert.
Der Plan ist gut, allein die USA
haben etwas dagegen. Das SPD-Fraktion bedauert, daß die acht Ölgiganten
der USA "ihre Beteiligungen und Investitionen häufig an günstige
Konditionen für andere Anbieter aus ihren Herkunftsländern knüpfen".
Das Öl-Geschäft werde so "zum Türöffner für weitere
Aufträge im Infrastrukturbereich". Globale Konzerne verlieren nationale
Anliegen eben nie aus den Augen. Aufträge für Inländer erhöhen
Marktvolumen und verteilbaren Mehrwert im Inland und daran partizipieren
sie mehr als ausländische Konkurrenten.
Auch China, das an Kasachstan grenzt,
breitet sich in der Region aus. Es verhandelte mit dem Nachbarn "über
ein weiteres Ölfeld und über Investitionen in die Lkw-, Strom-
und Phosphorproduktion" (Die Zeit, 10. Juni 1998). Eine neue Eisenbahnstrecke
verbindet beide Länder und ein Zehn-Milliarden-Dollar-Pakt "zur Öl-
und Gasförderung sowie zum Bau einer Leitung (wurde) unterzeichnet".
Solche Summen wollen gesichert sein und deshalb "intensivieren" beide "ihre
militärische Zusammenarbeit".
Aber nicht nur Chinas Investitoren
rufen das Militär. Schon im Herbst 1997 waren amerikanische "Fallschirmjäger
nach einem Direktflug aus den USA über der kasachischen Steppe" (NZZ,
6. Januar 1998) abgesprungen. Amerika zählt "Zentralasien zu seinen
Interessenssphären, und seine Streitkräfte können jede noch
so abgelegene Region erreichen - diese Botschaft" habe Washington "der
Welt erfolgreich vermittelt".
Kasachstan hatte für "eine
militärische Zusammenarbeit mit der Nato, (...) für Manöver
mit den USA wie auch für den euroasiatischen Transportkorridor aufgeschlossen"
(5) zu sein. Im Lande führen nun Militärverbände aus den
USA, China und Rußland Übungen durch. Ein Drittel der Bevölkerung
sind Russen, auch 260 000 "Deutsche" leben da. Volker Rühe hat ihnen
und der "kasachischen Ethnie" bei einem Besuch versprochen, dem deutschen
Volk liege beider Schicksal sehr am Herzen. Möglich, daß die
Deutschen die ihnen heute noch gänzlich unbekannten Kasachen bald
mit ihrer Menschlichkeit zu beglücken haben.
Die moderne
Seidenstraße
"Es ist eine Sache", Erdöl
zu fördern. "Es ist eine ganz andere Sache, sie zu den Verbrauchern
nach Europa, Amerika, oder Asien zu bringen. Die Frage, durch welche Staaten
die jeweiligen Pipelines verlaufen, gewinnt daher enorme politische und
geostrategische Bedeutung." (SZ, 18. Dezember 1997) Die Reaktivierung der
alten Seidenstraße zu einer modernen Pipeline-, Kabel-, Rohstoff-,
Waren- und Investitionsstrecke darf man sich wie die Just-In-Time-Produktion
als Weltsystem vorstellen. Beide bilden ein Versorgungsband, bei dem die
Störung an einer Stelle alles gefährden kann. Staaten lassen
sich aber nicht wie Arbeitskräfte und Zulieferer auswechseln. Deshalb
müssen dysfunktionale Regierungen, Ethnien, Banden oder Rebellen gekauft,
zerbombt oder in Stellvertreter-Kriegen gestutzt werden. Am besten präventiv,
weil die Wirtschaft in stabile Räume investieren möchte, wie
Rußland negativ zeigt.
