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30. Juni 1999 Jungle World

Ihr seid das Sülz der Erde

Die Evangelischen haben's sich mit ihrem Kirchentag in Stuttgart mal wieder richtig gegeben.  Eine Reportage von der größten weltanschaulichen Mustermesse für religiöses Allerlei. Von Hosea Fürchtegott Mahnert

Die größte Volksversammlung der Bundesrepublik, das größte Protestantentreffen der Welt, Schule der Demokratie und Impulsgeber für die Gesellschaft: Die Meßlatte des Selbstverständnisses liegt hoch. Der 28. Deutsche Evangelische Kirchentag (EKT) in Stuttgart kommt als klerikale Leistungsschau der Superlative daher und will es allen recht machen. 2 300 Veranstaltungen, 5 000 Anbieter auf dem "Markt der Möglichkeiten" und 30 000 Mitwirkende dokumentieren eine pluralistische Breite, gegenüber der selbst die SPD als engstirnig-linientreue Politsekte daherkommt.

Plötzlich sind sie da und verkleben das beschaulich verschlafene Stuttgart. Zu Zehntausenden wälzen sie sich in die Fußgängerzone, singen, lachen, schwenken bunte Tücher und preisen den Herrn. Die Eingeborenen der schwäbischen Metropole reagieren irritiert. Trotz tagelanger Vorwarnungen der lokalen Presse vor sozialpsychologischer Disposition und quantitativem Aufkommen der Spezies Kirchentagsbesucher halten sie sich lieber auf Distanz.

Die Verkäuferin des alteingesessenen Kaufhauses Breuninger kann dann auch nur mühsam die Contenance wahren, als sie auf die Einschränkungen zu sprechen kommt, die sie die nächsten Tage hinzunehmen hat. "Jetzt kann i drei Dag nemme mit'm Audo in'd Schtad und verkauft wird au nix me. Vielleicht sod i au beda." Was mir die erboste Stuttgarterin da auf Nachfrage mitteilt, tangiert zweifelsfrei den Kern ihres Lebensalltags: Auto fahren, am besten Daimler, arbeiten und kaufen - vice versa. Tatsächlich ist die ganze Innenstadt abgesperrt, der öffentliche Personennahverkehr wird während des Kirchentages mehrfach am Tag zusammenbrechen, und an ihrem Arbeitsplatz sieht man lediglich gelangweilte Kolleginnen. Von den wenigen Christen mal abgesehen, die sich auf der Suche nach einer Toilette ins Kaufhaus verirrt haben.

"Gucke'd Se sich doch die do a", bekräftigt sie ihre Befürchtungen, "Di henn sich doch die letzte Jahr nix Neus zum Azieha kauft, dann mached se des di nexschde Dag au ned." Die aufmerksame Beobachtung der Lohnabhängigen ist tatsächlich nicht von der Hand zu weisen. Der Protestantenauftrieb hat nichts, aber auch gar nichts mit einer Modenschau zu tun. Die 160 000 Menschen, die sich am Abend der Begegnung durch die City schieben und drücken, zeigen sich weitgehend unbeeinflußt von Modetrends. Das Schuhwerk robust bis sportlich, geeignet für Trekking oder Strandparty, der Rest schlicht unspektakulär und die letzten 15 Jahre scheinbar unverändert, bestenfalls im gleichen Geschmackssegment erneuert.

"Lieber 40 Jahre Birkenstock als die Konsumtempel Babylons" könnte der bibelgerechte Werbeslogan für dieses Szenario lauten. Auch was die Haarmode betrifft, äußert sich der Einfallsreichtum der Evangelischen in einem Spektrum, das bei der Oberlehrerinnenfrisur einer Antje Vollmer beginnt und mit Friedrich Schorlemmer schon wieder beendet ist.

