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Erbschaften jener Zeit
Auch das bisher dickste Schneider-Buch
lebt vom Vereinigungsthema
Eduard, so nannte Peter Schneider
einen Biologen aus der 68er Generation, der vor ungefähr zehn Jahren
durch Berlin lief und herauszufinden versuchte, was so alles zwischen Männern
und Frauen seines Alters abging und möglich war. Am Ende beschloß
er, in Deutschland werde die Wissenschaft behindert und die Weiber seien
zickig, und wanderte aus. "Paarungen" hieß das Werk, denn die "Wahlverwandtschaften"
gab es schon.
Als nun der definitive Berlin-Roman
der neunziger Jahre überfällig wurde, mußte Eduard zurückkehren.
Inzwischen hatte er in Stanford/USA den genetischen Ursachen menschlicher
Aggression nachgeforscht, nebenbei geheiratet und drei Kinder in die Welt
gesetzt. Ein Job und eine Erbschaft riefen ihn heim. Kaum hat er sich auf
zweihundert Quadratmetern über den Dächern Charlottenburgs eingerichtet,
läßt ihn sein Herrchen wieder ganz dumme Sätze sagen: "Sie
gefallen mir, haben mir von Anfang an gefallen, und ich weiß, ich
bin der Mann, von dem Sie sich gefallen lassen würden, was Ihnen selbst
gefällt."
Wenn Sie oder ich den Berlin-Roman
der Wendezeit schreiben wollten, kämen wohl die Ossis und die Wessis
darin vor mitsamt ihren Befindlichkeiten, die Mauer und die große
Baustelle am Potsdamer Platz, Hausbesetzer und Neonazis, Heiner Müller,
das neue deutsche Selbstbewußtsein, Sozialismus und Kapitalismus,
westliche Gewinner und östliche Verlierer, die Stasi und die Freiheit,
der Palast der Republik und das Hohenzollernschloß - kurz alles,
was seit Jahren in sämtlichen Feuilletons um und um gewälzt wird.
Auch das bisher dickste Schneider-Buch
lebt vom unerschöpflichen Reichtum des Vereinigungs- und Hauptstadtthemas.
Vieles ließ sich zwanglos in die Handlung einbauen, manches mußte
durch historische Reflexion während langer S-Bahn-Fahrten herbeigezwungen
werden. Bei uns allerdings gäbe es wohl keine DDR-Fahne mit Hammer
und Sichel, und der letzte Bürgermeister Ost-Berlins hieße nicht
Schabowski, sondern Krack. Und so etwas wäre uns auch nicht eingefallen:
"Frauen betrachten sich selber mit ungleich strengeren Augen als Männer.
Erbarmungslos registrieren sie die kaum sichtbaren Zeichen auf der Haut,
mit denen sich das Schicksal des allmählichen Ausscheidens vom Markt
der Blicke und des Begehrens ankündigt, und lassen sich durch noch
so überschwengliche Komplimente nicht von ihren Beobachtungen abbringen."
Solche Sätze brauchen einen gewieften Romancier mit einem "großzügigen
Stipendium" des Woodrow Wilson Center Washington.
Eduard hat zwei Probleme. Er bringt
die Besetzer nicht aus dem Haus, das er von seinem Großvater geerbt
hat. Und seine Frau Jenny kommt und kommt nicht. Zwar ist sie schon da,
kommt aber trotzdem nicht. Eduard gibt sich die Schuld und studiert die
Fachliteratur. Einmal versuchen sie es im Weinhaus Huth, dem letzten Altbau
am Potsdamer Platz: "Eine Sekunde lang schien sie erschrocken, als er ihr
Kleid hob, doch er spürte, daß ihr seine Liebkosungen gefielen,
daß ihr Körper - trotz oder wegen des lauen Windes, der durch
die fünf Öffnungen des Türmchens drang - die Einfälle
seiner Zunge lobte. Mit einem entschlossenen Schwung hob Jenny ihren nackten
Hintern auf den schraffierten Kalkstein der Brüstung, legte sich darauf
und beschrieb mit den Beinen das Victory-Zeichen."