Das Kaspische Meer hat keinen Zu-gang
zu den Weltmeeren und bisher standen nur die russische Pipeline durch Tschetschenien
zum Schwarzmeer-Hafen Noworossisk und die iranische zum persischen Golf
zur Verfügung. Die USA wollen beide austrocknen, die iranische wegen
des Islams und der regionalen Großmacht-Ambitionen. Präsident
Mohammad Khatami redet seinen Nachbarn ein, ihre "Entscheidungen nach unserer
gemeinsamen kulturellen Identität" zu richten (Handelsblatt, 6. August
1998). Er hat aber nicht nur Religion zu bieten, sondern auch den preiswertesten
Transportweg. Die USA drohen allen, die mit dem Iran Geschäfte machen,
Bestrafung an, was die französische Total wiederum nicht beeindruckt
hat.
Sie vereinbarte mit Teheran eine
Pipeline, die 2004 in Betrieb gehen soll. Rußland wird beschädigt,
weil seine Truppen und Firmen im Weg stehen, die USA die Versorgung Europas
in die Hand bekommen und aus geostrategischen Überlegungen Dissonanzen
zwischen Europa und seinem asiatischen Hinterhof säeen wollen. Die
Bedarfsdeckung und der Besitz von Quellen und Routen, der Konkurrenten
abhängig macht, sind eben nicht dasselbe.
Neue, von US-Konzernen dominierte
Pipelines sind diesen Absichten gewidmet. Die eine, von Baku zum georgischen
Schwarzmeer-Hafen Supsa, wurde im März 1999 in Betrieb genommen. Von
da aus geht's per Tanker durch den Bosporus in die weite Welt. Das Öl
könnte auch in bulgarischen Raffinerien verarbeitet und auf der Donau
durch Jugoslawien nach West-Europa gelangen. Noch besser wäre eine
Pipeline.
Im Februar 1998 vereinbarte "Bukarest"
mit der italienischen ENI, eine "Machbarkeitsstudie für eine Pipeline
vom Hafen Constanta nach Triest, über Ungarn (...) und Serbien" zu
erstellen, die "auch von den USA mit 650 000 Dollar gefördert" wird.
"Mehrere US-Firmen" haben sich "um den Bau der Pipeline beworben (...).
Pferdefuß der lukrativen Trasse" sei "der Teilabschnitt durch Serbien".
"Der Transit" könne nur "durch eine internationale Garantie" (Handelsblatt,
13. Oktober 1998) gewährleistet werden. Das klingt eindeutig. Trotzdem
wird es Zufall sein, daß der Bundestag etwa in dieser Zeit den Krieg
gegen Jugoslawien beschloß.
Aus ökonomischer Sicht hätte
die durch Belgrad und Novi Sad fließende Donau genügt. Nur die
Ukraine ist mit "1 000 Schiffen" für "den Güterverkehr auf der
Donau mit Deutschland und Österreich" (FAZ, 1. Juni 1999) im Einsatz.
Geht es nach dem Willen der USA, soll die georgische Pipeline zum türkischen
Mittelmeer-Hafen Ceyhan verlängert werden. Dieses Projekt ist "in
der Strategie der amerikanischen Geopolitiker" nur "der erste Teil eines
euro-asiatischen Transportkorridors unter Umgehung Rußlands und Irans"
(NZZ, 14. Dezember 1998).
Erst mit dem nächsten Projekt,
der von der PSG-International (9) geplanten Gas-Pipeline von Turkmenistan
durch das Kaspische Meer in die Türkei und über Bulgarien / Jugoslawien
gen Westen, wäre Rußlands "Kontrolle der Exportwege" endgültig
"beendet". Mit dieser Linie wäre man laut PSG-Chef Edward Smith auch
dem großen Ziel näher gekommen: "Europa mit Erdgas versorgen".
Die Türkei ist sehr dafür. Sie wäre Drehscheibe zum Westen
und könnte sich an Stelle des Iran zur Regionalmacht aufschwingen.
Mit diesem Gewicht und die USA im Rücken würde sie "ihren Einfluß
in den turksprachigen Ländern der Region festigen".