Als wollten sie diesen Ausdruck innerweltlicher Askese überspielen, geben sie sich diesen Abend auffallend - um nicht zu sagen: bemüht - ausgelassen. Niemand soll sagen können, Protestanten könnten nicht feiern und fröhlich sein. Für Sack und Asche bleibt die kommenden Tage noch ausreichend Zeit. Allüberall wird aufgespielt zum fröhlichen Protestanten-Stadel und die Fans sind völlig aus dem Häuschen. Vertreter jeden Alters wandeln beseelt, irgendwie erleuchtet, ja fast entrückt zwischen evangelischer Rockgruppe, südafrikanischem Gospelchor und oberschwäbischem Schupfnudelstand. Ob da Drogen mit im Spiel sind? Oder ist es nur eine kleine Überdosis Jesus, die die Pupillen weitet und dieses unbeschreiblich debile Grinsen hervorruft. Die Differenz dieser Veranstaltung beispielsweise zur Love Parade liegt augenscheinlich nicht im wahrhaftig und ernsten Gesichtsausdruck der Teilnehmenden, sondern läßt sich lediglich in der unhippen Musik und im mega-uncoolen Outfit festmachen. Selbst die Kollegen vom evangelischen Pressedienst können sich mit der unwirklichen urozeanischen Atmosphäre dieses Kollektiv-Glücklich-Seins und Alle-Lieben-Alle nicht wirklich anfreunden, und wir beschließen, uns auf ein Bier aus dieser Masse zu entfernen.

Das Motto des diesjährigen Kirchentages, "Ihr seid das Salz der Erde", ist der Bergpredigt entliehen und versteht sich als Aufforderung, sich einzumischen, Sand statt Öl im Getriebe der Welt zu sein, den faden Verhältnissen nachzuhelfen. Der überwiegenden Mehrheit der über 100 000 Kirchentagsbesucher steht dieser Tage aber irgendwie nicht so der Sinn nach Weltverbesserung, sie kümmern sich lieber um ihr Seelenheil, tauschen sich aus über persönliche Erfahrungen der Spiritualität und genießen bei Open-Air-Gottesdiensten das schöne Wetter.

Das war beim letzten Stuttgarter Kirchentag vor 30 Jahren durchaus anders. Die Studentenbewegung hatte auch vor den Kirchen nicht haltgemacht und wollte, nachdem man schon mal an den Universitäten mit dem Entstauben angefangen hatte, den Muff unter den Talaren der Kirchenfunktionäre gleich mitentsorgen. Studierende Radikalchristen verwiesen darauf, woher der Protestantismus etymologisch seinen Namen und historisch seinen Ursprung hat: protestans, protestantis, Part. Präs. von lateinisch protestari, "öffentlich bezeugen, eine Gegenerklärung abgeben, Widerspruch erheben".

Dazu boten Vietnam-Krieg, Notstandsgesetze, vor sich hinmodernde Kirchenstrukturen und spätmittelalterliche Glaubensauffassungen bekanntermaßen ausreichend Gelegenheit. Es kommt zu Go-ins, Spontandemos und Hallenresolutionen. Die später vielgepriesene Demokratisierung des Kirchentages beginnt, doch die Pietisten können darin nur das zersetzende Werk des Antichristen erkennen: zuviel Politik, zuwenig Jesus. Es kommt zum Auszug dieser Fraktion - natürlich unter Protest. Das ist man sich auch bei den affirmativen Rechtsprotestanten schuldig. Dieser Eklat und jahrzehntelang verkrustete Mehrheitsverhältnisse in der Synode waren auch Grund dafür, weshalb der EKT 30 Jahre lang nicht mehr nach Stuttgart eingeladen wurde. Und weshalb die Pietisten ihrerseits an keinem Kirchentag mehr teilnehmen wollten.

Jetzt aber ist der Piet-Cong, wie er in der zeitgenössischen Diktion genannt wurde, wieder da und nervt. Und das nicht nur die liberalen Protestanten aus dem Südwesten, sondern alle anderen gleich mit. Besonders norddeutsche Theologen stehen kopfschüttelnd vor den betonpoller-ähnlichen Positionen dieser Brüder und Schwestern im Herrn. Wenn es denn überhaupt zur Kontroverse kommt. Mit dem Sonderstatus einer "Werkstatt Pietismus" bilden sie auf dem EKT eine kleine abgeschottete Insel bigotter Frömmigkeit, von wo aus sie hemmungslos gegen Kirche und Kirchentag pöbeln.

