Amnestie in Algerien
An die Arbeit
Von Bernhard Schmid
Algerien ist dabei, in eine neue
Periode seiner konfliktreichen jüngeren Geschichte einzutreten. Der
vom algerischen Ministerrat angenommene Entwurf für ein Amnestiegesetz
sieht Straffreiheit für die Angehörigen islamistischer Terrorgruppen
vor. Ausgenommen sind jene, die Sprengstoffanschläge auf öffentliche
Plätze, "kollektive Massaker", Morde oder Vergewaltigungen begangen
haben.
Doch gibt es keine Ausnahme ohne
Ausnahme: Nicht verfolgt wird, wer einer Gruppe angehört, die - so
der Gesetzentwurf - von den Behörden "zugelassen wurde, um im Rahmen
des Staates an der Bekämpfung des Terrrorismus teilzunehmen". Genau
dies aber scheint zwischen dem Staat und der AIS, dem bewaffneten Arm der
Fundamentalistenpartei FIS, vereinbart worden zu sein.
Das Ganze nennt sich Projekt der
"nationalen Aussöhnung" und soll, wie Präsident Bouteflika am
vorletzten Wochenende ankündigte, durch ein Referendum abgesichert
werden. Sofern das Plebiszit in ähnlich fairer und demokratischer
Form verlaufen wird wie die jüngste Präsidentschaftswahl, kennt
man das Ergebnis freilich schon im voraus.
Oberflächlich betrachtet, könnte
man die Offerten des Staatsapparats als einen Beitrag zum Abbau des enormen
Gewaltpotentials in Algerien begrüßen. Viele der Angehörigen
der fundamentalistischen Terrorgruppen sind junge Männer oder Jugendliche
aus den Siedlungen der Landflüchtlinge und der Banlieue von Algier.
Die meisten wurden geprägt durch Elend und autoritär-patriarchale
Familienstrukturen. Eine Mischung aus Mangel an sozialen Perspektiven und
fehlenden alternativen Lösungansätzen ließ sie in die Reihen
der "Gotteskrieger" übergehen.
Manche der Desperados Allahs ließen
sich möglicherweise um so leichter von der reaktionären Utopie
des Islamismus - die den "wahren Söhnen" Allahs Rettung verspricht,
wenn die Ungläubigen und die "Verräter an ihrer Identität"
bezahlen müssen - abbringen. Denn diese Phrasen haben sich schon längst
als blutige Illusionen erwiesen.
Begleitet von sozial-psychologischer
Behandlung, ließen sich manche der jungen "Gotteskrieger" langfristig
wohl in die Gesellschaft eingliedern - wenn diese ihnen etwas zu bieten
hätte. Doch darum geht es in den Plänen Bouteflikas nicht. Diese
setzen nicht auf eine individuelle Eingliederung jener, die ihre schwarze
Utopie aufgegeben haben, sondern auf organisierte und strukturierte Gruppen,
deren Disziplinierungsmacht dem Staat nützlich sein soll. Vieles spricht
dafür, daß die jüngsten Schritte von Präsident Bouteflika
mit den Spitzen des FIS und seines bewaffneten Arms bis ins Detail ausgehandelt
wurden.
Gleichzeitig geht die Wirtschaftspolitik
weiter, die vor dem Hintergrund des Scheiterns eines staatssozialistischen
Entwicklungsmodells in Algerien die Staatssektoren auflöst. Auf diesem
Weg wird den Angehörigen der alten Nomenklatura die Bereicherung an
den privatisierten Filetstücken gestattet. Die politische Elite sucht
indes eine "normale" Marktökonomie auf den Ruinen der Staatswirtschaft
zu begründen.
Doch da die ursprüngliche Akkumulation
bei Null einsetzt (die bisherige Ökonomie beruhte im wesentlichen
auf dem Verkauf von Erdöl und der daraus abgeschöpften Ölrente),
bedeutet dies, den größten Teil der Bevölkerung der Not
zu überlassen. Um die gesellschaftlichen Wirkungen dieser Politik
auszuhalten, glaubt die alte Nomenklatura, ihre Machtbasis um einen (wachsenden)
Teil der Islamisten erweitern zu müssen. Im Gegensatz zu den Eliten
verfügen die Islamisten über ein kollektives gesellschaftliches
Projekt (totalitärer Natur), von dem man sich verspricht, die Bevölkerung
"an die Arbeit zu bringen".
Unter diesen Voraussetzungen verspricht
die Amnestie weniger die Eingliederung der Islamisten - in eine Gesellschaft,
die ihnen weiterhin nur soziales Elend zu bieten hat und in der ihre "Werte"
weithin anerkannt sind, da die bestehende Familiengesetzgebung bereits
von fundamentalistischen Ideen bestimmt ist. Vielmehr droht sie erneut,
aus den Fundamentalisten (als Kollektiv) einen Machtfaktor zu machen, der
das Kräfteverhältnis fortschreitend zu seinen Gunsten verschiebt. |