Die Türkei betrachtet schon
jetzt den Balkan als ihre "erweiterte Verteidigungszone", kommentierte
der frühere türkische Botschafter Sukru Elekdag. Als Zentrum
des "kaukasisch-zentralasiatischen Korridors" sei sie eben aus "geostrategischen
Interessen" um die "Sicherheit und Stabilität des Balkans besorgt".
(10)
Noch ist der Wunsch Vater des Gedankens.
Bislang sträuben amerikanische Öl-Konzerne sich gegen die Ceyhan-Strecke,
weil sie ihnen zu teuer ist. Washington hat den Transport durch Rußland
und den Iran verboten, aber den Weg durch die Türkei mit einer Hilfe
von sechs Milliarden Dollar schmackhaft gemacht. Was sagt uns das? Zum
einen, daß Nationalstaaten sich keinesfalls auflösen, sondern
höchst machtvolle und rege Gebilde sein können, zum anderen,
daß der finanzielle Spielraum der USA groß ist. Der US-Etat
ist im Plus und die Regierung deshalb selbst ökonomischer Akteur.
Soweit kann ein Staat nur kommen, wenn er wie der norwegische Öl findet,
oder ganz antikeynesianisch die vom Mehrwert abgezogene Sozialsumme, mit
der Menschen, die keinen Mehrwert produzieren, versorgt werden, dem Profit
zuführt.
Deutschland und Europa wollen eigene
geostrategische Wege gehen. Erstens finden sie die Isolierung des Irans
"wenig aussichtsreich", zweitens favorisieren sie einen eigenen "Eurasischen
Transportkorridor" mit den "Verkehrsträgern Usbekistan, Turkmenistan,
Aserbaidschan, Georgien und der Ukraine". Dieser "geographisch günstige"
Weg "zwischen Europa und Asien" soll aber nicht auf die "Umgehung russischen
Territoriums" (6) zielen, sondern nur eine Ergänzung sein. Deutschland
hat mit Rußland, das ein Drittel der Energie-Importe liefert, noch
einiges vor. Der russische Staat will seine Schulden "in Energielieferungen
begleichen" (FR, 19. Februar 1999) und auf der Tagung mit der Gazprom wurde
ins Auge gefaßt, die absehbare Gas-Lücke durch eine 50 Milliarden
Dollar teure Pipeline vom sibirischen Jamal-Feld bis Deutschland zu schließen.
Solche Pläne sind Motiv genug,
daß Edmund Stoiber Moskau besucht, während die rot-grüne
Regierung den atlantischen Krieg zu führen hat, daß man Viktor
Tschernomyrdin, ehemals Chef der Gazprom und heute ihr Lobbyist in der
Politik, ein diplomatisches Gewicht und Rußland ein eigenes Kommando
im Kosovo gönnt.
Die "One World" wird oft mißverstanden
als globale Harmonie des vernetzten Kapitals, bei der nur die Finanzen
noch ihr Unwesen treiben. Richtig verstanden ist sie eine Metapher für
weltweiten Darwinismus. Marktwirtschaft bezeichnet einen Zustand, in dem
über die Konkurrenz Gewinner und Verlierer, Konzentration und Ruin
ermittelt werden. Die Region ist daher voll von "rasch wechselnden Zuständigkeiten"
und "mangelhafter Einhaltung von Verträgen", sie hat "schwache Zahlungsmoral"
wie "verbreitete Korruption" zu bieten, dazu "Clan-Strukturen" und "zahlreiche
Konflikte" bzw. Stellvertreter-Kriege, "die jederzeit virulent werden können".