Die Rollen von 1969 scheinen vertauscht. Der provokative Protest kommt 1999 von Rechts. Der vorrückende Fundamentalismus drängt lautstark zu einem Rollback in theologischen und gesellschaftspolitischen Fragen. Die dabei immer gern angeschnittenen Lieblingsthemen sind voraussehbar: Schutz des ungeborenen Lebens, die Stellung der Frau in Ehe und Gesellschaft, lebenslange Paarbindung sowie vor- und außerehelicher Geschlechtsverkehr. Man kennt das ja.

Rolf Scheffbuch, Prälat im Ruhestand, gilt als Comandante des schwäbischen Piet-Cong. Wenn 

er sich so richtig in Rage redet, erinnert er an den nordirischen Protestantenführer, Pfarrer Ian Paisley. Man meint, das Fegefeuer brutzeln zu hören, sieht sich schon in siedendem Pech baden, und ein impertinenter Schwefelgeruch macht sich breit. Kostprobe gefällig? "Die Christenheit kann nur überleben, wenn sie damit rechnet, daß in der Welt der Teufel los ist und daß davon die Kirche Jesu Christi nicht ausgenommen ist." Überhaupt scheint die Beschäftigung mit dem Leibhaftigen Scheffbuchs Lieblingsthema zu sein. Wo er geht und steht, erlaubt er dem psychoanalytisch interessierten Beobachter tiefe Einblicke in die schier unermeßliche Verdrängungsarbeit, die hier ein Mann gegen den Beelzebub in jeder Form, in sich und in uns allen leistet. Scheffbuch wäre die Idealbesetzung für die kommenden Remakes von "Exorzist" I und II.

Stuttgart ist nicht nur für seine geographische und geistige Kessellage bekannt, sondern hat auch als Hauptstadt des Pietismus traurige Berühmtheit erlangt. Dieser ist - ähnlich der hierzulande beliebten Schweinskopfsülze - eine der vielen schwer verdaubaren und für Nicht-Württemberger kognitiv nicht wirklich nachvollziehbaren exklusiven Besonderheiten dieses Bundeslandes. Wobei die pietistische Erneuerungsbewegung überraschenderweise nicht einmal als schwäbische Erfindung gilt, sondern auch andernorts anzutreffen ist. Unser neuer Bundesbruder Johannes Rau kommt beispielsweise aus einer bergisch-pietistischen Familie. Aber nirgendwo sonst haben die Frommen soviel Macht und Einfluß wie in der evangelisch-lutherischen Landeskirche in Württemberg. 

"Jaa, jaa, die Biiebel gibt Antwoorten auf allee Fraagen des Läbens." Nein, hier liegt kein Schreibfehler vor. Ich versuche lediglich wiederzugeben, wie es sich in etwa anhört, wenn Schwaben sich an dem Versuch vergehen, Hochdeutsch aus sich herauszupressen. Die fromme Promoterin hinter dem pietistischen Devotionalienstand aus Korntal bringt es auf den Punkt: Die Bibel steht im Mittelpunkt des irdischen Jammertals und muß als ideologische Leitplanke für alles und jedes herhalten. Zentral für die individuelle Frömmigkeit ist das Bekehrungserlebnis. Der beliebteste Pietistentalk wird gerne so eingeleitet: "Ond, henn Se a Datum?" Die Frage zielt auf ein konkret benennbares Erlebnis mit Gott resp. Jesus ab, über das man sich oft und gern austauscht. Wer das nicht vorweisen kann, muß entweder nochmal tief in sich gehen oder ist dem Leibhaftigen verfallen. Ob man will oder nicht, endet solcherlei Meinungsaustausch mit der durchaus ernstgemeinten Androhung: "I werd für Sie beda!"

So ist es keinesfalls verwunderlich, daß man in diesen Kreisen statt adoleszenter Rebellion sein Läben lieber Jesus anvertraut, CDU wählt und täglich auf die Rückkehr des Heilands wartet. Nach ihrem Lebensziel gefragt, druckst die höchstens 17jährige Verteilerin frommer Traktätchen, der die evangelikale Leib- und Lustfeindlichkeit aus jedem Pickel spricht, denn auch ein "einmal bei Gott zu sein und möglichst viele Menschen mitzunehmen" heraus. Unangenehme Assoziationen an Amoklauf und chiliastischen Massenselbstmord drängen sich auf. Und so suche ich schnell das Weite, bevor die offensichtlich des Diesseits überdrüssige Teenagerin ihren Wunsch umsetzt. Ein bißchen möchte man es sich schließlich schon auch aussuchen dürfen, mit wem man wo zusammen ist. Auch im Jenseits.

