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7. Juli 1999 Jungle World

Feuilleon Nachrichten

Forelle blau

"Haben Sie Ihren Grass gelesen? Ein literarischer Check-up"
"Frage 3: Wo besitzt Günter Grass ein Sommerhaus?

(a) Toskana
(b) Côte d'Azur
(c) Portugal"

Aus dem "Leben" der Zeit vom 1. Juli

Gut gefrühstückt

Spüren Sie auch diese Hitzewallungen von den Beinen her, dieses Gefühl, als ob es kalt über Ihr Zwerchfell rieselte, dieses sanfte Kribbeln an der Innenseite des Schädels, finden Sie nicht auch den Eindruck leicht übertrieben, den Ihnen die Reflexe der Morgensonne auf dem Teppich bereiten? Dann liegt es vielleicht an den zwei Kilo Mohnkuchen, die Sie zum Frühstück verputzt, oder an den zehn Tafeln Schokolade, die Sie zur Besänftigung Ihrer Melancholie eingeworfen haben. Denn selbst in dem von Preußen und Protestanten regierten Deutschland, in dem noch vor einigen Jahren der Umstand, mit ein paar Krümel Dope erwischt worden zu sein, zu jahrelangen Haftstrafen führen konnte, gibt es keine Grenzwerte für THC und Morphium in Lebensmitteln.

Darauf weist eine Dr. oec. troph. Ute Alexy vom Forschungsinstitut für Kinderernährung in Dortmund hin. Brot, Müsli, Schokolade und Lollies können, wenn Sie Glück haben, Hanföl und Hanfsamen beigesetzt sein. In Mohnbrötchen und -kuchen befinden sich Opiate, z.B. Morphium. "Je nach Herkunft des Mohns kann der Morphiumgehalt um das Hundertfache schwanken", so Dr. Alexy. Bei Kindern und Gourmands können da durchaus Dosen erreicht werden, wie sie zu medizinischen Zwecken Schwerkranken verabreicht werden. Daher also dieses Gefühl, auf Watte zu gehen, daher die merkwürdige Sensation, als ob verdicktes Blut im Körper zirkulierte. Einfach nur gut gefrühstückt. (Diese Nachricht wurde unter dem gleichzeitigen Einfluß eines Haschkekses und Medical Tribune verfaßt.)

Ausgelöffelt

Drei Jahre lang durfte sie ihre Vorstellung von einem Debatten-Feuilleton präsentieren, nun reicht es mal wieder mit den Debatten: Sigrid Löffler, bekannt aus der Literaturvermittlung des Fernsehens, muß die Leitung des Feuilleton-Ressorts der Zeit abgeben. Löfflers Versuch, die alteingesessene Feuilleton-Redaktion mit pfiffigen jungen Kerlchen zu durchsetzen, wird zwar nicht als mißlungen angesehen - das "Team" könne so bestehen bleiben -, nur die Ressortleitung besitze, so besagen vom Tagesspiegel kolportierte Gerüchte, nicht mehr das Placet von Chefredakteur Roger de Weck. Operation gelungen, Ärztin entlassen. Sigrid Löffler war in einem früheren Leben Kultur-Chefin des österreichischen Nachrichtenmagazins profil.

Master and Servants

Studiert schneller, werdet Bachelor! Laßt den Magister sausen, werdet Master! Vergeßt die Abschlußprüfungen, sammelt Kredit- und Leistungspunkte! Die deutsche Hochschulreform zur schnelleren Arbeitsqualifikation kommt - und mit ihr die ersten Umfragen zu ihrer Akzeptanz unter den Betroffenen. 8 000 Studierende aus dem gesamten Bundesgebiet hat die Hannoversche HIS-GmbH im Auftrag des Bundesbildungsministeriums auf ihre Kenntnisse, Hoffnungen und Sorgen abgefragt: "Was ist ein credit-point-system?", "Reicht Ihnen ein Bachelor-Abschluß?" oder "Wollen Sie Master werden?"

