 |
 |
Ihr seid das Sülz der Erde
Die Evangelischen haben's sich mit
ihrem Kirchentag in Stuttgart mal wieder richtig gegeben. Eine Reportage
von der größten weltanschaulichen Mustermesse für religiöses
Allerlei. Von Hosea Fürchtegott Mahnert
Die größte Volksversammlung
der Bundesrepublik, das größte Protestantentreffen der Welt,
Schule der Demokratie und Impulsgeber für die Gesellschaft: Die Meßlatte
des Selbstverständnisses liegt hoch. Der 28. Deutsche Evangelische
Kirchentag (EKT) in Stuttgart kommt als klerikale Leistungsschau der Superlative
daher und will es allen recht machen. 2 300 Veranstaltungen, 5 000 Anbieter
auf dem "Markt der Möglichkeiten" und 30 000 Mitwirkende dokumentieren
eine pluralistische Breite, gegenüber der selbst die SPD als engstirnig-linientreue
Politsekte daherkommt.
Plötzlich sind sie da und verkleben
das beschaulich verschlafene Stuttgart. Zu Zehntausenden wälzen sie
sich in die Fußgängerzone, singen, lachen, schwenken bunte Tücher
und preisen den Herrn. Die Eingeborenen der schwäbischen Metropole
reagieren irritiert. Trotz tagelanger Vorwarnungen der lokalen Presse vor
sozialpsychologischer Disposition und quantitativem Aufkommen der Spezies
Kirchentagsbesucher halten sie sich lieber auf Distanz.
Die Verkäuferin des alteingesessenen
Kaufhauses Breuninger kann dann auch nur mühsam die Contenance wahren,
als sie auf die Einschränkungen zu sprechen kommt, die sie die nächsten
Tage hinzunehmen hat. "Jetzt kann i drei Dag nemme mit'm Audo in'd Schtad
und verkauft wird au nix me. Vielleicht sod i au beda." Was mir die erboste
Stuttgarterin da auf Nachfrage mitteilt, tangiert zweifelsfrei den Kern
ihres Lebensalltags: Auto fahren, am besten Daimler, arbeiten und kaufen
- vice versa. Tatsächlich ist die ganze Innenstadt abgesperrt, der
öffentliche Personennahverkehr wird während des Kirchentages
mehrfach am Tag zusammenbrechen, und an ihrem Arbeitsplatz sieht man lediglich
gelangweilte Kolleginnen. Von den wenigen Christen mal abgesehen, die sich
auf der Suche nach einer Toilette ins Kaufhaus verirrt haben.
"Gucke'd Se sich doch die do a",
bekräftigt sie ihre Befürchtungen, "Di henn sich doch die letzte
Jahr nix Neus zum Azieha kauft, dann mached se des di nexschde Dag au ned."
Die aufmerksame Beobachtung der Lohnabhängigen ist tatsächlich
nicht von der Hand zu weisen. Der Protestantenauftrieb hat nichts, aber
auch gar nichts mit einer Modenschau zu tun. Die 160 000 Menschen, die
sich am Abend der Begegnung durch die City schieben und drücken, zeigen
sich weitgehend unbeeinflußt von Modetrends. Das Schuhwerk robust
bis sportlich, geeignet für Trekking oder Strandparty, der Rest schlicht
unspektakulär und die letzten 15 Jahre scheinbar unverändert,
bestenfalls im gleichen Geschmackssegment erneuert.
"Lieber 40 Jahre Birkenstock als
die Konsumtempel Babylons" könnte der bibelgerechte Werbeslogan für
dieses Szenario lauten. Auch was die Haarmode betrifft, äußert
sich der Einfallsreichtum der Evangelischen in einem Spektrum, das bei
der Oberlehrerinnenfrisur einer Antje Vollmer beginnt und mit Friedrich
Schorlemmer schon wieder beendet ist.
Als wollten sie diesen Ausdruck
innerweltlicher Askese überspielen, geben sie sich diesen Abend auffallend
- um nicht zu sagen: bemüht - ausgelassen. Niemand soll sagen können,
Protestanten könnten nicht feiern und fröhlich sein. Für
Sack und Asche bleibt die kommenden Tage noch ausreichend Zeit. Allüberall
wird aufgespielt zum fröhlichen Protestanten-Stadel und die Fans sind
völlig aus dem Häuschen. Vertreter jeden Alters wandeln beseelt,
irgendwie erleuchtet, ja fast entrückt zwischen evangelischer Rockgruppe,
südafrikanischem Gospelchor und oberschwäbischem Schupfnudelstand.