Nun muß ich im Rahmen der traurigen Chronistenpflicht auf das unerfreulichste Thema des Kirchentages zu sprechen kommen, die sogenannten "Judenmission". Wenn Sie jetzt nur Bahnhof verstehen, machen Sie sich keine Gedanken. In wenigen Minuten werde ich sie durch ein Bestiarium führen, das Ihnen alles bisher Beschriebene so vertraut erscheinen läßt wie Ihre Stammkneipe um die Ecke.

Aus Gründen der journalistischen Sorgfaltspflicht will ich vorweg nicht unerwähnt lassen, daß viele Altpietisten, die auch die "Stillen im Land" genannt werden, nicht unbedingt in einen Topf mit jenen pietistisch inspirierten Evangelikalen geworfen werden dürfen, die diese "Judenmission" vorantreiben. Die einen wollen einfach nur fromm sein und halten die Klappe, was ihnen bei mir einen gewissen Sympathievorsprung verschafft, während die anderen gar nicht genug davon bekommen können, unbehelligte Menschen mit Jesus zuzulallen. Sieht man nun von dem Umstand ab, daß Philosemitismus lediglich ein anderer Aggregatzustand des bürgerlichen Antisemitismus ist, kann man die ersteren fast vernachlässigen. Sie verehren zwar das jüdische Volk als auserwähltes, aber aus eben diesem Grunde benötigen die Juden, so ihre Argumentation, ja nicht des Zuganges durch Jesus zu Gott. Das macht die Sache zwar auch nicht besser, aber sei's drum.

Die Evangelikalen, die sich die christliche Bekehrung von Menschen jüdischer Abstammung zum Herzensanliegen erkoren haben, sind in der Gruppe "Evangeliumsdienst für Israel - EDI" organisiert. Ihre Opfer finden sie in den zahlreichen jüdischen Auswanderern, die seit 1990 aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland kommen. Unter Ausnutzung ihrer sozialen Situation werden seit 1994 Jobs, Wohnungen und natürlich christlicher Beistand angeboten; Erlösung durch Christus inklusive.

Berechtigterweise werden Sie sich an dieser Stelle fragen: "Haben die nichts Besseres zu tun?" Es fällt tatsächlich etwas schwer, den komplexen Zusammenhang zu erklären, der für den/die durchschnittliche(n) Jungle World-LeserIn komplett absurd erscheinen mag, in der evangelischen Landeskirche Württemberg und auf dem Kirchentag aber für handfesten Zoff und den einzigen Eklat sorgt.

Die vernünftige Einsicht nämlich, daß es in einer globalisierten multiethnischen und -religiösen Welt nicht mehr angebracht erscheint, seinem Gegenüber und allen anderen Völkern seinen Guru reinzudrücken und bei Mißlingen dieses Unterfangens den sich Verweigernden mit ewiger Verdammnis und Nicht-Erwähltsein vor Gott zu drohen, scheint sich in bestimmten Kreisen in Süddeutschland eben noch nicht herumgesprochen zu haben. Aber, und verzeihen Sie mir bitte, daß ich an dieser Stelle etwas pastoral werden muß, wie will man Leuten die Idee prinzipieller Gleichheit aller Menschen, egal welcher Kultur und Religion sie angehören, vermitteln, die in ihrem Leben kein anderes Buch als die Bibel lesen?

Nun aber der Reihe nach: Nachdem der EDI mit einem Stand zum Markt der Möglichkeiten zugelassen wurde, sagte die Israelitische Religionsgemeinschaft Württembergs ihren Stand ab. Der Streit eskalierte: Eine dreitägige Veranstaltung der Arbeitsgemeinschaft Juden und Christen mit einer klaren Ausrichtung gegen die Judenmission wurde auf einen Tag verkürzt, der zum Streitgespräch aufs Podium geladene Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Manfred Kock, kniff kurzfristig, weil er nicht eindeutig Stellung beziehen wollte.