(7) "Der Kreml" könnte etwa "mit einer Aufwiegelung der kasachischen
Russen" drohen. Dann würden die USA aber die "tschetschenische Karte
ziehen", zumal die russische Pipeline "wohl kaum gegen "Sabotageakte zu
schützen wäre". (7)
Am 4. Juli war es soweit. Rußland
bombardierte ein Sabotagenest in Tschetschenien. Auch die Ceyhan-Route
ist brisant, weil sie durch "Krisenregionen wie Abchasien, Berg-Karabach
und türkische Kurdengebiete" (Handelsblatt, 7. Juli 1998) laufe, die
ruhig zu stellen sind. Georgien und Aserbaidschan haben eigene Militär-Bataillone
für "ihre" Pipeline, sie verlangen aber den Schutz der Nato vor den
von Rußland finanzierten Störkommandos.
Vor Ort relativieren sich manchmal
Phantasien von imperialer Allmacht. Als die USA eine "Demokratie-Bewegung"
gegen den kasachischen Diktator Nursultan Nasarbajew gehetzt hatten, verlangte
der, die USA "sollen aufhören, ihm Vorlesungen über Demokratie
zu halten" (5). Er besiegte die "Demokraten", und die USA unterstützen
seitdem wieder "autoritäre Regime der Region". Das Menschenrecht geht
eben über alles. Das Techtelmechtel ändert aber nichts an der
Abhängigkeit dieses an Rohstoff reichen und an Kapital armen Landes
vom internationalen Kapital.
Noch haben die Stellvertreter-Kriege
afrikanische Dimensionen nicht erreicht. In Afrika, wo sie als Stammesfehden
verulkt werden, während sie in weißen Gefilden eher den Nimbus
ethnischer Befreiung angeheftet bekommen, half Großbritannien dem
Präsidenten von Sierra Leone an die Macht und erhielt Diamanten-Schürfrechte.
In der Republik Kongo kämpfen die Truppen des Präsidenten, von
dem die USA ihre Ölförderrechte haben, gegen die Rebellen des
französischen Ölmultis Elf. In Angola wird die Regierung von
Chevron, Exxon und Texaco gespeist, die Unita hat sich für andere
im Diamanten-Gebiet verschanzt. Im Kongo (Za•re) wird stellvertretend um
das für Rüstung und Raumfahrt wichtige Kobalt und anderes gekämpft.
Die "Stellvertretung" soll die jeweils eigenen Interessen nicht verdecken.
Warum Jugoslawien um 50 Jahre zurückgebombt
wurde
Gewiß, die westlichen Kriegspartner
wollen den ehemals sowjetischen Machtbereich stabil machen; Europa wollte
Ruhe im "eigenen" Haus haben und Deutschland endlich richtig Krieg führen.
Zweifellos haben die USA den Krieg dann in die eigenen Hände genommen,
um zu zeigen, daß die befreundeten Rivalen weniger fliegen und bomben
dürfen. Sonst hätten sie ihnen mehr gestattet. Bei der Besetzung
gibt's Gleichberechtigung (Ausnahme Rußland), den Aufbau macht Europa.
Kuwait hatten die USA noch allein besetzt, weil der auf 100 Milliarden
Dollar geschätzte Aufbau in Öl aufgewogen wurde. Da aber nicht
jedes dysfunktionale Land mit einem solchen Aufwand zerstört wird,
haben die anderen Gründe eine bedeutende Rolle gespielt.
Die geostrategische Lage und der
hegemoniale Wettstreit haben Jugoslawiens Schicksal besiegelt. Die "geoökonomische
Verknüpfung der westlichen Schwarzmeerküste (...) für den
Transport russischer, kaukasischer oder auch zentralasiatischer Energieträger"
und die "Versorgung Südost- und Mitteleuropas auf dem Land bzw. Flußwege"
(FAZ, 27. Mai 1999) verlangte "politische Stabilität" auf dem Balkan.
Zu diesem Ergebnis kommt auch die Studie der europäischen "Denkfabrik"
CEPS (11) für die Zeit nach dem Krieg: "Wichtige Entscheidungen über
den Verlauf neuer Öl- und Gaspipelines von den GUS-Staaten, die durch
die Region hindurch müßten, müssen im Zusammenhang mit
deren zunehmender Integration in die EU nach dem Krieg getroffen werden."