Ob da Drogen mit im Spiel sind? Oder ist es nur eine kleine Überdosis
Jesus, die die Pupillen weitet und dieses unbeschreiblich debile Grinsen
hervorruft. Die Differenz dieser Veranstaltung beispielsweise zur Love
Parade liegt augenscheinlich nicht im wahrhaftig und ernsten Gesichtsausdruck
der Teilnehmenden, sondern läßt sich lediglich in der unhippen
Musik und im mega-uncoolen Outfit festmachen. Selbst die Kollegen vom evangelischen
Pressedienst können sich mit der unwirklichen urozeanischen Atmosphäre
dieses Kollektiv-Glücklich-Seins und Alle-Lieben-Alle nicht wirklich
anfreunden, und wir beschließen, uns auf ein Bier aus dieser Masse
zu entfernen.
Das Motto des diesjährigen
Kirchentages, "Ihr seid das Salz der Erde", ist der Bergpredigt entliehen
und versteht sich als Aufforderung, sich einzumischen, Sand statt Öl
im Getriebe der Welt zu sein, den faden Verhältnissen nachzuhelfen.
Der überwiegenden Mehrheit der über 100 000 Kirchentagsbesucher
steht dieser Tage aber irgendwie nicht so der Sinn nach Weltverbesserung,
sie kümmern sich lieber um ihr Seelenheil, tauschen sich aus über
persönliche Erfahrungen der Spiritualität und genießen
bei Open-Air-Gottesdiensten das schöne Wetter.
Das war beim letzten Stuttgarter
Kirchentag vor 30 Jahren durchaus anders. Die Studentenbewegung hatte auch
vor den Kirchen nicht haltgemacht und wollte, nachdem man schon mal an
den Universitäten mit dem Entstauben angefangen hatte, den Muff unter
den Talaren der Kirchenfunktionäre gleich mitentsorgen. Studierende
Radikalchristen verwiesen darauf, woher der Protestantismus etymologisch
seinen Namen und historisch seinen Ursprung hat: protestans, protestantis,
Part. Präs. von lateinisch protestari, "öffentlich bezeugen,
eine Gegenerklärung abgeben, Widerspruch erheben".
Dazu boten Vietnam-Krieg, Notstandsgesetze,
vor sich hinmodernde Kirchenstrukturen und spätmittelalterliche Glaubensauffassungen
bekanntermaßen ausreichend Gelegenheit. Es kommt zu Go-ins, Spontandemos
und Hallenresolutionen. Die später vielgepriesene Demokratisierung
des Kirchentages beginnt, doch die Pietisten können darin nur das
zersetzende Werk des Antichristen erkennen: zuviel Politik, zuwenig Jesus.
Es kommt zum Auszug dieser Fraktion - natürlich unter Protest. Das
ist man sich auch bei den affirmativen Rechtsprotestanten schuldig. Dieser
Eklat und jahrzehntelang verkrustete Mehrheitsverhältnisse in der
Synode waren auch Grund dafür, weshalb der EKT 30 Jahre lang nicht
mehr nach Stuttgart eingeladen wurde. Und weshalb die Pietisten ihrerseits
an keinem Kirchentag mehr teilnehmen wollten.
Jetzt aber ist der Piet-Cong, wie
er in der zeitgenössischen Diktion genannt wurde, wieder da und nervt.
Und das nicht nur die liberalen Protestanten aus dem Südwesten, sondern
alle anderen gleich mit. Besonders norddeutsche Theologen stehen kopfschüttelnd
vor den betonpoller-ähnlichen Positionen dieser Brüder und Schwestern
im Herrn. Wenn es denn überhaupt zur Kontroverse kommt. Mit dem Sonderstatus
einer "Werkstatt Pietismus" bilden sie auf dem EKT eine kleine abgeschottete
Insel bigotter Frömmigkeit, von wo aus sie hemmungslos gegen Kirche
und Kirchentag pöbeln.
Die Rollen von 1969 scheinen vertauscht.
