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Wirklichkeit und Wahrnehmung
Der Dokumentarfilmer als Selbstversucher.
"Das Meisterspiel" und andere Inszenierungen.
Von Georg Seeßlen
Es ist erfreulich: Seit einiger
Zeit sprechen wir wieder über Dokumentarfilme; wir sehen wieder Dokumentarfilme,
dort, wo sie hingehören, nämlich im Kino, und, was noch besser
ist: Wir streiten wieder über das Dokumentarische im Kino.
Nicht über die technisch aufwendigen
"Naturfilme" in den Imax-Kinos, nicht über die speziellen Filme für
Sinnsucher und Stadtschamanen, sondern vor allem über Filme, die das
Genre selber neu definieren. Und schon merkwürdig: Während im
Spielfilm eine neue pseudo-dokumentarische Keuschheit aufscheint, in den
dänischen Dogma-Filmen oder in Aki Kaurismäkis "Stummfilm" "Juha"
zum Beispiel, überschreiten die Dokumentarfilme - oft zum Ärger
der Puristen - entschlossen die Grenze zum Artifiziellen und Inszenierten.
In beiden Bewegungen können
wir ahnen: Beides - die Wirklichkeit und der Mythos - ist nicht mehr das,
was es einmal war. Den Bildern ist nicht mehr zu trauen, um so mehr richtet
sich unser Interesse auf die Selbstreflexion ihrer Herstellung. Die Kamera
reicht nicht mehr, als "Lesegerät", in eine Situation, sondern sie
taucht ein in ein Spiel der Imaginationen und Spiegelungen, wird vom Gegenüber
zum Mitspieler. Die Macht (und die Moral) der Filmherstellung beginnt dabei
zu flottieren; so sehr sie nun eingreift, manipuliert, verändert,
so sehr liefert sie sich auch aus, läßt sich von den Gegenzügen
der Objekte benutzen, die sich dadurch verändern.
Der Film hat schließlich gar
kein Objekt mehr, sondern bildet eine Reihe von filmischen Subjekten aus.
So mag, im schlimmsten Fall, der "unlesbare Dokumentarfilm" entstehen.
Ein Film, der nicht mehr Bilder aneinander montiert (um sie zum Sprechen
zu bringen), sondern Bildräume produziert, in denen sich drei mehr
oder weniger freie Subjekte begegnen: der Filmemacher, sein Gegenüber
und der Zuschauer.
Michael Glawogger, der mit dem hübschen
Filmessay "Die Ameisenstraße" (1995) auf sich aufmerksam gemacht
hat (auch schon so ein Film, wo man Einfühlung, Denunziation und Exotismus
nicht recht auseinanderhalten konnte), erzählt in "Megacities" "12
Geschichten vom Überleben" in den Großstädten Mexico-City,
Bombay, Moskau, New York. Da ist der Farbensieber, der in seiner Arbeit
selber über und über mit Farbe bedeckt ist, oder der "Bioskopmann",
der mit zusammengeflickten Filmen durch die Hüttensiedlung zieht,
der Dieb und sein Hund, oder Cassandra aus Mexico-City, die sich und ihre
drei Kinder ernährt, indem sie sich in einem Lokal als Nackttänzerin
von den Kunden begrapschen läßt, das Polizeirevier, in dem die
Betrunkenen in eine Zelle gesperrt werden in Moskau, der "Hustler" von
New York, der seine Kunden ausraubt, oder der Mann, der seine Kundschaft
mit Fotografien anlockt und sie nach Bezahlung zu einer Adresse schickt,
an der sie nichts erwartet ("Air-Pussys" verkaufe er); und in einer der
Nachtsendungen des Radios geben Zuhörer am Telefon Auskunft darüber:
"Was tun Sie, um zu überleben, in dieser bösen Stadt?"
Weil die Frage möglichen Antworten
nachgestellt ist, bekommt sie den Charakter einer zynischen Rückkoppelung.
Der Film "begleitet" diese Menschen nicht, sondern inszeniert mit ihnen
ihr Leben nach (was er auch nicht zu verbergen trachtet), sehr unterschiedliche
Formen von Wiedergabe und Inszenierung werden da erprobt; jede Figur scheint
sozusagen selbst nach der Realitätsebene zu suchen, in der sie sich
"am besten" ausdrücken kann.
Ist dieser Film "voyeuristisch",
von jener "exploitation of the already exploited", wie es ein Standardvorwurf
will? Der Blick dieses Films ist in der Tat weniger mitleidig und schon
gar nicht besonders zärtlich; er beharrt, auch für den Zuschauer,
auf der Härte. Er verschmilzt, zum Beispiel in den Szenen mit der
Stripperin Cassandra, mit dem geilen Blick der Kundschaft, und anderswo
verschmilzt er mit dem Blick des Täters auf das Opfer.