Plötzlich aber beginnen Bauarbeiter
im Parterre eine Kernbohrung (!), und es klappt wieder nicht. Zweihundert
Seiten später - soviel sei hier verraten - stürzt Eduard aus
einem Fenster. Jenny mißversteht den Unfall als Selbstmordversuch
und ist gerührt. Von nun an ertönt im ehelichen Schlafzimmer
allabendlich "ein Echo des Urknalls, der nach einer Legende der Wissenschaft
der Beginn aller Schöpfung war".
Weil aber Eduard an seinen männlichen
Fähigkeiten zweifelt, muß er sich irgendwann bei einer andern
beweisen. Die Gelegenheit stellt sich ein, als Jenny zu den Kindern reist.
Im Heizungskeller seines Instituts trifft Eduard eine geheimnisvolle Schöne.
Sämtliche Kessel und Rohre vibrieren vor erotischer Spannung, und
es kommt zu einem seltsam paranoiden Flirt: "Er konnte nichts daran ändern,
daß seine Blicke zu ihren Brüsten wanderten, die ihn unter der
Jacke wie zwei versteckte Augen ansahen." Fortan verabredet man sich zu
warmem Rotwein in eben erst eröffneten italienischen Restaurants in
den östlichen Randbezirken Berlins, wo die Spaghetti nicht al dente
sind und die Kellner einen slawischen Akzent sprechen. Marina muß,
obwohl sie es nicht zugibt, eine Ostfrau sein, denn ihre Orgasmusfreude
ist ganz unbeschreiblich.
Daß sie nach Sekunden zu jubilieren
beginnt und einen Urknall auf den andern folgen läßt, paßt
Eduard nun auch wieder nicht: "Er fühle sich, gestand er Marina irgendwann,
wie eine Bodenstation, nur dazu da, eine Rakete zu zünden, die, kaum
habe sie abgehoben, unbekümmert um alle Signale von der Erde ihre
eigenen Ziele im Weltraum ansteuert. Marina lachte nur, ihr gefiel der
Vergleich. So war das nun mal bei ihr." Zur Katastrophe kommt es, als Eduard
"sich in ihr Herz geschlichen hat". Sie will mehr, als er geben kann. Deshalb
muß sie ihn verlassen.
Sein literarisches Vermögen
habe zwar seit den ersten bescheidenen Etüden kaum gewonnen, rezensierte
die Berliner Zeitung, immerhin aber sei Schneider endlich bereit, gewisse
"Denktabus" zu brechen. Denn die Besetzer des ererbten Mietshauses in Friedrichshain
denunzieren Eduard als späten Arisierungsprofiteur: Der Großvater
habe das Haus einem jüdischen Fabrikanten abgepreßt. Der Enkel
beweist jedoch mit Hilfe historischer Dokumente, daß sein Großvater
in Wahrheit ein kleiner Oskar Schindler war, der sich als Parteigenosse
tarnte, um bedrängten Juden zur Flucht aus Nazideutschland verhelfen
zu können. Von diesem Hieb wird sich unsere "Kultur der Verdächtigung"
wohl nicht mehr erholen.
Wie es Schneidern am Ende gelingt,
nicht nur die Orgasmusschwierigkeiten seines Helden zu beheben, sondern
auch Besetzer und Besitzer miteinander zu versöhnen, das sei hier
um der Spannung willen nicht verraten. Wer unbedingt wissen will, daß
die Besetzer ebenfalls erben und Eduard das Haus ganz einfach abkaufen,
muß es halt selber nachlesen.
Peter Schneider: Eduards Heimkehr.
Roman. Rowohlt Verlag, Berlin 1999.
407 Seiten, DM 45 |