Der provokative Protest kommt 1999 von Rechts. Der vorrückende Fundamentalismus
drängt lautstark zu einem Rollback in theologischen und gesellschaftspolitischen
Fragen. Die dabei immer gern angeschnittenen Lieblingsthemen sind voraussehbar:
Schutz des ungeborenen Lebens, die Stellung der Frau in Ehe und Gesellschaft,
lebenslange Paarbindung sowie vor- und außerehelicher Geschlechtsverkehr.
Man kennt das ja.
Rolf Scheffbuch, Prälat im
Ruhestand, gilt als Comandante des schwäbischen Piet-Cong. Wenn
er sich so richtig in Rage redet,
erinnert er an den nordirischen Protestantenführer, Pfarrer Ian Paisley.
Man meint, das Fegefeuer brutzeln zu hören, sieht sich schon in siedendem
Pech baden, und ein impertinenter Schwefelgeruch macht sich breit. Kostprobe
gefällig? "Die Christenheit kann nur überleben, wenn sie damit
rechnet, daß in der Welt der Teufel los ist und daß davon die
Kirche Jesu Christi nicht ausgenommen ist." Überhaupt scheint die
Beschäftigung mit dem Leibhaftigen Scheffbuchs Lieblingsthema zu sein.
Wo er geht und steht, erlaubt er dem psychoanalytisch interessierten Beobachter
tiefe Einblicke in die schier unermeßliche Verdrängungsarbeit,
die hier ein Mann gegen den Beelzebub in jeder Form, in sich und in uns
allen leistet. Scheffbuch wäre die Idealbesetzung für die kommenden
Remakes von "Exorzist" I und II.
Stuttgart ist nicht nur für
seine geographische und geistige Kessellage bekannt, sondern hat auch als
Hauptstadt des Pietismus traurige Berühmtheit erlangt. Dieser ist
- ähnlich der hierzulande beliebten Schweinskopfsülze - eine
der vielen schwer verdaubaren und für Nicht-Württemberger kognitiv
nicht wirklich nachvollziehbaren exklusiven Besonderheiten dieses Bundeslandes.
Wobei die pietistische Erneuerungsbewegung überraschenderweise nicht
einmal als schwäbische Erfindung gilt, sondern auch andernorts anzutreffen
ist. Unser neuer Bundesbruder Johannes Rau kommt beispielsweise aus einer
bergisch-pietistischen Familie. Aber nirgendwo sonst haben die Frommen
soviel Macht und Einfluß wie in der evangelisch-lutherischen Landeskirche
in Württemberg.
"Jaa, jaa, die Biiebel gibt Antwoorten
auf allee Fraagen des Läbens." Nein, hier liegt kein Schreibfehler
vor. Ich versuche lediglich wiederzugeben, wie es sich in etwa anhört,
wenn Schwaben sich an dem Versuch vergehen, Hochdeutsch aus sich herauszupressen.
Die fromme Promoterin hinter dem pietistischen Devotionalienstand aus Korntal
bringt es auf den Punkt: Die Bibel steht im Mittelpunkt des irdischen Jammertals
und muß als ideologische Leitplanke für alles und jedes herhalten.
Zentral für die individuelle Frömmigkeit ist das Bekehrungserlebnis.
Der beliebteste Pietistentalk wird gerne so eingeleitet: "Ond, henn Se
a Datum?" Die Frage zielt auf ein konkret benennbares Erlebnis mit Gott
resp. Jesus ab, über das man sich oft und gern austauscht. Wer das
nicht vorweisen kann, muß entweder nochmal tief in sich gehen oder
ist dem Leibhaftigen verfallen. Ob man will oder nicht, endet solcherlei
Meinungsaustausch mit der durchaus ernstgemeinten Androhung: "I werd für
Sie beda!"
So ist es keinesfalls verwunderlich,
daß man in diesen Kreisen statt adoleszenter Rebellion sein Läben
lieber Jesus anvertraut, CDU wählt und täglich auf die Rückkehr
des Heilands wartet. Nach ihrem Lebensziel gefragt, druckst die höchstens
17jährige Verteilerin frommer Traktätchen, der die evangelikale
Leib- und Lustfeindlichkeit aus jedem Pickel spricht, denn auch ein "einmal
bei Gott zu sein und möglichst viele Menschen mitzunehmen" heraus.
