 |
 |
Feuilleon Nachrichten
Forelle blau
"Haben Sie Ihren Grass gelesen?
Ein literarischer Check-up"
"Frage 3: Wo besitzt Günter
Grass ein Sommerhaus?
(a) Toskana
(b) Côte d'Azur
(c) Portugal"
Aus dem "Leben" der Zeit vom
1. Juli
Gut gefrühstückt
Spüren Sie auch diese Hitzewallungen
von den Beinen her, dieses Gefühl, als ob es kalt über Ihr Zwerchfell
rieselte, dieses sanfte Kribbeln an der Innenseite des Schädels, finden
Sie nicht auch den Eindruck leicht übertrieben, den Ihnen die Reflexe
der Morgensonne auf dem Teppich bereiten? Dann liegt es vielleicht an den
zwei Kilo Mohnkuchen, die Sie zum Frühstück verputzt, oder an
den zehn Tafeln Schokolade, die Sie zur Besänftigung Ihrer Melancholie
eingeworfen haben. Denn selbst in dem von Preußen und Protestanten
regierten Deutschland, in dem noch vor einigen Jahren der Umstand, mit
ein paar Krümel Dope erwischt worden zu sein, zu jahrelangen Haftstrafen
führen konnte, gibt es keine Grenzwerte für THC und Morphium
in Lebensmitteln.
Darauf weist eine Dr. oec. troph.
Ute Alexy vom Forschungsinstitut für Kinderernährung in Dortmund
hin. Brot, Müsli, Schokolade und Lollies können, wenn Sie Glück
haben, Hanföl und Hanfsamen beigesetzt sein. In Mohnbrötchen
und -kuchen befinden sich Opiate, z.B. Morphium. "Je nach Herkunft des
Mohns kann der Morphiumgehalt um das Hundertfache schwanken", so Dr. Alexy.
Bei Kindern und Gourmands können da durchaus Dosen erreicht werden,
wie sie zu medizinischen Zwecken Schwerkranken verabreicht werden. Daher
also dieses Gefühl, auf Watte zu gehen, daher die merkwürdige
Sensation, als ob verdicktes Blut im Körper zirkulierte. Einfach nur
gut gefrühstückt. (Diese Nachricht wurde unter dem gleichzeitigen
Einfluß eines Haschkekses und Medical Tribune verfaßt.)
Ausgelöffelt
Drei Jahre lang durfte sie ihre
Vorstellung von einem Debatten-Feuilleton präsentieren, nun reicht
es mal wieder mit den Debatten: Sigrid Löffler, bekannt aus der Literaturvermittlung
des Fernsehens, muß die Leitung des Feuilleton-Ressorts der Zeit
abgeben. Löfflers Versuch, die alteingesessene Feuilleton-Redaktion
mit pfiffigen jungen Kerlchen zu durchsetzen, wird zwar nicht als mißlungen
angesehen - das "Team" könne so bestehen bleiben -, nur die Ressortleitung
besitze, so besagen vom Tagesspiegel kolportierte Gerüchte, nicht
mehr das Placet von Chefredakteur Roger de Weck. Operation gelungen, Ärztin
entlassen. Sigrid Löffler war in einem früheren Leben Kultur-Chefin
des österreichischen Nachrichtenmagazins profil.
Master and Servants
Studiert schneller, werdet Bachelor!
Laßt den Magister sausen, werdet Master! Vergeßt die Abschlußprüfungen,
sammelt Kredit- und Leistungspunkte! Die deutsche Hochschulreform zur schnelleren
Arbeitsqualifikation kommt - und mit ihr die ersten Umfragen zu ihrer Akzeptanz
unter den Betroffenen. 8 000 Studierende aus dem gesamten Bundesgebiet
hat die Hannoversche HIS-GmbH im Auftrag des Bundesbildungsministeriums
auf ihre Kenntnisse, Hoffnungen und Sorgen abgefragt: "Was ist ein credit-point-system?",
"Reicht Ihnen ein Bachelor-Abschluß?" oder "Wollen Sie Master werden?"