Diese bezieht dann um so deutlicher Landesrabbiner Joel Berger: Im Wirken judenmissionarischer Arbeitskreise und Gemeinden sieht er einen neuen Versuch, das Judentum zu vernichten. Nachdem es mit der Shoah nicht geklappt habe, wollten die Christen die Juden jetzt mit ihrer Liebe erschlagen. Am Ende des Veranstaltungstages wird zwar eine eindeutige Stellungnahme "Nein zur Judenmission" mit großer Mehrheit der 1 000 Anwesenden angenommen, es bleiben aber viele Uneinsichtige an den Saalmikrophonen zurück, denen die im wesentlichen theologisch geführten Argumentationsgänge partout nicht einleuchten wollen.

Am Ende des Kirchentages wird auf der Bilanzpressekonferenz diese Resolution vom Präsidium des EKT wieder relativiert. Alles nicht so gemeint. Es handle sich hier lediglich um ein Diskussionspapier eines von vielen Arbeitskreisen des Kirchentages, das jetzt wieder zu kontroversem Meinungsaustausch in die Gemeinden zurückgehe. Offensichtlich will man den Streit mit den Fundamentalisten nicht eskalieren lassen. Derweil geht der missionarische Eifer mit finanzieller Unterstützung der Landeskirche weiter.

Daran, daß die gutmeinenden Antisemiten auch noch ganz anders können und den konvertierten Juden die Taufe zu fast allen Zeiten sowieso nichts genützt hat, erinnert die Aktion Sühnezeichen / Friedensdienste auf dem zentralen EKT-Veranstaltungsort Killesberg. Mit einer Ausstellung und einer christlich-jüdischen Andacht wird täglich der etwa 3 000 vom Sammellager auf dem heutigen Messegelände deportierten Jüdinnen und Juden gedacht. "Von den 5 000 jüdischen Mitbürgern, die 1933 in Württemberg wohnten, lebten hier 1945 noch 35. Mehr als 3 300 württembergische Juden haben unsere Eltern und Großeltern umgebracht."

Während im Saal Micha Brumlik die Geschichte der Judenverfolgung referiert, verteilen vor der Schleyer-Halle Mitglieder des EDI Flugblätter, in denen die Gruppe energisch den Vorwurf des Antisemitismus zurückweist. Von welcher Zeitung ich denn käme, will eine angesprochene Aktivistin mißtrauisch wissen. Allmählich werde ich müde, meinen Gesprächspartnern langatmig zu erklären was die "Dschungel-Welt" denn nun eigentlich für ein Druckerzeugnis sei. Mehr als einmal durfte ich die Erfahrung machen, mit dieser Vorgehensweise eher recherchehinderliche Ressentiments zu wecken. Auch jetzt spüre ich intuitiv, daß das Gespräch ein ganz schnelles Ende nehmen könnte, wenn ich etwas in der Richtung sage wie "... führendes Fachblatt für den gebildeten Agnostiker mit linksradikalem Background, erscheint wöchentlich ..." oder so.

Also brezle ich das Image der Jungle World ein wenig für das vorgefundene Setting auf. Es handle sich um ein Fachblatt für philosophische und religiöse Weltanschauungsfragen. Was ja übrigens noch nicht mal gelogen ist. Und schiebe noch einen nach: "Welt als Dschungel ..., Salz der Erde ..." Das leuchtet ein, und jetzt findet sie den Zeitungsnamen sogar richtig gut. Bis auf einen Einwand: "Aber muß des denn emmer englisch sei?"

Ganz anderes aber will ich von ihr erfahren. Warum sie sich denn mit ihrem Missionsdrang so ausschließlich auf die Juden konzentriere, warum nicht die westafrikanischen Agni, die Dogon oder die Eskimos? Es gebe da überall großen Handlungsbedarf. "Nach ellem, was mir dene Juda ado henn, dürfed mir dene Jesus Chrischdus ned verhoimlicha" (zu deutsch: "Nach allem, was wir den Juden angetan haben, dürfen wir ihnen Jesus Christus nicht vorenthalten"), verkündet sie mir voller Inbrunst. Diese seien schließlich das von Gott auserwählte Volk und überhaupt was ganz Besonderes.