Unangenehme Assoziationen an Amoklauf und chiliastischen Massenselbstmord
drängen sich auf. Und so suche ich schnell das Weite, bevor die offensichtlich
des Diesseits überdrüssige Teenagerin ihren Wunsch umsetzt. Ein
bißchen möchte man es sich schließlich schon auch aussuchen
dürfen, mit wem man wo zusammen ist. Auch im Jenseits.
Nun muß ich im Rahmen der
traurigen Chronistenpflicht auf das unerfreulichste Thema des Kirchentages
zu sprechen kommen, die sogenannten "Judenmission". Wenn Sie jetzt nur
Bahnhof verstehen, machen Sie sich keine Gedanken. In wenigen Minuten werde
ich sie durch ein Bestiarium führen, das Ihnen alles bisher Beschriebene
so vertraut erscheinen läßt wie Ihre Stammkneipe um die Ecke.
Aus Gründen der journalistischen
Sorgfaltspflicht will ich vorweg nicht unerwähnt lassen, daß
viele Altpietisten, die auch die "Stillen im Land" genannt werden, nicht
unbedingt in einen Topf mit jenen pietistisch inspirierten Evangelikalen
geworfen werden dürfen, die diese "Judenmission" vorantreiben. Die
einen wollen einfach nur fromm sein und halten die Klappe, was ihnen bei
mir einen gewissen Sympathievorsprung verschafft, während die anderen
gar nicht genug davon bekommen können, unbehelligte Menschen mit Jesus
zuzulallen. Sieht man nun von dem Umstand ab, daß Philosemitismus
lediglich ein anderer Aggregatzustand des bürgerlichen Antisemitismus
ist, kann man die ersteren fast vernachlässigen. Sie verehren zwar
das jüdische Volk als auserwähltes, aber aus eben diesem Grunde
benötigen die Juden, so ihre Argumentation, ja nicht des Zuganges
durch Jesus zu Gott. Das macht die Sache zwar auch nicht besser, aber sei's
drum.
Die Evangelikalen, die sich die
christliche Bekehrung von Menschen jüdischer Abstammung zum Herzensanliegen
erkoren haben, sind in der Gruppe "Evangeliumsdienst für Israel -
EDI" organisiert. Ihre Opfer finden sie in den zahlreichen jüdischen
Auswanderern, die seit 1990 aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion
nach Deutschland kommen. Unter Ausnutzung ihrer sozialen Situation werden
seit 1994 Jobs, Wohnungen und natürlich christlicher Beistand angeboten;
Erlösung durch Christus inklusive.
Berechtigterweise werden Sie sich
an dieser Stelle fragen: "Haben die nichts Besseres zu tun?" Es fällt
tatsächlich etwas schwer, den komplexen Zusammenhang zu erklären,
der für den/die durchschnittliche(n) Jungle World-LeserIn komplett
absurd erscheinen mag, in der evangelischen Landeskirche Württemberg
und auf dem Kirchentag aber für handfesten Zoff und den einzigen Eklat
sorgt.
Die vernünftige Einsicht nämlich,
daß es in einer globalisierten multiethnischen und -religiösen
Welt nicht mehr angebracht erscheint, seinem Gegenüber und allen anderen
Völkern seinen Guru reinzudrücken und bei Mißlingen dieses
Unterfangens den sich Verweigernden mit ewiger Verdammnis und Nicht-Erwähltsein
vor Gott zu drohen, scheint sich in bestimmten Kreisen in Süddeutschland
eben noch nicht herumgesprochen zu haben. Aber, und verzeihen Sie mir bitte,
daß ich an dieser Stelle etwas pastoral werden muß, wie will
man Leuten die Idee prinzipieller Gleichheit aller Menschen, egal welcher
Kultur und Religion sie angehören, vermitteln, die in ihrem Leben
kein anderes Buch als die Bibel lesen?
Nun aber der Reihe nach: Nachdem
der EDI mit einem Stand zum Markt der Möglichkeiten zugelassen wurde,
sagte die Israelitische Religionsgemeinschaft Württembergs ihren Stand
ab. Der Streit eskalierte: Eine dreitägige Veranstaltung der Arbeitsgemeinschaft
Juden und Christen mit einer klaren Ausrichtung gegen die Judenmission
wurde auf einen Tag verkürzt, der zum Streitgespräch aufs Podium
geladene Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD),
Manfred Kock, kniff kurzfristig, weil er nicht eindeutig Stellung beziehen
wollte.