Der Film ist ein Ärgernis,
gewiß. Er erklärt nichts, er stellt keine Fragen, er ergreift
nicht Partei. Genaugenommen "zeigt" er nicht einmal etwas. Er führt
als Induktionsschleife durch das marginalisierte Leben als ein Für-Sich.
Wahrscheinlich ist er am ehesten als eine Art Science Fiction-Film zu verstehen,
der noch einmal selbst den Zusammenhang zwischen Biographie und Gesellschaft,
zwischen story und history verweigert, den die Megacities ihren Einwohnern
verweigern. Und da ist er dann wieder "realistisch".
In Ulrich Seidls "Models" geht die
Methodik noch etwas weiter; er hat nicht nur inszenatorische Formen in
seine Dokumentation eingeführt, sondern eine Geschichte inszeniert,
in der die drei Hauptfiguren, Models eben, blond und körperlich nach
dem präsumptiven Ideal umgebaut, spielen, nicht was sie sind, sondern
was sie sein könnten oder wollten: Der Film wird gleichsam ihr Blick
auf sich selbst. Und dieser Blick ist wiederum auf merkwürdige Weise
synchron mit dem "allgemeinen" Blick, dem Blick der Klischees, der Mythen,
der Rhetorik.
Alles ist vorhanden: der nächtliche
Kotzanfall, die Droge, der Sex zwischen den Fotosessions, die Sehnsucht
nach dem ganz anderen, dem bürgerlichen Glück. Eine Fake-Demaskierung,
die nur eine weitere Maskierung zum Vorschein bringt. Dieses Umeinanderkreisen
der allgemeinen und der individuellen Vorstellungen - art imitates life
imitates art imitates ... - wird besonders bizarr, wenn sich die Darstellerin
(Vivian Bartsch) von ihrem eigenen Model distanziert: "Meine persönlichen
Erfahrungen sind allerdings ganz anders - ich mache meine Arbeit, und dann
gehe ich. Ich war weder auf irgendwelchen Partys noch habe ich je mit einem
Fotografen auch nur Kaffee getrunken."
Der Begriff "Model" bekommt da eine
zweite Bedeutung. Eine alte Frage stellt sich seit "Die kleinen Ladenmädchen
gehen ins Kino" neu: Träumen sie im Kino davon, daß der Chef
sie heiratet, oder träumt der Chef davon, daß die "kleinen Ladenmädchen"
davon träumen, ihn zu heiraten, oder träumt sich jemand im Blick
einer imaginären Zuschauerin zum Chef, oder träumt eine Maschine,
wie Blick und Bild zu Geschlecht und Macht zusammenzubringen wären?
Die Rettung einer äußeren Wirklichkeit, die Rettung einer Biographie,
die Rettung der Würde des Menschen - das alles funktioniert in diesen
Filmen nicht mehr. Es gibt da nichts zu retten.
Lutz Dammbecks "Das Meisterspiel"
versucht auf den ersten Blick etwas anderes; er legt seine Suche nach den
verborgenen Netzen in der Gesellschaft - "Verschwörung" hin oder her
- als ein Spiel der Recherche an. Er beginnt mit einem krausen Fall von
Kunst-Vandalismus: die Übermalung einer Reihe von Bildern des Übermalers
Arnulf Rainer. Ein Bekennerbrief mit anti-modernen Parolen ist am Tatort
zurückgeblieben, den Dammbeck nur in wenigen Ausschnitten zeigt und
der die Suche nach den möglichen Tätern in der rechten Szene
in Gang setzt (ein McGuffin?). Eine Bildschrift dazu: "Und da beschloß
er, Aktionist zu werden", und das an der Kunsthochschule, an der einst
Adolf Hitler abgewiesen wurde.
In immer neuen Spielzügen (darunter
auch solche, die abgebrochen werden oder in eine Sackgasse führen)
kommt der Film einem Projekt der Rechten zugleich gegen die Moderne und
zur Konstituierung einer eigenen, einer rechten Moderne zugleich näher
und entfernt sich auch davon.
Die Frage nach dem Zusammenhang
zwischen Politik und Kunst wird dabei auf eine neue Weise gestellt. Die
lineare Gleichung - auf die rechte Ästhetisierung der Politik wird
mit einer linken Politisierung der Ästhetik geantwortet - geht nicht
mehr auf. Die Vernetzung der symbolischen mit der politischen Handlung,
die Ambivalenz der "Aktion", das wundersame Verschwimmen von Form und Inhalt
in einer Gesellschaft wie der österreichischen, in der die Camouflage
schon Grundprinzip geworden ist, machen es geradezu wahrscheinlich, daß
auch die Verschwörung - die rechten "Theoretiker" sagen es in dankenswerter
Offenheit - als Spiel gepflegt wird.