Und wie die angesprochenen Juden heute auf die Anwesenheit der EDI und ihr Flugblatt reagieren würden? "Ha no, es sind ja koine do." Und schnell ergänzt sie auf meinen Widerspruch: "Oder doch blos wenig". Sie könne Juden nämlich mit einhundertprozentiger Sicherheit erkennen. Um das zu überprüfen, will ich von ihr wissen, was Sie denn über mich denke, ob ich wohl auch einer sei? "Ha noi!" Kurze Pause. Dann folgt ein prüfender Blick tief in die Augen und auf meine Nase. "Oder send se oiner? Ma woiß ja nie!" Aha, das Verfahren scheint also noch nicht völlig ausgereift. Aber offensichtlich kann ich die ihrem Weltbild entsprechenden judentypischen Attribute nicht vorweisen: keine Hakennase, keine Kippa, kein hinterhältiger listiger Blick - oder doch? Die Verunsicherung kann wiederum ich in ihren Augen ablesen. Vielleicht zeitigt die in jüngster Vergangenheit bewährte Selektionsmethode "Wer Jude ist, bestimme ich" bessere Ergebnisse? Ob ich ihr den Tip geben sollte, daß ich mich allmählich irgendwie auch so fühle, als gehöre ich mal wieder so richtig durchmissioniert. Ich werde darüber nachdenken.

Das sind die Momente, in denen ich mit Gott hadere und nicht begreifen kann, warum er nicht einfach auf alle Menschen den Heiligen Geist regnen läßt, sie mit Vernunft ausstattet, um mit diesem wirkungsvollen Verfahren auch gleich dem Kommunismus zum Durchbruch zu verhelfen. Dann hätte nicht nur alles irdische Elend ein Ende, nein, auch Veranstaltungen wie diese, mit den beschriebenen Unerfreulichkeiten, könnten einem erspart bleiben. Aber wahrscheinlich will er uns nur einer besonders grausamen Prüfung unterziehen, dieser Sadist!

Ja, tatsächlich scheinen auf diesem Kirchentag die einzigen, die sich angriffslustig und provokativ Gehör verschaffen, die Pietisten und Evangelikalen zu sein. Die Vertreter linksliberaler Positionen sind gealtert, wenig Jüngere sind nachgekommen und die Positionen zu Dritter Welt, Abrüstung und Gewaltverzicht, wie man sie von Kirchentagen der achtziger Jahre kennt, hinlänglich bekannt, wenn nicht sogar unbestrittener Common Sense, über den für die Mehrheit der TeilnehmerInnen kein weiterer Streitbedarf zu bestehen scheint. Mehr noch: Endlich hat das bürgerlich-liberale, rot-grüne Kirchentagspublikum die Regierung, die es immer wollte, und es findet genau das statt, was sich auch bei Grüns beobachten läßt: Runterschlucken, Abnicken und Weglächeln.

Die Kirchentagsteilnehmer lassen sich denn auch mehr von diesem Zeitgeist treiben als vom Heiligen Geist inspirieren, wenn sie genauso handeln wie 

die grüne Parteibasis. Kriegsminister Scharping schwappen Wogen wahrhaftiger Begeisterung entgegen, als er die Nato-Luftschläge ethisch rechtfertigt. Die wenigen "Mörder, Mörder"-Rufe werden energisch zusammengezischt und den Kritikern das Kainsmal der Doppelmoral eingebrannt. Scharping genießt es förmlich, sich auch nach Ende der Veranstaltung auf Einzeldiskussionen einzulassen. Seine zivilen Personenschützer könnten auch derweil einen Kirchentagstofuburger essen gehen. Mit diesen Gegnern kommt Rudi ganz allein zurecht.