Daraus folgt die bittere Erkenntnis,
daß der Krieg täglich wieder beginnen kann. Die innerserbische
Klärung wäre angenehm, doch falls die scheitert, sind die Nato-Truppen
bereit, den Plan, ganz Jugoslawien zu besetzen, zu vollstrecken. Bosnien
liefert "eine einmalige Erfahrung, wie man ein modernes Protektoratssystem
praktisch umsetzt. Daraus müssen Lehren gezogen werden." (11) Anlässe
können sein: Schutz für irgendeine jugoslawische "Demokratie"
oder die Abspaltung Montenegros.
Vielleicht wird der unmittelbare
Nutzen vom mittelbaren noch überwogen. Der Krieg war das weitreichende
Signal, was mit Störenfrieden geschieht. Ihnen droht der Ruin und
- im persönlichen Sinne - der Tod. "Potentielle Täter wissen,
daß sie mit Strafverfolgung" und Kopfgeldjagd "zu rechnen haben",
sagt Clinton. Genauso wichtig wie die negative ist die positive Meldung,
wer über die Macht verfügt, weltweit Staatsschutzgarantien zu
vergeben und zu nehmen. Wer im Weg steht, dem kann der Staat abhanden kommen,
wer sich fügt, darf seinen behalten oder bekommt einen, den es bisher
gar nicht gab. Darüber entscheiden das Wohlverhalten und momentan
die USA, im Bündnis oder allein. Diese darwinistische Botschaft findet
sich wieder in der Schutt und Asche Jugoslawiens und im Schutz der Willfährigen.
Scheinbar beiläufig wurde geklärt,
daß die Uno und Rußland nicht über diese Macht verfügen.
Was einigermaßen bekannt war, wurde in letzter Konsequenz vorgeführt.
Die transkaukasischen Staaten dürfen davon ausgehen: Wer sich auf
Uno oder Rußland verläßt, ist verloren. Wenn Eduard Schewardnadse
sagt: Nach "Fertigstellung der Pipeline" habe Georgien "Anschluß
an die wichtigen Wirtschaftsräume und dann werden wir zu einem strategischen
Partner für den Westen", spricht er die Schirmherrschaft an.
Gegen seine Aussortierung wollte
das militärstrategisch nicht mehr respektierte Rußland seine
Diplomatie im Bündnis mit europäischen Staaten und Uno setzen
und wurde dafür gedemütigt. Nicht wenige Bomben, die auf Jugoslawien
fielen, galten Rußland. Als Tschernomyrdin mit der Diplomatie begann,
versprach Clinton, die Luftangriffe "erbarmungslos zu verstärken".
Danach folgte die Beleidigung: "Rußland
hilft Belgrad, einen Weg auszuarbeiten, um unseren Bedingungen zu genügen."
Der Welt wurde mitgeteilt: Rußland darf sich als amerikanischer Agent
verdingen, sonst nichts. Als die Uno, ein Synomym für das wirkungslose
"Nein" der Russen und Chinesen, eine größere Rolle spielen sollte,
demolierten US-Raketen die chinesische Botschaft. Die Regierung verlangte
Aufklärung und wurde der Lächerlichlichkeit preisgegeben. Man
führe den modernen Krieg halt mit alten Straßenkarten. Als nächstes
wurde Tschernomyrdins Partner entmündigt und zur Kopfgeldjagd ausgerufen.
Jedesmal, "wenn sich ein Fortschritt bei den Friedensverhandlungen abzeichnete,"
sagte Außenminister Igor Iwanow, habe "die Nato ihre Angriffe intensiviert".
Russische Militärs "raunen von Generalproben für den großen
Sprung und der Einkreisung Rußlands" (Die Zeit, 8. April 1999).