Diese bezieht dann um so deutlicher
Landesrabbiner Joel Berger: Im Wirken judenmissionarischer Arbeitskreise
und Gemeinden sieht er einen neuen Versuch, das Judentum zu vernichten.
Nachdem es mit der Shoah nicht geklappt habe, wollten die Christen die
Juden jetzt mit ihrer Liebe erschlagen. Am Ende des Veranstaltungstages
wird zwar eine eindeutige Stellungnahme "Nein zur Judenmission" mit großer
Mehrheit der 1 000 Anwesenden angenommen, es bleiben aber viele Uneinsichtige
an den Saalmikrophonen zurück, denen die im wesentlichen theologisch
geführten Argumentationsgänge partout nicht einleuchten wollen.
Am Ende des Kirchentages wird auf
der Bilanzpressekonferenz diese Resolution vom Präsidium des EKT wieder
relativiert. Alles nicht so gemeint. Es handle sich hier lediglich um ein
Diskussionspapier eines von vielen Arbeitskreisen des Kirchentages, das
jetzt wieder zu kontroversem Meinungsaustausch in die Gemeinden zurückgehe.
Offensichtlich will man den Streit mit den Fundamentalisten nicht eskalieren
lassen. Derweil geht der missionarische Eifer mit finanzieller Unterstützung
der Landeskirche weiter.
Daran, daß die gutmeinenden
Antisemiten auch noch ganz anders können und den konvertierten Juden
die Taufe zu fast allen Zeiten sowieso nichts genützt hat, erinnert
die Aktion Sühnezeichen / Friedensdienste auf dem zentralen EKT-Veranstaltungsort
Killesberg. Mit einer Ausstellung und einer christlich-jüdischen Andacht
wird täglich der etwa 3 000 vom Sammellager auf dem heutigen Messegelände
deportierten Jüdinnen und Juden gedacht. "Von den 5 000 jüdischen
Mitbürgern, die 1933 in Württemberg wohnten, lebten hier 1945
noch 35. Mehr als 3 300 württembergische Juden haben unsere Eltern
und Großeltern umgebracht."
Während im Saal Micha Brumlik
die Geschichte der Judenverfolgung referiert, verteilen vor der Schleyer-Halle
Mitglieder des EDI Flugblätter, in denen die Gruppe energisch den
Vorwurf des Antisemitismus zurückweist. Von welcher Zeitung ich denn
käme, will eine angesprochene Aktivistin mißtrauisch wissen.
Allmählich werde ich müde, meinen Gesprächspartnern langatmig
zu erklären was die "Dschungel-Welt" denn nun eigentlich für
ein Druckerzeugnis sei. Mehr als einmal durfte ich die Erfahrung machen,
mit dieser Vorgehensweise eher recherchehinderliche Ressentiments zu wecken.
Auch jetzt spüre ich intuitiv, daß das Gespräch ein ganz
schnelles Ende nehmen könnte, wenn ich etwas in der Richtung sage
wie "... führendes Fachblatt für den gebildeten Agnostiker mit
linksradikalem Background, erscheint wöchentlich ..." oder so.
Also brezle ich das Image der Jungle
World ein wenig für das vorgefundene Setting auf. Es handle sich um
ein Fachblatt für philosophische und religiöse Weltanschauungsfragen.
Was ja übrigens noch nicht mal gelogen ist. Und schiebe noch einen
nach: "Welt als Dschungel ..., Salz der Erde ..." Das leuchtet ein, und
jetzt findet sie den Zeitungsnamen sogar richtig gut. Bis auf einen Einwand:
"Aber muß des denn emmer englisch sei?"
Ganz anderes aber will ich von ihr
erfahren. Warum sie sich denn mit ihrem Missionsdrang so ausschließlich
auf die Juden konzentriere, warum nicht die westafrikanischen Agni, die
Dogon oder die Eskimos? Es gebe da überall großen Handlungsbedarf.
"Nach ellem, was mir dene Juda ado henn, dürfed mir dene Jesus Chrischdus
ned verhoimlicha" (zu deutsch: "Nach allem, was wir den Juden angetan haben,
dürfen wir ihnen Jesus Christus nicht vorenthalten"), verkündet
sie mir voller Inbrunst. Diese seien schließlich das von Gott auserwählte
Volk und überhaupt was ganz Besonderes.