Auch Dammbeck zeigt seine Menschen
vor allem als Darsteller ihrer selbst. Sie spielen vor der Kamera ihr eigenes
Spiel, und gelegentlich weiß man nicht, ob der Film noch sein Spiel
spielt oder schon Teil des Spiels seiner Gegenüber ist, ja mehr noch,
der Film steht ständig an der Kippe, selber eine Rhetorik der Anti-Moderne
zu unternehmen.
Das eigentliche Objekt des Films
wird schließlich der Regisseur Dammbeck selber. Die kriminalistische
Rechereche ist selber nur Finte und Spiel für Exkurse in Bereiche,
die dem Filmemacher so fremd sind wie einem anderen die Slums von Mexico
City: der Schmäh eines Kunstbetriebes, der mit seinen Widersprüchen
trefflich zu spielen gelernt hat, eine militante Rechte, die sich zugleich
zu vernetzen und zu differenzieren versteht, und die gelernt zu haben scheint,
mit dem eigenen Wahnsinn, sogar mit der eigenen Lächerlichkeit zu
spielen, und schließlich mit einer Moderne, die sich selbst durch
eine postmoderne Schleife bewegt.
Der Film beweist, daß der
Spieler seinem Spiel nicht ganz gewachsen ist, nicht ganz gewachsen sein
kann; er ist am Ende so schwindelig, daß er selbst nicht mehr rechts
und links unterscheiden kann.
Es geht um Transitionen; der Terrorist
wird Künstler, der Monsignore Agent der ästhetischen Moderne,
der Detektiv wird Kunsthistoriker, und während der Linke zum Rechten
zu werden scheint, produziert der Rechte gleich selbst seine eigene Meta-Ebene.
Und es ist beinahe schon egal, an welchem Punkt das Spiel ansetzt, der
nächste Spielzug wird immer wieder in die endlose Vernetzung jeden
Entwurfes, jeder Biographie mit einer Art des rechten Untergrundes führen.
Dammbecks Film also nur am Prinzip
des Diskurses und der ideologiekritischen Genauigkeit zu messen, verfehlt
eine ganze Dimension, nämlich die Frage nach den Möglichkeiten
des Films selbst. Wie können wir "abbilden", was selbst keine Substanz
mehr anstrebt? Dammbecks Entscheidung, sich auf das Spiel einzulassen,
das Sich-Entziehende als Sich-Entziehendes zu "dokumentieren", führt
uns zu Problemfeldern, an die wir anders nicht gelangten. Es ist der wohl
gewagteste dieser filmischen Versuche, in einem verspiegelten Innenraum
zu drehen, denn dieser Raum ist hochgradig kontaminiert.
Bei alledem erscheint die wahnwitzige
Kamikaze-Haltung von Nikolaus Geyrhalter, der im verstrahlten Gebiet von
Tschernobyl für seinen Film "Pripyat" nicht einmal ein angebotenes
Pilzgericht ablehnen will, um seine Teilhabe an einer wahnwitzigen Wirklichkeit
nicht zu gefährden, auf eine bizarre Weise altmodisch. Und auch er
will die Anwesenheit des Filmemachers eher betonen, etwa in der Verwendung
des Schwarzweiß-Materials: "Vielleicht wird dadurch erlebbar, daß
man Ab-Bilder sieht, daß ein Filmteam da war, daß es sich eben
nicht um direkte Wirklichkeit, sondern um durch mich vermittelte Wirklichkeit
handelt."
Wir sehen so viele Filme, die geprägt
sind von Verständnis und Zärtlichkeit, zum Beispiel für
die Verlierer von System und Geschichte, oder von dem Wunsch, ihre Nutznießer
zu entlarven, zugleich aber auch von der Selbstgewißheit der Autoren.
Das funktioniert in diesen Filmen nicht mehr. Das System selbst, einschließlich
des Systems der Abbildung, zerfällt vor unseren Augen.
Die Filme stellen eine andere Frage:
Wo ist der "eigentliche" Film? Auf der harten Oberfläche der "Megacities"?
In den Bewegungen im Kopf der Zuschauerinnen und Zuschauer, die "Das Meisterspiel"
auslöst? Oder zwischen den Spiegeln wie in "Models"?
Der Dokumentarfilmer als Selbstversucher.
An diesen Filmen ist wohl zu beobachten, daß es schließlich
darum gehen wird, die Verhältnisse von Wirklichkeit und Wahrnehmung
neu zu definieren. |