Diese Signale meinte die FAZ, als
sie schrieb, wer Hegemonie beanspruche, müsse irgendwann damit beginnen,
sie zu demonstrieren - mit oder ohne Völkerrecht. Damit waren vor
allem Deutschland und Europa angesprochen, sich zu sputen. Die schnelle
Anerkennung Kroatiens und Sloweniens am Anfang der Zerschlagung Jugoslawiens
war der erste deutsche Versuch, alten Freunden zu signalisieren: Mit uns
ist wieder zu rechnen. Man hat Deutschland gewähren lassen, der Beweis,
dies militärisch vollstrecken zu können, steht aber aus.
Der Machtkampf um die eurasische
Landmasse
Konkurrenz war auch vorher, aber
die gemeinsame Klammer für die Rückholung des "Ostblocks" in
die Kapitalverwertung hat sich seit der Erledigung gelöst. Die halbamtliche
Foreign Affairs (1) druckte den Brzezinski-Aufsatz: "Eine Geostrategie
für Asien". Kein Staat der Welt könne es mit den USA in den "Schlüsseldimensionen
der Macht" aufnehmen. Dieser Vorsprung sei zu nutzen, um die Kontinente
Europa und Asien "energisch" zu "durchdringen".
Mit 75 Prozent der Weltbevölkerung,
60 Prozent des Welt-Sozialprodukts und 75 Prozent der Welt-Energiereserven
"übersteigt die potentielle Macht Eurasiens selbst jene Amerikas."
Wer "Eurasien beherrscht", übt "entscheidenden Einfluß auf Westeuropa
und Ostasien, aus". Deshalb werde die "Machtverteilung auf der eurasischen
Landmasse den Ausschlag geben über Amerikas globale Führungsrolle"
im nächsten Jahrhundert. Zentralasien ist in diesem Kontext wegen
"seiner geographischen Lage (...) strategischer Faktor" im "politischen
Vieleck geworden, das sich weit über den Nahen Osten in Richtung Europa,
über Südasien bis nach China sowie nach Rußland erstreckt"
(Handelsblatt, 13. Januar 1999).
In den USA gehen Republikaner davon
aus, "daß im nächsten Jahrhundert China und die USA politisch
und militärisch zwangsläufig Konkurrenten" (12) sind, weil sie
annehmen, daß China aus den Nähten platzen wird wie einst die
schnell nachindustrialisierten Deutschland und Japan. Sie glauben nicht
an die Bedrohung der USA, eher daran, daß "sich das Machtgefüge
in Asien weiter zugunsten Chinas verschiebt" (SZ, 27. Mai 1999) und dagegen
eingegriffen werden muß. Wenn "China" für niedrige Löhne
sorgt, Importe für den eigenen Industrie-Aufbau begrenzt, Rohstofflager
erschließt und ethnische Zentrifugalkräfte in Schach hält,
kann ein großes Marktvolumen heranwachsen.
Die Spekulationen müssen aber
nicht eintreffen. Mag sein, daß vorher Rußland oder neue Regionalmächte
weggeputzt werden, die Imperien unter sich die Vorherrschaft klären
oder "nur" stellvertretend Kriege führen. Absurd ist aber die linke
Prophetie, es könne wegen der Kapital-Verflechtungen keine innerimperialistischen
Kriege mehr geben.
Große Entscheidungen antizipierend,
leiden Deutschland und Europa unter der militärischen Dominanz der
USA. Bitter ist die Erkenntnis, daß die Besetzung des Kosovo bereits
die deutschen Eingreiftruppen restlos beanspruchten. Für andere Konflikte
(bald mögen es vier gleichzeitig sein) hätten geeignete Soldaten
nicht mehr zur Verfügung gestanden. Der Kosovo-Krieg habe die "die
politische Schwäche Europas enthüllt" (FAZ, 26. Mai 1999), aber
immerhin "die verteidigungspolitische Annäherung zwischen Frankreich
und Deutschland befördert" (FAZ, 31. Mai 1999).
