Bündnis für Arbeit
Neuer Korpsgeist
Von Michael Wendl
Ach, was waren das für Zeiten:
Tarifabschlüsse über dem Inflationsniveau, und das über
eine halbe Dekade hinweg. Konnten sich die Gewerkschaften Anfang der siebziger
Jahre noch erfolgreich gegen die von ihnen verlangte Lohndisziplin zur
Wehr setzen, stehen auf der Tagesordnung der Gewerkschaftsfunktionäre
heute ganz andere Punkte. Nicht zuletzt das Bündnis für Arbeit,
Ausbildung und Wettbewerbsfähigkeit: Es modifiziert die Idee des Neokorporatismus
- also der organischen Zusammenarbeit von Staat, Arbeitgeberverbänden
und Gewerkschaften.
Beruhte das keynesianisch inspirierte
korporatistische Modell noch auf der Annahme, daß die Gewerkschaften
die von einer stärkeren öffentlichen Nachfrage ausgehenden Wachstums-
und Beschäftigungseffekte nicht durch zu hohe Lohnabschlüsse
konterkarieren sollten, ist das jetzige Bündnis-Modell nicht mehr
keynesianisch, sondern neoklassisch angelegt. Während es den sozial-liberalen
Regierungen Anfang der siebziger Jahre um die Abstimmung einer expansiven
Finanz- und Geldpolitik mit einer zurückhaltenden Lohnpolitik der
Gewerkschaften ging, setzt die Bundesregierung heute auf die Beschäftigungswirkung
niedriger Löhne und gesenkter Unternehmenssteuern.
Dabei überdeckt die Debatte
um die Einbeziehung der Tarifpolitik in die Bündnisverhandlungen lediglich,
daß es auf eine weitere Lohnzurückhaltung auch aus Sicht der
Unternehmen gar nicht mehr ankommt. Zum einen sind die Löhne nach
1992 so moderat gestiegen, daß die Lohnstückkosten ohnehin gesunken
sind. Zum anderen stellen die steigenden Exportüberschüsse inzwischen
eher ein Problem als einen unternehmerischen Vorteil dar, weil von Deutschland
- anders als von den USA - keine Wachstumseffekte ausgelöst werden,
sondern ein Verdrängungswettbewerb praktiziert wird.
Auch deshalb geht es beim Bündnis
für Arbeit um etwas anderes als um Lohndisziplinierung: In einer Kombination
aus neoklassischer Wirtschaftstheorie und neokorporatistischer Politik
soll das traditionelle deutsche System korporativer Beziehungen zwischen
Staat, Kapital und Arbeit transformiert werden - hin zu einem flexibleren,
strikt am Standortwettbewerb orientierten. In Frage gestellt werden damit
die traditionellen Institutionen der organisierten Arbeit: die Flächentarifverträge,
das System der Mitbestimmung und die auf den Arbeitslöhnen basierende
Sozialversicherung.
Im Unterschied zu einer marktradikalen
Politik zielt das Bündnis nicht auf die Demontage und Zerstörung,
sondern auf den Umbau dieser Institutionen. So trägt es die Keime
seines Scheiterns schon in sich: Die Forderung nach einem Niedriglohnsektor
hat es den Gewerkschaftsführern nahezu unmöglich gemacht, ein
derart unsoziales Projekt zu akzeptieren. Die Unternehmer wiederum, die
die politische Schwäche der Gewerkschaften wahrnehmen, drängen
zu sehr auf die Aufkündigung korporativer und kooperativer Arbeitsbeziehungen.
Die Umsetzung des Bündnismodells
würde die Misere auf dem Arbeitsmarkt ausweiten und die Gewerkschaften
weiter schwächen. Daß sie dieser Situation wirtschafts- und
tarifpolitisch konzeptionslos gegenüberstehen, hat Gründe: Zum
einen fehlt es nach der Krise der keynesianischen Theorie am Denken in
makroökonomischen Zusammenhängen. Die mikroökonomische Sichtweise,
daß niedrigere Löhne schon Beschäftigung sicherten, hat
sich durchgesetzt. Ebenso wie große Teile von Rot-Grün von der
"Philosophie" des Dritten Weges, also von den Blair/Schröder-Thesen
beeindruckt sind, gilt dies auch für Teile des gewerkschaftlichen
Führungspersonals.
Die Kombination von neoklassischer
Wirtschaftstheorie mit korporatistischer Politik markiert das Neue an der
Politik von Rot-Grün. Die Gewerkschaften bewegen sich, insbesondere
wenn sie die sozialen Aufsteiger repräsentieren, in vergleichbaren
Denkweisen. Weil sie aber zugleich Interessenverbände abhängig
Beschäftigter - und damit auch Klasseninteressen - zu vertreten gezwungen
sind, können manche ihrer Vertreter der neuen Mittelklassenphilosophie
des Dritten Wegs nicht so rasch folgen. Die Entscheidung darüber jedenfalls,
welchen Weg die Gewerkschaften am Ende einschlagen werden, steht noch aus.
Michael Wendl ist Vorsitzender der
ÖTV Bayern |