1981 mußte sich der sozialdemokratische Aufrüstungsminister Apel auf dem EKT in Hamburg einiges mehr gefallen lassen. Wenn ich mich recht entsinne, flog damals Handfesteres als fromme Lieder und besinnliche Ratschläge durch die Luft. 1999 in Stuttgart undenkbar. Überhaupt sucht man vergeblich nach einer ähnlich kompromißlosen und mehrheitsfähigen Position wie das Motto zum Auftakt der Kampagne gegen die Pershing-Stationierung. "Für ein Nein ohne jedes Ja!" Eine Aufforderung, die sich übrigens auch recht unmißverständlich in der Bibel findet: "Eure Rede sei ja, ja, nein, nein, und was darüber ist, das ist von Übel." Aber der den Sozialcharakter des Protestanten auszeichnende moralische Rigorismus und die sprichwörtliche protestantische Geradlinig- und Aufrichtigkeit, wo sind sie geblieben? Erhard Eppler, der friedensbewegte Spezialdemokrat und Kirchentagsaktivist von einst, verteidigt heute den Kosovo-Krieg, Helmut Schmidt, der hanseatische Protestant und Ex-Kalter-Krieger-Kanzler, ist dagegen. Da soll sich noch einer auskennen!

Immer wieder befremdet es den säkularisierten Beobachter etwas, bei Diskussionen recht schnell mit der Gretchenfrage konfrontiert zu werden: "Wie hältst du's mit der Religion?" Besonders beliebt die Variante: "Glaubst du an Jesus, den Erlöser?" Nun weiß man ja, daß der Fundamentalismus weltweit auf dem Vormarsch ist, irritierend ist es aber schon auf einem eher weltoffenen Protestantentreffen in Gesprächssituationen hineinzugeraten, die auch in Teheran oder Jerusalem stattfinden könnten. Ist man nicht gewillt, jedes Komma des Katechismus mit Herzblut zu unterschreiben, wird einem schon mal abgesprochen, überhaupt Erlösung zu finden, zum auserwählten Volk zu gehören respektive überhaupt mitreden zu dürfen. Dabei habe ich im Konfirmationsunterricht fein aufgepaßt und weiß, daß einem die Gotteskindschaft nicht so mir nix dir nix wieder abgenommen werden kann. Ein echter Pluspunkt gegenüber Vereinen mit der Praxis von Parteiausschlußverfahren oder Exkommunikation.

Ich bedaure es sehr, nichts Erfreulicheres von diesem EKT berichten zu können, aber was haben Sie erwartet? Die schöne Geschichte vom Kirchentag, der der bundesrepublikanischen Zivilgesellschaft frische Impulse gibt und Forderungen der neuen sozialen Bewegungen durch engagierte Protestanten auch zu den bürgerlichen Gemeindemitgliedern aufs flache Land trägt, für die derlei Fragestellungen keinesfalls alltäglich sind? Ich würde gern dran glauben, aber wie Sie sofort am Schlüsselwort vor dem Komma erkannt haben, ist das schon wieder eine religiöse Frage. Zeitgeistabhängig mag der EKT in den Siebzigern und Achtzigern einst eine "Schule der Demokratie", wie oft und gern in Selbstverständniserklärungen überhöht, gewesen sein. Zur Zeit kommt das Lüftchen halt eher aus der Richtung rechts, esoterisch und spirituell. Ausdruck dessen, was sonst so läuft.

Und sicherlich ist diese alle zwei Jahre stattfindende protestantische Mustermesse einer der letzten Orte, an denen es noch einfache identifikationskompatible Antworten auf hochkomplexe Fragen zu haben gibt. Etwas Bespiegelung der Seele, Zuspruch für die große Gemeinde der Gutmeinenden, die, wenn's ans Umsetzen geht, ihr Herzensanliegen lieber Realpolitikern anvertrauen. So waren sich denn auch bei einer Podiumsdiskussion zur öffentlichen Rolle der Kirche in der Gesellschaft Antje Vollmer, Bischof Wolfgang Huber, Reinhard Höppner und Guido Westerwelle einig, daß Religion und Politik klar auseinanderzuhalten sein. Der einzelne müsse seine Rolle als Christ von seiner Rolle als Realpolitiker strikt trennen. Christliche Werte und das Verpflichtetsein gegenüber einer konfessionellen Lobby seien nicht immer in Einklang zu bringen. Na denn.

Und wenn's mal richtig unerträglich wird angesichts soviel Sülz der Erde, kann der von Gewissenspein gebeutelte Christ immer noch öffentlich über seine "innere Zerrissenheit" delirieren und die notwendige ethische Güterabwägung.

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