Und wie die angesprochenen Juden
heute auf die Anwesenheit der EDI und ihr Flugblatt reagieren würden?
"Ha no, es sind ja koine do." Und schnell ergänzt sie auf meinen Widerspruch:
"Oder doch blos wenig". Sie könne Juden nämlich mit einhundertprozentiger
Sicherheit erkennen. Um das zu überprüfen, will ich von ihr wissen,
was Sie denn über mich denke, ob ich wohl auch einer sei? "Ha noi!"
Kurze Pause. Dann folgt ein prüfender Blick tief in die Augen und
auf meine Nase. "Oder send se oiner? Ma woiß ja nie!" Aha, das Verfahren
scheint also noch nicht völlig ausgereift. Aber offensichtlich kann
ich die ihrem Weltbild entsprechenden judentypischen Attribute nicht vorweisen:
keine Hakennase, keine Kippa, kein hinterhältiger listiger Blick -
oder doch? Die Verunsicherung kann wiederum ich in ihren Augen ablesen.
Vielleicht zeitigt die in jüngster Vergangenheit bewährte Selektionsmethode
"Wer Jude ist, bestimme ich" bessere Ergebnisse? Ob ich ihr den Tip geben
sollte, daß ich mich allmählich irgendwie auch so fühle,
als gehöre ich mal wieder so richtig durchmissioniert. Ich werde darüber
nachdenken.
Das sind die Momente, in denen ich
mit Gott hadere und nicht begreifen kann, warum er nicht einfach auf alle
Menschen den Heiligen Geist regnen läßt, sie mit Vernunft ausstattet,
um mit diesem wirkungsvollen Verfahren auch gleich dem Kommunismus zum
Durchbruch zu verhelfen. Dann hätte nicht nur alles irdische Elend
ein Ende, nein, auch Veranstaltungen wie diese, mit den beschriebenen Unerfreulichkeiten,
könnten einem erspart bleiben. Aber wahrscheinlich will er uns nur
einer besonders grausamen Prüfung unterziehen, dieser Sadist!
Ja, tatsächlich scheinen auf
diesem Kirchentag die einzigen, die sich angriffslustig und provokativ
Gehör verschaffen, die Pietisten und Evangelikalen zu sein. Die Vertreter
linksliberaler Positionen sind gealtert, wenig Jüngere sind nachgekommen
und die Positionen zu Dritter Welt, Abrüstung und Gewaltverzicht,
wie man sie von Kirchentagen der achtziger Jahre kennt, hinlänglich
bekannt, wenn nicht sogar unbestrittener Common Sense, über den für
die Mehrheit der TeilnehmerInnen kein weiterer Streitbedarf zu bestehen
scheint. Mehr noch: Endlich hat das bürgerlich-liberale, rot-grüne
Kirchentagspublikum die Regierung, die es immer wollte, und es findet genau
das statt, was sich auch bei Grüns beobachten läßt: Runterschlucken,
Abnicken und Weglächeln.
Die Kirchentagsteilnehmer lassen
sich denn auch mehr von diesem Zeitgeist treiben als vom Heiligen Geist
inspirieren, wenn sie genauso handeln wie
die grüne Parteibasis. Kriegsminister
Scharping schwappen Wogen wahrhaftiger Begeisterung entgegen, als er die
Nato-Luftschläge ethisch rechtfertigt. Die wenigen "Mörder, Mörder"-Rufe
werden energisch zusammengezischt und den Kritikern das Kainsmal der Doppelmoral
eingebrannt. Scharping genießt es förmlich, sich auch nach Ende
der Veranstaltung auf Einzeldiskussionen einzulassen. Seine zivilen Personenschützer
könnten auch derweil einen Kirchentagstofuburger essen gehen. Mit
diesen Gegnern kommt Rudi ganz allein zurecht.