Auch für den Strategen Egon
Bahr war der Krieg Ausdruck der "entblößten Abhängigkeit
von den USA." Europäische "Selbstbestimmung" sei angesagt und die
heiße: "mit Rußland". Da die USA militärisch uneinholbar
seien, habe Europa so zu rüsten, daß man für eigene Operationen
"die Uneinholbarkeit nicht mehr benötigt". Hektik ist ausgebrochen.
Die europäischen Krisenreaktionskorps bekommen einen eigenen "Oberbefehl"
für die "Durchführung europäisch geführter Operationen".
"Europäische Aufklärungskapazitäten und eine Lufttransportkomponente"
werden angeschafft, um sich von der US-Logistik abzukoppeln. Eine "europäische
Rüstungsagentur" soll "eine starke, wettbewerbsfähige und technologisch
herausragende Rüstungsindustrie" koordinieren. (13)
Andere basteln an der "eurasischen
Schicksalsgemeinschaft" gegen die USA. In der deutsch-russischen "Sababurg-Runde"
plauderte Alexander Dugin, der einmal die Nationalbolschewisten anführte,
über die "die Achse Berlin-Moskau: Chance und Probleme für Europa",
und der Bundeswehroberst Heiko Möhring über die "deutsch-russische
Waffenbrüderschaft". Auch in der offiziellen Politik kommen solche
Töne vor. "Rußland ist für die EU der wichtigste Partner"
(nicht die USA?), betont Bundeskanzler Gerhard Schröder.
Jelzin findet, "sein Land und die
EU seien strategische Partner" (FR, 19. Februar 1999). Rußland und
Frankreich, das ebenso wie Deutschland die Gegnerschaft zum "angloamerikanischen
Kommerz" kultiviert, ziehen aus dem Krieg "die Lehre", "ihre Beziehungen
weiter auszubauen"(FAZ, 3. Juli 1999). Rußland, das seine Felle davonschwimmen
sieht, braucht Freunde. Die USA sind aktuell dabei, den russisch-baltischen
Energieverband anzugreifen. Die litauische Regierung will laut SZ (28.
Mai 1999) dem US-Ölkonzern Williams International die Energie-Versorgung
über den Ostsee-Weg für (langfristig) 150 Milliarden Dollar übertragen
und den Hafen Kleipeda von US-Militärs sichern lassen. Regierungs-Chef
ist US-Staatsbürger Valdas Adamkus.
Mit hohen Schulden, einem Staatsetat
1999 von 43,6 Milliarden DM, der nicht einmal den deutschen Kriegshaushalt
erreicht, und einem Wehr-Etat von sieben Milliarden (vor zehn Jahren waren's
noch 120 Milliarden) hat Rußland wenig Spielraum. "Die russische
Nationalitäten- und Regionalpolitik verfügt kaum mehr über
finanzielle Ressourcen" (5). Daran ändert sich nichts, wenn Soldaten
mal etwas schneller ins Kosovo fahren, zumal dann nicht, wenn Bulgarien
und Rumänien schon mächtig genug sind, den Überflug verbieten
zu können. Das Hauptproblem bei der Achse Berlin-Moskau wird aber
sein, daß die "Freunde" Raubritter sind, die sich die Freundschaft
teuer bezahlen lassen. Dugin und und der Militärtheoretiker Nikolaj
Klokotow bieten in ihren "Grundlagen der Geopolitik" Deutschland Ostpreußen
und Japan die Kurilen-Inseln für den Pakt an. Das wird nicht reichen.
Die deutsche und europäische
Politik wird auch in Zukunft ihre Spagate machen zwischen russischen Rohstoffen
und den Märkten, die im Westen und Fernosten sind. Sie wird sich auf
absehbare Zeit nicht vom Militärbündnis lösen, das ihnen
schließlich bei aller Konkurrenz die Welt zu Füßen legt.
Man wird militärisch nur selbständiger agieren müssen. Für
seine Hegemoniebestrebungen muß Deutschland weiter am Kraftwerk Europa
schmieden.