Einen Schein, gar einen Leistungspunkt,
gab's für die Teilnahme an der Umfrage nicht. Dafür aber allerlei
obskure Ergebnisse: Ein Drittel der Befragten befürwortet die Reformpläne,
mehr als 40 Prozent befürchten hingegen "Verschulung" oder "größeren
Leistungsdruck", 1 600 Teilnehmer verstanden ohnehin nur Bahnhof. Zu der
letzten Gruppe müssen, obwohl gar nicht gefragt, zahlreiche Ministerialbeamte,
die die künftigen Prüfungsordnungen genehmigen sollen, sowie
das Personal der beantragenden Hochschulen gezählt werden. Nur wenige
von ihnen könnten genau sagen, "was denn nun einen Bachelor-Studiengang
oder gar einen Master auszeichnet", resümierte der Geschäftsführer
der HIS bei der Präsentation der Ergebnisse.
Dr. Mottes Wadenbeißer
Aus, Schluß, vorbei. Die elfte
Love Parade wird vielleicht die letzte sein, zumindest in Berlin. Das versprach
Matthias Roeingh, alias DJ Dr. Motte, der als Erfinder der Parade gilt
und sich das erfolgreiche Markenzeichen patentieren ließ. Nach einem
jahrelangen Gezerre ist es DJ Motte leid, "wie Don Quixote vergeblich gegen
die Windmühlen der Berliner Verwaltung anzukämpfen". Er werde
sich der Stadt, die ihn behindere, wo es nur gehe, nicht länger aufdrängen
und der Love Parade im nächsten Jahrtausend "durch einen Ortswechsel
eine neue Basis verschaffen". Die hat sie auch dringend nötig. Die
Raver laufen dem öden Spektakel langsam davon - im vergangenen Jahr
gingen die Teilnehmerzahlen erstmals seit Beginn der Parade zurück
-, und mehr Geld können die Veranstalter mit dem organisierten Frohsinn
auch nicht mehr verdienen.
Schuld daran hat die Berliner Verwaltung.
Das Tiefbauamt Tiergarten gab der Catering-Firma Nareyka den Zuschlag für
den Verkauf von Getränken am Rande der Parade. Mottes Firma planetcom
ging leer aus. Seit Jahren liegen Bezirksamt und Veranstalter wegen der
Vermarktungsrechte im Dauer-Clinch. Und jetzt scheint Motte endgültig
die Nase voll zu haben - was Baustadtrat Horst Porath sehr gelassen sieht:
"Ich würde es nicht bedauern. Wer nur unter Gewinnmaximierung arbeitet,
dem kann ich keine Träne nachweinen."
Die oberen Etagen des Senats fänden
die Veranstaltung hingegen toll, wie planetcom-Pressesprecher Disko gern
betont, "aber die untere Senatsebene hängt uns wie ein Köter
an der Wade". Vor allem Bürgermeister Eberhard Diepgen gilt als großer
Gönner der Love Parade; dieses Jahr will er sich sogar auf einem Wagen
der Jungen Union, die sich zum ersten Mal an dem Umzug beteiligt, den Techno-Massen
präsentieren.
Grund genug, um Berlin am kommenden
Wochenende weiträumig zu umfahren. Aber vielleicht zieht der dumpfe
Zug tatsächlich zum letzten Mal durch Berlin, und das Versprechen
Mottes wird doch noch wahr: Am 18. September findet in Paris "La Parade"
statt, die in "Love Parade" umbenannt werden könnte. Vermutlich ist
der Techno-Marsch in Paris besser zu vermarkten, weil das Versammlungsrecht
dort dem Verkauf von Cola und CDs keine Grenzen setzt. Und sollte es mit
der Stadt an der Seine nicht klappen, gibt es genügend andere Metropolen,
die sich für die Love Parade nicht zu schade sind. In Kassel, Fulda
oder Bielefeld wird Dr. Motte sicherlich sehnsüchtig erwartet.
-
Die Nachrichten wurden
von Landgraf, Ripplinger und
Söhler zusammengestellt |