1981 mußte sich der sozialdemokratische
Aufrüstungsminister Apel auf dem EKT in Hamburg einiges mehr gefallen
lassen. Wenn ich mich recht entsinne, flog damals Handfesteres als fromme
Lieder und besinnliche Ratschläge durch die Luft. 1999 in Stuttgart
undenkbar. Überhaupt sucht man vergeblich nach einer ähnlich
kompromißlosen und mehrheitsfähigen Position wie das Motto zum
Auftakt der Kampagne gegen die Pershing-Stationierung. "Für ein Nein
ohne jedes Ja!" Eine Aufforderung, die sich übrigens auch recht unmißverständlich
in der Bibel findet: "Eure Rede sei ja, ja, nein, nein, und was darüber
ist, das ist von Übel." Aber der den Sozialcharakter des Protestanten
auszeichnende moralische Rigorismus und die sprichwörtliche protestantische
Geradlinig- und Aufrichtigkeit, wo sind sie geblieben? Erhard Eppler, der
friedensbewegte Spezialdemokrat und Kirchentagsaktivist von einst, verteidigt
heute den Kosovo-Krieg, Helmut Schmidt, der hanseatische Protestant und
Ex-Kalter-Krieger-Kanzler, ist dagegen. Da soll sich noch einer auskennen!
Immer wieder befremdet es den säkularisierten
Beobachter etwas, bei Diskussionen recht schnell mit der Gretchenfrage
konfrontiert zu werden: "Wie hältst du's mit der Religion?" Besonders
beliebt die Variante: "Glaubst du an Jesus, den Erlöser?" Nun weiß
man ja, daß der Fundamentalismus weltweit auf dem Vormarsch ist,
irritierend ist es aber schon auf einem eher weltoffenen Protestantentreffen
in Gesprächssituationen hineinzugeraten, die auch in Teheran oder
Jerusalem stattfinden könnten. Ist man nicht gewillt, jedes Komma
des Katechismus mit Herzblut zu unterschreiben, wird einem schon mal abgesprochen,
überhaupt Erlösung zu finden, zum auserwählten Volk zu gehören
respektive überhaupt mitreden zu dürfen. Dabei habe ich im Konfirmationsunterricht
fein aufgepaßt und weiß, daß einem die Gotteskindschaft
nicht so mir nix dir nix wieder abgenommen werden kann. Ein echter Pluspunkt
gegenüber Vereinen mit der Praxis von Parteiausschlußverfahren
oder Exkommunikation.
Ich bedaure es sehr, nichts Erfreulicheres
von diesem EKT berichten zu können, aber was haben Sie erwartet? Die
schöne Geschichte vom Kirchentag, der der bundesrepublikanischen Zivilgesellschaft
frische Impulse gibt und Forderungen der neuen sozialen Bewegungen durch
engagierte Protestanten auch zu den bürgerlichen Gemeindemitgliedern
aufs flache Land trägt, für die derlei Fragestellungen keinesfalls
alltäglich sind? Ich würde gern dran glauben, aber wie Sie sofort
am Schlüsselwort vor dem Komma erkannt haben, ist das schon wieder
eine religiöse Frage. Zeitgeistabhängig mag der EKT in den Siebzigern
und Achtzigern einst eine "Schule der Demokratie", wie oft und gern in
Selbstverständniserklärungen überhöht, gewesen sein.
Zur Zeit kommt das Lüftchen halt eher aus der Richtung rechts, esoterisch
und spirituell. Ausdruck dessen, was sonst so läuft.
Und sicherlich ist diese alle zwei
Jahre stattfindende protestantische Mustermesse einer der letzten Orte,
an denen es noch einfache identifikationskompatible Antworten auf hochkomplexe
Fragen zu haben gibt. Etwas Bespiegelung der Seele, Zuspruch für die
große Gemeinde der Gutmeinenden, die, wenn's ans Umsetzen geht, ihr
Herzensanliegen lieber Realpolitikern anvertrauen. So waren sich denn auch
bei einer Podiumsdiskussion zur öffentlichen Rolle der Kirche in der
Gesellschaft Antje Vollmer, Bischof Wolfgang Huber, Reinhard Höppner
und Guido Westerwelle einig, daß Religion und Politik klar auseinanderzuhalten
sein. Der einzelne müsse seine Rolle als Christ von seiner Rolle als
Realpolitiker strikt trennen. Christliche Werte und das Verpflichtetsein
gegenüber einer konfessionellen Lobby seien nicht immer in Einklang
zu bringen. Na denn.
Und wenn's mal richtig unerträglich
wird angesichts soviel Sülz der Erde, kann der von Gewissenspein gebeutelte
Christ immer noch öffentlich über seine "innere Zerrissenheit"
delirieren und die notwendige ethische Güterabwägung. |