Zwar künden diverse Konzern-Übernahmen
in den USA von der eigenen Macht. Das wird aber nicht genügen. Die
USA schaffen 27 Prozent des Weltsozialprodukts und sind entsprechend dominant
in Weltorganisationen, Japan kommt auf 17 Prozent und Deutschland auf acht
Prozent. Die EU hätte genausoviel wie die USA und da wäre Deutschland
mit 30 Prozent Hauptmacht. Bei dieser Machtvision sollen die europäische
"Verteidigungsidentität", Binnenmarkt-Dynamik, der Euro als Weltgeld
und Integrator, sowie die Verwandlung von sozialer Wertmasse in Profit
helfen.
Europa hat zwei Probleme zu bewältigen.
Das erste: Auch die USA rüsten, als stünde die letzte Schlacht
bevor. Der Kriegsetat wird in den kommenden sechs Jahren um 112 Milliarden
Dollar erhöht. In 2005 werden die jährlichen Ausgaben sich auf
331 Milliarden Dollar belaufen, "damit die amerikanischen Streitkräfte
(...) den Herausforderungen des nächsten Jahrhunderts gewachsen sind".
Mit Japan wurde ein Kriegsabkommen für "benachbarte Staaten" in Asien
geschmiedet. Japans Marine will Wirtschaftssanktionen der USA gegen asiatische
Drittländer kontrollieren und Verbände ins südchinesische
Meer entsenden.
Das zweite: Während die USA
schon lange und wirklich eine Nation sind, hat Europa gestandene und konkurrierende
Imperialisten unter einen Hut zu bringen. Da "die langjährige Forderung
nach europäischer Handlungsfähigkeit" heute nichts weniger sei
als eine "Kategorie europäischer Überlebensfähigkeit", müsse
Europa seine "Identitätsschwäche" schleunigst überwinden
(FAZ, 12. Mai 1999). Es brauche "gemeinsame Leitbilder", aber welche soll
man nehmen? Cäsar scheitert an den Galliern. Bei Karl dem Großen
machen die Briten nicht mit. Barbarossa? Der ertrank während des Kreuzzugs
beim Baden.
Anmerkungen
(1) Foreign Affairs, September /
Oktober 1997 - Brzezinski war Sicherheitsberater des Präsidenten Carter,
gilt heute als wichtiger Geostrategie und ist transkaukasicher Berater
von drei US-Ölfirmen
(2) aus "World Socialist Web Site"
(3) North Atlantic Cooperation Council,
Schlußerklärung vom 18. Dezember 1992
(4) Le Monde Diplomatique, April
1999
(5) Aus Politik und Zeitgeschichte,
Beilage zur Wochenzeitung Das Parlament, 16. Oktober 1998.
(6) Antwort der Bundesregierung
auf eine Kleine Anfrage der SPD am 28. November 1997: "Die Entwicklung
des kaspischen Raumes und die Interessen Deutschlands"
(7) "Zukunftsregion Kaspisches Meer",
Positionspapier der SPD-Fraktion aus Juni 1998. Vorwort: Rudolf Scharping
(8) Interview in Deutsches Allgemeines
Sonntagsblatt, 17. April 1998. - Die "Deminex" ist eine Tochter von Veba,
RWE/DEA, und der BASF-Gruppe mit dem Auftrag: "Sicherung der deutschen
Erdölversorgung und Stärkung der Marktposition deutscher Mineralölgesellschaften."
(9) Eine gemeinsame Tochtergesellschaft
der US-Konerne: "General Electric Construction and Finance Group", "Bechtel
Enterprises"
(10) Kommentar am 17. Mai 1999 in
Milliyet
(11) Center for European Policy
Studies: "Ein System für die Nachkriegszeit in Südosteuropa"
(12) Le Monde Diplomatique, Mai
1999
(13) Gastartikel von Rudolf Scharping
in Die Zeit, 18. Februar 1999 |