Bündnis für Arbeit
Für jeden Lohn
Von Anton Landgraf
Endlich ist der Durchbruch da. Bundeskanzler
Gerhard Schröder hat ihn beim "Bündnis für Arbeit" entdeckt.
Der sozialdemokratische Ministerpräsident Kurt Beck aus Mainz in der
Bild am Sonntag. Damit es mehr Jobs gibt, sollen in den nächsten zwei
Jahren die Löhne und Gehälter nicht mehr steigen. "Der Lebensstandard
ist doch bei uns so gut, daß wir uns diese Kraftanstrengung leisten
können", erklärte er der Zeitung. Der Durchbruch kommt zur rechten
Zeit. Vor kurzem hatten Schröder und sein britischer Amtskollege Tony
Blair ihre Vorstellungen von einer modernen sozialdemokratischen Wirtschaftspolitik
vorgestellt. Jetzt wird sie umgesetzt.
In der "gemeinsamen Erklärung"
des Bündnis für Arbeit - von Unternehmern, Gewerkschaften und
Regierung unterzeichnet - heißt einer der zentralen Sätze: "Produktionssteigerungen
sollen vorrangig der Beschäftigungsförderung dienen". Bisher
diente die Formel "Produktivitätsfortschritt plus Inflationsausgleich"
als Grundlage für die Tarifverhandlungen.
Die sind künftig auch nicht
mehr so besonders wichtig. Denn die Erklärung sieht konsequenterweise
"Öffnungsklauseln" und "Korridore" in der Tarifpolitik vor: Den Betrieben
soll es damit möglich sein, flexibler auf die jeweilige ökonomische
Situation zu reagieren. Gehen die Geschäfte schlecht, können
sie, abweichend vom Flächentarifvertrag, entsprechende Vereinbarungen
mit ihren Belegschaften treffen.
Das ist in den wirtschaftlichen
Krisenregionen der Republik, wie beispielsweise im Osten, zwar schon längst
die Regel. Doch mit dem Durchbruch beim Bündnis wird die Ausnahme
nun zum Prinzip erhoben; die tradierte Tarifautonomie wird damit künftig
wohl nur noch formale Bedeutung haben.
Nullrunden für Löhne und
Gehälter, Abschaffung des Flächentarifvertrages, Rückkehr
zu Betriebsvereinbarungen - die Segnungen von Schröders neuer Wirtschaftspolitik
machen auch vor den Gewerkschaften nicht halt. Dort stoßen sie zwar
noch auf wenig Begeisterung. Es gebe gute und blöde Vorschläge,
sagte DGB-Chef Dieter Schulte. Und Becks Vorstoß "gehöre sicher
zu den blöderen Vorschlägen". Und auch die ÖTV wies diese
"Angriffe auf die Tarifautonomie" strikt zurück.
Doch Schulte wird sich auch noch
mit den blödesten Vorschlägen arrangieren müssen. Schließlich
haben es ihm seine europäischen Kollegen längst vorgemacht. In
den Niederlanden beispielsweise, wo die Gleichung Nullrunden gegen Jobs
schon seit Jahren zum festen Repertoire von Sozialdemokraten und Gewerkschaften
gehört. Und wie bestellt lobte der Sparminister Hans Eichel vergangenes
Wochenende die kluge Politik des Nachbarlandes.
Solche Erfolge wollen die Sozialdemokraten
auch hier erzielen. Und dafür entledigen sie sich endgültig ihrer
Vergangenheit. Als moderne Dienstleistungspartei wollen sie die jeweiligen
sozialen und ökonomischen Interessen moderieren, zum Wohle der Wirtschaft
und der Arbeit. Hauptsache, es gibt neue Jobs. Zu welchem Lohn, ist dabei
nur noch Nebensache.
Diesem Ziel werden sich auch die
Gewerkschaften unterzuordnen haben - auch wenn sie sich derzeit noch sträuben.
Schließlich haben sie diese Regierung selbst mit an die Macht gebracht. |