Sprachenstreit in der EU
Sprecht deutsch
Von Anton Landgraf
Im Anfang war das Wort. Nach dem
Willen der Bundesregierung soll deutsch künftig als offizielle Amtssprache
in der EU gelten. Andernfalls droht Berlin mit Boykott. Am Ende ihrer Ratspräsidentschaft
hat sich die Bundesregierung damit einen handfesten Eklat eingehandelt
- und sich ein weiteres Mal in Europa unbeliebt gemacht. Wer bisher der
Illusion anhing, die Union könne Deutschland zügeln, wird mit
Schröder eines Besseren belehrt. Nicht Deutschland soll in Europa
integriert werden, sondern umgekehrt.
Der Streit um die Amtssprache in
der EU begann zwar schon unter der Regierung Kohl. Doch eine offene Konfrontation
hatte diese noch gescheut. Meistens wurde die Frage in den letzten Jahren
sehr pragmatisch angegangen. Großbritannien bot beispielsweise während
seiner Präsidentschaft an, die Verhandlungen für Diplomaten,
die nur ihre eigene Mundart perfekt beherrschen, auch in deutsch zu führen.
Unter der österreichischen Amtsführung erledigte sich das Problem
von selbst.
Das finnische Außenministerium
argumentiert daher, daß es sich nur an die bisherige Regelung halte,
wonach lediglich Englisch und Französisch sowie die Sprache der amtierenden
Präsidentschaft als Amtsspache gelten. Viel genutzt hat der Hinweis
nicht. Wirtschaftsminister Werner Müller sagte prompt seine Teilnahme
an einem zweitägigen informellen Treffen der EU-Industrieminister
im finnischen Oulu ab. Deutschland habe schließlich als bevölkerungsreichstes
Mitgliedsland das Recht, in seiner Muttersprache zu verhandeln.
Europa soll also gefälligst
deutsch verstehen. Die Masse macht's: Was bisher in den von Hessen, Schwaben
und Westfalen okkupierten Urlaubsregionen schon die Regel ist, hat demnach
jetzt in der gesamten Union zu gelten. Dort verständigen sich rund
90,2 Millionen Menschen in dieser Spache; 82,1 Millionen zwischen Kiel
und Konstanz sowie 8,1 Millionen Österreicher. Dazu kommen die deutschsprachigen
Minderheiten in Belgien, Luxemburg, Dänemark, im Elsaß, Südtirol
und den Niederlanden. Der Schrödersche großdeutsche Sprachraum
umfaßt damit - wenn man großzügig von den bevölkerungsreichen
Staaten Italien, Frankreich und Großbritannien absieht - ungefähr
so viele Einwohner, wie alle anderen EU-Staaten zusammengenommen zählen.
Man könnte den Sprachenstreit
für eine sommerliche Groteske halten. Doch es ist nicht das erste
Mal, daß die Bundesrepublik ihre Forderungen mit dem bloßen
Hinweis rechtfertigt, daß sie schließlich das mächtigste
Land in der EU sei.
So ist der Clinch um die Sprache
nur einer von vielen Eklats, die sich die Regierung in Berlin im nationalen
Interesse derzeit leistet. Kürzlich sorgte die Ablehnung der EU-Richtlinie
für die Entsorung von Altautos für einen Skandal. Man habe sich
eben im Interesse der nationalen Autoindustrie entschieden, die Richtlinien
abzulehnen, erklärte Schröder vergangene Woche in Berlin lapidar.
Die Interessen der einzelnen EU-Länder seien eben doch sehr verschieden.
Ebensogut hätte der Kanzler
aller Autos erklären können, daß die anderen gefälligst
nach seiner Pfeife zu tanzen haben. Wie beispielsweise bei der Ernennung
Bodo Hombachs zum Balkan-Beauftragten. Österreich und Griechenland
hatten heftig gegen die "überfallartige Kandidatur" protestiert. Schröder
hatte zuvor die Ernennung Hombachs mit dem schlichten Argument begründet,
daß nun Deutschland an der Reihe sei.
Mit dieser Haltung grenzt sich die
Bundesregierung deutlich von der bisherigen deutschen Europa-Politik ab.
Während die konservative Regierung sich an einem strategischen Bündnis
mit Frankreich und den Benelux-Staaten orientierte, hat Schröder selbst
diese Option hinter sich gelassen. Er setzt allein auf taktische Erwägungen
- gegen Frankreich und mit Großbritannien, oder umgekehrt. Aber stets
mit einem Ziel: Deutschland kommt zuerst. Zumindest einen Erfolg hat er
damit bisher erzielt. Der deutsche Sozialdemokrat gilt mittlerweile als
der größte Chauvinist in Europa. |