Einen Schein, gar einen Leistungspunkt, gab's für die Teilnahme an der Umfrage nicht. Dafür aber allerlei obskure Ergebnisse: Ein Drittel der Befragten befürwortet die Reformpläne, mehr als 40 Prozent befürchten hingegen "Verschulung" oder "größeren Leistungsdruck", 1 600 Teilnehmer verstanden ohnehin nur Bahnhof. Zu der letzten Gruppe müssen, obwohl gar nicht gefragt, zahlreiche Ministerialbeamte, die die künftigen Prüfungsordnungen genehmigen sollen, sowie das Personal der beantragenden Hochschulen gezählt werden. Nur wenige von ihnen könnten genau sagen, "was denn nun einen Bachelor-Studiengang oder gar einen Master auszeichnet", resümierte der Geschäftsführer der HIS bei der Präsentation der Ergebnisse.

Dr. Mottes Wadenbeißer 

Aus, Schluß, vorbei. Die elfte Love Parade wird vielleicht die letzte sein, zumindest in Berlin. Das versprach Matthias Roeingh, alias DJ Dr. Motte, der als Erfinder der Parade gilt und sich das erfolgreiche Markenzeichen patentieren ließ. Nach einem jahrelangen Gezerre ist es DJ Motte leid, "wie Don Quixote vergeblich gegen die Windmühlen der Berliner Verwaltung anzukämpfen". Er werde sich der Stadt, die ihn behindere, wo es nur gehe, nicht länger aufdrängen und der Love Parade im nächsten Jahrtausend "durch einen Ortswechsel eine neue Basis verschaffen". Die hat sie auch dringend nötig. Die Raver laufen dem öden Spektakel langsam davon - im vergangenen Jahr gingen die Teilnehmerzahlen erstmals seit Beginn der Parade zurück -, und mehr Geld können die Veranstalter mit dem organisierten Frohsinn auch nicht mehr verdienen.

Schuld daran hat die Berliner Verwaltung. Das Tiefbauamt Tiergarten gab der Catering-Firma Nareyka den Zuschlag für den Verkauf von Getränken am Rande der Parade. Mottes Firma planetcom ging leer aus. Seit Jahren liegen Bezirksamt und Veranstalter wegen der Vermarktungsrechte im Dauer-Clinch. Und jetzt scheint Motte endgültig die Nase voll zu haben - was Baustadtrat Horst Porath sehr gelassen sieht: "Ich würde es nicht bedauern. Wer nur unter Gewinnmaximierung arbeitet, dem kann ich keine Träne nachweinen."

Die oberen Etagen des Senats fänden die Veranstaltung hingegen toll, wie planetcom-Pressesprecher Disko gern betont, "aber die untere Senatsebene hängt uns wie ein Köter an der Wade". Vor allem Bürgermeister Eberhard Diepgen gilt als großer Gönner der Love Parade; dieses Jahr will er sich sogar auf einem Wagen der Jungen Union, die sich zum ersten Mal an dem Umzug beteiligt, den Techno-Massen präsentieren.

Grund genug, um Berlin am kommenden Wochenende weiträumig zu umfahren. Aber vielleicht zieht der dumpfe Zug tatsächlich zum letzten Mal durch Berlin, und das Versprechen Mottes wird doch noch wahr: Am 18. September findet in Paris "La Parade" statt, die in "Love Parade" umbenannt werden könnte. Vermutlich ist der Techno-Marsch in Paris besser zu vermarkten, weil das Versammlungsrecht dort dem Verkauf von Cola und CDs keine Grenzen setzt. Und sollte es mit der Stadt an der Seine nicht klappen, gibt es genügend andere Metropolen, die sich für die Love Parade nicht zu schade sind. In Kassel, Fulda oder Bielefeld wird Dr. Motte sicherlich sehnsüchtig erwartet.

  •  Die Nachrichten wurden von Landgraf, Ripplinger und 
Söhler zusammengestellt
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