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Der Schuß auf der Kanzel
Während sich die Türkei
in einer tiefen Wirtschaftskrise befindet, schießt sich der türkische
Wirtschaftsminister in den Kopf. Er soll ein IWF-Dokument an einen Börsenmakler
weitergegeben haben
Die erste Kugel, die sich Hikmet
Ulugbay vergangenen Mittwoch gegen 0.45 Uhr in den Kopf schoß, tötete
ihn nicht, verletzte ihn aber an Kiefer, Mund und Zunge. Der türkische
Wirtschaftsminister feuerte noch eine zweite ab, die ihr Ziel jedoch verfehlte.
Dann stürmten Frau und Sohn des türkischen Wirtschaftsministers
in das Zimmer.
Nach einer dreistündigen Operation
befand sich Ulugbay außer Lebensgefahr. Ministerpräsident Bülent
Ecevit besuchte den Schwerverletzten noch am selben Tag im Krankenhaus.
Anschließend erklärte er, niemand wisse, warum der Ökonom
mit dem Saubermann-Image den Selbstmordversuch unternommen hat.
Möglicher Hintergrund ist ein
Skandal im Zusammenhang der Verhandlungen mit dem Internationalen Währungsfonds
(IWF) in den Wochen zuvor, bei denen Ulugbay die türkische Delegation
angeführt hatte. Am vorvergangenen Freitag hatten der Wirtschaftsminister
und der Vertreter des IWF, Carlo Cottarelli, eine gemeinsame Pressekonferenz
abgehalten. Noch während sie andauerte, stürzte der Istanbuler
Aktienindex innerhalb von Minuten um elf Prozent ab. Von Mittwoch bis Freitag
waren die Handelsumsätze an der Aktienbörse doppelt so hoch wie
normal gewesen. Bei den Verhandlungen ging es um ein Stabilitätsprogramm
für die türkische Wirtschaft, das der Fonds mit einem Kredit
unterstützen soll.
Gerüchten zufolge sind angebliche
Insidergeschäfte eines Verwandten von Mesut Yilmaz, dem Chef der Mutterlandspartei,
der Grund für den Kurssturz. Ulugbay soll ein geheimes Dokument des
IWF an Yilmaz weitergeleitet haben, das dieser dann seinem Vetter Mehmet
Kutman zugespielt habe, dem die Börsenmaklerfirma Global gehört.
Global war bereits in der Vergangenheit wegen zweifelhafter Geschäfte
ins Gerede gekommen. In dem Dokument empfiehlt der Fonds der Türkei
angeblich, die Landeswährung Lira abzuwerten und ein Currency Board
einzurichten, das heißt, den Kurs an eine andere Währung zu
binden.
Yilmaz leugnete zunächst, das
vertrauliche Papier erhalten zu haben. Am nächsten Tag behauptete
er jedoch vor seiner Fraktion, es von Ulugbay direkt empfangen zu haben,
stritt jedoch ab, das Dokument an einen "Freund an der Börse" weitergeleitet
zu haben. Nachdem er diese Aussage am Fernseher verfolgt hatte, griff Ulugbay
zur Waffe. Dennoch weist Yilmaz die Vermutung, sein Wirtschaftsminister
habe sich wegen seiner Verstrickung in den Insider-Skandal das Leben nehmen
wollen, als "häßliche und falsche" Unterstellung zurück.
Ulugbay verhandelte mit dem IWF
um Kredite, weil die Türkei sich derzeit in einer tiefen Wirtschaftskrise
befindet. In den ersten drei Monaten dieses Jahres war das Bruttoinlandsprodukt
im Vergleich zum Vorjahr um acht Prozent geschrumpft, die Investitionen
sind gar um rund ein Fünftel gesunken. Für das gesamte Jahr 1999
rechnet der IWF mit einer Wachstumsrate von einem halben Prozent. In den
vier Jahren zuvor konnte die Türkei jeweils ein Wirtschaftswachstum
von durchschnittlich sieben Prozent erreichen. Schätzungen zufolge
verringert sich das jährliche Durchschnittseinkommen in diesem Jahr
von 3 500 auf 3 200 US-Dollar (etwa 6 100 Mark). Das mit dem IWF ausgehandelte
Stabilitätsprogramm dient vor allem der Inflationsbekämpfung.
Im Juni lag die Teuerungsrate bei 64 Prozent, bis in zwei Jahren soll sie
auf zehn Prozent gedrückt werden.
Auch das Staatsdefizit bereitet
den Türken Kopfzerbrechen. Es beträgt derzeit zwölf Prozent
des Bruttoinlandsprodukts und ist damit das höchste in der Geschichte
des Landes. Fast die Hälfte des Staatshaushalts muß für
Zinsen ausgegeben werden. Kein Wunder, denn die Realzinsen liegen bei 40
Prozent. Die Türkei erhofft sich vom IWF Kredite in Höhe von
drei bis zehn Milliarden Dollar. Das soll dem Land ermöglichen, die
wesentlich höher verzinsten Staatsanleihen zurückzukaufen, andererseits
soll das Abkommen das Vertrauen der Gläubiger stärken.
Dominique Tissier, Generaldirektor
von Crédit Lyonnais, schätzt, daß das den Zinssatz um
bis zu 18 Prozentpunkte senkt. Lohnsenkungen bei den Beamten, weniger Subventionen
für die Landwirtschaft und die Privatisierung von Staatsbetrieben
sollen ebenfalls zur Haushaltskonsolidierung beitragen.
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